Kunst, Satire oder Realität?

Löcher stopfen mit dem Bürgermeister

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Früher plädierte Jürgen Huber für Kunst am, im oder auf dem Europabrunnenerwartungsloch. Für eine Sitzung am Dienstag schlägt er jetzt vor, es mit Erdsubstrat und „zwei erhabenen Bäumen“ aufzufüllen. Nun gibt es Gerüchte, die Entscheidung darüber werde vertagt.

Ein Künstler auf dem Bürgermeister-Stuhl: Jürgen Huber. Foto: Archiv/ as

Ein Künstler auf dem Bürgermeister-Stuhl: Jürgen Huber. Foto: Archiv/ as

Endlich! Bürgermeister Jürgen Huber (Grüne) hat eine Lösung für das teuerste Loch von Regensburg gefunden: Es soll zugeschüttet werden. In einer Vorlage, die Huber am Dienstag den Stadträten im Umweltausschuss präsentieren wird, schlägt er vor, die – offiziellen Angaben zufolge – 300.000 Euro teure Brunnenerwartungsanlage am Ernst-Reuter-Platz mit Erdsubstrat zuzuschütten und dann „mit zwei erhabenen Bäume zu bepflanzen“. Kostenpunkt: 70.000 Euro. Warum es plötzlich so eilig ist, geht aus der Vorlage nicht hervor. Immerhin wird das Europabrunnenerwartungsloch nebst Holzdeckel heuer 13 Jahre alt, die ersten Planungen für einen Europabrunnen mit imposantem Glaskubus sind sogar noch einmal fünf Jahre älter.

Richtig grün: Zwei Bäume im Europabrunnen. Grafik: Stadt Regensburg

Kunst, Stadtbegrünung oder Friedl-Verhinderungsaktion? Zwei Bäume im Europabrunnen. Grafik: Stadt Regensburg

Eine Idee des vormaligen Oberbürgermeisters Hans Schaidinger aus dem Jahr 2013, dort eine Bodensprinkleranlage zu installieren hatte die neue Rathaus-Koalition im vergangenen Jahr als „zu teuer“ verworfen. „Die Priorität für dieses Projekt ist nicht besonders hoch“, hieß es damals aus Koalitionskreisen. Man wollte lieber abwarten, wie sich die neuen Verkehrsplanungen und Stadthallenpläne für den Ernst-Reuter-Platz auf das Areal auswirken, ehe man irgendwelche Tatsachen schaffe, hieß es. Eines gelang Schaidinger allerdings durch diese Planung: Der Künstler Jakob Friedl, der das Loch mehrere Jahre mit verschiedenen Aktionen bespielt hatte, wurde von dort verbannt – aller Protestnoten Friedls zum Trotz.

„Es kann sich nur um Kunst, Satire oder Realität handeln.“

Früher, als Huber noch nicht Bürgermeister, sondern einfacher Stadtrat und vornehmlich Künstler war, hatte er durchaus noch andere Vorstellungen davon, was in oder auf dem Loch passieren könnte. „Denkbar wäre auch, den Ort statt des Baus eines Brunnens zu einer Experimentierplattform für wechselnde Akteure unter künstlerischer Regie oder unter Berücksichtigung des Regensburger Künstlers Jakob Friedl auszuloben“, schrieb Huber noch im Jahr 2011. „Das Loch“, so Huber damals weiter, biete „gute Voraussetzungen für künstlerische Stadtforschung und/ oder moderne Gestaltung“. Noch im Sommer 2013 beantragte Huber namens der Grünen, einen Kunstwettbewerb für das Europabrunnenloch auszuschreiben. Schaidingers Pläne für eine Bodensprinkleranlage bezeichnete er damals als „Schildbürgerstreich“.

Umstritten: Jakob Friedl. Foto: Archiv/ as

Ein Künstler auf dem Europabrunnendeckel: Jakob Friedl. Foto: Archiv/ as

Diese hehren Ziele scheinen mit dem Amt des Bürgermeisters und der Übernahme des Umweltressorts dahin, vielleicht mögen sich Huber und Friedl aber auch einfach nicht mehr. Und so erstreckt sich nun seine Idee für eine „moderne Gestaltung“ nun auf zwei – sündteure – Bäume, die man, wenn es ganz blöd läuft, irgendwann vielleicht wieder ausgraben und verpflanzen muss. Auch das wäre ein schöner Schildbürgerstreich…

Jakob Friedl reagiert recht sarkastisch auf die Begrünungspläne für „sein“ Loch. Es könne sich „nur um Kunst, Satire oder Realität handeln“, schreibt er in einer ersten Reaktion. Vermutlich wolle Huber „mit diesem drastischen Vorgehen konstruktive Vorschläge provozieren und auf die lähmende Situation voll simulierter Sachzwänge, den tatsächlich akuten Handlungsbedarf und vorgeschützter Alternativlosigkeit aufmerksam machen“.

Entscheidung vertagt?

