SOZIALES SCHAUFENSTER

Protest am Uniklinikum

„Klatschen allein reicht nicht“

Beschäftigte des Uniklinikums fordern Corona-Bonus für alle, eine solidere Personaldecke in der Pflege und Extra-Pausen beim Arbeiten mit Vollschutz.

“Wir werden nicht nachgeben”, versichtert Karin Wagner. Foto: bm

Wochenlang wurden die Angestellten des Gesundheitssektors von allen Seiten beklatscht und gefeiert. Doch da von wohlwollenden Worten und Facebookposts die Situation der meist prekär beschäftigten Pflegerinnen, des medizinischen Fachpersonals, der Reinigungskräfte oder der vielen weiteren Angestellten der bayerischen Unikliniken nicht automatisch eine bessere wird, fordert ver.di zusammen mit den Angestellten bessere Bedingungen und eine Bonuszahlung für alle Beschäftigten. Am Freitag wurde eine entsprechende Petition an den bayerischen Ministerpräsidenten am Haupteingang des Uniklinikums Regensburg (UKR) vorgestellt.

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1.828 Unterschriften konnten dazu in den vergangenen Wochen von ver.di zusammen mit Vertrauensleuten der Belegschaft am UKR gesammelt werden. Kurz nach 11 Uhr wurden diese am Freitagmittag auf einem Banner vor dem Haupteingang des UKR entrollt. Dabei waren zahlreiche Vertreterinnen der einzelnen Bereiche – Pflege, Ärzte, Reinigungskräfte – vertreten und forderten auf Schildern eine „Bonuszahlung für alle“.

Kohle statt klatschen

Als „Anerkennung dieses außergewöhnlichen Engagements“ bezeichnete Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml (CSU) den Mitte Mai verkündeten Bonus von 500 Euro für Vollzeitstellen – 300 Euro sind es für Teilzeitkräfte. Allerdings profitiere davon nur ein Bruchteil der am UKR Arbeitenden wie Reinhard Wiesent (Fachpfleger) stellvertretend für seine Kolleginnen und Kollegen am Freitag hinter dem Transparent stehend erklärte.

Die 500 Euro Bonuszahlung kommt derzeit nur einem Bruchteil der Krankenhausangestellten zugute. Foto: bm

Es verwundert daher kaum, dass ein Großteil der Unterschriften von den rund 4.200 Beschäftigten im nichtärztlichen Bereich stammt. Darunter die Mitarbeiter der Krankenhausküche, des Reinigungspersonals und auch des Begleitdienstes, welcher seit Wochen unter anderem COVID-19 Patienten transportiert. „Aber auch zahlreiche Ärzte haben sich solidarisch gezeigt“, so Wiesent. Die Aktion verdeutliche, „dass wir füreinander einstehen und spiegelt die Solidarität der Mitarbeiter wieder“.

Der Applaus der Öffentlichkeit und die Bonuszahlungen seien für viele Beschäftigte zwar ein erfreuliches Dankeschön gewesen, wie am Freitag betont wird. „Doch der Pflegebonus und ein paar Wochen klatschen, reicht uns nicht“, so Wiesent unter zustimmendem Applaus.

Mehr Personal, mehr Pausen

Mit der bayernweiten Petition fordern die Angestellten neben allgemeinen Bonuszahlungen auch mehr Personal und zusätzliche Pausen für die Arbeit unter Vollschutz. „Die Arbeit mit Vollschutz bedeutet, schwer atmen zu können, Kopfschmerzen zu haben, völlig verschwitzt zu sein unter den Kitteln“, so Hannah Igl, ebenfalls Fachpflegerin am UKR.

Hannah Igl fordert eine bessere Ausgestaltung der Personaldecke. Foto: bm

Bei der Erhöhung der Personaldecke fordert Igl eine Eins-zu-Eins-Betreuung auf Intensivstationen und eine Eins-zu-Vier-Betreuung auf allen Stationen auf denen eben unter Vollschutz gearbeitet werden müsse. Die derzeitige Situation erhärtet ihrer Ansicht nach den schon länger bestehenden Eindruck, „dass die Heldinnen und Helden des Alltags geradezu verheizt werden“. Das erschwere es zusätzlich, neues Personal zu finden, so Igl weiter. Doch das werde dringend benötigt.

Die Lage ist nicht neu

„Was wir fordern ist nur gerecht“, betonte auch Karin Wagner, Gewerkschaftssekretärin für Gesundheit und Soziales bei ver.di. Man werde hier nicht nachgeben, versichert sie. „Dass das Krankenhauspersonal und insbesondere die Pflege oft an der Grenze der Belastbarkeit arbeitet, war schon im März klar.“ Die Krise habe all das noch verschärft.

