Glosse

Endlich wieder Ausnahmezustand

Bei einem „Dultstart mit ausgelassener guter Stimmung“ ist so einiges los.

Schwang den Taktstock: Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Foto: Staudinger

So etwas ist einfach nur zur Dultzeit in Regensburg möglich. Wo es ansonsten wegen ein paar zerbrochener Flaschen, Geschrei und einem zerbeulten Imbisswagen Schlagzeilen wie „Randale“ oder „Krawall-Nacht“ gibt, wo es deshalb Pressemitteilungen der CSU zu „Ausschreitungen“ gibt und in der Tageszeitung die Frage „Wie geht es jetzt weiter?“ aufgeworfen wird, findet sich ein Volksfestauftakt mit ein wenig Gewalt und Übergriffen als „Dultstart mit ausgelassener guter Stimmung“ im Pressebericht der Polizeiinspektion Nord wieder.

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Und auch wenn dort natürlich einschränkend erläutert wird, dass die Beamten „trotz guter Laune (…) wegen einiger weniger Körperverletzungsdelikte, einem Raub- sowie einem Sexualdelikt tätig werden“ mussten, lösen die bierseligen Übergriffe keine nennenswerte (mediale) Aufregung aus. Dabei war es schon am Freitag richtig zünftig.

Sogar ein Drogenkonsument gefasst

Im Einzelnen: Ein Mädchen wird, so der bisherige Stand, der ziemlich ekelhaft klingt, von einem 37-Jährigen „beim Verrichten ihrer Notdurft“ im Intimbereich angefasst. Drei minderjährige Schläger versuchen, von einem anderen Jugendlichen Geld zu erpressen und schlagen ihn anschließend zusammen. Sie sind möglicherweise noch für einen anderen versuchten Raub verantwortlich. Eine Mittdreißiger, nach dem noch gefahndet wird, attackiert andere Besucher mit einer Flasche und würgt deren Begleiterin. Die Hand eines der Angegriffenen geht dabei zu Bruch. Die Einsatzkräfte schnappen, das darf weder bei der Dult noch beim Palmator-Besäufnis am Adlersberg fehlen, den obligatorischen Drogenkonsumenten (einen 27-Jährigen, der sich einen Joint gedreht hat). Dazu noch eine Reihe von Diebstählen und der eine oder andere Führerschein, der einkassiert wird.

Ausgelassene Stimmung auch bei Veranstalter Peter Kittel. Foto: Staudinger

Nebenbei fällt noch ein 14-Jähriger nach einem epileptischen Anfall in ein Fahrgeschäft und wird schwer verletzt (Es besteht keine Lebensgefahr.). Und, das produziert die meisten Schlagzeilen, zwei männliche Besucher werden kurzzeitig in einer Gondel des Riesenrads vergessen – wobei die Meinungen darüber auseinandergehen, wer dafür die Verantwortung trägt und ob es sich nun um „Kumpels“ (Polizei) oder eine geplante Aktion, um sich näher zu kommen (Marktmeister) gehandelt haben könnte.

„Stärkstes Wochenende, das wir jemals hatten.“

Doch, was soll’s. Alles in allem feiert die erste Regensburger Dult mit geschätzt 15.000 Besuchern und zwei propevollen Zelten einen Auftakt nach Mass (11,30 Euro). Wurde auch mal langsam wieder Zeit nach zwei Jahren Coronapause. Marktmeister Reinhard Kellner spricht gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung sogar vom „stärksten Wochenende, das wir jemals hatten“ und bietet über die Tageszeitung Backstage-Touren über das Volksfest zur Verlosung an.

Freut sich über ein starkes Auftaktwochenende: Marktmeister Kellner (rechts neben Rechtsreferent Walter Boeckh). Foto: Staudinger

Auch Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer macht bei alledem eine gute Figur. Gerade einmal drei Schläge braucht das Stadtoberhaupt, um das Auftaktfass für die Polit- und sonstige Prominenz anzuzapfen. Anschließend schafft sie es dann sogar, souverän zu dirigieren und mal den Takt vorzugeben. Sogar das ist zur Dultzeit tatsächlich möglich.

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Kommentare (20)

  • Spartakus

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    Super Kommentar! Insbesondere dass das traditionelle Vergewaltigen und Verprügeln kritisch herausgestellt wird!
    Gratulation an die Polizei dass sie den kriminellen Hasch Spritzer erwischt haben! Ist dieses Jahr immerhin das letzte Mal dass sie die Gesellschaft vor der bösen Droge beschützen müssen! Nächstes Jahr gibt es dann vielleicht ein Marihuana Zelt bei dem die OB‘ in dann den ersten Joint anrauchen darf!

