Interview

Der lange Kampf für das Gedenken an ein Neonazi-Opfer

 

Am 7. September 1995 wurde Klaus-Peter Beer in Amberg von zwei Neonazis ermordet. Richard Lorenz und Dieter Müller schlugen und traten den Busfahrer bewusstlos und warfen ihn anschließend in die Vils, in der er ertrank. Der Grund war Beers Homosexualität. Zum 27. Todestag ist nun eine 70-seitige Broschüre im Gedenken an Beer erschienen, die nicht nur die Tat und das damalige gesellschaftliche Klima aufarbeitet. Sie zeichnet auch nach, wie lange die Tat verschwiegen und verdrängt wurde.

Vor 27 Jahren wurde Klaus-Peter Beer von zwei Neonazis in Amberg ermordet. Foto: BGDV

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2003 gehörte Stefan Dietl zu den Organisatorinnen und Organisatoren der ersten Demonstration zum Gedenken an Klaus-Peter Beer. Seitdem engagiert er sich gegen die Politik des Verdrängens und Ignorierens im Umgang mit dem Mord an Klaus-Peter Beer und der örtlichen Neonaziszene. Wir veröffentlichen an dieser Stelle ein Interview mit ihm über den langen Kampf gegen das Vergessen. Die Broschüre wird erstmals am 3. September, 19 Uhr, im Ring-Theater in Amberg vorgestellt und kann unter bgdv@mailbox.org kostenlos bestellt werden.

Was hat euch 2003 bewegt, eine Demonstration zum Gedenken an Klaus-Peter Beer und gegen die örtliche Naziszene in Amberg zu organisieren?

Wir waren Anfang der Nullerjahre ein kleiner Kreis junger Leute. Ich war 16. Die meisten auch in meinem Alter und manche drei, vier Jahre älter. Wir hatten gerade angefangen, uns für politische Themen zu interessieren. Den da gerade beginnenden Krieg in Afghanistan, bald darauf mit dem Sozialabbau im Zuge der Agenda 2010 usw. Und wir hatten vor allem gemeinsam, dass wir etwas gegen die Neonazis in der Stadt unternehmen wollten.

Damals trat die Neonaziszene in Amberg sehr gewalttätig auf. Sie griffen Konzerte im städtischen Jugendzentrum an, patrouillierten durch die Stadt und bedrohten Leute, die sie für Ausländer oder Linke hielten, stürmten in Kneipen und beschimpften Leute. Daneben gab es häufig Neonazikonzerte in der Stadt.

Wir wollten dagegen etwas unternehmen und dem auch etwas entgegensetzen. Wir haben angefangen, antifaschistische Veranstaltungen und Vorträge zu organisieren, Aufklärungsarbeit zu machen, Konzerte gegen Rechts zu organisieren. Wir haben auch versucht, die Amberger Kommunalpolitik zu sensibilisieren und auf die wachsenden neonazistischen Aktivitäten hinzuweisen. Wir waren wahrscheinlich etwas naiv. Wir dachten damals, wenn wir das thematisieren, bekommen wir bestimmt Unterstützung und die Stadt tut was gegen die zunehmende rechte Gewalt. Das Gegenteil war der Fall. Es wurde so getan, als gäbe es keine rechte Szene. Als wäre das ein Problem, das es zwar anderswo gibt, vor allem im Osten, aber nicht hier im schönen Bayern.

Engagiert sich seit fast 20 Jahren für ein würdiges Andenken für Klaus-Peter Beer: Stefan Dietl. Foto: privat

Irgendwann haben wir dann vom Mord an Klaus-Peter Beer erfahren. Es war zunächst schwer, genaueres in Erfahrung zu bringen. Der Mord an Klaus-Peter Beer war zu dieser Zeit schon weitgehend vergessen. Uns konnte kaum jemand etwas darüber sagen. Für uns war das als Jugendliche unvorstellbar, dass in der Stadt, in der wir leben, in der wir aufgewachsen sind und zur Schule gingen, jemand von Neonazis ermordet wurde und wir nichts davon wussten. Dass es keinerlei Erinnerung daran gibt, uns kaum jemand was dazu sagen konnte und es niemanden zu interessieren schien.

