Dies und das

Aus dem Redaktionstagebuch (7/18)

Wussten Sie schon: Der vom Spiegel mit dem Spitznamen „Dr. Tod“ belegte Gunther von Hagens wollte einst „Goldi“, Fürst Johannes von Thurn und Taxis, plastinieren. Dieses Ansinnen blieb zwar erfolglos, aber aktuell gastiert der 73jährige Leichen-Schausteller mit seinen „Körperwelten“ in Regensburg. Enthüllungen um die dubiosen Geschäfte des heute 73jährigen haben ihm nie geschadet. Trotzdem lohnt es sich, diese preisgekrönte Recherche des Spiegel nachzulesen. Außerdem im Tagebuch: „Barber Angels“ in Regensburg, Stadt überprüft Ex-Puff in Burgweinting und Neuigkeiten zur Korruptionsaffäre: Der Abgeordnete Franz Schindler will wissen, warum nicht auch gegen CSU-Chef Franz Rieger ermittelt wird.

Korruptionsaffäre I: Bauträger legt Spenden offen

25.500 Euro für die CSU, 10.000 Euro für die SPD – so viel haben Unternehmen und Personen aus dem Umfeld der Dörnberg-Viertel Projekt GmbH in den Jahren 2013 und 2014 im OB-Wahlkampf gespendet. Das hat die Unternehmensgruppe vergangene Woche in einer Pressemitteilung offengelegt. Anlass seien die Berichte lokaler Medien, heißt es darin. „Damit war und ist jedoch in keinerlei Hinsicht der Versuch einer Einflussnahme verknüpft“, so der verantwortliche Projektentwickler Hubert Haupt. Die Dörnberg-Viertel Projekt GmbH & Co. KG hatte 2012 das 25 Hektar große Areal zwischen Kumpfmühler und Dechbettener Brücke von der Aurelis GmbH erworben und errichtet dort aktuell ein Wohngebiet. Im Gegensatz zu Spenden, die in der Vergangenheit aus dem Umfeld des Bauteams Tretzel und des „Immobilien Zentrum Regensburg“ öffentlich wurden, bewegen sich die Einzelspenden aus dem Umfeld der Dörnberg-Gruppe längst nicht so auffällig knapp unterhalb der 10.000-Euro-Grenze. Sie liegen zwischen zwei 5.000-Euro-Spenden an die SPD und drei 8.500-Euro-Spenden an die CSU.

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Korruptionsaffäre II: Schindler fragt nach

Warum haben die Ermittlungen gegen CSU-Stadtrat Christian Schlegl erst so spät begonnen? Warum wird gegen des CSU-Kreisvorsitzenden Franz Rieger nicht ermittelt? Das will nun der SPD-Landtagsabgeordnete Franz Schindler laut einem Bericht des Regensburger Wochenblatts von der Bayerischen Staatsregierung wissen. Bereits seit längerem ist bekannt, dass sowohl Schlegl wie auch Rieger gestückelte Spenden für ihren OB- bzw. Landtagswahlkampf von Bauträgern erhalten haben – offenbar nach demselben System wie Joachim Wolbergs.

Doch erst Ende 2017 hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den früheren Oberbürgermeisterkandidaten Schlegl eingeleitet und im Zuge dessen vor zwei Wochen die Geschäftsstelle des CSU-Kreisverbands und Schlegls Privaträume durchsucht. Keine Ermittlungen gibt es bislang offenbar gegen Franz Rieger. Mit einer Antwort auf Schindlers Anfrage wird am morgigen Donnerstag gerechnet. Am selben Tag entscheidet das Landgericht Regensburg auch über die Zulassung der Anklage gegen joachim Wolbergs und drei weitere Beschuldigte.