Bereits zu Jahresbeginn hatte ver.di ein mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem deutschen Pflegerat erarbeitetes Bemessungssystem vorgestellt. Gegenüber TVA bekräftigte Wagner am Freitag diesbezüglich die Forderung nach einer Verbesserung der Personaldecke: „Wir werden darauf drängen, dass es endlich eine gesetzliche Personalbemessung in der Pflege gibt, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert.“ Es könne nicht sein, dass es zu einer endgültigen Überlastung in der Pflege kommt. „Sonst werden weitere Kolleginnen und Kollegen die Flucht aus dem Beruf ergreifen oder selbst krank werden.“

10.000 Unnterschriften bayernweit und 1.828 in Regensburg konnte ver.di sammeln. Foto: bm

Bayernweit konnten an Unikliniken mit der Petition insgesamt 10.000 Unterschriften gesammelt werden, die nun an Markus Söder weitergereicht werden sollen.

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Kommentare (5)

  • Mr. T.

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    Denen reichen Klatschen und warme Worte nicht? Was für ein unsolidarisches Anspruchsdenken! Ist ja eh schon kaum zu verstehen, dass man für so einen Dienst am Allgemeinwohl auch noch Geld kriegt. Was sollen da alle Ehrenämtler denken? Und erst Seelsorger, die Zeit ihres Lebens nur Gottslohn erhalten?

    Nein, die Bonus zahlung wäre schon OK. Auch in der Höhe – wenn es sie denn monatlich gäbe.

  • Andreas

    |

    Schön zu sehen, dass die Gewerkschaft hier die Interessen der Mitarbeiter vertritt! Es wäre interessant zu lesen wie hoch der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter in der Gesundheits/Pflegebranche ist. Daran wird es ja hängen, ob die was erreichen können oder ob sie nur Medienwirksam Forderungen stellen können.

    In der bösen Autoindustrie haben die Gewerkschaften ja auch sehr gute Arbeitsbedingungen erreicht, anders als z.B. bei Amazon wo es scheinbar am Organisationsgrad scheitert. Man ließt manchmal von Streiks bei Amazon, aber nie davon, dass Lieferungen mal für ein paar Tage ausfallen. Irgendwo liegt es da auch in der Verantwortung der Arbeitnehmer sich zu engagieren statt nur auf die Tränendrüse zu drücken.

  • Julian86

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    Es fehlt am politischen Willen. Vor allem die Union und die rechten Kräfte der SPD setzen die Angst der Menschen als Methode der Politik ein. Man will das fleißige Heer der Nimmermüden in Sorge und Angst halten, deren Aufbegehren unterbinden und weiterhin mit dem Kapital “klüngeln”.

    Anders der BN und die AWO. In einem gemeinsamen Papier denken zwei Verbände über ihren jeweiligen Kernbereich (Ökologie wie Soziales) hinaus und fordern eine konsistente andere Politik nach Corona. Allein: Solange sich eine Mehrheit der Bürger nicht solidarisiert, geht der “Krug zum Brunnen” bis die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, worauf Wagenknecht in der NOZ hinwies, die demokratische Ordnung final unterwandert hat.

    „Sozial-ökologische Wende – JETZT“
    https://www.bund-naturschutz.de/pressemitteilungen/fuer-eine-echte-wirtschaftliche-oekologische-und-soziale-reform-nach-der-corona-krise.html

    Interview Neue Osnabrücker Zeitung
    https://www.sahra-wagenknecht.de/de/article/2969.immer-tiefere-spaltung.html

  • Nocheinüberlebender

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    Ich habe die Soforthilfe bekommen und kann mich gerade so über Wasser halten (ich bin auch Sozialarbeiter und Künstler und kann deshalb auch verstehen, warum Krankenschwestern, PflegerInnen, ErzieherInnen usw. mehr fordern). Was habe ich in den letzten Wochen und Monaten verdient: 0 Euro. Damit kann man einfach nicht überleben. Wer noch nicht unterschrieben hat… https://corona-hilfen-nachbessern.de/?fbclid=IwAR0Pau1uHNSOxA-mXK-QSOtX1og7qbbs10LzvmUAKcCxf3RVsvnAf8eEg3M

  • Gerda Huber

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    Ich kann gut verstehen, dass man jetzt und in Zukunft nach weiterer staatlicher Kohle ruft (und gerade der Pflegebereich ist unterbezahlt). Auch wurde gerade der Bereich Kunst und Kultur vernachlässigt, da schaut es für die Künstler, Musiker etc. übel aus. Aber auf Dauer ist staatliche Ruhighaltekohle keine Lösung, wir alle müssen das bezahlen und Steuererhöhungen oder Lohnzurückhaltung will dann auch wieder keine*r. Und wohl auch keine Vermögensabgabe der Reichen – oder doch?
    Die Lösung kann nur sein, dass man die übertriebene Infektions- und Corona-Angst begrenzt und sich wieder mehr öffentliches Leben traut. Klar, nahezu null Infektionen gibt es wenn keiner mehr aus dem Haus geht. Aber LEBEN und gesellschaftliches MITEINANDER sind naturgemäß nicht ganz ungefährlich, selbst beim Küssen kann man sich einen Herpes-Virus einfangen. Aber deshalb nicht mehr Küssen?

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