Für uns war das dann umso mehr Motivation, etwas zu unternehmen und endlich dieses Schweigen und diese Ignoranz zu durchbrechen. Wir haben dann etwa ein Jahr neben der Schule oder der Ausbildung recherchiert, Zeitungsarchive durchstöbert und uns sowohl mit dem Mord an Klaus-Peter Beer, aber auch mit den Kontinuitäten des rechten Terrors in Amberg beschäftigt. Mit der neonazistischen Szene der Achtziger- und Neunzigerjahre und den aktuellen neonazistischen Strukturen in der Region.

2003 haben wir dann die Demonstration gemacht. Wir wollten zum einen an Klaus-Peter Beer erinnern und so die Menschen in der Stadt wach rütteln, dass man diese Tat nicht vergessen darf und was tun muss, um so etwas in der Zukunft zu verhindern. Wir haben gedacht, wenn jeder weiß, dass hier jemand von Nazis ermordet wurde, ist das Entsetzen ähnlich groß wie bei uns, als wir davon hörten. Zum anderen hatten wir natürlich die Hoffnung, dass von offizieller Seite etwas gegen die rechte Gewalt und neonazistische Strukturen unternommen wird, wenn wir öffentlich darauf hinweisen.

Wie waren die Reaktionen auf eure Demonstration und eure Aktivitäten zu der Zeit?

Es gab faktisch keine. Auf unsere Forderungen hat niemand reagiert. In Bezug auf die Naziszene hieß es von Polizei und der Stadt immer wieder, dass es sowas nicht gäbe. Wir wurden als Nestbeschmutzer betrachtet, würden den Ruf der Stadt schädigen. Wir haben detailliert rechte Gewalttaten aufgelistet, ebenso rechte Konzerte, Nazischmierereien, Drohungen usw. Das wurde dann verharmlost. Zum einen als dumme Jungenstreiche und Einzelfälle, zum anderen wurde es so dargestellt, als kämen die rechten Aktivitäten von »außen« von angereisten Neonazis. Das Problem wurde verlagert.

2010: Die Polizei versucht Neonazis ins Szene-Treff Pils-Pub 500 zurückzudrängen, die eine linke Demonstration angreifen wollen. Foto: Archiv/Aigner

In Bezug auf Klaus-Peter Beer gab es schlicht viel Unverständnis. Der Mord lag damals bereits acht Jahre zurück. Es gab nie eine politische Auseinandersetzung damit und daher war die Tat inzwischen tatsächlich von vielen vergessen. Einige – auch politische Verantwortungsträger*innen – stritten ab, dass es überhaupt einen Mord gegeben hat, andere leugneten das faschistische Motiv der Täter oder dass das überhaupt Neonazis waren. Von einem Mord in der Schwulenszene bis zu einer Auseinandersetzung unter Betrunkenen war alles an Behauptungen dabei. Fast alle politisch Verantwortlichen in Amberg behaupteten, auch noch nie etwas von Klaus-Peter Beer gehört zu haben. Das stimmte wahrscheinlich sogar. Bis Ende der Nullerjahre war das ganz oft die Reaktion und es ist, glaub ich, einer der Erfolge der jahrzehntelangen antifaschistischen Aktivitäten, dass heute niemand in Amberg mehr sagen kann, er kenne Klaus-Peter Beer nicht oder wüsste nicht was damals passiert ist.

Aber nach der ersten Demonstration 2003 und auch bei den Kundgebungen und Demonstrationen bis Ende der Nullerjahre wurden wir einfach ignoriert.

Was hat sich Ende der Nullerjahre geändert?

