Serie: Eine Familie nimmt zwei Flüchtlingskinder auf

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch

„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert.

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Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal den Gedanken hatte, jemanden in unser Haus aufzunehmen. Zwei von meinen vier Söhnen sind ausgezogen und stehen fest auf eigenen Beinen. Auch der Jüngste, Lukas, hat schon seine Flügel gestreckt und ist fast flügge. Das Kindergrab des dritten Sohnes auf unserem Dorffriedhof wartet nach 23 Jahren nur noch auf seine Auflösung. Ich warte noch nicht auf die Pension, eher auf einen Stellenwechsel an eine andere Schule. Mein Mann Paul ist nach über 15 Jahren „Erziehungsurlaub“ für die drei Söhne teilweise wieder im Beruf. Und nun leben außer Lukas noch zwei syrische Jungs bei uns. Ziad, der mit 17 Jahren zu uns kam und Hamza, der mit elf Jahren seine Familie in Damaskus verlassen hat, um seinen Bruder nach Deutschland zu begleiten.

Zwei Kinder aus dem Kosovo waren bis Dezember 2015 in meiner Klasse an der Schule und da war das Gefühl in mir, gar nichts erreicht zu haben. Es war so traurig, als klar war, dass sie wieder zurück in den Kosovo müssen. Das Gefühl haben zu müssen, dass der Aufenthalt hier den Kindern eher geschadet als genutzt hat. Meine Unfähigkeit mit dem Weinkrämpfen von Marisa im Schullandheim umzugehen. Ihre Traurigkeit und ihre Erzählungen von der Schule im Kosovo auszuhalten. Das blöde Gefühl, dass ich keine Erzählungen aushalten kann, wo doch die Kinder die Realität mit Vergangenheit und Zukunftsperspektiven jeden Tag aushalten müssen.

Lisa, die in unserer kleinen Gemeindeverwaltung arbeitet und einen afrikanischen Flüchtling bei sich hat, hat mich ermutigt und aufgefordert nachzufragen, wie das so ist, wenn man einen Flüchtling aufnehmen will.

Im November habe ich beim Jugendamt gefragt, wie viel Geld man bekommt. Es war mir ziemlich peinlich, so eine Frage zu stellen, weil es wirklich nicht darum ging, Geld zu verdienen. Paul, mein Mann, sollte aber nicht arbeiten und gleichzeitig noch einen jugendlichen Flüchtling bei uns daheim betreuen. Für Paul war die Sache klar. Die Hauptaufgabe im Alltag wird bei ihm liegen. Es war eine Befürchtung von ihm, dass ich mit der Aufnahme des Flüchtlings mein Ansehen vermehre und sich für ihn die Arbeit vermehrt. Der Anfang vom Dezember ging mit einigen Gesprächen und längeren Pausen dahin. Durch die Situation von Karin und Markus, die in unserem Zweifamilienhaus wohnen, wird unsere Aufmerksamkeit auch erst mal darauf gerichtet, dass auch von ihnen der Tod eines Kindes verarbeitet werden muss. Und neben unserem kleinen Grab ist wieder ein neues Kindergrab auf dem Dorffriedhof.

Termin beim Jugendamt: Was die alles wissen möchten…

Dann meldeten wir uns doch im Jugendamt und wurden für zehn Tage später mit einem Termin bei uns daheim auf den nächsten Schritt vorbereitet. Dazwischen kam noch ein Fragebogen mit normalen Fragen und ganz seltenen, wie zum Beispiel: Wie viel Geld bleibt bei ihnen am Ende des Monats noch übrig? Namen von eventuell verstorbenen Kindern des Ehepaars? – Wie schön, ab und zu in meinem Leben spielt Benny noch eine kleine Rolle, ist er noch da, irgendwie… Sind sie in psychiatrischer Behandlung oder psychologischer Beratung? Was die alles wissen möchten…

