SOZIALES SCHAUFENSTER

Kolumne

HEIMKOMMEN #5: Regensburg „damals“

Heimatstolz. Heimatsound. Sogar Heimatministerium. Kaum ein Begriff wurde in den vergangenen Jahren so sehr missbraucht wie das Dahoam. Flo Neumaier ist Nachwuchsautor, Humorazubi beim Fernsehen und Regensburger a.D. – Für regensburg-digital schreibt er ab sofort regelmäßig über seine Besuche, sein Heimweh, sein Regensburg.

Maidult wird es keine geben. Dafür drehen wir eine weitere Runde im Lockdownkarussell. Einer geht noch. Einsteigen bitte. Dabei sein. Uuuuuund ab! Als Kind bin ich jedes Jahr einmal mit meiner Oma auf die Dult gegangen. Dann sind wir Kettenkarussell gefahren. Es war unser Ritual. Das aber nur am Rande.

„Aufgrund der aktuelle Situation“ – vgl. Supermarktansagen – gehts in dieser Woche auch nur digital nach Regensburg. Witze zum Titel der Publikation sind zu vermeiden, ebenso wie Pointen zum Thema Datenautobahn. Und das übrigens schon seit den späten 90ern.

Seit geraumer Zeit wird mein Facebookfeed – ja, ich habe sowas noch aus Nostalgiegründen – von einer Community dominiert, die sich „Regensburg damals“ nennt. Die private, heißt geschlossene Gruppe hat Stand heute 6686 Mitglieder und kommt auf zig Posts, Kommentare und Interaktionen jeden Tag. Die Mitglieder veröffentlichen alte Fotografien, Dokumente und Zeichnungen von Regensburg und Umgebung, diskutieren und schwelgen in Erinnerungen. Ich bin fasziniert. Alle anderen auch. Warum?

Regensburg steht in weiten Teilen noch so da, wie vor 100 oder 200 Jahren. Die Wiedererkennbarkeit der Architektur macht wohl einen großen Teil der Faszination aus. Menschen in historischem Gewand stehen da, wo ich gestern noch in einen Kaugummi getreten bin. Per se interessant. Das mit der Architektur, nicht das mit dem Kaugummi.

Nicht selten werden auch Bilder von Soldaten aus dem ersten oder zweiten Weltkrieg gepostet. Mein erster Reflex: Problematisch. Das Abkulten von Naziaufmärschen unter dem Deckmantel des historischen Interesses stößt mich zutiefst ab. Menschen gruseln sich gern, aber es gibt eine Grenze. Ich schaue genauer hin. Beiträge müssen freigegeben werden. Der Ton bleibt auch in den Kommentarspalten zumeist sachlich und unpolitisch. Das spricht für eine saubere Arbeit der Administratoren. Wünsche ich mir manchmal etwas mehr Einordnung? Ja. Aber schließlich hat auch niemand behauptet, dass hier Journalisten oder Historiker am Werke sind. Die Beiträge macht die Community. Keine Kritik.

Okay. Der erste Riecher, der mich überhaupt zu diesem Text veranlasst hat, war falsch. Zugegeben. Trotzdem habe ich ein Problem. Ich kann es nur nicht greifen. Ein Satz schießt mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich als stiller Beobachter durch die vielen, vielen Kommentare streife:

„Früher war alles besser.“

Er schwebt über allem, was hier passiert und artikuliert sich in zahllosen kleinen, unbedeutenden Momenten. Damit habe ich ein Problem. Die allermeisten Fotografien sind analog und in der Regel älter als 30 Jahre. Damals: Das könnte z.B. 1998 sein, als Datenautobahn-Witze noch originell und Helmut Kohl Bundeskanzlerin war. Nicht nostalgisch genug? Für mich schon.

Die Welt ist in den letzten 20 Jahren verdammt komplex geworden. So sagt man mir. Ich kann es nicht einschätzen. Ich habe keine Erinnerungen an eine Zeit, vor Nokia-Handys und Heimcomputern, vor freiem Reisen und Regensburg Arcaden, keine Sehnsucht nach einer einfacheren Welt. Wobei: Schön war das ja schon. So ohne Smartphones, ohne Corona-Ansagen im Supermarkt. Wenn ich das Jetzt verdrängen will, schaue ich die Wirtshaumusikanten – auf meinem Smart TV. Oder ich lasse es bleiben.

Bin ich schon so zynisch, dass ich Menschen ihr Interesse an Stadtgeschichte vorwerfe? Nö. Aber ich wünsche mir ein bisserl weniger Romantisieren, ein bisserl mehr Vorfreude und Offenheit in Richtung Zukunft. Das hat die Gruppe bei mir getriggert. Da kann sie vermutlich noch nicht mal was dafür.

Ich klappe den Laptop zu und trinke den letzten Schluck extra importiertes Regensburger Bier direkt aus der Flasche, lege mich in mein Münchner Bett und fahre noch ein Runde Karussell. Schön war das ja schon, damals mit der Oma auf der Dult.

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Kommentare (1)

  • Mr. T.

    |

    Ja mei, das Romantisieren der guten alten Zeit gibt halt vielen etwas Sicherheit zurück, die sich mittlerweile etwas verloren vorkommen und meinen, die Welt würde sich schneller drehen, weil sie nicht mehr mitkommen.

Kommentare sind deaktiviert

drin