Man konnte unseren Protest schlicht nicht mehr ignorieren. Dank vieler Menschen, die sich über Jahre engagiert haben und nicht locker gelassen haben, dank auch immer wieder neuer Menschen, die sich engagiert haben ist es gelungen, so viel politischen Druck und auch mediale Öffentlichkeit aufzubauen, dass die Politik sich dazu verhalten musste.

2010 demonstrierten bereits über 400 Menschen für ein würdiges Erinnern an Klaus-Peter Beer und gegen die Ignoranz im Umgang mit der Neonaziszene in Amberg (unser damaliger Bericht). Seit der Demonstration 2008 und insbesondere seit den antifaschistischen Aktivitäten 2010 zum 15. Todestag von Klaus-Peter Beer wusste wirklich jeder, der wollte, über den Mord an Klaus-Peter Beer und die Hintergründe Bescheid und das nicht nur in Amberg, sondern auch überregional. Keiner konnte mehr sagen, er wüsste nicht um was es geht.

Zudem entstand in dieser Zeit auch in Amberg eine selbstbewusste Bewegung für die Rechte von LGBTQI+. Der Einsatz gegen Diskriminierung und für sexuelle Vielfalt bekam einen ganz anderen Stellenwert als noch in den Jahren zuvor. Teil davon war auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Ausgrenzung und Diskriminierung. Dazu gehörte auch die Erinnerung an Klaus-Peter Beer.

2010 wurde bei einer Demonstration an der Vilsbrücke eine Gedenktafel für Klaus-Peter Beer angebracht. Sie verschwand spurlos und wurde durch Nazi-Sticker ersetzt. Foto: Archiv/Aigner

Auch die rechte Szene in Amberg rückte in dieser Zeit viel stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Naziaktivitäten in Amberg konnten schlicht nicht mehr geleugnet werden. Dazu gab es zu viele rechte Konzerte, Veranstaltungen etc. auch überregionaler Natur. Die Amberger Naziszene war eng in bayernweite neonazistische Strukturen eingebunden, zum Beispiel im Freien Netz Süd und es gab dadurch auch eine verstärkte überregionale Aufmerksamkeit für die neonazistischen Umtriebe in Amberg (dazu ein Bericht von 2013).

Vor allem viele junge Antifaschist*innen hatten die Schnauze voll. Sowohl von der ständigen neonazistischen Präsenz in der Stadt als auch der Ignoranz der Behörden. Auch deshalb gingen 2010 so viele mit uns auf die Straße. Das alles nötigte die politisch Verantwortlichen dazu, sich irgendwie zum antifaschistischen Protest zu verhalten. Allerdings leider vor allem indem man versuchte, uns und unseren Protest verstärkt zu diskreditieren und zu delegitimieren.

Der Protest wurde auch juristisch ins Visier genommen.

Ja, von den zuständigen Versammlungsbehörden wie auch der Polizei wurde alles versucht, um Antifaschist*innen in ein schlechtes Licht zu rücken und den Protest gegen die Politik des Verdrängens und Ignorierens der Stadt zu verhindern. Unsere Demonstrationen und Kundgebungen wurden mit vollkommen absurden Auflagen versehen. So wollte man uns vorschreiben, in welcher Höhe die Transparente zu tragen sind oder dass die Demonstration in Dreierreihen zu erfolgen habe. Also dass immer drei Personen nebeneinander laufen müssen. Etwas, das natürlich mit mehreren Hundert Teilnehmenden nicht machbar ist, sofern man keine Militärmusikkapelle ist und natürlich auch sämtlichen Grundsätzen der Versammlungsfreiheit widerspricht und rechtlich nicht haltbar ist.

