SOZIALES SCHAUFENSTER

Die neue Synagoge ist fertig

Ein „Haus des neuen Anfangs“ für die Jüdische Gemeinde

Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit wurde das Neue Jüdische Gemeindezentrum am heutigen Mittwoch offiziell eröffnet.

Die vollständig mit dem Holz der Hemlocktanne ausgekleidete Synagoge mit Holzkuppel. Foto: w.r.

Das Datum ist kein Zufall: Fast auf den Tag genau vor 500 Jahren – am 21. Februar 1519 – beschloss der Stadtrat die Vertreibung der Juden aus Regensburg. Fast 600 Menschen wurden aus der Stadt gejagt, das jüdische Ghetto und die Synagoge auf dem Neupfarrplatz wurden dem Erdboden gleichgemacht. Der jüdische Friedhof wurde zerstört, Leichen wurden geschändet und über 4.000 Grabsteine geraubt. Noch heute findet man manche davon eingemauert in altehrwürdige Regensburger Patrizierbauten. Am 26. Februar 2019 kann nun – nach zweieinhalb Jahren Bauzeit – das Neue Jüdische Gemeindezentrum am Brixener Hof eröffnet werden.

Die 1912 errichtete und 1938 zerstörte Neue Synagoge.

Es steht genau dort, wo in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 der Brigadeführer des in Regensburg stationierten NS-Kraftfahrkorps (NSKK) Wilhelm Müller-Seyffert seine Mannschaften angewiesen hatte, den erst 26 Jahre zuvor fertiggestellten prächtigen Jugendstilbau der Jüdischen Gemeinde mit Benzin in Brand zu setzen. NS-Bürgermeister Otto Schottenheim erlaubte der angerückten Feuerwehr erst einzugreifen, als das Gebäude fast vollständig ausgebrannt war und davon eine Gefahr für benachbarte Häuser ausging.

Die Jüdische Gemeinde musste den Abbruch bezahlen. Regensburger Honoratioren und Unternehmer taten sich an den Steinen gütlich. Perfide: Das nicht zerstörte Gemeindehaus und die daneben entstandene Brache nutzten die Nazis, um von hier aus die Deportation der Regensburger Juden in die Konzentrationslager zu organisieren.

Der Bau wurde 1,5 Millionen Euro teurer

Ein „Haus des neuen Anfangs“ nennt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde das nun eröffnete Gemeindezentrum – ein Entwurf des Berliner Architekturbüros Staab – ist ein lichter, offener Bau mit Klinkerfassade, der im Gemeindesaal Platz für bis zu 300 Besucher bietet. Die Synagoge selbst hat 160 Sitzplätze. Im Gegensatz zur Synagoge von 1912 ist die neue Synagoge nach dem orthodoxen Ritus ausgerichtet.

Übertragung der Thora-Rollen in den Schrein. Foto: w.r.

Die ursprünglich geplanten Baukosten von 7,5 Millionen Euro haben sich auf neun Millionen Euro erhöht – vor allem zusätzliche Gutachten, die vom Freistaat gefordert wurden, sind für diese Kostensteigerung verantwortlich. Der Bund unterstützte das Vorhaben mit 3,3 Millionen Euro. Von der Stadt Regensburg gab es einen Zuschuss über zwei Millionen. Den Rest muss die Jüdische Gemeinde mit ihren knapp 1.000 Mitgliedern selbst tragen.

Über den Förderverein für die neue Synagoge haben die Regensburgerinnen und Regensburger bislang eine knappe Million Euro beigetragen. Vielleicht auch dazu passend ist das goldfarbene Metallband, das den Eingang der Synagoge ziert und auf dem in der Handschrift der Lyrikerin Rose Ausländer das Gedicht „Gemeinsam“ angebracht ist:

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsere
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen lässt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Anlässlich der Eröffnung des neuen jüdischen Gemeindezentrums hat die Jüdische Gemeinde ein umfangreiches Kulturprogramm mit Vorträgen und Konzerten entwickelt. Dabei hat man sich eng abgestimmt mit der Autorin Waltraud Bierwirth und dem Historiker Dr. Klaus Himmelstein, die mit ihren Büchern und Recherchen (u.a. „Die Firma ist entjudet“ und „Jüdische Lebenswelten in Regensburg – eine gebrochene Geschichte“) mehrere bislang unterbelichtete Aspekte zur „Arisierung“ und jüdischen Geschichte in Regensburg aufgedeckt haben.

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Kommentare (18)

  • Musonius

    |

    Mir hätte es gefallen, wenn die zerstörte Synagoge originalgetreu wieder errichtet worden wäre. Pläne waren ja offensichtlich vorhanden. Studenten (bewusst nicht gegendert!) der OTH hatten ja vor ein paar Jahren eine entsprechende Computersimulation erstellt. Der Wiederaufbau wäre ein berechtigtes Signal der Jüdischen Gemeinde gewesen, dem Unrecht letztlich nicht zu weichen. Von außen ist die jetzt neu errichtete Synagoge ein weiterer Betonklotz in der Altstadt, auch wenn die Farbgebung nicht so furchtbar ist wie beim Museum der Bayerischen Geschichte.

