SOZIALES SCHAUFENSTER

25. Todestag von Klaus Peter Beer

Amberger Bündnis fordert offizielles Gedenken an Neonazi-Opfer

Am 7. September 1995 wurde Klaus Peter Beer in Amberg von zwei Neonazis ermordet. Richard Lorenz und Dieter Müller schlugen und traten den Busfahrer bewusstlos und warfen ihn anschließend in die Vils, in der er ertrank. Der Grund war Beers Homosexualität. Diese passte nicht in das Weltbild seiner Mörder. Das neugegründete Bündnis gegen das Vergessen (BgdV) hat es sich zur Aufgabe gemacht, an Beer weiterhin zu erinnern. Denn die Stadt selbst hülle sich auch 25 Jahre nach der Tat in Schweigen, wie das Bündnis kritisiert. Eine Aufarbeitung und ein offizielles Gedenken bleiben bis heute aus.

Das Bündnis gegen das Vergessen fordert ein dauerhaftes Gedenken in Amberg zu installieren, etwa in Form einer Straßenbenennung. Foto: BgdV

„Der Politik des Verdrängens und Ignorierens entgegentreten“ steht auf einem der Transparente am Montagabend auf dem Amberger Marktplatz. Rund 70 Menschen nehmen an der Mahnwache zum 25. Todestag von Klaus Peter Beer teil. Auf einem weiteren Transparent wird ein „Klaus-Peter-Beer-Platz“ gefordert, andere Teilnehmer halten die Worte „RECHTEN TERROR STOPPEN“ hoch. Die Botschaften sind klar: „Rechte Gewalt ist nicht weit weg“, erklärt Stefan Dietl. Er ist Teil des BgdV, dem Gewerkschaften, Parteijugendverbände und antifaschistische Initiativen angehören.

Dass die Stadt sich noch immer einem offiziellen Gedenken verwehrt, verstehe er nicht. „Es steht einer Stadt gut zu Gesicht, sich gegen rechte Gewalt zu positionieren.“ Nicht zuletzt die Anschläge von Hanau und Halle hätten gezeigt, dass die Gefahr von Rechts wieder steige. In Amberg selbst kam es zuletzt zu mehreren kleineren Vorfällen. So wurde das Auto des stadtbekannten Musikers und bekennenden Antifaschisten Winni Rudrof mit dem Wort „Antifant“ beschmiert. Ein Wort, das in rechten Kreisen als Diffamierung genutzt wird.

Gedenken an Beer seit Jahren Thema

Mittlerweile ist in Amberg eine große Debatte über das Gedenken an Klaus Peter Beer und den Umgang der Politik damit entstanden. Sehr zur Freude von Dietl. „Vielleicht überdenkt die Politik nun endlich ihre Haltung.“

“Es ist beschämend, dass es noch heute kein würdiges Gedenken an Klaus Peter Beer gibt”, so Stefan Dietl, Sprecher des Bündnisses.

Es sind nicht die ersten Bemühungen, dem Gedenken an Beer einen würdigen Platz zu verschaffen. Bereits 2010 zum 15. Todestag von Beer überreichte der damalige Bezirksvorsitzende von ver.di, Manfred Hellwig, eine silberne Gedenktafel symbolisch an die Stadt Amberg. Die Tafel wurde damals am Vilssteg angebracht, wo Beer zu Tode kam. Die Politik verwies hingegen immer wieder auf den Ruf der Stadt. Schließlich gäbe es in Amberg kein Nazi-Problem. Das Gedenken an Beer könnte ein falsches Licht auf Amberg werfen. Dass die unter anderem von ver.di organisierte Gedenkveranstaltung 2010 von rund 40 Neonazis gestört wurde, die versucht hatten die Demo anzugreifen, fand im Polizeibericht keine Erwähnung. (Über „Die braune Perle der Oberpfalz“ berichteten wir bereits 2013.)

Neonazis entfernten Gedenktafel

Die Tafel wurde wenige Tage nach der Anbringung gewaltsam entfernt und durch einen Aufkleber des damals noch existierenden „Freien Netz Süd“ ersetzt. Das rechtsextreme Netzwerk wurde im Juli 2014 verboten und ging kurz zuvor zu großen Teilen in der neugegründeten Kleinstpartei „Der III. Weg“ auf. Schon damals setzte sich Dietl aktiv gegen das Vergessen ein und wollte Strafanzeige stellen. Dies ließ die Polizei jedoch nicht zu: „Nur die Stadt kann Anzeige erstatten, wurde mir gesagt“, so Dietl im Oktober 2010. „Diese Tafel wurde von uns nicht genehmigt“, hieß es hingegen bei der Stadt Amberg. „Wir werden deshalb auch sicher keine Anzeige erstatten.“

Hing nur wenige Tage an der Vilsbrücke: Die Gedenktafel für Klaus Peter Beer. Foto: Archiv/as

Einen Ort des Gedenkens für Klaus Peter Beer gibt es in Amberg bis heute nicht. „Keine Straße ist nach ihm benannt. Keine Gedenktafel ist ihm gewidmet. Kein Preis wird in seinem Namen gestiftet“, so das Bündnis gegen das Vergessen. Während der Mahnwache am vergangenen Montag berichten Eva Kappl vom Oberpfälzer Bündnis für Toleranz und Menschenrechte und Kathrin Birner von ver.di über das Leben von Klaus Peter Beer.