2008 wurde dann auf Betreiben der Amberger Polizeiinspektion auch juristisch gegen den Anmelder einer von der Gewerkschaft ver.di organisierte Demonstration zum Gedenken an Klaus-Peter Beer vorgegangen. Die angebliche Nichteinhaltung der Dreierreihen sei ein Verstoß gegen die Auflagen und damit gegen das Versammlungsgesetz. Es war klar, dass dies eine Retourkutsche auf unsere sehr deutliche Kritik am Unwillen der Amberger Polizei war, etwas gegen die rechte Szene in Amberg zu unternehmen. Der Staatsanwaltschaft war es angesichts der Haltlosigkeit der Vorwürfe dann auch sichtlich peinlich, den Vorgang zu verfolgen. Mit anwaltlicher Unterstützung von ver.di gingen wir dagegen vor und bereits kurz danach wurde das Verfahren eingestellt.

Regelrecht zynisch waren die juristischen Einschüchterungsversuche 2010. Damals wurde unsere Demonstration zum 15. Todestag von Klaus-Peter Beer mehrmals gewaltsam von Neonazis aus dem Umfeld des Freien Netz Süd angegriffen. Schon bei einer Mahnwache einige Tage zuvor bedrohten Neonazis die Teilnehmenden und störten immer wieder die Veranstaltung, ohne dass die Polizei etwas dagegen unternahm. Im Gegenteil erklärte die Polizei die Nazis zu »kritischen Teilnehmern« unserer Veranstaltung. Sie wurden nach dieser eigenwilligen Auslegung also als Teil unserer Kundgebung gesehen und dadurch vom Versammlungsgesetz geschützt. Die Polizei machte deutlich, dass sie auch bei der Demonstration so verfahren wird, wir also keinen Schutz vor neonazistischen Übergriffen und Störungen zu erwarten hatten.

Es kursierten damals zahlreiche Aufrufe unsere Demonstration zu stören und es gab eine starke Mobilisierung im Umfeld des Freien Netz Süd. Wir haben aber glücklicherweise viel Solidarität aus ganz Bayern erhalten und auch medial wurde das polizeiliche Vorgehen kritisiert und die Demonstration wurde auch von der regionalen und überregionalen Presse begleitet. Tatsächlich kam es dann auch zu den angekündigten Angriffen von Rechts. Bei einer Gedenkminute stürmten etwa 20 bis 30 teils vermummte Neonazis auf die Kundgebung zu. Erst in letzter Minute konnten sie von Ordner*innen und der Polizei gestoppt werden. Die Angreifer wurden nicht etwa in Gewahrsam genommen, sondern konnten vor der Zwischenkundgebung den Demonstrationszug erneut angreifen. Sie versuchten, die Polizeiketten zu durchbrechen und bewarfen die Demonstration mit Gegenständen bis es endlich gelang, die Nazis zurückzudrängen.

Was dann im Anschluss passierte ist skandalös. Die Polizei ging im Nachgang der Demonstration nicht etwa gegen die militanten Neonazis vor, die versucht hatten, eine gewerkschaftliche Demonstration anzugreifen, sondern erneut gegen die Anmelderin unserer Demonstration. Neben dem schon bekannten Vorwurf, dass man sich nicht an die Dreierreihen gehalten hätte, wurde uns vorgeworfen, dass der Demonstrationszug gestoppt hatte, als die Nazis diesen angriffen. Man hätte so gegen die im Auflagenbescheid vorgeschriebene »zügige Durchführung des Demonstrationszuges« verstoßen. Das ist wirklich haarsträubend. Die Amberger Polizei ist nicht in der Lage oder nicht willens eine antifaschistische Demonstration zu schützen und geht dann noch gegen die Protestierenden vor, weil diese nicht einfach weitergehen, wenn eine Horde gewaltbereiter Faschisten sie angreift. Natürlich wurde auch dieses Verfahren nach kürzester Zeit eingestellt.

Welche Rolle spielten die Medien für den Protest?

