Betreutes Wohnen, bereutes Wohnen?

Die Werbeslogans hören sich lieb und beruhigend an. „Genießen Sie Ihren Lebensabend mit der Sicherheit nicht alleingelassen zu sein!” „Selbständig wohnen und doch geborgen!” Wohnanlagen, die unter dem Label „Betreutes Wohnen” firmieren, erfreuen sich steigender Nachfrage. Die Vorstellung, bis ins hohe Alter möglichst selbstbestimmt zu leben, aber doch nicht auf Hilfestellungen verzichten zu müssen, ist für Seniorinnen und Senioren eine willkommene Alternative zu Alten- oder Pflegeheimen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen allerdings häufig auseinander. Das Problem: Allgemein verbindliche Standards für „Betreutes Wohnen” gibt es nicht. Ein Gesetz, das Verbraucher entsprechend schützt, fehlt. Für Bauträger bietet sich damit ein lukratives Betätigungsfeld, ohne klar definierte Normen. Man verkauft oder vermietet Wohnungen. Mehr nicht. Die Frage, inwieweit diese dem Ideal vom „betreuten Wohnen” entsprechen, bleibt offen. Ein Beispiel aus Regensburg ist dabei keine Ausnahme. Hier entstand im Stadtwesten vor acht Jahren eine Anlage, die seinerzeit als „erste Adresse” gepriesen wurde und dafür unter anderem das „Gütesiegel” der „Bayerischen Stiftung für Qualität im Betreuten Wohnen e.V.” erhalten hat. Mehr zu dieser zweifelhaften Auszeichnung später. Die Miet- und Kaufpreise der rund 100 Wohnungen in dem Gebäudekomplex liegen im obersten Segment. 160.000 Euro zahlte man 2002 für eine 47-Quadratmeter-Wohnung, die entsprechende – jährlich steigende – Staffelmiete liegt derzeit bei rund 560 Euro monatlich. Dafür bekommt man eine barrierefreie Wohnung – eigentlich nichts Besonderes: Barrierefreiheit gehört mittlerweile zum Standard bei nahezu jedem Neubau und jeder Sanierung. Betreuung, Hilfe bei der Bewältigung des Alltags oder ein Hausnotruf sind in der Miete nicht inbegriffen. Dafür muss ein – mit zusätzlichen Kosten verbundener – Betreuungsvertrag abgeschlossen werden. Ein Service, für den es verschiedenste Anbieter gibt, der sich individuell gestalten lässt – und den man auch in seinem angestammten Zuhause in Anspruch nehmen kann. Im Gebäude integriert ist eine Sozialstation des Roten Kreuzes. Allerdings ist das nur auf den ersten Blick ein Vorteil. Die Station ist keine Einrichtung, die sich speziell dieser Wohnanlage widmet. Sie ist für das gesamte Stadtgebiet zuständig. Nach Feierabend oder an Wochenenden ist in der Regel niemand im Haus. Für Bewohner gelten die üblichen Sprechzeiten. Auch die im Gebäude vorhandene Infrastruktur ist eigentlich nichts Besonderes. Arztpraxen gehören zu den Mietern in der Anlage, ein Anwalt und ein Steuerberater, eine Bäckerei, eine Metzgerei sowie ein Café. Das ist weniger als im Regensburger Stadtgebiet üblich. Weitere Einkaufsmöglichkeiten finden sich übrigens nicht in Fußreichweite für die betagten Bewohner. Fragwürdig ist auch das „Gütesiegel” der „Bayerischen Stiftung für Qualität im Betreuten Wohnen e.V.”. (BSQBW), mit dem (nicht nur) hier geworben wird. Beim BSQWB handelt es sich um einen Verein, der das Wort Stiftung lediglich im Namen führt und der von Verbraucherschützern mit Argwohn betrachtet wird. Auffällig ist unter anderem, wie oft der Bauträger, der für die Regensburger Anlage zuständig war, in der Vergangenheit von dieser „Stiftung” ausgezeichnet wurde. Vier Objekte – in Regensburg, München, Straubing und Fürth – tragen das „Gütesiegel”. Ein Regensburger Architekt arbeitet als Mitglied der „Stiftung”, die dieses Siegel verleiht, maßgeblich an den entsprechenden Kriterien mit. Andererseits war er bei der Planung und Umsetzung mehrerer Wohnanlagen beteiligt, denen dieses Siegel verliehen wurde. Doch nicht nur deshalb erscheint diese Auszeichnung fragwürdig. Auch die Bundesverbraucherzentrale bewertet sie kritisch. Die Inhalte entsprächen nicht dem derzeitigen Stand der Wissenschaft, heißt es in einer Informationsbroschüre des Verbandes. Darüber hinaus, so die Verbraucherschützer, werde von dem Verein „der Anschein einer Zusammenarbeit oder Abstimmung mit Bayrischen Staatsministerien erweckt, was von diesen jedoch entschieden dementiert wird”. Hoffnung setzen die Verbraucherschützer indessen in die DIN-Norm 77800. Diese definiert Anforderungen an die Transparenz des Leistungsangebotes, das Betreuungs- und Wohnungsangebot, Vertragsgestaltung und Qualitätssicherung. Gesetzescharakter hat aber auch diese DIN-Norm nicht und die Forderungen nach einer entsprechenden Regelung scheitern bislang an der Lobbyarbeit der Immobilienwirtschaft. Zuletzt scheiterte ein solcher Vorstoß unter der großen Koalition. Aus dem Entwurf für das neue Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz, das im Oktober in Kraft getreten ist, wurde betreutes Wohnen grundsätzlich ausgenommen. Die Immobilienwirtschaft feiert das als Erfolg. Für die Verbraucher ist es eine Niederlage.

