SOZIALES SCHAUFENSTER

Bayerisches Jazzweekend

„Alles bleibt anders.“

Am gestrigen Montag stellte die Stadt Regensburg die neue Intendanz des Bayerischen Jazzweekends vor und gab weitere Änderungen und Neuerungen bekannt, die ab 2022 die viertägige Musikveranstaltung „weiterentwickeln“ sollen. Inhaltlich bleibt es vage.

Stellten das neue Bayerische Jazzweekend vor: (v.l.n.r.) Tizian Jost (Bayerischer Jazzverband), Christian Sommerer (Intendant), Lisa Wahlandt (Sängerin), Wolfgang Dersch (Kulturreferent), Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Andreas Kolb (Jazzzeitung) und Alfred Merkel (Jazzclub Regensburg). Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg

Der Regensburger Kulturreferent Wolfgang Dersch meidet offene Kritik. Auch persönliche und anderweitige Animositäten sind kein Thema. Er versucht diplomatisch zu bleiben, aber in der Jazzszene rumort es. Im Sommer hatte Dersch der bisherigen Intendanz des Bayerischen Jazzweekends, dem Bayerischen Jazzinstitut, überraschend per Kündigungsschreiben nach 40 Jahren die Verantwortung entzogen. In den vergangenen zehn Jahren lag die Intendanz bei Sylke Merbold. Eine neue künstlerische Leitung sollte her und mit ihr „neue Impulse“, so verkündete es der Kulturreferent im September.

Neue „künstlerische Leitung“

Am Montag stellte Dersch zusammen mit Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer die personellen und strukturellen Änderungen des Jazzweekends auf einer Pressekonferenz im Leeren Beutel vor. Demnach übernimmt Christian Sommerer für die nächsten drei Jahre die Intendanz, die Dersch gerne als „künstlerische Leitung“ bezeichnet wissen möchte.

Denn Sommerer soll kein Alleinentscheider sein, ihm wird ein ehrenamtliches Kuratorium an die Seite gestellt. Dem Gremium gehören „externe Expertinnen und Experten an“, die von folgenden Institutionen entsandt werden: Bayerischer Jazzverband (vertreten von Pianist Professor Tizian Jost), Jazzhochschulen in Bayern (2022: München, 2023: Nürnberg, 2024: Würzburg), Jazzzeitung (Andreas Kolb) und Jazzclub Regensburg (vertreten durch Alfred Merkel). Daneben geht ein Kuratoriumsposten an die „freie Szene“. Beim kommenden Bayerischen Jazzweekend wird das die Sängerin Lisa Wahlandt sein.

Arbeit des neuen Teams: „Wie eine Jamsession“

Christian Sommerer ist Geschäftsführer der Eisbären Regensburg und hat zuvor zwölf Jahre lang das Bob Brookmeyer New Art Orchestra gemanagt. Ausgebildet im Bundesjazzorchester und dem Landesjugendjazzorchester Bayern, spielte der Posaunist viele Jahre insbesondere in Big Bands. Er ist auch Bandleader der Big Band Convention Ostbayern.

Es verwundert daher auch wenig, dass Dersch der Meinung ist, dass künftig mehr Big Bands auf dem Bayerischen Jazzweekend spielen sollten. Die Arbeit des neuen Teams wolle man „wie eine Jamsession“ sehen, so Dersch, der das „Knistern“ des Jazz mit einer Tüte Knister-Kaugummi demonstriert, den er sich in den Mund schüttet. Es knistert aus den Lautsprechern.

Dersch: „Alles bleibt anders.“

Das Bayerische Jazzweekend in neuem Look. Bild: Agentur klein,laut

Etliche Male fallen auf der Pressekonferenz auch die Begriffe „Dynamik“, „Groove“ und „Drive“, die den Wechsel der Intendanz unterstreichen sollen. Es sei ein „Neuaufbruch“, der nicht alles neu mache, aber das Jazzweekend „weiterentwickelt“, so Maltz-Schwarzfischer. Dieser Wunsch sei nach Rücksprachen des Kulturreferenten „aus der Szene“ gekommen. Das Fest sei bisher „immer wieder ein Traum“ gewesen. Ein „Alleinstellungsmerkmal“ für Regensburg, stellt die Oberbürgermeisterin fest.

Dersch betont: „Die Regensburger lieben ihr Jazzweekend“. Und doch: „Stillstand ist Rückschritt“. Es sei Zeit für Veränderungen, die er unter dem Motto „alles bleibt anders“ zusammenführen möchte. So bleibe etwa der Donnerstag als Veranstaltungstag im Gewerbepark. Auch der Bayerische Rundfunk bleibe als Partner an Bord und kuratiere das Programm im Thon-Dittmer-Palais. Allerdings sollen die Partnerstädte Regensburgs einbezogen werden sowie den bayerischen Jazzhochschulen ein Podium geboten werden. Auch die Verleihung eines Jazzpreises sei denkbar, so Dersch.

