SOZIALES SCHAUFENSTER

Kolumne

HEIMKOMMEN #6: Betreten verboten!

Heimatstolz. Heimatsound. Sogar Heimatministerium. Kaum ein Begriff wurde in den vergangenen Jahren so sehr missbraucht wie das Dahoam. Flo Neumaier ist Nachwuchsautor, Humorazubi beim Fernsehen und Regensburger a.D. – Für regensburg-digital schreibt er ab sofort regelmäßig über seine Besuche, sein Heimweh, sein Regensburg.

Man kann mir heute viel unterstellen, einiges vorwerfen. Ich werfe mir selber einiges vor. Mein Ziel war es konstruktive Meinungsbeiträge zu schreiben. Argumente abzuwägen und natürlich zu unterhalten. Aber heute bin ich wütend. Wütend auf eine verlogene Diskussion, auf scheinbare Argumente, auf Positionen, die keine sind und auf einen Generationenstreit, der mit schmutzigen Mitteln geführt wird. Ich bin enttäuscht. Enttäuscht von einigen Regensburger Bürgern, enttäuscht von den Stadträten und unserer Oberbürgermeisterin und von mir, dass ich so entwaffnet vor meiner eigenen Fassungslosigkeit stehe. Aber von Anfang an: Es geht um die Jahninsel.

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Aprilwetter. Ich stehe vor der Wurstkuchl und rauche. Es hat geschneit, es hat geregnet, aber jetzt ist es schön. Neben mir eine Miniatur der Stadt. Kleine bauklotzgroße Gebäude, keine Menschen. Nur Fassade. Und Ruhe. Ich asche ab.

Mich zieht es immer und ständig nach Regensburg, nicht nur, weil ich hier geboren bin, sondern weil Regensburg eine unfassbar liebenswerte Stadt ist. Sie breitet ihre Arme aus und sagt: Hier darfst du sein. Jeder, der schonmal in Niederbayern war, weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.

Verantwortlich dafür ist das gute Zusammenleben der Regensburger Bürgerinnen und Bürger, die gegenseitige Rücksichtnahme. Überall, wo Menschen zusammenleben, müssen die Bedingungen ausgehandelt werden, man schließt Kompromisse.

Das ist jetzt vorbei. Regensburg hat sich entschieden, den schwächsten Teil der Stadtgemeinschaft aus ihrem grünen Herzen zu schneiden. Jeder Regensburger sollte sich dafür schämen.

Das nächtliche Betretungsverbot ist falsch. Alles in mir rebelliert gegen diese Entscheidung. Ich will versuchen, meine Gedanken trotzdem an den „Argumenten“ festzumachen. Das bin ich dem rationalen Teil in mir schuldig.

Es ist ein Trauerspiel. In vier Akten.

Akt (1) Müll.

Wer auf die Jahninsel feiert und seinen Müll liegen lässt, handelt in hohem Maße unanständig. Das gehört individuell sanktioniert, nicht generell. Dass ausreichend Mülleimer da sind, dafür hat die Stadt zu sorgen. Aber den Menschen, die das Betretungsverbot wollen, ist der Müll egal. Seien wir ehrlich. Er springt sie weder an, noch frisst er sie auf. Müll verursacht keine Ruhestörung. Das ist ein vorgeschobenes Argument und mit Verlaub: Völliger Blödsinn.

Akt (2) Lärm.

Hier kommen wir der Sache schon näher. Es geht um Rücksichtnahme. Ich gebe zu, ich konnte Lärm nie nachvollziehen. Ich kann hervorragend neben einem Presslufthammer schlafen. Es gibt Menschen, die können das nicht. Das habe ich zu akzeptieren. Was wäre gegenseitige Rücksichtnahme? Zum Beispiel die konsequente Einhaltung einer Nachtruhe, die das Verbot elektronisch verstärkter Musik ab 24.00 Uhr bedeutet. Aber auch Anwohner haben Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse ihrer Mitbürger. Ein Betretungsverbot aufgrund von Lärm ist unverhältnismäßig und im eigentlichen Wortsinn asozial. Wo Menschen zusammenkommen gibt es Geräusche. Wo es keine Geräusche gibt, ist Ödnis und Langeweile. Wer in Ödnis und Langeweile leben möchte, findet sicher ein hübsches Sacherl im bayerischen Wald.

Akt (3) Weichere Regeln wurden nicht beachtet.