Ich weiß noch, dass ich halb im Spaß, halb im Ernst mit meinem jüngsten Sohn Lukas – der noch bei uns daheim wohnt – zusammen den Bogen ausfüllte, auf dem man darüber nachdenken sollte, wie denn das Pflegekind sein soll, das man bei sich aufnimmt: Aggressiv? Schüchtern? Ängstlich? Neurotisch? Und dann das Gespräch bei uns im Wohnzimmer, wo Frau Leusenink uns gegenüber saß und schon nach wenigen Informationen wusste, wer zu uns kommen sollte: Zwei syrische Jungs, die genau zu uns passten. Eine persönliche Begegnung wäre eigentlich unfair und sollte irgendwie nicht stattfinden, da sie unsere Entscheidungsfreiheit sofort beeinflussen würde.

Oh weia, denke ich.

Dann eine Woche später: Paul und ich treffen uns mit Lukas, der von der Arbeit kommt, am vereinbarten Treffpunkt: Ein ehemaliger Kindergarten in Weißhausen ist die Unterkunft für die UMF = unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Wir werden von Frau Leusenink empfangen und in das „Wohnzimmer“ gebeten. Ein großer Raum, fast leer, mit einer Sofaecke und einem Tisch. Wir bleiben am Eingang stehen und werden dort mit der Dolmetscherin bekannt gemacht. Dann kommt noch eine Betreuerin der Jungs und schließlich kommen Ziad (17 Jahre) und Hamza (elf Jahre) und stellen sich vor.

Oh weia, denke ich. Ein schlanker, sehr großer junger Mann steht vor mir. Sein schwarzes T-Shirt mit einem totenkopf-ähnlichem Irgendwas finde ich schauerlich. Er schaut freundlich-skeptisch. Der Junge daneben wirkt offen und neugierig. Nun sollen wir – als Familie – uns beim Gespräch vorstellen, die Dolmetscherin übersetzt. Was soll man sagen? Die Situation kommt nicht unvorbereitet, aber es ist trotzdem schwierig. Die Dolmetscherin und Frau Leusenink sind begeistert darüber, wie gut Ziad vieles schon verstanden hat, was gesagt wurde. Ich überlege mir: Woran wollen die das erkennen?

Ziad erzählt, dass sie aus Damaskus kämen. Die Eltern sind mit zwei kleineren Schwestern und einem Bruder noch in Syrien. Außerdem gibt es noch einen Bruder, der im Alter zwischen Ziad und Hamza ist. Die Mutter war als Lehrerin tätig, der Vater arbeitet in einer Firma, die Maschinen für die Textilverarbeitung herstellt, als Ingenieur. Wir vereinbaren, dass es wohl am besten sein wird, wenn wir gemeinsam zu uns nach Hause fahren und uns alles ansehen.

Draußen wollen wir Hamza und Ziad mit unserem Hund bekannt machen, aber sie steigen lieber gleich bei Lukas ins Auto. Lukas erzählt später, dass er sich mit Ziad gut auf Englisch verständigen konnte. Wir haben unsere Räume gezeigt und waren draußen auf unserem weitläufigen Grundstück mit Garten, Scheune, altem Saal und einer Fußballwiese. In Erinnerung ist mir heute vor allem noch, dass Hamza mit unserem Hund Blacky gespielt hat. Er hat sich diesen Namen gleich gemerkt. Unsere nicht :)! Außerdem weiß ich noch, dass er mit den Kerzen auf dem Adventskranz spielte, bzw. mit dem Feuer. Er zeigte mir, wie er es mit den Fingern ausmachen kann. Eine Stunde später haben wir die zwei wieder zurückgebracht.

Danach begannen alle Fragen, die zeigten, dass es nun tatsächlich so war, dass wir Hamza und Ziad bei uns aufnehmen. Wann ziehen sie ein? Was müssen wir noch besorgen? Woher bekommen wir Betten? Wie machen wir das mit dem Weihnachtsessen in München? Wo müssen wir die Pflegekinder anmelden?