  • Jonas Wihr

    |

    Hallo Musonius,

    orignal geht nicht, weil ein Teil des ursprüngliches Geländes der ehemaligen Finanzdirektion zugeschlagen wurde. Etwa 1/5 des Grundeisses der ehemaligen ovalen Synagoge etwa müsste dann auf der Neben-Parzelle liegen.
    Eine Entschädigung für den weggenommen Teil ihres Grundstücks hat die JG übrigens nie bekommen.

  • Lol

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    immerhin mal annehmliche Nachrichten aus Regensburg, wenn auch nicht ganz ohne Tadel wie von Jonas Wihr angedeutet wurde.

  • Mathilde Vietze

    |

    Kommentar gelöscht. Bitte beim Thema bleiben.

  • joey

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    als religiöses Gebäude nicht erkennbar…

    Synagogen haben ein altes Problem mit der Formgebung. Im frühen 19. Jhdt Klassizismus (Tempel), wilhelminisch patriotische Neuromanik, dann mal Ausflüge in orientalische Formen… der Jugendstilbau in Regensburg war schon nicht schlecht.
    Nein, Jugendstil geht nicht mehr, ob Grundstück oder nicht. Die Fensterreihe oben erinnert mich aber eher an eine Schule oder Büros. Symbolik ist (Zeichen-) Sprache – mit einer klaren Sprache könnte man auch Selbstbewusstsein ausdrücken.

  • R.G.

    |

    @joey
    Geht man von der Formel aus, die Form solle der Funktion folgen, so war nicht viel anderes möglich.

    Äußere Geschlossenheit zwang sich auf, weil aus politischen Versäumnissen das Bedrohungsgefühl der Mitglieder wächst, weshalb ein verständliches Schutzbedürfnis gegeben ist.

    Aufgrund der relativen Kleinheit des Grundstücks war komplette Ausnutzung der gegebenen Grundläche eigentlich unabdingbar.
    Gute religiöse Zweckarchitektur.

  • Eingeborener

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    Mir fehlt, welche kultur in der neuen synagoge gepflegt werden soll ? Eine liberale kultur, oder die traditionelle, bei der es zB im Schacherit (jüdisches morgengebet) heisst :,,Gelobt seist du,Ewiger…Der mich nicht als Heiden erschaffen hat…Der mich nicht als Weib erschaffen hat…“

  • Daniel Mayer

    |

    Bischof Voderholzer hat in seinem Grußwort bei der Einweihung betont, dass das europäische Abendland auf jüdisch-christlichem Boden stehe und es ihn schmerze, „dass die Christen 1938 in der überwiegenden Mehrheit nicht den Mut aufbrachten, sich öffentlich mit den jüdischen Mitbürgern zu solidarisieren.“
    https://www.bistum-regensburg.de/news/grusswort-bei-der-eroeffnungsfeierlichkeit-der-neuen-juedischen-synagoge-in-regensburg-6604/

    Es war wohl eher so, dass die überwiegende Mehrheit der Christen 1938 sich bei den Nazis wohler gefühlt hat als bei den Juden.
    Eine Solidarisierung von der Voderholzer offenbar träumt, ist für Regensburg nicht überliefert. Im Gegenteil, Bischof Voderholzer sollte sich mal damit auseinandersetzen, was seine Vorgänger im Amt, die beiden antisemitisch handelnden HH Buchberger und Graber, an Judenhetze absonderten. Schöne Reden, die den Blick auf die Realität verstellen, helfen nicht im Kampf gegen Antisemitismus.

  • Eingeborener

    |

    Die Synagoge sei nach den orthodoxen ritus ausgerichtet, lese ich. Das heisst, dass nur 10 im religiösen Sinn erwachsene Personen = nur Männer einen vollständigen Gottesdienst abhalten können ,oder ? Das ist also schlichtweg frauenverachtend, oder ?

  • joey

    |

    @eingeborener

    was für die Mängel der kath. Kirche gilt, gilt erst recht für Orthodoxe (fast egal welche Religion).
    Wenn Frauen da hingehen, sind sie selber schuld. Keiner zwingt sie.
    Die Beschneidungsdebatte wollen wir der Redaktion hier wohl nicht antun.

    Die meisten Juden auf der Welt sind liberal.

