Gedenkweg für die Opfer des Faschismus

Opfer und Täter beim Namen nennen


Der Gedenkweg für die Opfer des Faschismus am 23. April: Über viele Jahre ein spaltendes Regensburger Politikum. Hier die Kirchen und die Bürgerlichen, dort die Gewerkschaften und die Linken. Am gestrigen Dienstag wurde der Gedenkweg zum fünften Mal über weltanschauliche und politische Grenzen hinweg gemeinsam begangen. Zumindest fast.

Das Frontbanner beim Gedenkweg. Foto: Bothner.

Zum ersten Mal muss Josef Chaim Bloch nicht auf den Bürgersteig oder die Straße ausweichen, sondern kann seine Worte beim Gedenkweg für die Opfer des Faschismus in Regensburg direkt aus dem kleinen Lichthof der neuerbauten Synagoge an die etwa 250 Anwesenden richten. Viel zu sagen hat der Rabbiner allerdings nicht. Noch bevor die letzten Gedenkwegteilnehmer vor dem jüdischen Gotteshaus Am Brixener Hof eintrudeln, ist seine zweiminütige Ansprache schon zu Ende. Bloch sieht in der Synagoge „ein Denkmal für das Nichtvergessen“ und dankt allen, die ihre Errichtung ermöglicht haben. An gleicher Stelle wurde am 9. November 1938 der Vorgängerbau von Nazis niedergebrannt.

Auch in diesem Jahr startet der zum fünften Mal über weltanschauliche und politische Grenzen hinweg gemeinsam durchgeführte Gedenkweg am ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof. Nach jahrelangem Tauziehen um ein würdiges Gedenken, befindet sich seit letztem Jahr eine Gedenktafel direkt am Gebäude. Währenddessen dient der Gedenkstein schräg gegenüber Eisessenden als Sitzgelegenheit und Radfahrern als Fahrradständer.

Zwischen Gegenwart und Erinnerung

Bürgermeister Jürgen Huber und Hans Simon-Pelanda (ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg) sprechen unter dem Bogen zwischen Colosseum und Raiffeisenbank (auf deren Gelände ich einst die Stadtamhofer Synagoge befand). Während Huber in seiner Ansprache die Gegenwart in den Blick nimmt und das Erstarken von Rassismus und Antisemitismus und eine seit 2015 „neue und bis dahin nicht gekannte Form des Hasses gegen Menschen auf der Flucht“ kritisiert, thematisiert Simon-Pelanda vor allem die Erinnerung.

Opfer und auch Täter sollen beim Namen genannt werden und so nimmt er SS-Oberscharführer Ludwig Plagge exemplarisch in den Fokus, der nach Erzählungen von Auschwitz- und Colosseum-Häftling Tadeusz Sobolewicz, vielen KZ-Häftlingen als „das personifizierte Schreckerlebnis“ galt. Als einer der grausamsten Aufseher überhaupt. Nach einer Mordkarriere in mehreren Konzentrations- und Vernichtungslagern kam Plagge im März 1945 schließlich als Lagerführer ins Colosseum. 1948 wurde der Kriegsverbrecher nach dem Krakauer Auschwitzprozess hingerichtet.

Forderung nach Gedenktafel auf Polizeigebäude

Luise Gutmann fordert eine Gedenktafel auf dem Polizeigebäude im Minoritenweg. Foto: Bothner

NS-Täter rückt an der Abschlussstation des Gedenkwegs auch Luise Gutmann (VVN-BdA) ins Zentrum ihrer Rede. Am Dachauplatz erinnert sie zunächst an die Demonstration am 23. April 1945 zur kampflosen Übergabe der Stadt an die vorrückende US-Army. Polizeidirektor Fritz Popp habe die Polizei damals unmissverständlich zur Niederschlagung der Proteste mobilisert: „Alles raus, der Dreck muss weg!“ In der Folge des Demonstrationsgeschehens wurde der pensionierte Polizist Michael Lottner noch am gleichen Tag in der NSDAP-Kreisleitung erschossen. Er bat die Menge Domprediger Johann Maier zuzuhören.

