Gespaltenes Gedenken

Es ist die sich alljährlich wiederholende Regensburger Peinlichkeit: Zum Gedenken an die Opfer des Faschismus finden zwei getrennte Veranstaltungen statt. Das „offizielle Regensburg” würdigt am Dachauplatz Domprediger Johann Maier, den Polizeibeamten Michael Lottner und Lagerarbeiter Josef Zirkel. Sie hatten für eine kampflose Übergabe der Stadt an die Alliierten eingesetzt hatten und wurden deshalb von den Nazis ermordet wurden. Daneben gedenke man auch „aller Opfer des Nationalsozialismus und des Krieges”, heißt es in der städtischen Pressemitteilung. Hatte die Stadt in der Vergangenheit stets den 24. April gewählt, trifft man sich in diesem Jahr bereits am 22., um 19.30 Uhr, zur offiziellen Veranstaltung. Am 23. April findet dann – unter Nichtbeteiligung der Stadtspitze – der Gedenkweg für die Opfer des Faschismus statt. Er führt vom ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof über fünf Stationen – ebenfalls zum Dachauplatz und benennt dabei auch die Opfer in Regensburg – insbesondere jene im Colosseum.
Gedenkweg für die Opfer des Faschismus am 23. April 2009. Foto: Archiv
Nach den Gründen für die Spaltung muss nicht lange gesucht werden: Es geht um Berührungsängste – vor allem der CSU – mit linken Gruppierungen, aber auch um die anhaltende Kritik am Umgang der Stadtoberen mit dem ehemaligen KZ-Außenlager. 65 Menschen wurden während der sechswöchigen Existenz dieses Lagers ermordet. In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 begann schließlich für die 400 Überlebenden der Todesmarsch. Bei ihrer Befreiung am 1. Mai in Laufen an der Salzach waren nur noch wenige von ihnen am Leben. Diesem Todesmarsch ist auch in diesem Jahr der von der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“ (VVN/ BdA) organisierte Gedenkweg gewidmet, der am Freitag um 17 Uhr in Stadtamhof beginnt. Bereits morgen um 20 Uhr werden Jugendliche eine Gedenktafel für die 65 Ermordeten an die Wand des Colosseum projizieren. Eine Gedenktafel am Colosseum ist seit Jahren ein Desiderat. Zunächst scheiterten entsprechende Vorstöße am mangelnden politischen Willen, aktuell ist es der Besitzer des Gebäudes, Develey-Boss Michael Durach, der eine solche Tafel ablehnt – aus Angst vor „randalierenden Gruppen”. Immerhin: Nun sollen es „einzelne Metallplatten” oder „eine größere Bodenmetallplatte im Bürgersteig” richten, heißt es in einem entsprechenden Beschluss des Kulturausschusses vom 23. September 2009. Über ein Jahr brauchte Kulturreferent Klemens Unger, um – nach einem entsprechenden Antrag der Grünen – ein Konzept dafür vorzulegen. Vor dem Hintergrund der Neuaufstellung des Reiterstandbildes von Ludwig I. vor dem Dom kritisiert die VVN-Vorsitzende Luise Gutmann: „Der Kulturreferent der Stadt erklärte zur Wiederaufstellung des Standbildes von Ludwig I.: Die Schande wird wieder gut gemacht! Wir sagen: Ja, es ist eine Schande. Es ist eine große Schande, dass die Stadt den 65 Toten des Colosseums einen Ort des Gedenkens bis heute verweigert.“

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Kommentare (3)

  • Bernd Henneberg

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    War nicht der Develey Senf der Lieblingssenf von Göring? Und erklärt das die vornehme Zurückhaltung des Herrn Durach? damals gabs doch schon Händlmaier-Senf. Vielleicht noch nicht in Berlin oder auf dem Obersalszberg!

  • Roland Hornung

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    Zustimmung für Luise Gutmann !

  • hendlmeiersenf

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    Die Ausstellung 750 und 12 Jahre Waldmünchen von Mirijam Visaczki in der Sigismundkapelle ist sehr sehenswert. Zum besseren Verständnis sollte man auch den Katalog und ein auf dünnes Papier gedrucktes Interview mit einem 94Jährigen KZ Überlebenden,Franz Mörtel, lesen. Auf solch dünnes Papier waren die Zeitungen gedruckt, die er in den 30er JAhren über die Grenze schmuggelte….(ein sehr schönes und nachvollziehbares Interview in einer bildhaften Sprache über die Wiederstandstätigkeit, das Leben und die Vorgänge im Lager Dachau, den Krieg und die Zeit danach!) Die Ausstellung beschäftigt sich mit Traditionspflege, Feindbildern, dem Nichtaufarbeiten und Verfälschen von Geschichte durch weglassen, kontinuierlich nazistischem Sprachgebrauch, dem glattbügeln und geziehltem Vergessen, durch vorbeischaun und Gedenken an die Täter. ( Denn richtig lebendig wird die Geschichte im volkstümlichen Bewußtsein leider viel zu oft erst im 19. Jahrhundert aufwärts, wobei unreflektiert die selben Stereotypen bedient werden, wie vor dem ersten Weltkrieg…) Die Kunstwerke, Zeitdokumente und Texte bieten einen klaren Zugang zu einer im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegenen Geschichte und dokumentieren auch die Widerstände auf die die Künstlerin bei ihrer Reschersche treffen musste und ihren persönlichen Umgang damit.
    Sehr eindrucksvoll ist auch das Bildnis von Johann Evangelist Lechner, ein auf 1,5 meter vergrößertes und doppelt gerahmtes Passbild aus dessen“ amtlichen Ausweis für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“ von 1946. Der Heimatpfleger von Waldmünchen leugnet im Gespräch mit der Künsterin, das Johann Evangelist Lechner nach einer 10monatigen Unterssuchungs (also Einzel)haft, 1935 wegen Hochverrats verurteilt im KZ war, weiß nichts von dessen Widerstandstätigkeit (Schmuggeln von Exil-Spd Zeitungen) und unterstellt ihm Rachegelüste….Alle Erinnerung wird mit vermeindlich wohlwollenden flapsigen Floskeln abgetan.

    Am Rande kommt in der Ausstellung auch Ludwick Ruckdeschel vor, der am 19.April`45 durch Liquidierung seines Vorgängers Fritz Wächtler, der im Nazibau Grenzlandhotel in Waldmünchen (das kaum unverändert vor ein paar Jahren als Polizieihundeschule mit seltsamen Ritualen Schlagzeilen machte) residierte, vom Stellvertreter zum Gauleiter wurde. Diesem Ludwig Ruckdeschel, der sich so ziemlich unmittelbar danach selbst Richtung Alpenfestung absetzte, war es ein besonderes Anliegen einen Boten zu schicken der seine Verfügung, den Domprediger Johann Maier und den Lagerarbeiter Josef Zirkel zu liquidieren überbrachte. Die drei letzten Ermordeten wurden aus einer Demonstration von mehreren tausend Frauen für die kampflose Übergabe der Stadt Regensburg herausgegriffen…..
    Dieser Ludwig Ruckdeschel wurde nach dem Krieg, wegen dieser Angelegenheit in zweiter Instanz 1949 wegen Beihilfe zum Mord zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er und seine Mitangeklagten selbst gegen NS Recht vertoßen hatten (sie hatte ihre standrechtlichen Urteile nicht überprüft). Er saß dann bis zu seiner Amnestierung am 24. September 1952 in Straubing ein. Bereits 1954 war er Direktor beim VW Zweigbetrieb Hanover.
    gez:senftl

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