Natürlich nicht. Die Durchsetzung von Regelungen gegen junge Menschen ist nicht deren Aufgabe. Das ist Aufgabe der Stadt. Jeder von uns wird individuell an seinen Taten gemessen. Pauschal alle zu bestrafen ist der Move einer überforderten Stadtspitze, die keine Lust hatte, sich über differenziertere Maßnahmen Gedanken zu machen oder Kompromisslösungen auch durchzusetzen. Im besten Fall fehlt es an kreativen Köpfen. Im schlimmsten Fall handelt es sich um Faulheit. Das einzuschätzen, dafür fehlt mir die Grundlage.

Letzter Akt (4): Corona

Liebe Befürworter eines Betretungsverbots, liebe Stadt Regensburg.

Wie könnt ihr im zweiten Jahr einer globalen Pandemie, in der junge Menschen auf alles verzichten, um alte Menschen zu schützen, den Jungen einen ihrer letzten Freiräume nehmen. Das ist nicht nur gefährlich, weil sich dann mehr Menschen in Innenräumen treffen, es ist ein fatales Signal an alle, die sich keine Altbauwohnung an der Donau, kein Menü im Storstad leisten können.

Die Suche nach einer Ersatzfläche am Stadtrand ist eine Frechheit und unterstreicht den Eindruck, dass das eigentliche Ziel ist, junge Menschen aus dem Stadtbild zu entfernen. Eine richtungsweisende Entscheidung. Wenn das ein Trend wird…

Es geht schließlich nicht um irgendeine Wiese. Es geht schon rein geographisch um das Herz der Stadt. Das war in Regensburg immer laut und lustig und bunt und frei. Wer das verbieten will, vergreift sich an allem, was Regensburg für mich ausgemacht hat. Wer sehen möchte, wie lebenswert eine tote Innenstadt ist, der kann nach Landshut, Passau, Dingolfing, Straubing oder Cham schauen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Wollt ihr das wirklich, liebe Regensburger? Oder lassen wir das Herz Jahninsel wieder schlagen und verdammt nochmal ein bisschen Freude verbreiten in dieser grauen Zeit.

Ich habe jedenfalls keine Lust, dass Regensburg in ein paar Jahren dasteht wie die Miniaturversion vor der Wurstkuchl. Grau, trist und menschenleer.

Nicht dass es eine Rolle spielen würde. Aktuell gilt die Ausgangssperre. Ich muss mich also sputen, um rechtzeitig wieder Drinnen zu sein. Gut, dass ich trotzdem etwas tun kann. Verschiedene Regensburger Organisationen haben eine Online-Petition gegen das Betretungsverbot ins Leben gerufen.

Ich bin emotional. Das ist mir bewusst. Ich bin verletzt. Warum? Der Titel dieser Kolumne ist Heimkommen. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt in einem Teil meiner Heimat nicht mehr willkommen bin.

Den Link zur Petition gibt’s übrigens hier.

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Kommentare (14)

  • Erzieher*in

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    Sehr treffender Beitrag!

    Mir geht es genauso, ich bin wahnsinnig wütend und erschrocken mit was für einer Selbstverständlichkeit inzwischen Stadträt*innen massivste Grundrechtseinschränkungen verabschieden weil einige wenige geldige, rücksichtslose, egoistische, alte Bewohner*innen dieser Stadt alle unter 30 jährigen am liebsten aus dieser Stadt verbannen würden!

    Mit derartigen Entscheidungen vertritt die graue Koalition nicht die Interessen der Mehrheit, von einer autoritären, rückwärts gewandten Amigo- CSU erwarte ich nichts anderes.
    Schämen sollte sich eine SPD, insbesondere wenn man sich anschaut, dass auch ein Brucker von der AfD dem Antrag zugestimmt hat, mir fehlen da wirklich die Worte.

    Ich hoffe alle Betroffenen merken sich ihr Leben lang wie man mit uns als Jugendliche und junge Erwachsene umgegangen ist und macht bei diesen Parteien nie mehr ein Kreuz!

  • Mr. T.

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    101% ACK

    Bin schon gespannt auf Charlottes Rant!
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  • xy

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    E heißt im Text: “Pandemie, in der junge Menschen auf alles verzichten, um alte Menschen zu schützen”

    Die Pandemie geht uns alle an. Eine Spaltung der Gesellschaft in “Junge” und “Alte” ist nicht hinnehmbar, so “jung” und noch unverständig der Autor auch immer sein mag. Jeder hat einen Platz in dieser Gesellschaft und Solidarität ist keine Einbahnstrasse!

  • Jonas Wihr

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    Der “Humorazubi beim Fernsehen” muss noch viel lernen, schein wohl ganz am Anfang seiner Lehrzeit zu stehen.

  • Joachim Datko

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    Ganz schön diskriminierend unterwegs, die “Erzieher*in” (Kommentar von 13:20 ).