Der 48-jährige Beer lebte damals bereits mehrere Jahre in Frankfurt, wo er als Busfahrer arbeitete. Bei seinem Besuch in Amberg am 6. September 1995 machte er in einer Kneipe Bekanntschaft mit den 18 und 21 Jahre alten Lorenz und Müller. Beide waren den Behörden als Mitglieder der örtlichen Skinhead-Szene bekannt und wegen diverser Gewaltdelikte zu Jugendstrafen verurteilt worden.

„Der Geist des Terrors lag über der Tat.“

Bereits in der Kneipe ließen sich Lorenz und Müller über Beers sexuelle Orientierung aus und drohten, ihn zu verprügeln. Nach Verlassen der Kneipe folgten sie Beer Richtung Stadtgraben, schlugen und traten ihn schließlich so heftig, dass Beer schwerverletzt liegen blieb. Die beiden Männer warfen Beer anschließend in die Vils, wo er ertrank. Ihre Kleider verbannten Lorenz und Müller danach in einem Waldstück. 1997 wurden die Täter vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts Amberg zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

In dem 1998 folgenden Revisionsverfahren bestätigte Richter Günther Müller das Urteil und machte zudem deutlich, dass nur das Verschlechterungsverbot die Angeklagten vor deutlich größeren Strafen bewahrt habe. Laut Gesetzgebung darf die Revision keine Erhöhung des zuvor festgelegten Strafmaßes zulassen. Müller sprach während des Prozesses von einem niederträchtigen Motiv. „Die Angeklagten maßten sich an, einen Menschen hinzurichten, allein weil er sexuell nicht so empfand wie sie.“ Und weiter: „Der Geist des Terrors lag über der Tat und der Hauptverhandlung.“

Sein Leben lang getrieben

Diesen Geist gelte es laut BgdV zu benennen und als Mahnung zu verstehen. „Bei unserer Mahnwache heute stehen nicht die Mörder im Mittelpunkt, sondern das Leben, das sie auslöschten. Das Leben von Klaus Peter Beer, der die Natur liebte, der voll und ganz in seine Bücher und seine Musik versinken konnte, der das Leben in der Großstadt genoss, aber den es doch immer wieder in die Natur zog und der deren Schönheit in seinen Gedichten auf wundervolle Art beschrieb. Gegen das Vergessen gehen wir heute auf die Straße“, heißt es in einer Ankündigung des Bündnisses.

Beer war 1966 nach Darmstadt gezogen und trat dort eine Ausbildung zum landwirtschaftlichen  Facharbeiter an. Als die Schulleitung von Beers Homosexualität erfuhr verwies sie den damals 20-Jährigen der Schule. Darauf verschlug es ihn nach Frankfurt, wo er fortan an als Chauffeur und Busfahrer arbeitete. Seinen Lebensweg und die Suche nach Anerkennung – seinen Eltern hat er nie etwas von seiner sexuellen Identität erzählt – zeichnet auch der Film „Tödliche Begegnung“ (2013) von Gabriele Jenk nach. In diesem Jahr wurde der Film auf Initiative des BgdV erstmals in Amberg öffentlich gezeigt. Ebenso wie die Mahnwache stellt auch Jenk vor allem die Person Beer in den Mittelpunkt ihrer Erzählung. Jenen Menschen, der laut Jenk stets einsam und getrieben war.

Für diesen Samstag um 16 Uhr haben die Mitglieder des Bündnisses eine große Kundgebung auf dem Marktplatz Amberg angemeldet. Die ursprünglich als Demonstrationszug durch die Stadt geplante Veranstaltung haben sie mittlerweile, mit Verweis auf die aktuellen Corona-Fallzahlen, in eine stationäre Kundgebung geändert. Dort wollen sie erneut ihre Forderung an die Stadt richten, endlich ein offizielles Gedenken an Beer zu realisieren.

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Kommentare (11)

  • joey

    |

    Beer steht ein gutes Gedenken zu. Dieses mit Begriffen aus dem Linksextremismus zu kontaminieren, ist nicht besonders schlau. Da würde ich auch dagegen stimmen.

    Wenn man jedem Verbrechensopfer eine Gedenktafel geben würde, wären manche Plätze ziemlich voll. Gibt es eigentlich Ermittlungsergebnisse von der Polizei?
    Das offenbar milde Urteil ist der eigentliche Skandal. Wieviel Jahre waren es denn?

  • Wolfgang Reuschl

    |

    Man sollte erst einmal die Wernher von Braun Straße ändern.
    Dieser Herr hat Mitschuld an den Verbrechen der Nazis.
    Mitglied der NSDAP und SS !!!!!!!!!!!.
    Hat wahrscheinlich von nichts gewusst, wie üblich.

    Oder wird dieser Herr von Ihnen Bewundert für seine Raketen und Mondraketen.

