Serie: Eine Familie nimmt Flüchtlingskinder auf

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch (II)

Ankerkind1„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert. Teil II.

Am nächsten Tag war es so, dass Frau Leusenink mit Paul, meinem Mann, telefonierte, als ich ins Landratsamt in ihr Büro kam. Frau Leusenink, die am Vortag noch sagte, dass es eigentlich ab sofort losgehen könnte, war anscheinend erleichtert, als sie von uns erfuhr, dass es für uns egal sei, wann der Einzug bei uns wäre. Beim ersten Besuch bei uns war die Rede davon, dass das Heim in Weißhausen geräumt werden müsse. Alle Jungs müssen in einen Nachbarort umziehen. Die Syrer sollten besser diesen Umzug nicht mehr mitmachen. Nun erfahren wir, dass ein Umzug für „unsere“ syrischen Jungs gar nicht so schlecht wäre, wie angenommen. Sie wollen sich nicht von den beiden mit ihnen befreundeten Brüdern (Ahmad und Ismail) trennen. Wir könnten also unseren Weihnachtsbesuch in München ohne Probleme noch machen.

Ahmad (17 Jahre) und Ismail (12 Jahre) haben unsere beiden Jungs in der Nähe von München kennengelernt. Im Aufnahmelager standen sich plötzlich zwei Brüderpaare gegenüber. Gleich alt, aus dem gleichen Land, in der gleichen Situation. Sehr lobenswert, dass das dortige Jugendamt entschieden hat, dass die vier Jungs zusammenbleiben sollten, als sie vom Aufnahmelager aus weiter verteilt worden sind.

Das neue Jahr startet ohne neue Mitbewohner

In der Weihnachtswoche denkt Paul nach: Wir wollten keine zwei Flüchtlinge aufnehmen. Wir wollten keinen Elfjährigen aufnehmen. Für wie lange soll denn diese Bindung sein? Wollen wir wirklich noch ein Kind bei uns haben? Noch einmal die ganze Sache mit der Pubertät und all ihren Schwierigkeiten durchmachen? Also eigentlich… wer wollte das eigentlich überhaupt? Paul ruft bei Frau Leusenink an und sagt ab. Wenn die beiden Jungs auch gar nicht so richtig zu uns wollen, warum sollten wir dann etwas tun, was wir auch nicht richtig wollen?
Es startet das neue Jahr 2016 also ohne neue Mitbewohner.

Wir hatten wenigen Leuten davon erzählt, was wir vorhaben. Lisa von der Gemeindeverwaltung weiß es aber. Als sie und ihr Mann beim Neujahrs-Spaziergang vor unserem Haus auf mich treffen, fragen sie nach. Ich sage, dass wohl nichts daraus wird, aber meine Gedanken wären immer noch oft bei den beiden Jungs.

Dann in zweiten Januarwoche geschieht etwas ganz Wunderbares: Ich komme von der Schule heim und Paul fragt mich, ob ich heute Zeit und Lust hätte, nach Kragenthal zu fahren. Frau Leusenink hat angerufen und gesagt, dass die beiden anderen syrischen Brüder nun auch vermittelt wären. Das Wunderbare ist, dass Paul mir gar nicht zu sagen braucht, welche Folgen dieser Besuch hätte. Wir fahren einfach hin und ich umarme Hamza. Ich bin keine, die küsst und knuddelt. Der professionelle Abstand ist mir als Lehrerin wichtig, aber hier merke ich, dass etwas Wichtiges beginnen kann. Wir sprechen im Büro miteinander und nun geht es um praktische Fragen: Wann ist der Umzug? Woher kommen die Betten, die wir brauchen? Was müssen wir sonst noch beachten? Nach diesem Besuch gab es keine offenen Fragen, keine Zweifel mehr: Zwei fremde Menschen werden die Ergänzung unserer Familie!

17. Januar 2016: Besuch des Spielzeugmuseums, Paul meint mit Blick auf die Internetseite, dass er nur den Familien- Eintrittspreis bezahlen will. Beim Eintritt gibt es kein Problem, die Frau an der Kasse gibt uns sofort die Familienkarte. Beim Rausgehen fragt sie: Und, wo seid ihr her? „Syria“ Ah, unbegleitete Flüchtlinge, prima, ich wünsche Ihnen viel Glück…

Und nun sind sie hier… 

22. Januar 2016: Mit einem Kind und Hund mit dem Schlitten durch den Schnee. Das war zum letzten Mal vor etwa zehn Jahren so. Werde ich jünger? Hamza beim Deutschlernen: „Kannst du alle deutschen Wörtern mit der, die und das?“ Paul als er vom Einkaufen zurückkommt: „Er kannte den syrischen Zahnarzt gar nicht. Ich dachte, die beiden kennen sich schon lange, so wie sie sich begrüßt haben.“ Hamza hat sich alleine, als wir am Sonntag beim Geburtstagsbrunch in Hochstadt waren, ein Frühstück gemacht und die Schale für die Frühstücksflocken gesäubert und in die Spülablage zum Trocknen gestellt.