    Zitat: […] weil einige wenige geldige, rücksichtslose, egoistische, alte Bewohner*innen dieser Stadt alle unter 30 jährigen am liebsten aus dieser Stadt verbannen würden! […]”

    Als ich jung war, gab es auch Menschen, die rücksichtslos Lärm gemacht haben. Sie zählen jetzt zu den Alten, die in der Regel Ruhe brauchen. Heutzutage weiß man, dass Lärm nicht nur störend ist, sondern sogar krank macht. Umso mehr müssen wir darauf achten, dass die rücksichtslosen Zeitgenossen in die Schranken gewiesen werden. Man ist nicht egoistisch, wenn man einigermaßen ruhig leben möchte. Das wollen auch viele von den jüngeren Menschen. Ich war schon in der Jugend äußerst lärmempfindlich. Diejenigen, die Freizeit-Lärm produzieren, sind rücksichtslos und schaden auch der eigenen Gesundheit.

  • R.G.

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    @Joachim Datko
    Gerade weil ich zu den Menschen gehöre, die nie laut herumgegrölt, und keine laute Musik konsumiert haben, muss ich Ihnen heftig widersprechen.
    Ewig schweigen, wie Halbtote umgehen, kann im gleichen Maße krank machen wie Lärm und Juchheißassa.
    In Alpenstaaten gab es vor einigen Jahren eine länderübergreifende Studie an Kindern, vor und nach Musikunterricht und Beitritt zur Ortsmusik oder einer Band – in den meisten Fällen war das am Land die Blaskapelle.
    Es besserten sich auf das Kollektiv hin gesehen, die Noten in den mathematischen Fächern am allerstärksten, in den anderen mittelmäßig. Sie wissen, Blechinstrumente hauen einem durch die Lautstärke die Ohren beinahe um’s Gesicht, und doch half sie. Früher wurde im Wirtshaus am Ortsrand oder im Vereinsheim geprobt, diese Möglichkeiten gibt es heute nicht mehr. In der Kirche stand der Chor häufig neben der Orgel, er musste gegen das mächtige Instrument ansingen und es war ganz normal zum Gefallen Gottes.
    Die Arbeit erzeugte noch richtig selbstgemachtes Brüllen – ich erinnere mich an eine asiatische Stadt, wo die Zeit wie in unseren Sechzigern oder Siebzigern stehengeblieben schien; wir konnten den Ort mit seinen Handwerkslärm hören, lange ehe wir ihn sahen. Einen heißen Sommertag verbinde ich seit dort mit Glück, den schrillen Stimmen spielender Kinder, Gedudel aus der Jukebox und lautem Wind, untermalt von Zigarilloduft oder Lagerfeuergeruch. So wäre es früher bei uns gewesen, bestätigten mir die Nachbarn.

    Man könnte ewig so fortsetzen, als ehrlicher Mensch.
    Ich bin der Meinung, dass die Motive Neid, Geiz und Habgier die Aggressivität der “Habenden” gegen die Jugend zum Teil besser erklären können, als eine Argumentation mit Lautstärke.
    Wenn man Jugendlichen, wie das Sprichwort so schön sagt, das Weiße in ihren Augen nicht gönnt, lässt man die Situation erst bewusst eskalieren bis zur Unaushaltbarkeit, um dann alles verbieten zu können.
    Ja, Menschen brauchen Räume für manchmal lautere Musik, sie müssen den gemäßigten Umgang mit der kultureigenen Droge erlernen – dass ich nichts davon konsumiere, hilft ihnen beim Maßhalten nicht.

    Übrigens erwartete ich nach der Ablehnung des Radlfahrer- Exklusivstegs, weil unter anderem mit der Minderung der Freizeitqualität in den zentralen Grünräumen am Wasser argumentiert worden war, als Retourkutsche eine Vertreibung der Jungen aus dem Stadtbild.
    Man treibe es nur weiter so, dann wird es gehen wie beim Rattenfänger von Hameln, der die besitzlosen Zweit- und Drittgeborenen, wahrscheinlich in der Funktion eines Werbers nach dem entvölkerten Ungarnland , zum Fortgehen bewog.
    Das war doch keine Lösung für die Leute im Ort.

    Ich wünsche allen ohne Herz für die Jugend, dass sie im Pflegeheim – mangels noch in der Stadt gebliebener Jüngerer – von TattergreisInnen gepflegt werden, so schlecht diese es halt können.

  • Joachim Datko

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    Nicht eskalieren, sondern Rücksicht nehmen!