Maier, der „die Obrigeit“ um eine kampflose Übergabe der Stadt bitten wollte und Lagerarbeiter Josef Zirkl wurden tags darauf auf dem Moltkeplatz (heute Dachauplatz) gehängt. Zuvor verurteilte ein „Scheingericht, bei dem das Urteil schon feststand“ (Gutmann), unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Johann Josef Schwarz, die beiden in Zimmer 114 der damaligen Gestapo-Zentrale im Minoritenweg (heute Polizeiinspektion Süd) wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Gutmann schließt mit der Forderung nach einer öffentlichen Gedenktafel am Gebäude und einer Gedenkvitrine in Zimmer 114 zur Erinnerung an die Ereignisse.

Rolle der Gestapo-Leitstelle „bisher unerforscht“

Ein ähnliches Modell wird im „Konzept für eine Gedenk- und Erinnerungskultur der Stadt Regensburg“, das von Jörg Skriebeleit, Mark Spoerer und Heike Wolter im städtischen Auftrag erarbeitet und im vergangenen Jahr im Stadtrat vorgestellt wurde, angeregt. Dort wird nicht nur festgehalten, dass „die Regensburger Gestapo-Leitstelle in ihrer Gesamtheit bisher unerforscht“ sei, obwohl sie „als Repressions- und Verfolgungsinstanz für den Regierungsbezirk Niederbayern / Oberpfalz eine zentrale Rolle“ spielte, sondern auch in Verknüpfung mit dem benachbarten Historischen Museum ein Ort sein könnte, „museale oder mediale Präsentationen“ von Tätern und Opfern einzurichten. „Wie an keiner anderen städtischen Institution [lässt sich an der Gestapo-Leitstelle] Täterschaft studieren und veranschaulichen“, heißt es in dem Konzept.

Für den erschossenen Michael Lottner hat die IHK Regensburg ebenfalls am gestrigen Dienstag eine Gedenktafel eingeweiht. In ihrem Haus befand sich damals die NSDAP-Kreisleitung.

Wie gemeinsam ist das Gedenken?

An weiteren Stationen des knapp zweistündigen Gedenkwegs für die Opfer des Faschismus wird auch den Zeugen Jehovas und der sogenannten „Neupfarrplatzgruppe“ gedacht. Beide stehen für weltanschauliche beziehungsweise politische Opposition zum Nazi-Regime.

Vor dem Dom stellen der evangelische Dekan Eckhard Herrmann und der katholische Generalvikar Michael Fuchs in ihren kurzen Beiträgen insbesondere auf göttliche Gnade ab. Herrmann trägt das „Versöhnungsgebet von Coventry“ vor, das den „Vater“ (für alle) um Vergebung bittet. Fuchs lobt Johann Maiers „christlichen Bekennermut“. „Möge Gott diese drei [Maier, Zirkl und Lottner] und alle anderen Opfer des Nationalsozialismus in seine Arme nehmen und an sein ewiges Herz drücken“, so der Generalvikar. Was auffällt: Die politischen Beiträge nennen Opfer und auch Täter explizit beim Namen, während die geistlichen Redner auf Täternennung unisono verzichten.

Ein Flugblatt, das am Rande des Gedenkwegs verteilt wurde. Foto: om

Eine etwas andere Täter-Opfer-Diskussion wird auch am Rande der Veranstaltung geführt. Ein verteiltes Flugblatt fragt, ob die Kirche, „die bruchlos in der Tradition von NS-Kollaborateuren“ stehe, überhaupt ein geeigneter Gedenkpartner sein könne. Das gemeinsame Gedenken ist nach jahrelangem Ringen vielleicht doch nicht so eine Einheit, wie sie Jürgen Huber in seiner Eröffnungsrede noch gelobt hatte. Die CSU jedenfalls blieb der Veranstaltung fern.

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Kommentare (21)

  • Mathilde Vietze

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    Das Gedenken an die Opfer des Faschismus ist so wichtig, daß es höchste Zeit geworden
    ist, daß a l l e , ganz egal welcher politischen Richtung, hier an einem Strang ziehen.
    Wenn wie früher nur einzelne Grüppchen nebeneinander herlaufen, verliert das Ganze
    an Glaubwürdigkeit. Es war der katholische Stadtdekan Roman Gerl, der vehement da-
    für eingetreten ist, daß a l l e Institutionen am Gedenkmarsch teilnehmen.