Fortsetzung folgt

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Kommentare (13)

  • Mr. T

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    Allerhöchsten Respekt vor diesen Gutmenschen! Und ich meine dieses Wort wörtlich; nicht so wie die Unmengen an Vollidioten, die es als Schimpfwort missbrauchen.
    Ich bin gespannt auf die Serie – vielleicht ist sie manch anderem ein gutes Beispiel …

  • Isa Krüger

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    Tut mir leid, ich glaube die Story nicht. Es gibt so viele sprachliche Widersprüche. Ich halte sie für gescriptet. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Vielleicht erfahre ich mehr beim Jugendamt. Sowas ärgert mich.

  • Stefan Aigner

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    @Isa Krüger

    Die Geschichte ist wahr, was auch immer Sie annehmen.

  • Peter Lang

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    Der Beitrag liest sich in der Tat wie eine Utopie. Aber vielleicht sind solche netten Erfahrungsberichte nötig, um nicht mutlos zu werden. Ich wohne seit September Tür an Tür mit syrischen Flüchtlingen, die jeden Kontakt mit den anderen sieben Mietparteien im Haus meiden und alle Kommunikationsversuche ablehnen.

  • Ramona

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    Eine romantisierte Geschichte, schade. Mich hätte eher der wirkliche Alltag interessiert. Ich zweifle nicht daran, dass hier Flüchtlinge aufgenommen worden sind und sehe die Sache völlig wertfrei. Ich muss aber zugeben, dass ich durch das ständige romantisieren mittlerweile latent genervt bin. Liegt wohl in der Natur der Sache – Keiner würde je einen Artikel schreiben, wie beschissen es doch ist Flüchtlinge aufzunehmen (auch das meine ich wertfrei).

  • joey

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    Flüchtlinge gibts ja schon länger hier im Land. Ebenso Menschen, die konkret helfen (wollen).
    In meinem Freundeskreis ist ein kinderloses Paar, das vor ein paar Jahren einem Minderjährigen Hilfe angeboten hat – professionell organisiert über einen Verein. In diesem Beispiel hat das nicht funktioniert – aus verschiedenen Gründen.

    Sie wollten ihm die hiesige Lebensart – auch ihre persönliche Lebenseinstellung (ehem. Betriebsrätin, Frauenbeauftragte in einer großen Firma…) via freundschaftlichem Kontakt näherbringen.
    Der junge Mann wollte das nicht annehmen. Das ist auch sein Recht. Er kriegt hier Schutz und Unterhalt, die Annahme von politischen Inhalten Deutschlands ist für Flüchtlinge und Asylbewerber nicht vorgeschrieben. Wie denn auch, man kann Mitteleuropa nicht in 10 Sätzen formulieren und abprüfen – auch wenn das immer wieder versucht wird.

    Ich kenne auch Menschen, die (mit oder ohne Hilfe) sehr wohl begriffen haben, wie und warum man sich integriert.
    Da gehört ein Teil meiner Verwandtschaft dazu – die sich in Deutschland wie auch in USA und Brasilien entsprechend eingerichtet und angepaßt haben, z.B. später Ortsansässige geheiratet… Vor 70-50 Jahren gab es (auch in den USA) keine besonderen Integrationsangebote und nur sehr wenig materielle Unterstützung: da mußte jeder selber mit Menschenverstand rausfinden, was jetzt angesagt ist.

    Hoffentlich verstehen das auch Hamza und Ziad.
    Viel Glück.

  • erich

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    es wäre auch lobenswert wenn auch benachbarte Länder, die genauso groß wie Deutschland oder größer sind aber deutlich weniger Einwohner haben, Flüchtlinge aufnehmen würden und sich nicht alles schwerpunktmäßig auf Deutschland und Schweden verteilen würde. Mir ist es ein Rätsel wie man so einen überbevölkerten Landstrich wie Deutschland immer weiter vollstopfen kann.

