SOZIALES SCHAUFENSTER

Glosse

Schere, Stein, Papier

Ob es jetzt Altstadtfeste, diverse Marathons oder eine „Fridays for Future“-Demo sind, immer wieder wird die Innenstadt oder Teile davon für den Verkehr gesperrt. Passt die Sperrung nicht in die Agenda der Auto-Apostel wird ein fataler Eingriff in das Altstadtgeschäft prophezeit. Gleichzeitig kämpft der sogenannte Radentscheid für bessere Radwege in der Altstadt. Der einfache Fußgänger denkt sich bloß: Erstickt die Altstadt nicht eh schon im ganzen Verkehr?

Von Marius Cramer

Ist man mit dem Auto unterwegs, dann hasst man naturgemäß Fußgänger und Fahrradfahrer. Erstere bummeln lahmarschig durch die Gegend, während man auf letztere neidisch ist, da sie sich dreistere Überholmanöver erlauben können. Sitzt man jedoch auf dem Drahtesel, grummelt man aufgrund der bösen Autofahrer, die einem schließlich durch einen kurzen Moment der Unachtsamkeit aus dem Sattel direkt ins Krankenhaus befördern können.

So streiten sich nun munter die Freunde des motorisierten Individualverkehrs mit denen, die auf die strampelnde Kraft ihrer Beinchen vertrauten. Nein, Regensburg war keineswegs schon immer eine Autostadt. Es wäre vermutlich niemals Welterbe geworden, wenn der Neupfarr- und Haidplatz immer noch Parkplätzen glichen. Auch die Steinerne Brücke, immerhin ein Wahrzeichen dieser Stadt, litt massiv unter der Belastung der Kraftwägen und bekam als Lohn ihren neuen Flossenbürg-Granit-Look.

„Aber die Anwohner…“, jammert dann wieder einer, der unbedingt sein SUV vom DEZ zu seiner Haustüre chauffieren möchte. Es fügt der Nächste gleich hinzu: „… und vergesst die Anlieferer nicht!“ Ist denen noch nie aufgefallen, dass eine nicht unbedenkliche Menge der Autos mit ihren Kennzeichen aus München und Co. durch die Gässlein gurken, um ihr Hotel zu suchen? Das sind quasi auch Anlieferer, denn der Fahrer entmenschlicht sich und degradiert sich selbst zur Ware, die allein als ausschlaggebendes Argument zur Rechtfertigung eines egozentrischen Geschäftsmodells verwertet wird.

Blockiert schließlich „Friday for Future“ mal für ein paar Stündchen die Altstadt, müssen einige Baby Boomer gleich ihre Blutdrucksenker einschmeißen, weil die Klima-Demonstration angeblich das Geschäft der faszinierenden Altstadtgeschäfte ruiniert: Das Auto dient als Ersatz für die missratenen Enkel – das kann wenigstens nicht widersprechen. Findet allerdings irgendein komischer Firmen-Marathon statt, ist es plötzlich mucksmäuschenstill still, weil man ja selbst dran teilnimmt, um gesehen zu werden. Und selbstverständlich wurde beim Bürgerfest auch nicht gemeckert, das finden ja alle toll. Hier wird schließlich genug gesoffen, gefressen und verkauft. Hier kann man dafür – quasi als Ausgleich zum Autofanatiker – eine Sorte Mensch erspähen, die selbst hier ihr Zweirad nicht stehen lassen kann.

Das Anliegen des Radentscheids um die Innenstadt herum mag durchaus einleuchten, denn durch sichere Wege ließen sich sicher einige tödliche Unfälle vermeiden. Doch gilt das für die eh schon verkehrsberuhigt gedachte Innenstadt, wo sich an allen freien Geländern und Straßenlaternen schon die abgesperrten Schrottradln stapeln, von denen teilweise nur noch ein einzelner Reifen übrig geblieben ist? Fahrradfahren ist heutzutage richtig knorke, weil es ja so ökologisch ist. Irgendwie muss man ja sein schlechtes Gewissen für die Klimabilanz des letzten Thailandurlaubs beruhigen. Dabei steigt dem Fahrradfascho seine Arroganz oft derart zu Kopf, dass er glaubt, die uneingeschränkte Vorfahrt zu besitzen.

Selbst wenn sich zum Beispiel gerade der Elektrobus Emil mühsam durch die Gesandtenstraße quält, wollen die edlen Pedalritter erst recht links und rechts vorbei. Wer nicht kutscht, wird angeklingelt. Um die Szene noch perfekt zu machen, fährt zusätzlich ein Münchner mit seiner Karre dicht auf. Für solche Situationen ein Tipp an alle, die noch auf Schusters Rappen unterwegs sind: Dreht den Spieß um. Zündet euch gemütlich eine Zigarette an und zwar im Stehen und schaut abwechselnd dem Autofahrer und dem Fahrradfahrer tief in die Augen. Ein tiefer Zug vom Glimmstängel und der Blick schweift ab zu den Schaufenstern und zurück in die Augen der anderen Verkehrsteilnehmer. Der Radler muss absteigen, der Autofahrer rollt genervt die Augen. Ein der Altstadt würdiger Stand-Off: the Good, the Bad and the Ugly.