Die mediale Aufmerksamkeit, die der Mord an Klaus-Peter Beer, unsere Proteste und der Umgang der Stadt Amberg damit im Laufe der Zeit bekamen, spielte und spielt eine ganz entscheidende Rolle. Die politisch Verantwortlichen vor Ort sahen sich immer dann gezwungen, überhaupt auf unsere Forderungen zu reagieren oder sich zu neonazistischen Gewalttaten in Amberg zu verhalten, wenn umfassend darüber berichtet wurde und es auch kritische Nachfragen der Presse gab.

Gerade wenn überregionale Medien wie Die Welt, Die Zeit oder der Bayerische Rundfunk über die neonazistischen Umtriebe in der Stadt berichteten, kam zumindest etwas Bewegung in die Sache und es entstand ein gewisser Handlungsdruck für Polizei und Politik. Aber auch die regionale Berichterstattung gerade der Amberger Zeitung ist und war sehr wichtig. Die Amberger Zeitung hat bereits umfassend über den Prozess berichtet und später auch über die Proteste für ein würdiges Erinnern und Gedenken an Klaus-Peter Beer. Es wurde auch immer wieder kritisch über rechte Aktivitäten, Rechtsrockkonzerte und neonazistische Veranstaltungen in der Region berichtet. Es ist wichtig, dass die Presse hier ihre Aufgabe wahrnimmt und auch der Politik und Polizei kritische Nachfragen stellt. Es gab zum Glück überregional wie regional engagierte Journalist*innen, die das getan haben.

Du bist Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft ver.di in der Oberpfalz. Wie kommt es, dass sich die Gewerkschaften in Amberg so stark gegen Rechts engagieren?

Die Gewerkschaften spielen im Kampf für ein würdiges Erinnern und Gedenken an Klaus-Peter Beer eine zentrale Rolle, vor allem die Gewerkschaftsjugend. Es war die ver.di Jugend, in Zusammenarbeit mit vor allem jungen Antifaschist*innen, die Kundgebungen und Demonstrationen der vergangenen gut 20 Jahre organisierte. Und die auch immer wieder den Finger in die Wunde legt und öffentlichkeitswirksam auf neonazistische Aktivitäten in Amberg aufmerksam macht. Seit Jahren organisiert die ver.di Jugend in Amberg außerdem auch Konzerte gegen Rechts, Vorträge und Veranstaltungen zu extrem rechtem Denken und vieles mehr.

Hier auf der Vilsbrücke wurde Klaus-Peter Beer von zwei Neonazis zusammengeschlagen und in den Fluss geworfen, wo er ertrank. Foto: Archiv/Aigner

Als Bezirksvorsitzender bin ich sehr stolz, dass wir eine so engagierte Jugend haben, die nun bereits seit Jahren nicht locker lässt im Kampf gegen die Politik des Ignorierens und Verdrängens und ich freu mich, dass wir das als Gesamtorganisation immer unterstützt haben. Mein Vorgänger als Bezirksvorsitzender Manfred Hellwig war es ja auch, der die erste Gedenktafel für Klaus-Peter Beer übergeben hat. Allerdings engagieren wir uns nicht nur in Amberg gegen Rechts und auch nicht nur als ver.di. Der Kampf gegen faschistisches Denken und extrem rechte Strukturen ist für alle Gewerkschaften im DGB wichtiger Bestandteil ihrer tagtäglichen Arbeit.

Der Antifaschismus nur aus eigener historischen Erfahrung – unabdingbarer Teil gewerkschaftlicher Arbeit. Wir sind die Interessenvertretung aller Lohnabhängigen in diesem Land. Egal welcher Herkunft, egal welcher Religion, egal mit welchem Pass, egal welchen Geschlechts und egal welcher sexuellen Orientierung und stehen daher dem auf Ausgrenzung und Diskriminierung basierenden Denken der extremen Rechten natürlich diametral gegenüber.

Schon 2003 habt ihr auch die mangelnde Auseinandersetzung Ambergs mit der NS-Vergangenheit kritisiert. Warum war euch das so wichtig?