  • Mr. T.

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    Es ist bezeichnend wenn hier noch jemand unbegründet fern bleibt. Und mal so rein rhetorisch gefragt: War eigentlich auch jemand von der NSAfD dabei? ;-)
    Natürlich muss die Frage gestellt werden, warum Vertreter damaliger Mittäter daran teilnehmen. Allerdings ist etwas Zeit ins Land gezogen und die aktuelle RKK scheint derzeit mit dieser Tradition gebrochen zu haben.

  • joey

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    „…Hasses gegen Menschen auf der Flucht“
    Die Fluchtfrage ist ein politischen Thema heutiger Zeit, das mit dem NS gar nichts zu tun hat.
    Wenn der NS nur eine doofe AfD gewesen wäre…

  • dünnster Künstler

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    Als Anregungen zu einer zeitgemäßen Erinnerungskultur hier: Zugänge zu „Dachauplatz-Erinnerung-Gestalten“ Aktionen, die sich 2015/2016 kritsch-konstruktiv mit den, hinsichtlich Erinnerungskultur, vollkommen belanglosen Dachauplatz-Umgestaltungsplänen auseinandersetzten:

    „SEI STILL SONST KOMMST DU NACH DACHAU“ Salzsäuregrundierung für eine buntes Straßenmalkreide-Grafitti im letzten verbleibenden Mauerfragment des alten Dachauplatzbrunnens. Die Arbeit wurde in Rekordzeit grün überpinselt. http://europabrunnendeckel.de/download/Dachauplatz_Preisverleihung/DachauplatzfotoJuni2016gr.jpg

    Ende 2016: Artikel zum Wettbewerb und seinem Ergebnis „Fontana Regina“ mit Anregungen für notwendige Erinnerungs-Anknüpfungspunkte, wie z.B.eine kleine Bibliothek im Kiosk: http://europabrunnendeckel.de/download/Versuch_Dachauplatz_Artikel.pdf

    Rollraseneinweihung am 23.April 2016: „200 Menschen allein bis zum Juli 1933 “ Misstraut den Grünanlagen“ (Heinz Knobloch) http://europabrunnendeckel.de/?p=5365

    Künstlerische Intervention in den Bushäuschen am Dachauplatz Nov 2015 anlässlich der Kunstmesse / den Platz und seine Zeichen durch zwei unterschiedlich scharfe Brillengläser sehen: http://europabrunnendeckel.de/?p=5018

    Juni 2015: „Kep`f in der Dusche“ Beitrag zum damals erstmals angekündigten Wettbewerb. Der alte Dachauplatz-Brunnen sollte laut OB Wolbergs „künstlerisch überhöht“und wenig später das „hässlichste“ Brunnen-Gestänge der Stadt entfernt werden…. http://europabrunnendeckel.de/?p=3028#dachauplatzbrunnen

  • Lothgaßler

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    Welcher Tradition folgt die CSU in Regensburg? Soll das nicht dabei sein im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine stumme Solidaritätsbekundung sein? Falls ja: An wen ist diese gerichtet?
    Ich teile Joeys Meinung, dass nicht alles mit allem vermengt werden darf. Vieles ist komplex. Leider ist das derzeitige Verhalten der EU an der nassen Grenze Mittelmeer ein komplettes Organisationsversagen, wenn nicht sogar absichtsvolle unterlassene Hilfeleistung, somit eine Straftat. Das wiederum könnte eine Mahnung und eine Parallele zum Aufstieg und zur „Machtergreifung“ der Nazis sein.

  • Eingeborener

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    In der heutigen MZ wird Bgm Hubers Rede mit den Worten zitiert ,, Die Menschen mussten fliehen,ihre Heimat verlassen. Niemand macht sich die Mühe,mit diesen Menschen in Kontakt zu treten.“
    Meint Huber sich selber ? Ich jedenfalls und viele andere machten und machen sich die M0he, in Kontakt mit Flüchtlingen zu gehen und etwas für Ihre Integration zu tun. Hier hat also der Falsche geredet.