Viele werden eingebunden, außer das Bayerische Jazzinstitut

Ebenfalls eingebunden werden sollen die Universität, der Jazzclub und die Hochschule für Katholische Kirchenmusik. Auch gelte es neue Locations zu entdecken. Hier ist von atmosphärischen Innenhöfen, Bars und Cafés die Rede. „Die ganze Altstadt soll Jazz atmen“, schwärmt Dersch, der sich zur Unterstützung auch vorstellen könnte, dass Geschäfte ihre Schaufenster mit Instrumenten schmücken. Nicht mehr eingebunden wird das Bayerische Jazzinstitut. Das macht der Kulturreferent auf Nachfrage unmissverständlich deutlich. „Das ist vorbei.“

Ein weiterer neuer Punkt, den vor allem Sommerer ins Feld führt, ist „Transparenz“. „Was mich immer gestört hat, dass man nicht weiß, wer die Bands auswählt“, so der neue Intendant. Das solle sich nun durch das insgesamt sechsköpfige Entscheidungsgremium ändern. Ansonsten sei es ihm „eine große Ehre und Freude“, mit dem Jazzweekend „ein Erbe von Richard Wiedamann übernehmen und fortführen“ zu dürfen. Als gebürtiger Regensburger sei er schließlich mit dem Jazzweekend aufgewachsen.

Budget und Gage bleiben gleich

Das Budget des Jazzweekends soll laut Dersch für die Stadt weitgehend gleich bleiben. Zuletzt waren dies knapp 150.000 Euro. Als Gage sind – wie bisher auch – 100 Euro pro Musikerin und Musiker vorgesehen. In den nächsten Jahren wolle man aber nach Möglichkeit 150 Euro zahlen. Für das Publikum bleibt die Veranstaltung kostenlos.

Optisch präsentiert sich das Bayerische Jazzweekend ganz neu. Zusammen mit dem Kuratorium und der neuen künstlerischen Leitung entstehe „so ein neuer Dreiklang, der den Grundcharakter des Bayerischen Jazzweekends trifft: ein buntes Wochenende stimmiger Harmonien und schräger Klänge – ein Fest der Jazzmusik und vor allem der Menschen“. Für die grafische Präsentation in Print und Web und das neue Logo zeichnet die Agentur „klein,laut“ von Brücke-Stadtrat Florian Rottke verantwortlich.

Bis 10. Januar 2022 können sich Ensembles auf der neuen Webseite jazzwe.de bewerben (die alte Domain gehört dem Jazzinstitut). Man rechne mit 300 bis 400 Einsendungen. 90 bis 100 Bands bekommen bis Ende Februar Bescheid, dass sie ausgewählt wurden, am Jazzweekend (14. bis 17 Juli 2022) zu spielen. Ein Programm soll bis Anfang April vorliegen.

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Kommentare (6)

  • Wilfred

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    Der ursprünglich von Wolfgang Dersch geäußerte Wunsch, mehr Wagnisse abseits des Mainstreams einzugehen und experimentelleren Künstlern eine größere Plattform zu bieten, geht mit der Wahl von Lisa Wahlandt als Vertreterin der “freien Szene” für mich nicht zusammen. Aber ich kann mich auch täuschen – wir werden es im Sommer 2022 erleben …

  • Musikliebhaber

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    Wenn der neue “graphische Look” eine Vorschau auf das sein sollte, was uns künftlig bei der künstlerischen Leitung erwartet, dann Gute Nacht, Jazzweekend.

    Die Art, wie Herr Dersch das Jazzinstitut abserviert hat, kann man nur als schäbig bezeichnen. Er wird im Juli liefern müssen. Vollmundige Versprechen sind im Artikel dokumentiert; daran werden die neuen Verantwortlichen sich messen lassen müssen.

  • Altstadtkid

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    Das wird schwierig wenn echte Gagen, abseits eines Benzingeldes, nur über Sponsoren gezahlt werden können.
    Klar wenn die Eintritte kostenlos sind….
    Das mehr gewagt werden soll finde ich äußerst löblich, lassen wir uns überraschen
    PS: Im Bezug auf Benzingeld müsste auf jeden Fall auf 150.-erhöht werden :o) sonst zahlt man ab Burglengenfeld drauf

  • jonas Wiehr

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    Verwundert die Augen reib. … künftig mehr Big Bands … Ein paar Hunderter mehr oder weniger – was soll’s?
    Geschäftsführer der Eisbären Regensburg und Intendant des Jazzweekends – cool. Das könnte was werden! Irgendwas wird’s sicher.
    Von Posaunist zu Posaunist: Wie schaut’s da mit der Transparenz aus? Wurde die Leitung des Jazz-WE europaweit ausgeschrieben? Wie war das Procedere? Oder wurde nach Gusto des Kulturreferenten vergeben?

  • Roche-Dirac

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    Sommerer als Geschäftsführer der Eisbären Regensburg jetzt auch Intendant des Jazzweekends?

    Ja mei, man hat wahrscheinlich nach freien “Management-Kapazitäten” im grossen Universum der Regensburger Stadt-Funktions-GmbHs gesucht.

    Wieviele gibt es eigentlich von diesen GmbHs? Ich vermute einige Dutzend.

  • Markus Feilner

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    … und was sagt der Freistaat dazu? Das wäre noch eine wichtige Info, denn der hat ja wohl große Teile davon in den letzten Jahren gezahlt, oder?

Kommentare sind deaktiviert

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