  • Ricarda

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    Gibt es von Seiten der Stadt oder der Polizei Daten um wieviel Prozent sich das Risiko in der Dult Zeit erhöht Opfer einer Gewalttat oder sexuellen Missbrauchs zu werden?

  • Der Jurist

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    Brot und Spiele für das Volk, ein elendiges Besäufnis, Dreck und Müll, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, im dem der Pöbel mit staatlicher Billigung Pöbel sein darf.

  • KW

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    Am Freitag war mir schon die schlagartig angestiegene Dirndl-Dichte in der Stadt aufgefallen, wegen der Dult also :-)
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass der erwischte Kiffer der letzte wäre, der andere im Agro-Suff verprügelt, junge Mädchen ungefragt unter den Rock greift oder im Suff mit dem Auto heimfährt. Welch schöne, traditionelle, bayerische Dult-Bierseligkeit. Ja, das haben alle wirklich vermisst.

  • Native

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    “Van demm Büre, van demm Büre kimmt die Tumbenhait herrvüre.”

  • Mario

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    Ganz normale Dult. Ich finds Klasse, dass wieder was los is. Bissl Zankereien gibts überall. Steckerlfisch… Wunderbar

  • Charlotte

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    Das Land der Dichter und Denker… Schon erstaunlich, dass alle völlig begeistert sind, wenn sich tausende jeden Tag die Kante geben. Die Politik lässt sich mal wieder vor den Lobbyisten-Karren spannen und spielt das Spiel brav mit.

    Und komisch, keiner stört sich daran, dass Deutschland zum Land des Besäufnis mutiert. Derweil ist doch auch die Oberbürgermeisterin so sehr besorgt um das Wohlergehen der Jugend… In Deutschland wurden im Jahr 2019 pro Kopf 12,8 Liter puren Alkohols getrunken. Damit übertraf der Alkoholkonsum in der Bundesrepublik den weltweiten Durchschnittswert von 5,8 Litern pro Kopf um mehr als das Zweifache.

    Aber das passt ja, in Regensburg geht’s fast immer nur um Alkohol: 30 Tage Dult, 35 Tage Weihnachtsmarkt- Glühweinsaufen, Tag des Bieres, craaft beer festival, Weinfest Wochenende, Bürgerfest und und und

    Und nein, ein Volksfest ist die Dult schon lange nicht mehr.
    Ich wäre dafür, dass die Zeltbetreiber ab sofort auch die Müllentsorgung im Umkreis von 2 km übernehmen. Die Wege an der Donau entlang, durch die Altstadt, am Regen und weiß Gott wo noch sind übersäht mit Müll, Erbrochenem, Scherben, Tonnen leerer Schnaps- und Weinflaschen, leere Bierkästen und sonstigem Unappetitlichem. Die Steuerzahler sind auf jeden Fall nicht diejenigen, die dafür aufkommen sollten. Wir haben bei Gott wichtigere Themen, die in Regensburg zu finanzieren sind.

  • Auch a Regensburger

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    Spartakus: empfehle das Lied Leaglize Erdbeereis. Ab Minute 1:55 ist man da am Oktoberfest im Hanfzelt, wo der OB zur Eröffnung den ersten Joint dreht :-)

    Charlotte: Gesoffen wurde in Deutschland schon immer und sogar mehr. Dem Alkohol sind wir schon lang verkommen. Und Volksfest ist die Dult schon. Sehe ja wie sich meine Bekanntenkreis und auch die Kinder freuen.

  • KW

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    Ich will die Dult auch nicht verteufeln, gehe halt selbst eher nicht dahin, ausser vielleicht für die Steckerlfische.
    Aber der Kommentar bringt die Prioritäten schon schön auf den Punkt, sexuelle Belästigung Minderjähriger, Körperverletzung etc. laufen unter Biertradition oder “war ein ruhiges WE” aber Hauptsache es wurde ein “Drogen”-Delikt vermerkt. Ich lach mich schlapp.