  • Günther Herzig

    |

    @joey
    Sie stellen die Fragen, die richtig sind!

  • Mr. T.

    |

    Wo sind da Begriffe aus dem Linksextremismus? Nicht alles, was links von stark rechtskonservativ ist, ist gleich linksextrem. Kümmert sich ja sonst niemand drum, als eher links Eingestellte. Von den Ganzrechten ist leider keine Initiative zum Gedenken zu erwarten und die gleichgültig-konservative “Mitte” denkt wohl, dass er vielleicht nicht ganz so unschuldig war und die beiden Nazis angemacht hätte.

    Beer ist nicht irgendein Mordopfer. Das ist ein klassischer Hassmord. Er gehört in die Kategorie der Opfer des NSU, der Opfer durch die Brandanschläge von Solingen und Schwandorf, der Opfer von Halle und Hanau und vieler mehr.

    Die Haltung der Stadt Amberg ist seit 25 Jahren feige und ignorant! Mittlerweile müsste man es auch dort gemerkt haben, dass antifaschistische Aufarbeitung einer Stadt eher positiv zu Gesicht steht. Es gibt nicht nur rechte Wutbürger, denen man sich anbiedern muss. Und eine Naziszene lässt sich nicht wegleugnen, nur bekämpfen – und dazu muss man sie ansprechen.

    Das Urteil war nicht unbedingt milde, aber hätte schon höher ausfallen dürfen. Der Jüngere hat acht Jahre bekommen, da wär noch zwei Jahre Spielraum im Jugendstrafrecht gewesen. Der Ältere hat zwölf gekriegt. Ein paar mehr hätten auch nicht geschadet.

  • XYZ

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    Amberg war einst Regierungssitz der oberen Pfalz, bis heute besteht ein Landgericht das für seine drakonischen Strafen bekannt war, die Nazis hatten Erfolgsquoten von nahezu 90 %, die Juden wurden im Zuchthaus ermordet. Soweit zur Historie – nie wieder!

  • RESI e.V,

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    In der Überschrift fehlt: er war schwul, deshalb wurde er von (neo)Nazis ermordet…

  • Hthik

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    Auch das sollte man nicht vergessen

    “Das Bundesverfassungsgericht hielt die Strafbarkeit homosexueller Handlungen von Männern trotz der Ungleichbehandlung gegenüber lesbischen sexuellen Kontakten für mit dem Grundgesetz vereinbar (Urt. v. 10.5.1957, Az. 1 BvR 550/52 und Urt. v. 2.10.1973, Az. 1 BvL 7/72). Zur Rechtfertigung verwiesen die Karlsruher Richter auf folgende biologische Unterschiede: Die körperliche Ausbildung der Geschlechtsorgane, die Unterscheidung zwischen dem kurzen Zeugungsvorgang und dem langdauernden natürlichen Prozess der Mutterschaft, das hemmungslose Sexualbedürfnis homosexueller Männer und das Vermögen lesbisch veranlagter Frauen zum Durchhalten sexueller Abstinenz, das Strichjungenwesen sowie schließlich die in der Öffentlichkeit praktizierte männliche Homosexualität.”

    https://www.lto.de/recht/feuilleton/f/spaete-wiedergutmachung-fuer-schwule-strafbarkeit-homosexualitaet-liebe-unter-maennern/

  • joey

    |

    @Mr.T.
    Faschismus ist ein recht umfassender historischer Begriff, der von Linksextremisten gezielt ungenau verwendet wird, um einen (oft militanten) Antifaschismus als Verteidigung zu entschuldigen.
    Hass ist auch eine zu pauschale Kategorie. Dieser Begriff dient nicht als Beschreibung, sondern als Wertung.

    Extremisten muß man zielgenau stellen und behandeln. Wenn alles in einen großen Topf gekeult wird, was nicht “besonders links” ist, erhält man nur eine starke AfD oder evtl. mal erfolgreichere “Sammlungsbewegungen”.

    Homosexuelle sind in unserer Zeit faktisch mehr von religiösen Eiferern bedroht, wie z.B. beim Mehrfachmord in Oxford – 1995 ist ja nun schon lang her. Wenn man Beer richtig als Mahnung bringt, sollte man auf die Grundlagen dieses Mordes kommen: Gewaltbereitschaft – wer und warum auch immer.

  • Harry

    |

    @joey und Wolfgang Reuschl: Der Mann wurde von Nazis ermordet, da gibt es nichts daran rumzudiskutieren! Auf andere “Extremisten” zu verweisen ist doch Ablenkung vom eigentlichen Problem (und eine rechte Strategie, nachdem, wie oft ich das in Kommentaren lesen muss).

  • Mathilde Vietze

    |

    Zu “Harry” Ich danke Ihnen, daß Sie hier Klartext gesprochen haben. Der Verweis
    auf andere dubiose Gestalten darf nie und niemals von solchen Verbrechen, wie
    sie in Amberg geschehen sind, ablenken. Das sollten sich die Herren Kommenta-
    toren hinter die Ohren schreiben.

  • joey

    |

    @Harry und Mathilde Vietze
    Sie haben meine posts nicht genau gelesen.

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