Seenotrettung von Flüchtlingen

„Weil es notwendig ist“

Michael Buschheuer, Initiator der aus Regensburg stammenden Seenotrettungsinitiative Sea-Eye e.V., referierte am 29. Juni auf Einladung von CampusAsyl an der Universität Regensburg über die tägliche humanitäre Katastrophe im Mittelmeer, die Seenotrettung und die Möglichkeiten der Hilfe.

Michael Buschheuer: "Warum wir das tun? Weil es notwendig ist." Foto: om

Michael Buschheuer: „Warum wir das tun? Weil es notwendig ist.“ Foto: om

Die Idee eine Hilfsorganisation zu gründen, kam laut Michael Buschheuer eher unvermittelt und spontan. Ein Radiobericht über die Einstellung des italienischen Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum im Oktober 2014 sei hierfür initiativ gewesen. Weil andere europäische Staaten nicht bereit waren, sich an dem viele Menschenleben rettenden Programm zu beteiligen, wurde es zugunsten der von der Grenzschutzagentur FRONTEX organisierten und inhaltlich auf „Grenzsicherung“ statt auf Seenotrettung ausgerichteten Operation Triton eingestampft.

Für Michael Buschheuer war das die Initialzündung, selbst etwas zu tun. Zusammen mit anderen gründete er im Herbst 2015 die Initiative Sea-Eye, die seit Frühjahr 2016 mit einem hochseetauglichen Fischkutter vor der libyschen Küste patrouilliert, um Menschenleben zu retten.

Buschheuer berichtet vor etwa 70 Anwesenden im deutlich überdimensionierten H 24 der Universität Regensburg von der Situation im Mittelmeer, die sich in der letzten Jahren deutlich zugespitzt habe, die Ziele und Tätigkeiten der Organisation Sea-Eye und inwiefern Unterstützung möglich sei.

Im Jahr 2015 sind im Mittelmeer durchschnittlich 1.000 Menschen täglich bei der lebensgefährlichen Überfahrt des Mittelmeers gerettet worden. Die Gefährlichkeit ergebe sich vor allem durch die Boote, die nicht nur untauglich für eine tagelange Seefahrt, sondern oftmals auch völlig überladen seien. Akteursübergreifend bestehe hierbei die Einigkeit, dass es sich bei den (von der libyschen Küste kommend meist Schlauch-)Booten per se um Seenotfälle handle, so Buschheuer.

Mit der Situation nicht abfinden

Aufgabe von Sea-Eye sei es in erster Linie Boote aufzufinden, mit Rettungswesten und Verpflegung das Überleben der flüchtenden Menschen zu sichern und entsprechende Notrufe an professionelle Stellen abzusetzen.

Unaufgeregt und sachlich schildert Buschheuer den Alltag der Crew und bisherige Rettungsaktionen. Es klingt, als sei es eine Selbstverständlichkeit sich mit einigen anderen Ehrenamtlichen einen alten Fischkutter in Rostock zu besorgen, ins Mittelmeer zu fahren und Ausschau nach Menschen zu halten, die zusammengepfercht auf Schlauchbooten dem wahrscheinlichen Ertrinkungstod entgegen schippern. Für Buschheuer scheint es als moralische Verpflichtung tatsächlich eine Selbstverständlichkeit zu sein. Mehrfach betont er, dass die Seenotrettung notwendig sei. Es könne nicht sein, Menschen wissentlich, aber tatenlos ertrinken zu lassen. Damit dürfe man sich nicht abfinden, weil es durch nichts zu rechtfertigen sei.

Falsch sei demnach auch, so Buschheuer, die Seenotrettung mit Integrationsproblemen und anderen gerne in einem Atemzug genannten Debatten zu verknüpfen, weil dies der Brisanz der unmittelbaren Bedrohungslage der Bootsflüchtlinge nicht gerecht werde. Für die Rettung sei es unerheblich, wie jemand in diese Situation geraten sei oder ob es Aussicht auf Asyl in Europa gebe. Zunächst gehe es um die Rettung von Menschenleben. Buschheuer verdeutlicht dies anhand einer Analogie: „Die Feuerwehr fragt auch nicht nicht, ob der Bauer den Scheuenbrand selbst verschuldet hat. Sie löscht!“ 

Die Crew der Sea-Eye. Allein im letzten Monat haben sich rund 170 Freiwillige gemeldet.

Die Crew der Sea-Eye. Bis jetzt haben sich etwa 280 Freiwillige gemeldet.