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Kommentare (4)

  • Der Besserwisser

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    Das, was Sie hier schildern ist doch bei weitem nicht überraschend. Nehmen wir – nur weil es jetzt als erstes ergebnis bei google kam – das Marienheim Regensburg als Beispiel.
    Ein Heimplatz beginnt hier bei um die 1100 Euro für „rüstige Bewohner“ und geht hoch bis zu 3000 Euro monatlich für die Pflegestufe 3.
    Ich gehe jetzt mal – der EInfachheit halber – davon aus, dass sich die Preise in Regensburg nicht signifikant voneinander unterscheiden. Was bekommt man jetzt für bis zu 3000(!!!!)Euro pro Monat (ca. die Hälfte muss selber gezahlt werden) geboten? 3 Mahlzeiten pro Tag, die notwendige Körperpflege und – wenn man Glück hat – ein wenig Ansprache. Ich bin selbst im Rettungsdienst tätig und sehe die Zustände in den Alten- und Pflegeheimen immer wieder selber. Das Pflegepersonal ist hoffnungslos überfordert, was ihnen aber nicht einmal negativ anzurechnen ist, da absoluter Personalmangel herrscht. Ein Bekannter von mir arbeitet in Wörth und ist des nächtens zusammen mit einem Kollegen für ALLE Bewohner des Pflegeheims droben am Berg (also das Schloss Wörth) zuständig. Wo soll da Zeit sein für alles, was nicht über das Lebensnotwendige hinausgeht?

    Am Tage ist die Situation zwar etwas entspannter, aber von persönlicher Betreuung in einem Altenheim muss jeder alte Mensch in dieser Gesellschaft träumen. Diese existiert in der Realität nämlich nicht.

    Da lob ich mir den Beamten (ergo privatversichert), den ich mal vor einigen Monaten im Krankenwagen hatte. Der erzählte mir er hätte 2 polnische Pflegerinnen, die sich im Wechsel um ihn kümmern würden.
    1. er kann in seinem häuslichen Umfeld bleiben
    2. die unternehmen richtig was mit dem alten Mann (Volksfest, Spaziergänge,…)
    3. und das allerbeste: Das ganze kostet nur wenige Euro mehr als so ein Pflegeplatz in einem Heim…

    was lernen wir daraus: man muss es nur richtig anstellen…

  • schleiereule

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    Immobilienhaie unter sich…

  • Maklergenie

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    @Schleiereule

    Bevor Sie mit drei Worten und drei anschließenden Pünktchen (…) einen ganzen Berufsstand verunglimpfen, sollten Sie vielleicht mal reflektieren, wie sehr gerade die Immobilienwirtschaft in Regensburg dazu beigetragen hat, diese Stadt nachhaltig zu einer prosperierenden zu machen.

    Hätten nicht finanziell potente – und kompetente – Menschen einige wichtige Akzente gesetzt, es gäbe kein Weltkulturerbe!

    Die ewigen Studenten, so wie es sie früher gab, sind (fast) vollständig aus der Altstadt verbannt, gerade weil die Mieten für diese Leute nicht mehr bezahlbar sind. Was wollen Sie, „Schleiereule“, denn mehr?

  • Joachim Datko

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    Zu 19. Okt 2009, 19:07 „Da lob ich mir den Beamten (ergo privatversichert), den ich mal vor einigen Monaten im Krankenwagen hatte. Der erzählte mir … Das ganze kostet nur wenige Euro mehr als so ein Pflegeplatz in einem Heim…“
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    Da wäre ich vorsichtig, was wird einem nicht so alles erzählt.
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    Ich gehe auch davon aus, dass es ein dickes Geschäft sein kann, ein Altersheim zu betreiben.

    Bei einer privaten Pflege durch polnische Pflegekräfte hat man aber auch Kosten, die in den Altersheimkosten schon enthalten sind. Man muss die eigene Wohnung unterhalten und das Essen bezahlen.

    Auch sollte man bei der Pflegeversicherung vorsichtig sein, im Altersheim erhält man bei Bedarf den vollen Betrag der entsprechenden Pflegestufe, wie es bei polnischen Pflegekräften ist, ist mir nicht bekannt.

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