Im Umgang der politisch Verantwortlichen der Stadt mit der NS-Vergangenheit Ambergs werden dieselben Muster und Kontinuitäten deutlich wie auch im Umgang mit dem Mord an Klaus-Peter Beer und im Umgang mit der Neonaziszene in der Stadt. Leugnung, Ignoranz, Schweigen, Verdrängen und – wenn das nicht mehr gelingt – Verharmlosung. Jahrelang stieß man in Bezug auf den Nationalsozialismus in Amberg auf eine Mauer des Schweigens.

Man wollte sich nicht damit beschäftigen, dass die Amberger*innen nur wenige Jahre nach Kriegsende wieder einen überzeugten Nationalsozialisten zum Oberbürgermeister gewählt haben, dass in der ehemaligen Fronfeste Gegner*innen des Nationalsozialismus festgehalten und gefoltert wurden, dass man natürlich um die Verbrechen im nahegelegenen Konzentrationslager Flossenbürg wusste, dass man natürlich vom menschenverachtenden Einsatz von Zwangsarbeiter*innen in Amberger Betrieben wusste. Man will auch bis heute nichts von den Arisierungen in Amberg und ihren Profiteuren wissen.

Während es bis heute kein zentrales Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Amberg und kaum Erinnerung an den Widerstand, insbesondere der Arbeiter*innenbewegung, gegen das NS-Regime gibt, hält man an der Verherrlichung von Nazifunktionären fest und findet nichts Schlimmes daran Profiteure, Mitwirkende und UnterstützerInnen des Naziregimes durch die Benennung von Straßen zu ehren. Geht es darum, einen Platz oder eine Straße nach Klaus-Peter Beer zu benennen, findet man hingegen hunderte Gründe, die dagegen sprechen.

Für uns gehörte der Kampf für ein würdiges Erinnern an Klaus-Peter Beer, gegen die Naziszene in Amberg und ihre Verharmlosung und die Kritik am Umgang der Stadt Amberg mit der NS-Vergangenheit immer zusammen. Tatsächlich ist es ja auch in den letzten Jahren gelungen, diese Mauer des Schweigens zumindest ein bisschen aufzubrechen. Nach Jahren der Diskussion wurde das Bild von Josef Filbig aus der Ahnengalerie der Amberger Stadtoberhäupter entfernt. Die Johannes-Stark-Straße wurde umbenannt und zumindest müssen sich die politisch Verantwortlichen der Stadt immer wieder für die mangelnde Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte der Stadt rechtfertigen.

Und in Bezug auf den Umgang mit der rechten Szene, hat sich da auch etwas zum Positiven verändert?

Leider viel zu wenig. Noch immer leugnen Stadt und Polizei die Existenz einer rechten Szene in Amberg. Kommt es doch zu rechten Gewalttaten und Aktivitäten werden diese als Einzelfälle verharmlost und so getan, als käme das von »außen«.

Wenn etwas nicht existiert, muss ich natürlich auch nicht dagegen aktiv werden, und so gibt es immer noch keinen offensiven Umgang mit den rechten Aktivitäten in der Stadt und auch keine proaktive Auseinandersetzung mit neonazistischem Gedankengut, mit Rassismus oder Antisemitismus. Man weigert sich immer noch, sich mit der langen Kontinuität des rechten Terrors in Amberg und der Region auseinanderzusetzen und es gibt keinerlei Anstalten, die Verbindung zwischen dem Unterstützernetzwerk des NSU und den Mördern von Klaus-Peter Beer genauer unter die Lupe zu nehmen.

Allerdings ist in den letzten Jahren schon etwas in Bewegung geraten. Die kontinuierliche antifaschistische Arbeit und die damit verbundene mediale Berichterstattung haben die politisch Verantwortlichen zu manchen Zugeständnissen gezwungen und den Druck erhöht, an der ein oder anderen Stelle gegen die rechte Szene aktiv zu werden. Auch die Polizei agiert heute anders als noch vor zwei Jahrzehnten, wie die Ermittlungen gegen die Identitäre Bewegung in Amberg zeigen. Das ist zum einen darauf zurück zu führen, dass es eine größere Sensibilität für das Thema gibt, aber auch darauf, weil den Behörden bewusst ist, dass man ihnen auf die Finger schaut.