  • Regensburger

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    @Lothgaßler
    „Welcher Tradition folgt die CSU in Regensburg?“ Dann musst Du auch die SPD und weiteren politische Parteien der Stadt Regensburg nennen.
    Ein Vergleich der Nationalsozialismus und den SS-Verbrechen mit der Flüchtlingsstrom nach Europa ist absurd und lächerlich. Das Eine hat mit den Anderen nichts zu tun.
    Aber das Schicksal und die Verschleppung von Tausenden „deutschen Kindern“ in – und nach dem II. Weltkrieg gehört auch zu den Folgen der NS Zeiten. Diese Kapitel „sollte“ aber vergessen sein und ich frage euch WARUM? Weil wir „NUR die Deutschen“ waren?

  • Martin Oswald

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    Das Zitat stimmt. Allerdings hat Huber „niemand“ klar im Kontext der Kritik an denjenigen gebraucht, die gegen Geflüchtete hetzen und das Asylrecht infrage stellen. Dass er damit wirklich „niemanden“ gemeint hat, halte ich für eine falsche Interpretation. Ich gehe davon aus, dass es tatsächlich niemand der Anwesenden anders verstanden hat. Der Kommentar ist insofern überflüssig.

  • Anna F

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    Oh mei, es warad ned Rgbg, wenn nicht eine Sache zerredet wird, die vor allem wegen dem diplomatischen Geschick von einigen wenigen (die unermüdliche Luise an erster Stelle), dem Goodwill eines aktuell Geächteten (vormals geachteter OB) und ein paar weiteren Faktoren (DGB-Gewerkschaften als Kitt – „ja, die Gewerkschaftsbonzen schon wieder!“ …) nach 30, 35 Jahren als gemeinsame Aktion zustande gekommen ist. Ich kann mich an Gedenkwege in den 90ern erinnern, wir waren teilweise 50,60 Leute, man hat sich gekannt. Am Dienstag habe ich auch noch viele gekannt, sind alle älter geworden, aber viele auch nicht. Mir ist aber schon aufgefallen, dass der Regierungspräsident da war, wohl von der CSU, der Mann, oder? Oder war er privat da (hinterm Front-Transpi, dann eher ned ;-)

  • Stefan Aigner

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    Der Regierungspräsident ist nicht bei der CSU.

  • Eingeborener

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    Von Bgm Huber als Vertreter der Stadt habe ich mir erwartet dass er sagt, was die stadt alles für die Integration der Flüchtlinge und ihren Kontakt mit den Hiesigen tut.Da ist noch viel Luft nach oben ! Stattdessen kommt von ihm laut MZ ein grosses Gejammere über wachsenden Rassismus und Resignation vieler Gutwilliger. Das ist kontraproduktiv und ein sich aus der Verantwortung stehlen der Stadt. Insofern mein Dank an @Oswald für den Hinweis, dass die Ironie meines obigen Beitrages nicht verständlich war.

  • R.G.

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    Es ist verständlich, wenn man nicht mit Menschen anderer Parteizugehörigkeit zugleich gedenkt.
    Miteinander, das funktioniert schließlich nur bei Mobbing und bei Taten gut. Oder bei Gratis- Buffets.

    Wieso gibt es eigentlich zum Gedenken kein Kaviar-Bufffet?
    Man braucht sich nicht zu wundern, dass nur das Volk kommt, wenn es nichts Gutes als Happen gibt!
    ; (

  • Hans

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    Ich hatte es zwar vom konservativen Generalvikar Fuchs nicht erwartet, aber er hatte gesagt, dass genug Kleriker das NS-Regime unterstützt haben. Auf Beten konzentriert hat sich allein (und als einziger insgesamt) der evangelische Kollege. (Verzeihen & Co)

    Hubers Rede fand ich gerade wegen des aktuellen Bezugs gut. Wie schon jemand bemerkte: Man muss nicht Alles zerreden.

    Es war wohl ein gemeinsams Gedenken, wobei halt jeder von seinem Standpunkt aus spricht. Die Standpunkte sind nämlich nicht identisch und müssen es auch nicht.

  • Martin Oswald

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    Nein, das hat Fuchs nicht gesagt. Die besagte Unterstützung der Kleriker bezog sich auf die Vertreibung der Juden vor 500 Jahren.

  • Hans

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    @Martin Oswald

    Mag ja sein – es war der erste Satz – ist dennoch mehr als Beten bzw. auf göttliche Gnade abstellen oder?