P.S.: Wie unsere Redaktion aus Koalitionskreisen erfuhr, soll die Entscheidung über die Bepflanzung des Europabrunnenlochs offenbar vertagt werden. Ob es dazu kommt, kann am Dienstag ab 17 Uhr bei der Sitzung des Umweltausschusses im Neuen Rathaus verfolgt werden (nur vor Ort, kein Livestream). Hier geht’s zum Sitzungskalender des Stadtrats.

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Kommentare (13)

  • semmeldieb

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    70.000.- ?? WAS?

    Ja, Sachen im öffentlichen Raum zu machen ist teuer und das ist im Grunde schon in Ordnung, da ja in der Regel ortsansässige Auftragnehmer davon profitieren.

    Aber 70.000 euro für die Verfüllung eine Loches und die Bepflanzung mit 2 Bäumen…also nee!

    Mit 50.000.- könnte man 10 sozial schwächeren Familien ein Jahr lang bei der Miete unter die Arme greifen, damit sie auch am urbanen Leben teilhaben können und dann halt statt erhabenen Bäumen ein paar nette Blümchen und zwei „normal“ Jungbäume in den Kasten pfropfen.

    oder oder oder… aber nur für die Deko…?

  • dugout

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    Da Regensburg anscheinend nicht willens oder auch nicht in der Lage ist, einen popeligen Brunnen zu bauen, gibt’s eigentlich nur eine Lösung: Zuschütten und gar nichts darauf machen! Die übrigen geschätzten 50.000 Euro an soziale Einrichtungen verteilen, BITTE!

  • hf

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    Alles was keine Sitzgelegenheiten schafft, wäre eine Farce! Und 20.000 für ein paar nette Jungbäume, die dort auch besser anwachsen dürften, als die alten bäume, müssen genügen. da hat der semmeldieb aber sowas von recht. Auch wenn 70000 immer noch weniger wären als die 120000 oder was mal für die Sprinkleranlage veranschlagt war.

  • Luchs

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    Statt der Bäume den Friedl einpflanzen und anständig mit Eichhofener (siehe Foto) gießen! Ist die billigere und lustigere Lösung. Und Holz steht dann auch rum.

  • Radlertölpel

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    @semmeldieb und dougout

    Erklärt mir mal warum dieses Loch unbedingt zugeschüttet werden muß! Hier ein Paar Fotos:
    http://europabrunnendeckel.de/slideshow.php?title=Brunnenstubeherbst2012nach2Jahren%20Stillstand&slides=download/euro/unten2012kl/

    @dogout:
    …und die übrigen 50 000€ an soziale Einrichtungen verteilen… Häng noch doch einfach noch ca vier 0 000 dran und dann reden wir über den Ernst.

    Warum denn nicht schon „jetzt“ in der Planungsphase ein ergebnisoffenes, lebendiges und kommunikatives Kunstprojekt als Kunst am Bau starten, das ist ja auch was soziales?

    Die Stadt sollte endlich Künstler, Architekten, Sozialarbeiter und Interessierte einladen und ermutigen sich den Ort in Kooperation mit der Stadtverwaltung als Experimentier“fläche“ angstfrei anzueignen.

    Nirgendwo sonst in Regensburg, lässt sich der Puls der Stadt so deutlich wahrnehmen.

    Es ist ein großer Glücksfall für die Stadt, dass der starre und repräsentative Europabrunnen gescheitert ist. Jetzt müßte man es nur noch schaffen lustvoll mit dem entstandenen Freiraum umzugehen zu können/dürfen um den Ort als Experimentierfläche für wandelbare und emotional durchlässige Architektur begreifen zu können. Mit Kunst zum Umpusten.
    Schaut mal in den Kulturentwicklungsplan!

    Der Deckel ist nun dank jahrelangem Kunstverbot vergammelt und einsturzgefährdet und mit Ihm die das Niveau der Auseinandersetzung. Hier hat man sich absichtlich einen Schandfleck mit allerlei Sachzwang-Simulationen geschaffen um mit besonders billigen Lösungen aufwarten zu können zu können.
    (So nach dem Motto: Dumpf ist Trumpf „Gut wenn der Deckel endlich weg ist! Die ganze Maxstraße ist verkackt. Zuschütten! Hurra!!“ )Hoffentlich fährt Huber diesen Karren inmitten dieses Scheißegalklimas kunstvoll in den Dreck.

    Hat er selbst die Beschlußvorlage in Auftrag gegeben? Dann ist er ein geschickter Stratege!

    Ach und weil es ganz bestimmt gleich wieder um Geld geht:
    Die verworfene Machbarkeitsstudie für die doch nicht ganz so billige Bodensprenkleranlage (200 000€??) hat auch schon mindestens 80 000€ gekostet.

    Auf der Webseite (siehe link im Artikel) habe ich als Diskussionsgrundlage einige Informationen zusammengestellt.