Das wichtigste ist aber, dass es heute mehr Gegenwehr bei rechten Veranstaltungen gibt. Mit dem Oberpfälzer Bündnis für Toleranz und Menschenrechte in Amberg gibt es ein breites, zivilgesellschaftliches Bündnis, das regelmäßig zu Kundgebungen und Demonstrationen gegen Rechts aufruft. Neonazistische Strukturen können in Amberg nicht mehr so ungestört agieren, sondern erhalten Gegenwind, was es ihnen schwerer macht ihre Strukturen auszubauen.

Ist Amberg eine Hochburg der rechten Szene und das Naziproblem hier schlimmer als anderswo?

Nein. Uns wurde immer unterstellt, wir würden das behaupten. Das ist aber Unsinn. Wir haben immer gesagt, dass Amberg eine normale, durchschnittliche Stadt in Deutschland ist – und das in allen Belangen. Eben auch wenn es um die extreme Rechte geht.

Angesichts der Kontinuitäten des rechten Terrors in Amberg sagt das allerdings auch einiges über die gesellschaftlichen Verhältnisse aus, in denen wir hierzulande leben. Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, neonazistische Gewalttaten, Übergriffe und Drohungen gehören in Deutschland zum Alltag.

Richtig ist, dass Amberg für die extreme Rechte in Bayern immer wieder als Rückzugsort diente, weil sie hier ungestört und unbehelligt von Gegenprotest und Polizei ihre Veranstaltungen und Konzerte durchführen konnte. Die Politik des Wegschauens und Ignorierens führt dazu, dass Neonazis hier ungehindert agieren konnten und man es ihnen möglich machte, Strukturen aufzubauen. Kurz: Es gibt nicht mehr oder weniger Nazis als anderswo in Bayern und auch nicht unbedingt mehr Aktivitäten. Es gibt nur schlicht zu wenig Widerstand dagegen und von Politik und Behörden wird das Offensichtliche geleugnet anstatt gegen rechte Gewalt und rechte Strukturen vorzugehen. Aber ein bisschen besser ist auch das ja wie erwähnt geworden.

Inzwischen gibt es eine Gedenktafel für Klaus-Peter Beer und er wurde offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Damit wurde ein Teil eurer Forderungen umgesetzt.

Die Broschüre zum Gedenken an Klaus-Peter Beer. Foto: BGDV

Ja, die Aktivitäten zum 25. Todestag von Klaus-Peter Beer 2020 stießen auf ein großes Medienecho und führten noch einmal zu intensiven Diskussionen (unser Bericht). Wir haben ja nicht nur die beiden Kundgebungen durchgeführt, sondern auch eine Aktion zur Umbenennung des Multifunktionsplatzes gemacht und den Film zum Leben von Klaus-Peter Beer in zahlreichen Städten in der Region und ganz Bayern gezeigt.

Dass Klaus-Peter Beer – immerhin 25 Jahre nach der Tat – vom Bayerischen Landeskriminalamt endlich als Opfer rechter Gewalt anerkannt wurde, war längst überfällig. Ohne die kontinuierlichen, jahrelangen Proteste wäre das aber niemals passiert.

Nach fast zwei Jahrzehnten des Protests beschäftigte sich 2020 auch der Stadtrat in Amberg erstmals mit dem Mord an Klaus-Peter Beer und es wurde einstimmig beschlossen, eine Gedenktafel anzubringen. Das wurde inzwischen auch getan. Nachdem bereits dreimal Gedenktafeln an die Stadt übergeben worden waren, ohne dass diese angebracht wurden, ist das natürlich ein wichtiger erster Schritt.