    Ein glasklares aktuell politisch antifaschistisches Statement hat man von den Kirchenleuten doch nicht erwartet?

    Der Fuchs redet da weil er muss. Eins der Verdienste der VVN und auch von Wolbergs übrigens, der bereit war das aufzugreifen. Ohne OB gäbe es das so nicht.

    Wirklich politisch wird das ganze allerdings erst im aktuellen Bezug. Huber zB. Aber auch Luises Forderung nach einer Gedenktafel bei der Polizei wird ein paar Leuten Schmerzen verursachen, die Reaktionen werden zur aktuellen Politik verbinden. Bin gespannt.

  • Hans

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    Von wem ist eigentlich das abgebildete Flugblatt?

    Man kann natürlich abwechselnd das Nichtgedenken der Kirche anprangern und dann wieder, dass sie beim Gedenken ein Podium fände.

    So dreht man sich im Kreise.
    Wie schließt sich der Kreis?

    Indem man die Kleriker gerade NICHT aus der Verantwortung läßt einerseits.
    UND kritisiert für ihre Taten! Alles zu seiner Zeit.

    Was passiert, wenn die vereinigten Antifaschisten die Katholen aus dem Gedenkweg werfen würden (in Wirklichkeit nicht ehrlich ein Thema)?
    Fröhlich wenden sie sich ab „endlich nervt man uns nicht mehr damit“.

    Wäre das Gleiche, auf eine Gedenktafel bei der Polizei zu verzichten, weil die sich Polizei auch heute oft undemokratisch gebärt.

    Aber gerade indem man so etwas verlangt erreicht man eine aktuelle politische Diskussion.

    In diesem Sinne: Gedenkweg beleben und niemals zum reinen Ritual verkommen lassen. DANN wärs ein Feigenblatt. Erst dann.

  • Nicht ohne Worte

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    Jemandem eine bestimmte Haltung zu den NS-Verbrechen zu unterstellen, nur weil er nicht an einem Gedenkmarsch teil nimmt, insbesondere ohne den individuellen Grund dafür zu kennen, ist eine unfassbar schamlose Instrumentalisierung dieser unglaublichen Verbrechen für eigene parteipolitische Zwecke. Oder wie es bei manchen aussieht auch einfach nur um sich wichtig zu machen.

    Ist beides für mich gleich verabscheuungswürdig.

    Ich bin derart angewidert von den vielen selbster- oder sogenannten Nazi-Gegnern und -Jägern, Moral- und Gesinnungspolizisten und anderem ähnlichen Gewürm, von dem es seit geraumer Zeit im ganzen Land nur so wimmelt.

    Ich hätte nicht gedacht, dass solchen Leuten auch auf RD ein Forum eingeräumt wird.

    Dass auch hier Kommentare zugelassen werden, die der Vorurteils-Hetze des damaligen Faschismus auf bestimmte Gruppen von Menschen schon sehr ähneln.

    Insofern bin ich auch von Ihnen sehr verwundert, Herr Aigner.
    Vielleicht möchten Sie das ja bei Gelegenheit einmal überdenken.

  • R.G.

    |

    @Nicht ohne Worte
    Sie meinen,
    „Jemandem eine bestimmte Haltung zu den NS-Verbrechen zu unterstellen, nur weil er nicht an einem Gedenkmarsch teil nimmt,“
    Das ist kleiner gedacht, als mein Focus sich darstellt.

    Ich sehe, woran man in einer konkreten Stadt sehr wohl teilnimmt und woran nicht, und noch präziser, ob man eine alternativlose Stellungnahme zu vergangenen Ausschreitungen gegen das Leben von ganzen Gruppen, unterlassen zu können glaubt, unter Hinweis auf individuelle Gründe, aber wo es etwas zu feiern gibt regelmäßig ins Bild drängt.

    Jeder Politiker darf als Privatperson machen, was ihm sein Terminkalender und die Einstellung gebietet, dagegen erwarte ich von Parteioberen, Vertretern weltanschaulicher Gruppen und Kirchen, ein diszipliniertes, von persönlichen Launen freies, verlässliches Gedenkverhalten.