Er baut am Samstag und am Sonntag mit Lukas, aber auch alleine, ein Modell aus Fischertechnik, sehr konzentriert.Mit mir macht er am Samstag eine Einheit Englisch (wenig Wortkenntnis, schnell lernend, sehr langsame Druckschriftbuchstaben), eine Einheit Deutsch (sehr langsam schreiben, keine Unterscheidung zwischen Groß- und Kleinbuchstaben, macht die Übungen bis zum Ende mit), eine Einheit Mathematik (Multiplikation und Division, am Anfang langsam, dann aber immer schneller, fast keine Probleme mit den Zahlen beim Aussprechen, schreibt die vier zwischendrin „arabisch“).

Blick in den Impfpass der beiden Jungs: Alle Impfungen an einem Tag! Das hätte man wohl keinem Kind in Deutschland zugemutet. Ziad soll an das Gymnasium in Hochstadt gehen und Hamza in die vierte Klasse der Grundschule bei uns im Dorf. Da ich selbst diese Klasse unterrichte, werde ich also seine Pflegemutter und seine Lehrerin sein. Das wollte ich nie: meine eigenen Söhne unterrichten! Zum Glück ist das hier nicht mein Sohn. Professioneller Abstand ist gefragt. Das schaffe ich, da bin ich mir sehr sicher. Schließlich haben die Jungs noch eine Mutter. Ich bin das nicht!

Schlafengehen ist noch kein Ritual…

1. Februar 2016: Am Abend kommen türkische junge Frauen, die sich um die Flüchtlinge kümmern zu uns. Außerdem Blüchers mit Franka (bunt und lustig) und die beiden syrischen Pflegesöhne, Ahmad und Ismael, von Blüchers zu uns. Ein lustiger Abend in der Küche mit einer tollen Biskuit-Erdbeertorte, Käse, Fladenbrot, Kaffee und Saft, Bier für die Herren und einer Mini-Rede von Hamza: „Liebe Gäste, herzlich willkommen!“ Ismael hat eben an diesem Tag Geburtstag und Hamza auch am nächsten Tag. Die türkischen Mädchen sind humorvoll, sehr gläubig und intelligent. Es ist eine Freude, sie kennenzulernen.

2. Februar 2016: Hamza hatte heute Geburtstag. Er bekam von Harald, meinem zweiten Sohn, ein Modellauto mit Fernsteuerung, das ihm sehr gefallen hat. Mit Lukas und Ziad hat er Monopoly gespielt. Vorher hatten wir gleich zum Mittagessen eine Runde Blokus gespielt. Brettspiele und Kartenspiele haben in unserer Familie einen festen Platz und bei der Integration helfen sie auf jeden Fall. Spielregeln werden von Hamza besonders schnell aufgefasst. Ziad ist nicht so begeistert dabei, begreift aber ebenfalls sehr schnell, wenn es darum geht, ein neues Spiel zu beginnen.

Nachtrag am 16.3. 16 Eine von den türkischen Mädchen erzählte, dass ihr Hamza gesagt hat, dass er in Syrien ein ferngesteuertes Auto von seinem Onkel bekommen hätte. Klar, dass er sich besonders darüber gefreut hat. Paul schreibt „kein Problem“ auf Arabisch auf. Wir lernten viel über den Islam, über die syrischen Kriegsparteien, über Fassbomben und über die vielen Möglichkeiten mit Messer und Gabel (ein Stück Torte) zu essen. Schlafengehen ist noch kein Ritual und Aufstehen ist ziemlich schwer.

Ein Stück Bürgerkrieg in meinem Garten

Nachtrag am 16.3. nach dem Kurs (Lehrerfortbildung) über die Erziehung in muslimischen Familien: Ein Abendritual, wie es in Deutschland üblich ist gibt es in arabischen Ländern nicht. Kinder werden von den Müttern ins Bett geschickt und gut is! In der Schule will ich mit den Schülern eine Vorgangsbeschreibung erarbeiten. Es geht um ein Experiment mit Brausepulver und Essig, das einen brodelnden Vulkan simulieren kann. Dazu nimmt man Sand und häuft den Berg an. Ich will das Experiment daheim ausprobieren und gleich mit Hamza dabei Deutsch üben.