Aber eben nur ein erster Schritt. Dass dies jetzt passiert ist, basiert leider nicht auf einem Umdenken, sondern ist schlicht Resultat des öffentlichen Drucks und der permanenten Proteste. Das erkennt man bereits daran, dass die Gedenktafel heimlich, still und leise, ohne große offizielle Verlautbarungen, angebracht wurde.

Es gab auch keinerlei kritische Rückschau, warum es immerhin 25 Jahre gedauert hat, endlich einen Ort der Erinnerung an Klaus-Peter Beer zu schaffen. Es gab auch keine Einbindung von Betroffeneninitiativen oder -verbänden bei der Gestaltung des Gedenkorts oder der Gedenktafel. Zum anderen gibt es natürlich noch weiterhin viel zu tun.

Es genügt nicht, einfach eine Gedenktafel aufzustellen, sondern man muss das Gedenken an Klaus-Peter Beer, das Erinnern an diesen faschistischen Mord, auch mit Leben füllen. Warum wird der hervorragende Film des Hessischen Rundfunks über das Leben von Klaus-Peter Beer zum Beispiel nicht an Schulen gezeigt? Warum gibt es immer noch keine städtische Gedenkfeier? Wo bleibt mehr Unterstützung der Stadt für LGBTQI+ Initiativen in Amberg? Es bräuchte mehr Engagement der Stadt für sexuelle Vielfalt und gegen Homophobie.

Und es bräuchte auch mehr Veranstaltungen und Aktionen, um über rechtes Gedankengut aufzuklären und sich diesem entgegenzustellen, um solche Taten künftig zu verhindern. Warum gibt es außerdem noch immer keine Straße oder einen Platz, die nach Klaus-Peter Beer benannt sind, als Mahnung davor, dass so etwas nie wieder geschehen darf? Und damit meine ich sowohl den Mord, als auch den Umgang damit.

Klar ist: Wir werden weitermachen und es gibt inzwischen in Amberg zum Glück viele Menschen, die nicht locker lassen werden und die auch weiterhin gegen die Politik des Verdrängens und Ignorierens kämpfen, gegen die örtliche Neonaziszene mobil machen und für ein würdiges Gedenken an Klaus-Peter Beer streiten.

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Kommentare (4)

  • Mr. T.

    |

    Der Mantel des Schweigens und Vergessens scheint neben dem Trachtensakko wirklich das signifikante Kleidungsstück des Rechtskonservativismus zu sein.
    In manchen Kreisen kommt noch die Mitra dazu.

    Schlimm! Wie so oft hat man das Gefühl, dass die Tat weniger schlimm ist, wie das Erinnern daran.

  • Günther Herzig

    |

    Mr. T.
    30. August 2022 um 14:23 | #
    Bitte Komparativ mit “als”.

  • Gscheidhaferl

    |

    Eine Geschichte, die ich eigentlich nicht glauben will. Zum einen die Menschenverachtung, die unmittelbar zum gewaltsamen Tod von Klaus-Peter Beer geführt hat. Und zum anderen die letztlich nicht weniger schwerwiegende Menschenverachtung, die sich über so unfassbar viele Jahre aggressiv der Zurkenntnisnahme des Ungeheuerlichen verweigert hat. Ernüchternd, dass nicht wenige der Verantwortlichen wohl einen Eid auf unser Grundgesetz abgelegt haben und auf Grundlage dieses offenkundigen Meineids ihren Lebensunterhalt aus Steuermitteln bestreiten/bestritten haben.

  • Mr. T.

    |

    Schlimm! Wie so oft hat man das Gefühl, dass die Tat weniger schlimm ist, als wie das Erinnern daran.

    OK so?
    Ein Germanist bin ich wohl leider auch kein großer.

    Interessant wäre auch die Überlegung, wie viele solche Geschichten es noch gibt, deren Verschweigen und Verdrängen bislang erfolgreich funktioniert hat.

Kommentare sind deaktiviert

drin