„Wir brauchen das Geld jetzt!“

Nach eigenen Angaben habe Sea-Eye bis jetzt 2.652 Menschen aus Seenot gerettet. Um das weiterhin sicherstellen zu können, sei man selbstverständlich auf Geldspenden angewiesen (zwischen 1.000 und 1.500 Euro kostet ein Einsatztag). Geld werde jetzt gebraucht, zumal ein schnelleres Boot benötigt werde. Der jetzige Fischkutter fahre lediglich acht Knoten, um flexibler und verlässlicher einsatzfähig sein zu können, werde jedoch ein Boot mit einer Geschwindigkeit von mindestens mehr als 20 Knoten benötigt. Aktuell scheint Sea-Eye ein 38-Knoten-Boot für ein schnelles Eingreifen gefunden zu haben. 

Ein schnelles Boot für Sea-Eye. Foto. sea-eye-org

Ein schnelles Boot für Sea-Eye. Foto: sea-eye-org

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Kommentare (9)

  • joey

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    „Für die Rettung sei es unerheblich, wie jemand in diese Situation geraten sei oder ob es Aussicht auf Asyl in Europa gebe“.
    Richtig, die Rettung der Leute hier im Wasser muß ohne wenn und aber erfolgen. Danach muß man sich aber fragen, wie man verhindert, daß sich gleich anschließend wieder jemand grob fahrlässig oder sogar vorsätzlich in Seenot bringt. Denn es ist Fakt: wer an Bord eines Schwimmkörpers im Mittelmeer ist, kann in der EU bleiben.

    Wer diese Diskussion nicht führt, verlängert die verlogene Politik des Wassergrabens Mittelmeer, wo nicht die/derjenige Asyl erhält, der den größten Bedarf hat, sondern der, der einer Mafia am meisten Geld gezahlt hat: für die besten Falschpapiere und das „beste“ Boot. Selbstverständlich steigen die Preise zum Marktgeschehen, hier geht es nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Brutalkapitalismus. es wird abgeschöpft, was geht.

    Die Feuerwehr definiert nämlich schon Brandschutzvorschriften, um Brände zu verhüten, der Vergleich hinkt schwer.

  • Lothgaßler

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    Sea-Eye hat schon einmal klargestellt, dass es ihnen um die Rettung von Menschen aus Seenot geht. Das weitere Schicksal der Geretteten steht außerhalb ihrer Mission. Das ist auch besser so, denn das kann keine Hilfsorganisation managen.
    Klar ist, Europa braucht eine Antwort auf die Einreisewilligen. Derzeit mögen die Geretteten zwar in Europa ankommen, aber eine glückliche Zukunft haben sie deshalb hier noch lange nicht. Sollte Europa bzw. seine Nationalstaaten jedoch über Rückführungs- und Rückhalteverträgen mit bekannt Menschenrecht-verletzenden Staaten für weniger Einreisende bzw. Flüchtende sorgen wollen, dann wäre das auch keine Lösung. Die Menschen brauchen Perspektiven in ihren Herkunftsländern, das muss Priorität unserer Entwicklungshilfe und wirtschaftlichen Zusammenarbeit werden, auch wenn es uns im engen Sinne wirtschaftlich keinen Vorteil bringt.

    Unabhängig davon sollte Sea-Eye nicht überziehen, denn schnelle und hochseetaugliche Schiffe gibt es zuhauf, bei den Marinen dieser Welt. Sea-Eye sollte weiter Berichte aus erster Hand weitergeben, aber bitte nicht versuchen die eigene Bedeutung durch Flottenzuwachs zu steigern. Ich sehe die EU mit ihren Flotten in der Pflicht die Seenotrettung der Flüchtenden (egal ob wg. Wirtschaft oder Krieg) im Mittelmeer zu organisieren, alles andere ist Zugabe.

  • Rentnerin

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    an Joey:
    Sie sagen es richtig, ein Brutalkapitalismus.
    Andererseits ist die Rettung durch die „Sea-Eye“ eine grosse Leistung.
    Wir stellen uns immer wieder die Frage, wieso gerade jetzt.
    In vielen Staaten der ankommenden Flüchtlinge gab es auch schon vor 20 Jahren Not, Krieg und Überbevölkerung.
    Trotzdem kamen keine Flüchtlinge, oder zumindest nicht in diesen grossen Zahlen.
    Die reichen Länder gaben Jahrzehnte lang Gelder für Entwicklungshilfen aus und tun das heute noch ohne Erfolg.
    Es kann doch nicht sein, dass ganz Europa zu keiner Lösung kommt.