  • Native

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    Summer in the City
    @spartakus, toll und witzig, ihre Aussicht für 2023. Wer weiß, vielleicht heißt es dann wirklich: „O kifft is. Auf einen friedlichen Protzenweiher.“
    Sicher ist, Gras ist grün und macht in Maßen von Rammlern und Bunnys genossen nicht aggressiv. Im Gegensatz zum im Gegenteil im Übermaß genossenen Maßen (Alkohol). Gegen Unvernunft und Enthemmtheit schützt auch keine Tracht. Höchstens eine Tracht Prügel (Sanktionen) bei ausufernden Auswüchsen.
    Die nachlassende Vorsicht für vorbeugende Maßnahmen der Corina-Pandemie verwundert den Gesundheitsminister, Virologen und Medizinern und es stellen sich bei ihnen die Nackenhaare auf. (Don´t kill the Messenger.) Die Veranstaltungen in geschlossenen Räumen (Bierzelte, Konzerte, Sportveranstaltungen und Clubs) im Sommer 2022, haben das Potenzial zu „Superspreader-Events“ zu werden. Dazu zählt auch die grandiose Idee des 9€-Ticket für 3 Monate in überfüllten ÖPNV-Zügen. Bei der Begegnung der unterschiedlichsten Coronavarianten ist nicht auszuschließen, dass sich bis zum Herbst eine gefährliche Variante durchsetzt. Dann hilft auch keine Finanzspritze (Bazooka) mehr. Die Kassen sind mittlerweile leer. Das Einzige, das j-e-t-z-t hilft sind vorausschauende Impfkampanien. Sonst sind wir wirklich am Jahresende im „A….“!
    Partypeople, die vorsichtshalber ihre Begegnungen in Regensburg in öffentlichen Freilicht-Areas verbringen, rate ich zur Vorsicht, um nicht auf Notdurft-Exkrementen, Kotzergüssen und Abfall (Pizzakartons und Verpackungen vom „Schachterlwirt“) ausrutschen. Genießen sie den Sommer in der City.

  • Johann

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    @Native

    Ich lach mich schlapp, so einen Schmarn hab ich schon lang nicht mehr gelesen. Hauptsache Panik machen. Kannst ja daheim bleiben und nicht auf die Dult gehen. Haust da halt a Mass Biontech rein… Sicher gesünder

  • Native

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    @johann „ich lach mich schlapp“, ich hoffe sie haben sich jetzt ausgelacht. Das ich die praktizierte Feierkultur in Bierzelten (stehend auf Bierzeltbänken) nicht als besonders originell empfinde, mögen sie mir zugestehen. Damit bin ich im Übrigen nicht alleine. Deshalb muss man noch lange keine Spaßbremse sein. Zum Thema „Biontech“, ich habe mir gerade eine frische Halbe bayerischen Gerstensaft eingeschenkt. Deutlich unter 11,30 €. Schmeckt gut -Prost! Ich spare schon für eine warme Wohnung im Winter. Zum Herbst 2022 wünsche ich mir, dass ich nicht Recht habe. Wir werden sehen! Wer zuletzt lacht, lacht am längsten.

  • Mr. B.

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    Zu Johann
    18. Mai 2022 um 16:11 | #

    Johann, ich denke, dass Native hier nicht explizit die Dult meinte, als sie das Partyvolk zum Aufpassen aufforderte?

    Begeben Sie sich z. B. am Freitag, Samstag und Sonntag mal ab 05.30 h oder 06.00 h in die Innenstadt. Sie werden sofort feststellen, dass Native recht hat und sie vollstes Mitleid mit der Abteilung der Straßenreinigung haben werden. Wahrscheinlich haben diese bereits mit vollem Fleiß gesäubert, bis Sie dann die Stadt betreten?
    Nix für unguat, owa mochas eana amol de Miah! Sie wern stauna!

  • Burgweintinger

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    wenn ich mich nicht irre, dann sind bei 11,30 auch ca. 2,50 MwSt drauf, also bei zwoa Mass 5 Euro…, also da muss da “Native” schon viel Gerstensaft zu Hause trinken, um dem Staat gleich viel in die Taschen zu spielen…

  • Julian86

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    „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“
    Carl Schmitt
    https://rechtssemiotik.de/begriffe/ausnahmezustand/

    Alkohol. Droge und Gift in einem. Was er aus Menschen macht, die mit ihm nicht verantwortungsvoll umgehen können oder wollen, ist regelmäßig u.a. zu Beginn des samstäglichen Wochenmarkts am Domplatz, vor der ehemaligen Dompost zu begutachten.