 

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Kommentare (10)

  • Giesinger

    |

    @Marius Cramer:

    Baby- Boomer- Giesinger, sagt dem Herrn Marius Cramer:

    Selten bisher, haben Sie soviel unnütze schreiberische Scheiße produziert!

    …die habe habe ich bisher, außer aus den drei ,(oder waren es vier) Artikeln bisher nicht wahrgenommen.

  • Jonas Wihr

    |

    immer wieder die berechtigte Frage: Ist Ihnen dieser Text etwas wert?
    in diesem Falle lautet meine Antwort ganz klar: Nein. Prätenziös, wohlfeil, nett. Nett im Sinne von der kleinen Schwester, Sie wissen schon.
    Soll mit diesem Text eine Lanze für Fußgänger gebrochen werden? Der Herr Schreiberling kann sich wohl schwerlich vorstellen, dass auch sehr wohl Baby Boomer – bin selbst einer – an FFF-demos teilnehmen.
    „Und selbstverständlich wurde beim Bürgerfest auch nicht gemeckert, das finden ja alle toll.“ Der Herr Schreibering soll auch in diesem Punkt nicht von sich auf andere schließen.

  • Lothgaßler

    |

    Was will der Text, außer uns dazu ermuntern den Platz in den Fußgängerzonen und innerstädtischen Straßen gegenüber dem Individualverkehr zu verteidigen?
    Das mit dem etwas „breiten“ Gehen entlang der Gesandtenstraße habe ich schon praktiziert, und ja, das geht an die Nerven mancher Autofahrer, aber es ändert deren Verhalten nicht. Davon abgesehen scheint es mir so, als ob eine bestimmte Klientel wenig Furcht vor Ordnungsstrafen hat. Entweder werden hier Augen zugedrückt, oder die können es sich leisten.
    Die Stadtregierung oder die Stadtverwaltung wollen, so scheints mir nach 3 Jahrzehnten in der Regensburger Altstadt, den Individualverkehr nur bedingt aus der Altstadt zurückdrängen, denn Verkehrswege werden mit den Adern eines Körpers gleichgesetzt, und so muss Blut fließen bzw. Auto fahren können.
    Statt autofreier Tage (die Stadtteile bzw. Straßenzüge könnten ja abwechseln) werden lieber Automessen im Herzen der Altstadt organisiert, obwohl dergleichen aufm Dultplatz deutlich besser ausgesiedelt wäre. Das erwähnte „Bürgerfest“ (als Altstadtbewohner nimmt man zwangsweise teil) sorgt temporär für verkehrsfreie bzw. verkehrsarme Tage, ein kleiner Trost für die Nahdranwohnenden.
    Die Problematik liegt in der Konzentration von Verkehr und Event-Locations. Die betroffenen Altstädter (es gibt auch viele ruhige Ecken) würden allen Stadtteilen ein mehrtägiges Bürgerfest von Herzen gönnen, dazu schöne Plätze mit Brunnen. Warum nicht reihum dieses Fest wandern lassen? Von der Ursprungsidee (lebenswerte Altstadt) ist eh kaum noch was übrig.
    Und es scheint so, als ob das Befahren der städtischen und innerstädtischen Straßen für einige Driver eine Mordsgaudi wäre, dagegen hilft natürlich auch keine City-Maut oder Fußgängerungehorsam, dagegen hilft nur Ordnungsmacht.

  • Pfefferminza

    |

    @Marius Cramer

    Hihi, mir haben Sie den Tag gerettet, ich werde mir jetzt immer vorstellen ich sitze mit Poncho und Hut auf dem Radel und schaue böse, wenn mich wer schneidet -dazu dramatische Musik!
    Ich finde Ihre Glosse toll!

  • Regine Wörle

    |

    Sehr geehrter Herr Cramer,
    ich stimme Ihnen zu, dass in unserer Altstadt mit zweierlei Maß gemessen wird:
    Für Sportveranstaltungen, Bürgerfeste, Autoausstellungen ist es kein Problem wenn die Altstadt „blockiert“ wird, kommen die jungen Leute mit FridaysforFuture und mit all ihren Partnerorganisationen, könnte man meinen der Untergang des Abendlandes steht bevor.

