Archiv für 19. Juni 2009

Seit 2006 gibt es unter dem Dach von pax christi das Projekt Medizinische Hilfe für NS-Opfer auf der Krim. In Zusammenarbeit mit Hana Pfalzova, die das Projekt federführend betreut, veröffentlicht unsere Redaktion in loser Folge Porträts ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen.
Inna vor ihrer Verhaftung.Inna Bekeškina wurde 1920 als Tochter einer Näherin und eines koreanischen Medizinstudenten geboren. Ihre Eltern trennten sich früh und Inna wuchs bei ihrer Großmutter auf. Nach der zweiten Heirat brachte Innas Mutter noch einen Sohn zur Welt, der fortan in der Familie an erster Stelle stand. Inna hatte das Nachsehen. Später wurde sie Lehrerin. Einige Wochen nach Kriegsausbruch 1941 heiratete Inna ihren Freund, der bald darauf zur Armee eingezogen wurde und einige Wochen später fiel. Innas Halbbruder wurde gezwungen, für die Deutschen in Simferopol zu dolmetschen, sie selbst wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. „Wir standen in den Reihen wie Sklaven auf dem Markt, man hat uns besichtigt“, schreibt Inna in ihren Erinnerungen. Sie kam zusammen mit mehreren anderen Mädchen zur Waffenschmiede Diehl in Nürnberg. Das Lager, in dem Inna untergebracht war, befand sich sechs Kilometer von der Stadt entfernt. „Wir wurden mit doppelten Stacheldrahtzäunen von einander getrennt gehalten. Zwischen den Zäunen liefen Schäferhunde hin und her. Die Wachmannschaften gingen ständig um das Lager herum“, erzählt Inna. „Zuerst wurden wir in eine Fabrik mit einem Schornstein getrieben und dann mussten wir uns nackt auszuziehen. Wir mussten duschen und uns desinfizieren lassen. Dann bekamen wir Erbseneintopf zum Essen. Wir lachten und freuten uns, dass wir am Leben bleiben.“ Hier lernte Inna Sergej kennen, einen russischen Kriegsgefangenen, der ihr seine Liebesbriefe über den Zaun in das Frauenlager warf. Inna (rechts im Bild) bei Diehl in Nürnberg.Bei Diehl muss Inna an einer Werkbank Patronen zusammen schrauben – immer mit dem Gedanken im Kopf, dass diese Patronen gegen ihre eigenen Landsleute eingesetzt werden. Sie schafft die vorgeschriebene Norm nicht. „Man gab mir eine andere Arbeit: ich solle das Material zu den Werkbänken mit dem Wagen bringen und es verteilen. Doch ich schaffe es wieder nicht. Also bekam ich wieder eine andere Aufgabe, ich sollte eine Bohrmaschine bedienen, sie ist mir aber zu hoch, ich brauche eine Leiter. Vor lauter Aufregung, dass ich die Norm wiederholt nicht erfülle, bohrte ich mir die Handfläche durch.“ Bei Luftangriffen der Alliierten auf Nürnberg wird das Lager, in dem die Zwangsarbeiterinnen untergebracht sind, zerstört. Es bleiben nur noch Ruinen übrig. Auch andere Fabriken werden zerstört. „Nur unser Diehl stand da – groß und mächtig.“ Die Zwangsarbeiterinnen müssen in der Stadt Trümmer räumen. „Trümmer von Häuser, unter denen Menschen begraben wurden. Wir hören Geschrei und Weinen, als ob die Erde weinen würde“, erinnert Inna sich. Sie selbst habe Glück gehabt, sagt sie. „Wenn ich im Lager bin, wird die Fabrik bombardiert, wenn ich arbeite, werden auf das Lager Bomben abgeworfen.“ Größenänderung-KIF_5718Nach ihrer Befreiung kehrte Inna auf die Krim zurück und suchte nach ihrer Familie. Ihre Mutter und ihr Halbbruder hatten überlebt. Dennoch traf Inna ihren Halbbruder nicht mehr an, denn er war der „Kollaboration“ beschuldigt und zu einer langen Haftstrafe in einem sibirischen Lager verurteilt worden. Nach sechs Jahren starb er in einem Arbeitslager im Norden Russlands. Inna zog zu Sergej nach Leningrad. „Das war die glücklichste Zeit in meinem Leben“, sagt sie heute. Doch einige Monate später wurde Sergej wegen einer vermeintlichen Zusammenarbeit mit den Deutschen zu zwölf Jahren Haft verurteilt und ebenfalls in ein sibirisches Arbeitslager verschleppt. Für Inna brach die Welt zusammen. Sie ging zurück auf die Krim und arbeitete weiterhin als Lehrerin. Da sie als Zwangsarbeiterin für den Feind gearbeitet hatte, wurde sie aus der Partei ausgeschlossen und hatte damit jede Perspektive verloren. Inna, in ihrer Einsamkeit, wollte nun unbedingt ein Kind haben, „einen Menschen, den man mir nicht wegnimmt”. Sie heiratete deshalb ihren zweiten Mann Miša, mit dem sie jedoch keine glückliche Ehe führte. Aus dieser Verbindung ist ihre Tochter Irina hervorgegangen. Heute lebt Inna zusammen mit ihrer verwitweten Tochter in Alušta. Inna schreibt für verschiedene Zeitungen und brachte 2006 zwei Bücher heraus. Sie hält sich fit, indem sie Kräuter sammelt, Yoga praktiziert und am Strand spazieren geht, wenn es nicht zu heiß ist. Bei Inna bleibt niemand hungrig: „Ich habe so viel Hunger gelitten, so dass ich immer denke, dass alle Gäste hungrig sind”, sagt sie zur Erklärung für den jedes Mal reichlich gedeckten Tisch.

Info: „Medizinische Hilfe für NS-Opfer auf der Krim“ Das Projekt Medizinische Hilfe wurde im April 2006 von pax christi Regensburg gestartet. Initiiert wurde es 2003 von der „Arbeitsgemeinschaft für ehemalige ZwangsarbeiterInnen im Evangelischen Bildungswerk e.V.“. Mittlerweile besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Opferverband in Simferopol, über den 180 ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge unterstützt werden. 108 Personen sind älter als 75 Jahre. Alle drei Monate erhalten sie Pakete mit haltbaren Lebensmitteln. Seit 2003 wurden 22.000 Euro verteilt, vor allem für Medikamente und medizinische Behandlung. Das Geld stammt zum übergroßen Teil aus Spenden (Spendenkonto: pax christi, Liga Bank Regensburg, BLZ 75090300, Kontonummer 101167464, Betreff: Medizinische Hilfe – Krim).

Umweltzone: Die Stadt leistet Widerstand

Wenn die nicht wollen, wollen wir auch nicht. So kann man die Haltung der Stadt Regensburg in Sachen Umweltzone beschreiben. Gut zwei Jahre ist es her, seit der Stadtrat am 6. März 2007 sich einstimmig dafür ausgesprochen hat, die Regensburger Altstadt zu einer solchen Umweltzone zu erklären. Hier dürfte künftig nur noch fahren, wer über […]

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