Sand haben wir nicht auf unserem Grundstück, aber jede Menge Sägespäne vom Holzplatz. Davon greife ich mir eine Schaufel voll und häufe sie auf den Küchentisch als Modell des Vulkans. Ein Metallteil, vielleicht ein Zinken von einem Rechen, ragt aus der Spitze heraus. Ziad sitzt mit am Tisch und will das Experiment verfolgen. Er nimmt das Metallteil ist die Hand. „Von wo ist das?“ seine Stimme klingt irgendwie alarmiert. Ich zucke mit den Schultern und will weiter erklären. Er: „In Syrien gab es das auch.“

Neugierig höre ich weiter zu. „Bei den…“ Ziad versucht zu erklären und dann weiß ich, was er meint: Fassbomben sind große Gefäße, die mit Treibstoff, Dünger und Metallstücken gefüllt sind. Sie werden von Helikoptern abgeworfen. Am Boden explodiert das Gemisch und die darin enthaltenen metallischen Teile von allem möglichen Schrott – vielleicht auch alte Zinken von Rechen – richten großen Schaden an. Ich nehme das Metallstück und hebe es auf. Ein Stück, das an den syrischen Bürgerkrieg erinnert, lag in meinem Garten.

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Kommentare (10)

  • Peter Lang

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    Wenn der Text nur gut geschrieben wäre … Aber dieses Grundschul-Handarbeits-Bastel-Lehrerinnen-Deutsch ist unerträglich.

  • wahon

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    @Peter Lang

    Der Text ist gut geschrieben, nur Ihre Arroganz ist unerträglich. Sie sollten sich jeder Sprach- und Stilkritik enthalten, solange Sie nicht in der Lage sind, syntaktisch korrekt zu formulieren.

  • Peter Lang

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    Sorry, der Text ist grottenschlecht. Ein Beitrag ist nicht deshalb schon gut, wenn er „syntaktisch korrekt“ formuliert ist. Der Duden ist zum Glück kein Gesetzbuch. Diese Betulichkeit von „Frau Sonnenschein“ nervt ohne Ende.
    „Huch, jetzt habe ich etwas zu viel von Pauls gutem Bordeaux in die Burgunderbratensoße gekippt. O je, Tante Anneliese trinkt ja keinen Alkohol! Egal, es ist ja Weihnachten. Wird so schlimm nicht sein. Und wenn, dann kann sie ja von der Portion für Hamza und Kemal nehmen, die ich – klug und vorausschauend wie ich bin – in einem separaten Töpfchen gebrutzelt habe . Die dürfte auch für vier Leute reichen.“
    Es sei Marcel Reich-Ranici zitiert: „Wenn einer nicht schreiben kann, dann schreibt er eben Tagebuch. Tagebuch ist Dreck. Immer.!

  • Grundschüler

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    Der Text erinnert mich vom Schreibstil her sehr an Erlebniserzählungen in der dritten oder vierten Klasse.

  • Hans Schröck

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    Vielleicht als Beitrag zur Beruhigung der Gemüter: Sehen wir den Text doch einfach als unliterarische Beschreibung einer Realität, die für viele eine Alternative zu ihrer eigenen darstellen wird, einfach deshalb, weil sie in keinster Weise persönlichen Kontakt mit dieser Bevölkerungsgruppe haben und haben werden. Und damit meine ich nun nicht den Lehrerhaushalt. . . Wer glaubt, „Tagebuch ist Dreck“ (z. B. das von Anne Frank), muß nicht unbedingt ernst genommen zu werden. Ab welcher stilistischer Höhe ein Tagebuch ausnahmsweise nicht mehr Dreck ist, bestimmt dann der Literaturpapst.

  • Peter Lang

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    Sehr geehrter Herr Schröck,

    Anne Frank hatte nie die Absicht, ihr Tagebuch als literarisches Werk zu veröffentlichen und zu vermarkten wie dies postum und ohne ihr Zutun geschehen ist. Die literarische Gattung „Tagebuch“ als eine Form des prosaischen Erzählens ist und bleibt „Dreck“, da hat der große MRR – Friede seiner Asche – nun man Recht.

  • Hans Schröck

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    @Peter Lang
    Ich sprach von „unliterarischer Beschreibung“ – sie bestehen trotzdem auf „literarisches Werk“. Was bei RD „Vermarktung“ bedeuten soll, verstehe ich auch nicht. Und was ihr Beharren auf MRR`s Definitionsmacht für mich bedeutet, habe ich durch den Verweis auf die alleinseligmachende Deutungshoheit der sich unfehlbar Wähnenden zum Ausdruck gebracht. Aber wir sind hier nicht im Literarischen Quartett und es hat keinen Sinn, das Publikum durch Rechthaberei bei Laune zu halten.

  • Angelika Oetken

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    Mir gefällt der Text. Er ist anschaulich und hilft mir, mich in die Perspektive der Familie und ihrer Pflegesöhne hinein zu versetzen.

  • Sammy

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    Hier wird ernsthaft über den Stil und die Art des „Tagebuchs“ diskutiert??
    Wir haben den größten Respekt vor dem was diese Familie gemacht hat. Da kann sich jeder eine Scheibe von abschneiden.

  • Christian

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    Ich finde es auch sehr schade, dass sich 90% der Kommentare auf den Schreibstil der Autorin beziehen und kaum ein Wort darüber verloren wird, welch tolle Arbeit die Familie geleistet hat.

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