    Zu R.G.16:06 “Ewig schweigen, wie Halbtote umgehen, kann im gleichen Maße krank machen wie Lärm und Juchheißassa.”

    Es geht nicht darum, “ewig zu schweigen”, davon ist nicht die Rede, sondern um Lärm.

    Zu R.G.16:06 “Ich wünsche allen ohne Herz für die Jugend, dass sie im Pflegeheim – mangels noch in der Stadt gebliebener Jüngerer – von TattergreisInnen gepflegt werden, so schlecht diese es halt können.”

    Wenn man sich Lärm verbittet, bedeutet das nicht, dass man kein Verständnis für die Jugend hat. Auch Sie versuchen alte Menschen zu diffamieren.

    Es ist ein berechtigtes Interesse, sich Lärm zu verbitten. Das habe ich auch schon in jungen Jahren gemacht. Wenn ich auf einen Fehler hingewiesen werde, bedanke ich mich und korrigiere mein Verhalten unabhängig vom Alter desjenigen, der mich darauf aufmerksam macht.

  • Jonas Wihr

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    Es gibt kein Recht auf Rausch! Hatte einmal drei Minderjährige, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, eher jünger, vor dem Fenster meiner Wohnung in der Altstadt. Nachts um halb drei. Ferienbeginn. Alle drei sternhagelvoll, das Mädchen, die zwei Jungen, alle je mit Sektflasche “bewaffnet”. Grölen, Jammern, Weinen, Lachen, Wimmern, Brüllen, Notdurft, Erbrechen – das volle Programm. Nach zwei vergeblichen Anrufen bei der Polizei, bat ich die Jugendlichen nach Hause zu gehen. Ich alter Nazi solle ins Alterheim gehen, war die Antwort. Nun ja. Texte wie die des “Humorazubis” schüren weiter die Annahme, in Regensburg Altstadt dürfe man sich jederzeit und überall aufführen wie der Rotz am Ärmel. Eine Argumentation, die Polizei und Stadtverwaltung längst ebenfalls übernommen haben. Und dann immer das Idioten-Argument, wem es zu laut ist, der solle halt wegziehen.

  • Mr. T.

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    Da sind einige wohl wieder zu faul oder aus anderen Gründen nicht in der Lage den Artikel zu lesen, den sie kommentieren.
    Darf ich den “Humorazubi” zitieren?
    “Was wäre gegenseitige Rücksichtnahme? Zum Beispiel die konsequente Einhaltung einer Nachtruhe, die das Verbot elektronisch verstärkter Musik ab 24.00 Uhr bedeutet. Aber auch Anwohner haben Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse ihrer Mitbürger. “

  • Jonas Wihr

    |

    Richtig, Mr. T. Aber wie wollen Sie die “konsequente Einhaltung” erzielen? Ordnungsdienst und Polizei sind dazu nicht in der Lage, teils auch nicht willens. Ich weiß nicht, ob Sie je versucht haben, mit Betrunkenen zu diskutieren? Da ist jegliches Argumentieren sinnlos.

  • Mr. T.

    |

    Jonas Wihr, erzählen Sie mir nichts von betrunken diskutieren, das mach ich fast schon berufsmäßig.
    Ein Verbot weil man zu blöd oder bequem ist, geltende Regeln durchzusetzen, ist auf jeden Fall ein gesellschaftliches Nogo. Damit bricht man Dämme. Was kommt als nächstes? Fahrverbot um Falschparken zu verhindern? Ausgangssperren um Kontakte zu verhindern? OK, langsam wird’s absurd…

  • Piedro

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    @Jonas Wihr
    Was gäbe es dann da zu diskutieren? Wieso sollte das Ordnungsamt bei Verstößen überhaupt diskutieren? Und wieso ist das überhaupt ein Argument? Das Reglement ist durchzusetzen. Eh nur gegen eine Minderheit. Da sind O-Amt und Polizei nicht zu in der Lage? Interessant. Nicht willens… das mag sein, wäre aber nicht hinnehmbar. Die Stellenbeschreibung lautet vermutlich nicht spazierengehen im Stadtgebiet. Ich finde Ihre Argumentation stellt das Betretungsverbot eher in Frage als es zu stützen.

  • Piedro

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    @Mr. T.
    “Jonas Wihr, erzählen Sie mir nichts von betrunken diskutieren, das mach ich fast schon berufsmäßig.”
    DER war gut!

  • Christoph Ecklinger

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    “Das nächtliche Betretungsverbot ist falsch. Alles in mir rebelliert gegen diese Entscheidung.”

    Quertreiber!
    Demokratiefeind!
    Verfassungsfeind!
    Rechter!
    N…!

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drin