    Nach Dultende, eine lärmende Spur diverser Ausscheidungen zeichnend, sucht homo sapiens dann die Altstadt heim. Diese spuckt ihn in den frühen Morgenstunden dann wieder aus.

    Der eine erleichtert sich ungeniert am Dompflaster. Der andere – völlig fertig – steigt in ein privates Auto einer wartenden Marktbesucherin und meint, er sei in einem Taxi …. Momentaufnahmen nur …

    Der neue Regierungspräsident, der über lange Jahr in der gesundheitlichen Prävention tätig war, sollte sich allen Dult-Exzessen eiligst unter allen gesellschaftlichen, auch juristischen Gegebenheiten widmen.

    Ich finde: Die Dult in dieser Verfassung hat in der Stadt nichts mehr zu suchen. Sie hat sich überlebt; ist eine Zumutung für Abertausende Anwohner, die ca. 35 Tage im Jahr quasi rechtlos gestellt werden.

    Die sich begeistert gebende OB hat offenbar nicht mehr auf dem Schirm, dass jegliche Verwaltungstätigkeit an Gesetz und Recht gebunden ist. “Fair feiern”? Ein Euphemismus sondergleichen. Die Vorschriften des Grundgesetzes haben den Zweck, die Bürger vor(!) dem Staat zu schützen – es begänne mit dem Lärmschutz.

    In einem Rechtsstaat gibt es keinen Ausnahmezustand. Es ist bezeichnend, dass sich im Stadtrat niemand der Kontrolle der Verwaltung annimmt.

  • El

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    Wieviele Dulten wird es brauchen, bis GMS ihre Lehrzeit als Dirigentin absolviert hat?

  • Altstadtkid

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    @Julian 86
    Die Dult hat sich nur verändert, während sie früher mehr so ein Familiending war, ist sie halt jetzt eine Alkoholexzess Anlaufstelle für Teenies und Junge Erwachsene, die sich leider schon vor der Dult volllaufen lassen und dann, in Tracht, noch ein bißchen abfeiern im Bierzelt.
    Sie haben halt das Voksfest genauso wie den Vatertag, Malle und den Adlersberg für ihre Alkohol Initiations- Riten entdeckt
    Schlimm wird es dann wirklich wenn sie in diesem Zustand in die Altstadt einfallen und sich benehmen wie die Axt im Walde.Da sehnen sich wohl so manche in die Pandemiezeit zurück…..
    Leider wird das ganze noch immer als Aushängeschid bayerischer Lebensart bejubelt, und jeder Preiß braucht sofort eine Tracht wenn er dazugehören will…..

  • G'sunde

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    Ich freue mich für die Jugend. Endlich wieder feiern, knutschen, umarmen und einfach sich treffen.
    Und hier sogar ohne Masken, ohne Abstand.
    Um so sinnloser ist es, dann wieder im Bus oder an der Uni Maske aufsetzen zu müssen.
    Vor allem bei den Sportveranstaltungen, die Mal als Pflichtfach hat.
    Da wünsche ich mir von der Jugend etwas mehr Aufstand.

    P.S. kommt noch ein Bericht über Demo gegen Impfpflicht in Regensburg letzten Samstag?! Oder auch hier wird es verschwiegen?
    Wäre sehr wünschenswert. Danke!

  • Hthik

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    Als ich mich vor Jahren dabei ertappte im Radio Nachrichten zu hören war der erste Beitrag zum aktuellen Drogenbericht. Der zweite, weil weniger düstere, feierte die Feier mit Fr. Dr. Merkel zum Jubiläm des Reinheitsgebots.

    Der dort erwähnte MdB Straubinger, ist nicht nur unser CSU-Experte für Sozialpolitik, die ihrem Aussehen nach während seiner Ägide durchaus unter erhöhtem Blutalkoholeinluss entstanden sein könnte, sondern auch Präsidenten des Deutschen Instituts für Reines Bier. Quelle Wikipedia, die auch erläutert, warum er mit sozialen Notlagen persönlich so vertraut sein dürfte wie Dr. Merz.

  • Hthik

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    Ich hab wohl auch zuviel gesoffen und deswegen das Wichtigste vom DIRB-Chef vergessen:

    “Wir sehen die Probleme beim Alkohol, der auch erst ab 16 bzw. 18 Jahren verfügbar ist. Trotzdem liest man regelmäßig von 14- oder Zwölfjährigen, die mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus landen.”

    Wie wahr, wie wahr.

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