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Stadt überprüft Ex-Puff

Nach unserem Bericht über die Zustände in einem früheren Puff in Burgweinting, wo derzeit kleinste Zimmer zu Höchstpreisen vermietet werden, hat die Stadt das Gebäude nun überprüft. Einer ersten Auskunft der städtischen Pressestelle zufolge sind „Teile des Hauses sind für Wohnnutzung nicht genehmigt“. Nun wurde dem Eigentümer Karlheinz Dorfner eine Frist gesetzt. Sollte er darauf nicht regieren, drohe ihm eine Nutzungsuntersagung, so die Stadt. Wir werden weiter darüber berichten.

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Hype um „Dr. Tod“

Kritiklos gefeiert wird aktuell die „Körperwelten“-Ausstellung des Plastinators Gunther von Hagens, die derzeit in Regensburg gastiert von nahezu allen Regensburger Medien, die als Partner auf den entsprechenden Plakaten und Werbeflyern genannt sind. Entsprechend fallen auch die PR-Berichte in MZ und Wochenblatt aus.

Der Spiegel hatte den dubiosen Praktiken des 73jährigen bereits 2004 eine ausführliche Recherche gewidmet, gegen die von Hagens zwar juristisch vorging, die aber ungeachtet dessen mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde, und nach wie vor online abrufbar ist. Dass der „Händler des Todes“ (so der Spiegel über von Hagens) auch den verstorbenen Fürsten von Thurn und Taxis gern plastiniert hätte und die Fürstin unmittelbar nach dem Tod denn auch ein Schreiben erhielt, in dem sie gedrängt wurde, sich schnell zu entscheiden – „der Verwesungsprozess schreitet schnell und unaufhörlich fort“ – gehört dabei noch zu den harmloseren Anekdoten. Einen Großteil seines Geschäfts machte der gern als Joseph Beuys-Verschnitt auftretende von Hagens demnach mit Leichen aus China – für 220 Euro das Stück.

Geschadet haben die Enthüllungen dem Schausteller nie. Und Kritiker wurden schon 2004 wie auch heute mit den Begriffen „Neider“ oder „Ignorant“ belegt.

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Barber Angels in Regensburg

Großen Zuspruch fand die kostenlose Haarschneidaktion der „Barber-Angels“ am vergangenen Wochenende in Regensburg. Über 70 einkommensarme Menschen kamen zum Frühstückstreff „Sofa“ der Sozialen Initiativen, um sich kostenlos frisieren zu lassen. So mancher Bart kam ab, Zöpfe wurden geflochten und lange Mähnen gestutzt. Bürgermeisterin und Schirmfrau Gertrud Maltz-Schwarzfischer beteiligte sich gern und unterstützte die Profis mit launigen Frisörgeschichten und Anekdoten („Bei meinen Kindern war ich auch lange ein Barberangel!“).

Beim Ostengassenfest im Juni soll es Neuauflage geben. Dann dürfen sich auch Gutbetuchte auf den Sessel setzen und gegen eine Spende an die Sozialen Initiativen ein neues Outfit geben lassen. Und wenn alles klappt, wird es in Zukunft sogar einen monatlichen Termin in der Ostengasse 22 geben, wo sich schon jetzt jeden Mittwoch von zehn bis 13 Uhr einsame und obdachlose Menschen zum Stelldichein treffen können.

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Kommentare (7)

  • Regensburger

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    Auch auf die Gefahr hin, dass Sie meinen Beitrag wieder nicht freischalten: Ich hoffe, Sie haben das Wochenblatt gelesen. Der in der Spendenaffäre immer gut informierte Redaktionsleiter schreibt davon, dass der Beschluss des Landgerichts Regensburg, der morgen bekanntwerden soll, 130 Seiten umfassen soll. Jeder Jurist kann Ihnen bestätigen, dass das nur eines heißen kann: Die Anklage wird nicht zugelassen und es kann endlich wieder Ruhe in unsere schöne Stadt und Joachim Wolbergs ins Rathaus zurückkehren. Der Beschluss mit dem die Anklage zugelassen wird, müsste nämlich nicht begründet werden und besteht in der Regel aus zwei Sätzen.