  • Mitdenker

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    Ich kann nicht nachvollziehen, dass die „Seenotrettung“ von Menschen aus Afrika Privatangelegenheit sein soll, eine solche Initiative ist selbst initiiert und muß dann auch selbst getragen werden. Was im Mittelmeer passiert ist EU-Aufgabe und man kann nicht verlangen, dass Spendengelder dies finanzieren sollen – wurde doch unsere Rentenkasse!! für die Entwicklungshilfe in Afrika geplündert. Das dies in den Herkunftsländern in Afrika zu keinem Erfolg geführt hat – also das Gegenteil bewirkt, sieht man jetzt und sollte zu denken geben. Weiterhin sind sie Schleppersummen für mich nicht glaubhaft; in Reportagen aus Afrika konnte man sehen, dass ein ganzes Dorf zusammenlegen mußte, um 14 € für ein Lastenfahrrad aufzubringen. Wo bitte sollen dann Tausende Dollar von Einzelnen aufgebracht werden für eine Überfahrt nach Europa. Was wird uns damit vorgegaukelt?
    Ja, Afrika und Europa müssen zu einer Lösung kommen, dass sich keine Menschen mehr auf die gefährliche Reise machen!

  • joey

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    @Mitdenker
    welche Reportagen stimmen nun: die mit den 5000€ für Schlepper oder die 14€ fürs Fahrrad?
    Oder vielleicht stimmen beide: es gibt Leute in Afrika, die haben keine 14€, aber offenbar auch eine Mittelschicht, die sich mit smartphones ausrüsten kann.

  • @joey

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    Das verstehe ich jetzt nicht ganz: in Afrika gibt es eine Mittelschicht, die nach Europa/Deutschland flüchtet, und hier ist man gerade dabei, die Mittelschicht abzuschaffen…

  • Rentnerin

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    an @Joey

    Sehr gut. Bei uns werden die Armen immer ärmer, die Reichen immer reicher.
    Als ich jung war gab es keine Tafel, keine Autos auf Kredit, keine Überschuldungen der einzelnen Haushalte, denn die Banken gaben richtigerweise keinen Kredit.
    Heute schert sich keine Politik etwas darum, wie hoch die notwendigsten Lebenshaltungskosten wie z.B. Mieten, Versicherungen und Energie sind, die ständig steigen.
    Im Grund genommen lässt der Staat einen grossen Teil der Gesellschaft im Stich und die Menschen merken es nicht einmal.
    Zur Betäubung gibt es Fussball, Fernsehen und Wochende für Wochenende überall Feste.
    Von Bildung wird geredet, aber die Selektion findet nach wie vor bereits nach der 4. Klasse statt.
    Wir können jede Partei wählen, schlechter als die jetzigen ist keine.

  • Ronald McDonald

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    „Die Feuerwehr fragt auch nicht, ob der Bauer den Scheuenbrand [sic!] selbst verschuldet hat. Sie löscht! … Gefährlichkeit durch völlig überladene für tagelange Seefahrt ungeeignete Boote, die per se [hach, wie akademisch, geradezu H 24-adäquat] Seenotfälle seien …“.

    Jaaaaaa, genau so ist es.

    Die armen Bootsinsassen werden in ihren Heimaten von ihnen übelwollenden Menschen unter brutalstem Zwang an die maghrebinischen Küsten vertrieben, dort mit brachialster Gewalt in „gefährliche für tagelange Seefahrt durch völlige Überladung und Bauart ungeeignete per se Seenotfalls-Boote“ gepfercht, und dann, man glaubt es kaum, irgendwie auf die offene See hinausmanövriert, um diese armen Menschen dort draußen auf hoher Mittelmeer-See „wissentlich, aber untätig ertrinken zu lassen“!
    Angesichts dieser Umstände ist in der Tat die durch Michael Buschheuer angeleierte „Seenotrettung notwendig“.
    Gäbe es denn diese von Herrn Buschheuer geschilderten schrecklichen Hintergrundtatsachen nicht, so könnte man leichthin dem Herrn Buschheuer den Rat geben, unterbrechen Sie Ihren Vortrag im H 24 der Uni Regensburg und setzen Sie ihn gegenüber der Uni in der Ambulanz des Bezirksklinikums fort, dort erfahren Sie dann sachgerechten Rat und Hilfe.
    Doch gerade an der Uni Regensburg war dieser aufschlußreiche und appellative Buschheuersche Vortrag nötig, wo doch sonst dort im altphilologischen Bereich ein Herr L. M. Plutarch mit dem fürchterlichen Diktum eines präfaschistischen Herrn Pompeius „πλειν αναγκη ζην ουκ αναγκη“ gelehrt wird; dessen fürchterliche menschenverachtende Aussage es nicht ohne Grund als Wandinschrift bis in die (Kriegs-)Marineschule (Flensburg-)Mürwik geschafft hat: navigare necesse est vivere non necesse est.
    Wie gut, daß sich deswegen nicht (Flinten-)Uschi v. d. Leyen mit ihren Blauen Jungs um die mittelmeerische Seenotrettung dieser armen mißhandelten Mensch kümmert, sondern dieser Michael [!] Buschheuer, der die pazifizierte Version des o. a. Sinnsprucherbes unserer präfaschistischen griechisch-römischen okzidentalen Vergangenheit praktiziert: navigare necesse est vivere non necesse est sed sine vita non navigamus.

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