    Allerdings haben Sie sich mit dem Anliegen des Radentscheid Regensburg in keiner Weise auseinander gesetzt. Hier wird gerade NICHT noch mehr Radverkehr für die ALTSTADT gefordert, sondern bessere Bedingungen für Radfahrer und mehr Platz in der gesamten Stadt. Und damit vor allem AUSSERHALB der Altstadt. Vorschläge der Initiatoren sind u.a. eine Altstadt-Nordumgehung (über Kepler- und Thundorferstraße, evtl. als Fahrradstraße) und eine Altstadt-Südumgehung (über Emmeramsplatz und St.-Petersweg, auch als Fahrradstraße). Damit würden Gesandtenstraße, Neupfarrplatz, Ludwigstraße, usw. von den nur durchfahrenden Radlern entlastet.

    Wenn Sie sich über den Inhalt der Themen über die Sie schreiben, vor dem Schreiben informieren würden, dann wären Ihre Aussagen glaubhafter. Denn wenn ein Thema schon derart falsch wiedergegeben wird, wie soll ich Ihnen dann andere abnehmen?

  • dünnster Künstler

    |

    Hier ein neues Malplakat: „Blaulicht für alle!“
    Mit im Bild Busse, SUV, Fußgänger (Läufer), Rückseite mit Radler*innen.
    Dieses Wimmelbild hat mich auf die Idee gebracht einen Radschleichweg von Burgweinting zum Hafen auszuschildern, bald mehr dazu… http://europabrunnendeckel.de/download/ribisl/malkampf/DSC05415_bearb_500_1.gif
    Hier der bereits existente illegale Radweg:
    http://europabrunnendeckel.de/download/ribisl/malkampf/Radweg_Bahnlinie_export_20190902131355.jpg
    Mehr zum Straßen-Malkampf: http://europabrunnendeckel.de/?p=7817#malkampf

  • Günther Herzig

    |

    Er gibt nicht auf, der Herr Cramer!

  • dünnster Künstler

    |

    Künstlerische Vorreiter z.B.

    Showdown Radlvierteilung:

    http://www.ganahl.info/quartering.html
    Am schönsten finde ich diese Version…
    http://www.ganahl.info/etantdonnebicyclemachine.html
    ((…die hat Ähnlichkeit mit George Maciunas Sozial Bike: https://slideplayer.com/slide/9867040/32/images/13/Fluxus+staged+events+and+performances%3A+Here+Maciunas+created+this+mutlicycle+for+the+Fluxus+Game+Fest+in+1973..jpg ))

    Radfahren als Stadterkundung:

    bicycling DAMASCUS, 90min 2004
    https://www.youtube.com/watch?v=GgJZ9W2Z508
    viel Gehupe in Bukarest: https://www.youtube.com/watch?v=IZx4s85EpuI
    Marcel Duchamp: avoir l’apprenti dans le soleil:
    https://i1.wp.com/uploads5.wikipaintings.org/images/marcel-duchamp/to-have-the-apprentice-in-the-sun-1914.jpg
    Geisterradeln in Theheran; da regt sich niemand auf:
    https://www.youtube.com/watch?v=_u8ZvyXXa6Y&feature=youtu.be

    Radfahren ist in der Kunst schon lange eine subversive Widerstandshandlung gegen Kapitalismus und Obrigkeitsstaat. Diese Stellung des Rads hat sich erst mit Fitnessbewegung etwas geändert… da könnt ihr das ganze 20 Jhdt. Durchgehen, von Karl Valentin über Breton nach Fernand Léger, Fluxus und Provos…
    Alfred Jarry schoss vor dem 1. WK an Pariser Kreuzungen radelnd auf Obelisken u.ä.;
    ich sag nur „Scheiß in die Luft!“.

    Bikeways, die Hälfte der Straße gehört uns:
    http://www.ganahl.info/neuhausen.html

    (( Übrigens im KV Neuhausen war ich auch einmal zu Gast:
    https://kvnneuhausen.com/2013/01/14/tukastan/
    …und Rainer Ganahl war 2007 in der Jury, die mir für diese Dauerperformance den Akademiepreis verlieh: https://www.youtube.com/watch?time_continue=113&v=44FSLpgE_dU ))

  • Bernd

    |

    Danke Herr Cramer, köstlich wie immer.
    Immerhin, wer in Zukunft wieder ordentlich mit dem Auto durch die Altstadt preschen will, der bekommt ja eine gute Oberbürgermeisterinnenalternative.
    Und weil die Stadt seit Jahren die Rad-Rowdys nicht dauerhaft aus dem Verkehr vergrämen kann, bleibt die „Faszination Altstadt“ eher ein spannendes „Faszikelriss Altstadt“-Problem.

  • Piedro

    |

    Noch einer, der niemals kapituliert.

    Learning by doing.

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