  • Eingeborener

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    @joey, Meine Erwartung.an rd Artikel ist, mehr zu erfahren,als in der MZ steht. Was obiger artikel leider nicht leistet. Hier wurde also von Freistaat und stadt eine Kirche für das Praktizieren eines frauenverachtend en religiösen ritus weitgehend finanziert, oder ? Ich warte auf Widerspruch. Interessant auch @ D Meyer

  • Moshe

    |

    @Eingeborener: Nein, nein, nein! Die Zahlungen sind legitim und richtig. Wer hat den die alte Synagoge zerstört? Der einzig wunde Punkt bei der Finanzierung ist, die Angelegenheit mit den Bußgeldern, damit ist die Synagoge dauerhaft geschändet. Religionsfreiheit beinhaltet die freie Gestaltung der Liturgie, auch für die jüdischen Gemeinden. Deswegen kann und darf hier nicht von Frauenfeindlichkeit gesprochen werden. Die Leitung der Gemeinde in Regensburg hat nebenbei erwähnt, eine Frau inne.

  • Eingeborener

    |

    @ Moshe, für mich steht über der religionsfreiheit das Verbot der Diskriminierung wegen des geschlechts. Und da ich nicht an der zerstörung Ihrer (? Dafür dürften Sie zu jung sein) synagoge beteiligt war , und es unter anderem auch meine steuergelder sind, die via Staat hier für den synagogenbau gegeben wurden , gestatte ich mir diese kritik.

  • Robert

    |

    @Eingeborener
    Die jüdische Gemeinde R. bezieht, wie die katholische oder evangelische Kirche, öffentliche Gelder für ihre Bauten. Sicherlich etwas antiquiert, aber zu Recht, wie ich finde. Das sage ich als ein Ohne Bekenntnis Lebender, der persönlich für sein Seelenheil mit Religion nix anzufangen weiß. Will man sich über öffentliche Förderung von Kirchen, Synagogen oder Klöstern (Moscheen?) aufregen, sollte man meines Erachtens die Streichung der Förderungen aller religiösen Vereine, Verbände und Körperschaften fordern. Was Sie, lb. Eingeborener, machen, alle Regensburger Juden qua ihres Rabiners und Ritus´ als frauenverachtend abstempeln, ist billig und scheint auf der Basis von Unwohlsein gegenüber jüdischer Religion oder Juden*innen zu basieren. Regen Sie sich genauso über die Bauten und Gehälter des sich m.E. homophob zeigenden Regensburger Bischofs auf, der weltweit gültige frauenverachtende Dogmen vertritt und von unseren Steuergeldern bezahlt wird?

  • Eingeborener

    |

    @Robert, selbstverständich rege ich mich genauso über den Katholizismus auf. Ich bin für die strikte Trennung von Staat und allen Kirchen, obwohl ich kein Atheist bin. Seine ,Religion‘ muss jeder Mensch in sich selber finden. Die organisierten Religionen sind weltweit ein Teil der Probleme der Menschheit.

  • Joachim Datko

    |

    Kommentar gelöscht. Bitte beim Thema bleiben.

  • joey

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    katholische Kirchen werden in der Regel nur mit Denkmalschutz Zuschüssen gefördert, den auch private Eigentümer bekommen. Der Regensburger Dom ist staatliches Eigentum wegen seiner Bedeutung als „nationales Denkmal“. Man kann nun überlegen, was man denn sonst draus machen könnte… ein Museum wie im Minoritenkloster?
    Christliche Gemeindezentren haben oft eine (kommunale) Stadtteilbibliothek dabei und fallen dann dadurch in einen anteilig zuschußfähigen Bereich.

    Die jüdischen Gemeinden bekommen viele Leistungen darüber hinaus. Eine „Wiedergutmachung“ kann das nicht sein, der NS ist nicht wieder gutzumachen.

    Moshe: „Der einzig wunde Punkt bei der Finanzierung ist, die Angelegenheit mit den Bußgeldern, damit ist die Synagoge dauerhaft geschändet“. Dann hätten Sie das Geld nicht nehmen dürfen. Alle staatlichen Gelder sind durch Zwang erhoben – gleicht das der gute Wille des Fördervereins nicht aus?

    Faktisch sind die Synagogen ziemlich leer und zunehmend nicht mehr in der Lage, regelkonforme Gebete zu halten. Die jüngeren Gemeindemitglieder wenden sich also oft von der (gemäßigt) orthodoxen Aufstellung ab. Inititationsrituale („Oma will es so“) sind als Tradition und Identität noch wichtig, der Glaubensalltag ist säkular.

    Die einzige wachsende Religion ist der Islam. Hier stellen sich Zukunftsfragen. Die politischen Fragen zu Christentum und Judentum sind hingegen historisch geklärt und durch die Mitgliedsentwicklung faktisch abgeschlossen.

  • Erich

    |

    Moshe hat recht, auch wenn sie das Wort nicht aussprach, es ist Antisemitismus, und dieser muss beim Namen genannt werden. Die Ansprachen von Politikern bei der Eröffnungsfeierlichkeit der Synagoge zeigt das Dilemma, in dem Deutschland sich befindet auf. Sie hielten wie gewohnt „nie wieder“ und „sei wachsam“ Reden, der Widerspruch liegt in ihrem eigenen Handeln, sie liessen Sehenden Auges zu, wie die Synagoge dauerhaft geschändet wurde. Sie haben sich dem nicht entgegengestellt.

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