    Häufig führe ich in neuerer Zeit vorwiegend mit Zuwanderern eine Diskussion darüber, weshalb ich mich mit der negativen Seite meines Staates vor 80, 70 Jahren auseinandersetze, obwohl eine glückliche Fügung meine Vorfahren damals vorübergehend in ein anderes Gebiet gestellt hatte.

    Ich meine, man beheimatet sich im Land wie in der Ehe, durch die Wahrnehmung von gemeinsamem Schönen und Vorteilhaften, und vom Gewicht her gleichwertig, der unverschuldet mitgebrachten Einschränkungen und Probleme.

    „Meine Heimat“ verlangt von mir Stellungnahme zu ihrer Geschichte, wie aus der Sicht eines dort Verwurzelten.

    „insbesondere ohne den individuellen Grund dafür zu kennen“
    Wie gesagt, persönliche Gründe interessieren mich nicht, wo es um offizielle Wertsetzung geht. Repräsentanten unserer Gesellschaft haben sich pflichtschuldigst um ein anständiges Gedenkverhalten zu bemühen.

    „….., ist eine unfassbar schamlose Instrumentalisierung dieser unglaublichen Verbrechen für eigene parteipolitische Zwecke.“
    Jeder nicht teilnehmenden Partei steht es frei, schon vorher zu anderer Stunde an gebotenem Ort und richtigem Datum eine ordentliche Gedenkfeier zu organisieren.

    Bloßes Schwänzen dagegen bewirkt Werteverlust.

  • Nicht ohne Worte

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    Hatten die Damen und Herren moralischen Meinungsführer „Heimat“ nicht längst abgeschafft? Oder beschränkt sich das nun einfach schlicht darauf, sich nur noch an den nationalsozialistischen Unrechtsstaat und seine Gräueltaten erinnern zu dürfen? Habe ich leider noch nicht verinnerlicht. Den neuen Heimat-Begriff.

    Ich habe im Übrigen Sie gar nicht gemeint, behalten Sie doch – soweit ich das beobachtet habe – Wertungen, jemand sei ein Nazi, wenn er irgendwo nicht auftaucht, wenigstens bei sich. Falls Sie solche Wertungen überhaupt derart leichtfertig ziehen, was ich Ihnen gar nicht unterstellt hätte.

    Wenn ich Zeitung lese, erinnere ich mich. Mit Schrecken. Und von einem Kommunalpolitiker verlange ich das auch. Aber ich muss ihn nicht kontrollieren, wie ein Kind und seine Hausaufgaben.

    Denn so schlimm das Thema ist: Wir reden hier von örtlichen Funktionsträgern und nicht von Willi Brandt. Ich will mir nicht anmaßen, einem Kommunalpolitiker oder örtlichen Funktionsträger zu verordnen, wie sich ein solcher zu erinnern hat. Das steht mir nun wirklich nicht zu. Niemand steht das zu, finde ich.

    Bei Landtagsabgeordneten und höher, gut, da lass ich über eine gelebte Erinnerungskultur bzw. ein zwingendes Statement solcher Personen durchaus mit mir reden. Aber woher wissen Sie eigentlich, wo oder ob diese Personen an Gedenkfeiern teilgenommen haben?

    Und wenn Sie trotzdem das Bedürfnis haben, ggf. auch Ihrer Meinung schlechtes Benehmen zu mahnen, obwohl Sie nicht einmal genau wissen, ob es Raum dafür gibt, kann ich Ihnen sogar das zugestehen. Und das ist auch nur das Eine.

    Das Andere ist, jemanden, der das nicht so handhabt, wie Sie das erwarten oder kontrollieren können, sofort als Nazi zu beschimpfen.
    Wie das hier einige getan haben.

    Ihre Kommentare, etwa auch diesen hier (Buffets, usw), kann ich akzeptieren.

    Nicht akzeptiere ich, dass selbsternannte Gedankenpolizisten jeden beschimpfen dürfen, der ihre paranoid braune Sauce nicht wiederkäut, die diese überall wittern.

    Und wir wissen alle, dass das übrigens nicht statt findet (im Gegensatz zu Ihnen), weil Sie die Erinnerung an diese furchtbaren Verbrechen anmahnen wollen, was ich Ihnen durchaus abnehme.