  • RA Veits

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    §§ 203, 207 StPO

    Sollte die im WB tats. angegebenen 130 Seiten wirklich zutreffen, spricht vieles für eine Differenzierung im Rahmen des § 207 StPO. Etwa dergestalt, dass Teile der Anklage NICHT zugelassen werden, was ausführlich begründet wird, wogegen die StA aber Beschwerde hätte. Und dass das LG die Anklage „nur“ im Übrigen zulässt. Eine solche Differenzierung könnte um den Vorwurf der Bestechlichkeit geschehen. Es darf munter spekuliert werden …

    Zu den genannten Gesetzen
    https://dejure.org/gesetze/StPO/203.html

  • joey

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    @Regensburger
    „Ruhe“ kann in Regensburg nur einkehren, wenn Politik und Verwaltung sich glaubwürdig säubert.

    Auch ohne juristischen Schuldspruch kann Wolbergs nicht politisch erklären, warum er so gehandelt hat.

  • Regensburger

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    @joey: Doch, das kann Joachim Wolbergs. Er hat immer wieder betont, dass alle Entscheidungen alleine zum Wohl der Stadt und ihrer Bürger getroffen wurden. Ich bin sehr gespannt, ob nach der für heute zu erwartenden öffentlichen Reinwaschung von allen Vorwürfen, auch andere (Staatsanwaltschaft, BayernSPD, Herr Goger etc.) ihr Handeln noch erklären können bzw. wollen. Ich freue mich jedenfalls darauf, dass heute endlich die Gerechtigkeit siegen wird und Wolbergs morgen wieder in unser Rathaus einzieht.

  • joey

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    @Regensburger
    habe das schon öfters ausgeführt – hier nochmal erinnert:
    die Gelder, die Tretzel&co an Wolbergs (ohne demokratische Kontrolle) nach Gutdünken „für das Wohl der Stadt“ verteilt haben, kommen aus überhöhten Immopreisen aus einem Kartell. Bei der ganzen Rechnung ist den Kartellmitgliedern natürlich selbst noch mehr (z.B. für die Jacht) übriggeblieben.
    „das Wohl der Stadt“ definiert nicht eine geheime Gruppe. Es gibt (sollte) hier im Land Recht und Gesetz, z.B. eine Verfassung. Keine dunklen Kassen und Beziehungen, sondern transparente Entscheidungen, die ggf. bei der nächsten Wahl sanktioniert werden können.

    Das Kartell existiert offensichtlich. Darunter leidet diese Stadt: finanziell, sozial, kreativ / kulturell. Auch sie selbst.

  • Arno Nym

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    @Regensburger
    Klar, Herr Wolbergs und alle Beschuldigten sind auch Bürger der Stadt, damit hat er nicht gelogen, wenn es den Bürgern zu Gute kommt… Und für die Stadt ist es natürlich auch gut, wenn lokale Unternehmen bevorzugt werden.
    Was machen Sie eigentlich, wenn es doch zu einer Anklage kommt? Halten Sie sich dann mit ihren Erklärungen zurück, oder wird dann auf die untragbare Justiz geschimpft?

  • Rosalia Genoveva

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    Mir ist grad was eingfalln, des wollt ich scho lang fragen.

    Wenn ma sich denkt, es gäb wo ein Haus mit Formaldehyd im Wasser.
    Wenn ma sich denkt, es tät wer das Wasser jeden Tag saufen, bis er auf sei Wolke wechselt.

    Müsst der Doktor Hagen den überhaupt no in Formaldehyd einplastiniern, oder tät der von selba frisch bleiben?

    Also, wenn das klappen würde mit der Konservierung nur durchs Wasser, könnt man sich viel Geld fürn Schönheitschirurgen sparn, wenn ma bald mitm Formaldhyd trinken anfangen, und noch rechtzeitig vorm Verbleichen aufhörn tät.

    Hab ich das richtig vestanden?

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