  • A. Hofmann

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    Brunnenerwartungsanlage

    erfüllt doch voll korrekt ihren Zweck. die erwartet heut den Brunnen immer noch so gut wie 2002…

    PS: ich bin für ein Bällebad – oder mit witterungsbeständigen Geldscheinen auffüllen, auf dass jeder einmal wie Dagobert Duck ein Geldbad nehmen kann ..

  • Regensburger

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    Typisch für Stadt Regensburg. Erst eine Idee und dann 15 Jahren nur Diskussionen und endlich eine Ausrede, dass eine oder andere politische Opposition die Pläne für „die Europabrunne“ blockiert.
    Die Maximilianstraße ist für viele Touristen ein Tor in die Stadt. Statt eine imposante
    Brunne mit (endlich) fliesende oder spritzende Wasser begrüßt die Menschen in der UNESCO – Kulturerbe ein Loch zugedeckt mit alten Bretten.
    Sollte diese Brunne Bedeckung bedeuten, dass viele Kommunalpolitiker ein Brett vor den Augen haben?
    Nicht, dass die Zeiten sich ändern, sondern die Menschen als Politiker passen sich einfach an.

  • Radlertölpel

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    OH MEIN GOTT: Jürgen Huber darf es nur Ernst meinen!
    Ausgleichspflanzungen in Substrat und Ersatzkunst- Surogat.

    26.1.2015  Mittelbayerische Zeitung:
    “Zwei Bäume sollen Brunnentorso beerben” ….Jakob Friedl begehrt auf. Jakob Friedl läuft Sturm.Jakob Friedl greift an.
    http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg/artikel/zwei-baeume-sollen-brunnentorso-beerben/1182166/zwei-baeume-sollen-brunnentorso-beerben.html

    und noch ein Kommentar der Autorin:
    Es geht um Fußball? Genau deswegen wir doch von Handball!

    http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=10067&pk=1182481

    Hier im Blog die Pressemitteilung des Fvfu-uüiUF.e.V.:
    http://europabrunnendeckel.de/?p=3387#nurvielleichteinwitz

  • Happy Tree Friends

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    Testanlage Landesgartenschau

  • Reverend Miller

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    Schon schade,
    Jürgen Huber hat sich offenbar eines besseren belehren lassen und ist von den damaligen Vorschlägen der Grünen, für einen Freiraum für temporäre Kunst, abgewichen. Man fragt sich, was seine Beweggründe hierfür waren, oder wie Kommunalpolitik funktioniert. Ist es vorrauseilender Gehorsam, wenn ausgerechnet er den Antrag stellt, oder ist er überzeugt worden, die unangenehme und peinliche Angelegenheit jetzt möglichst schnell über die Bühne bzw. unter die Erde zu bringen? Eine künstlerische Nutzung, wie sie Jakob Friedl betrieben hat, ist für die Raumplaner des repräsentativen Kongresszentrums nicht mit der Ästhetik des RKK zu vereinigen. Dabei fehlt es offenbar an der Phantasie, wie schick man so etwas lösen könnte. Man könnte etwas sehr seltenes schaffen. Ich denke da auch an den Kunstbau des Lenbachhauses in einem überflüssigen Bahnhofgeschoß´der Münchnerr U-Bahn. Mit einem Projektraum in so zentraler Lage, könnte man auch namhafte Künstler von weiter weg anziehen, und das diesbezüglich etwas schwachbrüstige Regensburg aufwerten. Es wäre ein Alleinstellungsmerkmal. Die Stadt wird den “sturmlaufenden” Jakob Friedl darauf hinweisen, dass das Mieten und Anbieten von Lehrstand für temporäre Arbeiten bereits geplant ist, und auf die Aktivitäten von Con_temporary hinweisen. Das wäre im Vergleich zu der einmaligen Möglichkeit eines zentralen, unterirdischen Museums für performative Gegenwartskunst eine ungenügende künstlerische Ausgleichsfläche. Ein leerstehendes Modehaus als Verlängerung des Weihnachtsmarktes für ein Wochenende zu bespielen, ist für Regensburg zwar schon spektakulär, bringt die Stadt aber nicht gerade in die Schlagzeilen. Die Stadt sollte sich klar sein, dass Kunst ein Standortfaktor ist und auch das RKK bereichern könnte und sich beraten lassen.

  • Europabrunnen für con_Temporary? » Regensburg Digital

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    […] Frage – der wie ein Künstler-Vendetta zwischen Jürgen Huber und Jakob Friedl anmutet – wurde, wie von unserer Redaktion bereits vermutet, am Dienstag von der Tagesordnung des Umweltausschusses genommen. Es bestehe noch […]

  • Europabrunnen: Zäune statt Bäume » Regensburg Digital

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    […] Abstimmungsbedarf“. Das ist nichts anderes als eine diplomatische Ausdrucksweise für: Der Vorschlag von Bürgermeister Jürgen Huber, zwei Bäume in den Brunnenschacht zu pflanzen, ist vom Tisch. Entgegen früherer Ankündigungen steht das Thema Europabrunnendeckel auch nicht […]

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