    Es findet statt, um die Gegner der Tagespolitik mit dem Stigma des Nazis zu besudeln. Es findet statt, um jede andere Meinung als die des rot grünen Umverteilers, der das Bedürfnis hat, diesen Staat für jeden zu öffnen, der hierher will und gleich ob wirklich verfolgt, auf diese Weise als Nazi mundtot zu machen.

    Die Erinnerungskultur, die Sie und ich zu Recht pflegen möchten, wird benützt, um Meinungsfreiheit zu unterdrücken.

    Und das ist meiner Meinung nach nämlich auch zwingend Teil einer vernünftigen und eindeutig notwendigen Erinnerungskultur:

    Dass man es nicht zulässt, dass diese unter anderem die Opfer der NS-Verbrechen verhöhnende Agitation stattfindet, die diese furchtbaren Verbrechen bagatellisiert und trivialisiert durch absurde Vorwürfe an alles und jeden.

    Ich finde, das schuldet man den unzähligen Opfern des Nationalsozialismus nämlich vor Allem.

    Jedenfalls wenn man wirklich um Erinnerung und Mahnung bemüht ist.
    Und nachdem auch Sie in dieser Weise bemüht sind, rate ich Ihnen an, dies vielleicht einmal zu durchdenken.

  • R.G.

    |

    @“Das Andere ist, jemanden, der das nicht so handhabt, wie Sie das erwarten oder kontrollieren können, sofort als Nazi zu beschimpfen.
    Wie das hier einige getan haben.“

    Ich musste sehr oft fragen und mich hirnlos als Nazi abkanzeln lassen, obwohl ich von ehrlichem Interesse geleitet war, bevor mir endlich jemand erklärte, was den Holocaust unvergleichlich mache. Seither verstehe ich, dass mir als nicht betroffenem Spross nichts vergleichbar sein darf, wohl aber Opfer und ihre Nachkommen Tendenzen in der Gesellschaft als vergleichbar zu der Stimmung, die sie traf, bezeichnen dürfen.

    Wo ich Ihnen absolut zustimme, ist bei der der Abscheu vor der Relativierung der Verbrechen der Vergangenheit durch eine allein einer Unterdrückung von Meinungsfreiheit dienen sollenden/wollenden „Nazikeule“, und ja, bei Grünen erlebte ich das am häufigsten.

    Als ganz junger Mensch erschloss sich mir der Sinn von Gedenktagen nicht. Durch das Elternsein sehe ich die Welt aus dem Blickwinkel der Verantwortung, Ich möchte Werte vermitteln, unter anderem durch Haltung. Öffentliches Gedenken verstehe ich deshalb inzwischen als eine Form des beispielgebenden Einstehens für wichtige Werte.

    Für mich erziehenden Menschen stellt sich ständig das Problem der besten Methode zur Vermittlung gewünschter Inhalte; eine Erkenntnis zieht sich durch, man sollte sich auf jeweils einen Inhalt konzentrieren und nicht die ganze Weltformel in jeden einzelnen Monolog ; ) packen wollen…

    Richtiger kommt mir vor, die Reduzierung auf den vereinbarten Inhalt und gleichzeitiges Heraushalten anderer, bezogen auf Gedenken, von Politikern in vielen anderen Kontexten problemlos einbringbarer Themen.

    Aus der Position der Opfer plus Nachkommen, die sonst nicht gehört werden, ist eine von ihnen verbal angestoßene Weitung unserer Sichtweisen durch sie bei einem Gedenken ein Dienst an unserer Gemeinschaft.

  • Mr. T.

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    Hier hat eigentlich niemand irgendjemanden, der nicht dabei war, als Nazi bezeichnet. Aber es wäre halt ein schönes Signal gewesen, wenn auch die CSU mit einer Abordnung offiziell teilgenommen hätte. Es muss ja nicht jeder persönlich dabei sein, auch nicht unbedingt die, die früher mit der Reichskriegsflagge im Keller das Horst-Wessels-Lied gegrölt haben.
    Und um die Meinungsfreiheit braucht sich niemand sorgen, die ist hier nirgends gefährdet und auch nicht bedroht, wenn mal jemand der geäußerten Meinung widerspricht. Auch das ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

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