  • keinMenschistillegal

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    Ich habe einen jungen syrischen Flüchtling aufgenommen – und nach 7 Wochen wieder rausgeschmissen , allerdings nicht auf die Strasse. Ein völlig verzogenes Bürschchen aus der Oberschicht, das obdachlos war, und von dem mir schon vorher gesagt worden war, dass er schwierig ist. Okay, ich war da „zu gut „, sprich: wollte nicht genau hinschauen . War eine wertvolle Lektion.
    Was sagt mir das über „die Flüchtlinge“ ?
    1.“Die“ Flüchtlinge gibts überhaupt nicht. Wie auch bei uns gibt es 90 % , mit denen man leben kann , und die berühmten 10 % Arschlöcher, wo ich nur sagen kann: Genzen setzen, was sonst.
    2.Wer Menschen in Menschen und andere (Flüchtlinge, Ausländer, Schwarze , Weisse usw. ) einteilt, beraubt sich in dem Mass, in dem er das tut, seiner eigenen Menschlichkeit.
    Ein Teil der deutschen Bevölkerung tut das , und lehnt Flüchtlinge ab.
    Was diese Kaputtniks schon vorher ausgezeichnet hat, war und ist, dass sie nicht wissen, was wirklich leben heisst , und deshalb auch andere nicht leben lassen können.
    Und von den sog. staatstragenden Parteien und Politikern ist eh wenig anderes zu erwarten, da für sie der Mensch in erster Linie nur das ist , was er wert ist – an Vermögen oder mit seiner Arbeitskraft.
    3.Ob die Merkel’sche Grenzöffnung für Flüchtlinge nur ein fehlgeschlagenes politisches Kalkül war, oder ein Aufblitzen eines humanitären Geistes -keine Ahnung.
    Aber nach dem, was anschliessend an notwendiger Integrations-Politik nicht passiert ist, fehlt mir auch hier inzwischen jegliche Sympathie für Merkel und Co.
    Man integriert die Menschen nicht, und wirft ihnen dann vor, dass sie nicht integriert sind und nur Probleme machen.
    3. Und was bitte @Ramona, soll an der obigen Geschichte „romantisierend“ sein ? . Wer ein Schwarzseher ist, findet überall was – viel Spaß mit dieser Sicht im Leben !

  • Lenzerl

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    Danke für den schönen Artikel. Ich bin gespannt, mehr zu lesen!

  • Schorsch

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    Die Leute machen nicht nur etwas Sinnvolles, die Frau schreibt angenehm unaufgeregt und berichtet achtsam über Gedanken und Gefühle. Ich finde das sehr authentisch und lese gerne weiter….hätte gerne gleich weiter gelesen.

  • Coffin Corner

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    Meine Hochachtung vor jedem, der Flüchtlinge aufnimmt. Ich hätte den Mut dazu nicht. Sollte ein minderjähriger Flüchtling etwas gegen uns „Ungläubige“ unternehmen, wäre ich zuerst von dem Flüchtling und dann von der Deutschen Justiz bedroht.

  • Johannes

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    Respekt. Auch ich hätte gerne mehr Drive um mich persönlich einzubringen. Wie könnte man denn bei der Integration helfen wenn man keinen freien Wohnraum und keine Familie hat?
    Viel Erfolg und ich freue mich auf die Fortsetzung.

  • Bertl

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    @ Erich…Deutschland liegt weltweit auf Platz 18 was Einwohner / km2 angeht. 226,1 sind es uebrigens. Wenn man sich mal ansieht wieviel das in den einzelnen Bundellaendern sind, wird Ihr Beitrag sehr stark „Relativiert“.
    Sachsen Anhalt…Thueringen und McPom 69/ 83 und 109 Einwohner/ km2. Bundeslaender wie Sachsen…Bayern und Niedersachsen liegen noch immer unter dem Deutschen Durchschnistt von 227 Einwohnern / km2. Mal ehrlich, von den Ballungsraeumen einmal abgesehen, wenn Dir in Brandenburg an einer unguenstigen Stelle der Sprit ausgeht hast Du verloren! Von einer Ueberbevoelkerung kann also wirklich nicht die Rede sein. Von Bierzelten/ Volksfesten und Verkehr auf Autobahnen einmal abgesehen.
    Ich habe sehr grossen Respekt vor dieser Familie und wuensche Ihnen alles GUTE und viel Glueck.

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