SOZIALES SCHAUFENSTER

Intelligente Ampelsysteme beschlossen

Smart City für Autos, Stupid City für den Rest?

Vorgeblich sollen sie dem Umweltschutz dienen: intelligente Ampelsysteme für 1,5 Millionen Euro, deren Anschaffung der Stadtrat kürzlich beschlossen hat. Warum es bald mehr Spaß machen könnte, in Regensburg Auto zu fahren – und warum das nicht gut ist.

Die Stadt Regensburg kauft intelligente Ampeln für 1,5 Millionen Euro. Foto: as

Gastbeitrag von Stadträtin Tina Lorenz

Der Regensburger Stadtrat befindet sich derzeit auf einem Trip in Richtung „Smart City“: die „schlaue Stadt“, so die grundlegende Idee, soll durch Sensorik Datenmengen erheben und so miteinander verknüpfen, dass positive Effekte für städtische Infrastruktur erkennbar sind. Smart-City-Projekte haben viele Formen: Laternen mit Bewegungssensor, die nur angehen, wenn tatsächlich jemand zu Fuß oder mit dem Rad nachts durch den Park fährt; Fahrrad-Apps, die einem in Echtzeit anzeigen, welche Route am wenigsten vom Berufsverkehr belastet ist; Mülleimer, die Bescheid sagen, wenn sie voll sind und geleert werden möchten.

Smart City ist in aller Munde, und natürlich will Regensburg da nicht abgehängt sein. Dass hinter dem derzeitigen Push für „smarte“ Technologie große Firmen stehen, die ein ganz eigenes wirtschaftliches Interesse daran haben, Kommunen für ihre Produkte zu begeistern, kommt selten zur Sprache.

Smarte Ampeln für bessere Luft?

Das neueste Projekt im Regensburger „Smart City“-Projektgewurschtel ist eines, das schon seit 2018 in einem „Masterplan saubere Luft“ enthalten ist, und nun vom Stadtrat im Dezember als Maßnahme beschlossen wurde: ein Infrastruktur-Projekt, das vorgeblich dem Umweltschutz dient, weil es dafür sorgen soll, dass Autos weniger mit laufendem Motor an Ampeln stehen. Es geht um viel neue Sensorik, einen Steuerungsserver mit Echtzeitprognosen und eine Grüne Welle, die Zu-Fuß-Gehende stranden lassen könnte.

Kurzer Status Quo: Regensburg besitzt ein vernetztes System von Lichtsignalanlagen (landläufig Ampeln genannt), die bereits jetzt die Fähigkeit haben, verschiedene Szenarien von Verkehr mit verschieden langen Grün- und Rotphasen zu bedenken. Bisher geht das allerdings nur auf der Grundlage von grundlegenden Berechnungen, Schätzungen über den Verkehrsfluss in der Stadt und sporadische Messungen, darunter auch analogen Verkehrszählungen.

In Echtzeit Ampelphasen schalten können nur Rettungskräfte. Die neue Idee ist, alles mehr in Fluss zu bringen: Sensoren messen den Verkehr, schicken die Daten an einen zentralen Strategierechner, der dann Ampelphasen fließend und live je nach Verkehrslage gestaltet. Man kann Events wie große Demos oder Feste genauso in die Berechnung miteinbeziehen, wie auch Unfälle oder Straßensperrungen, und natürlich den morgendlichen Stoßverkehr. Das alles soll dafür sorgen, dass es weniger innerstädtische Staus gibt, und dass es weniger Autos gibt, die ihren Motor an der Ampel im Stand laufen lassen und dadurch die Luft verschmutzen. Konkret soll die Maßnahme, wie im Masterplan ausgewiesen, im Mittel unter 1 μg/m³ Stickstoffdioxid (NO2) sparen.

Toll, sagt ihr jetzt. Ist doch super, voll die gute Umweltmaßnahme. Und die haben wir auch dringend nötig. Regensburg ist schließlich eine der Städte, die laut Messungen den erlaubten Jahresmittelwert von 40 μg/m³ NO2 überschreiten, und die deshalb vom Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur aufgefordert worden sind, einen Maßnahmenplan zu entwickeln, wie wir von dieser Überschreitung wieder wegkommen. Und wie sich nun herausstellt, ist eine von Regensburgs Antworten auf das Problem die Ampeln.

Fußgänger – reif für die Verkehrsinsel?

Jetzt gibt es aber ein paar Schwierigkeiten bei diesem super Plan mit den Ampeln. Die erste ist ganz banal: Was passiert eigentlich mit den Fußgängerinnen? Und den Radfahrerinnen? Der Strategierechner hat die Aufgabe, Verkehrsflüsse von stickstoffdioxiderzeugenden Fahrzeugen zu messen und mittels Grüner Welle bestmöglichst fließen zu lassen. Das sind Autos oder jedenfalls Fahrzeuge mit Motoren. Für Ballungen von Fußgängern oder Radfahrern gibt es derweil keine Messungen, keine Optimierungen, kein System.

Sobald der Strategierechner für Autos lange auf Grün schaltet, ist die logische Konsequenz, dass Fußgänger lange Rot haben. Wie lange maximal? Da Fußgänger kein Teil des Projektentwurfs sind, könnte das echt lange sein. Eine Evaluierung des Systems ist zwar geplant, aber, so ein bisschen als Treppenwitz des Ganzen, nur als Autofahrt mit und ohne System, nicht als Fußgänger. Wenn ihr also nächstes Jahr morgens länger an ner Ampel steht als sonst – das ist der Grund. Ihr könnt ja ein „Hilfe, ich bin gestrandet!“-Schild mitnehmen, und sie in die fetten neuen Überwachungskameras der Polizei halten, vielleicht retten die euch dann von der Verkehrsinsel. Würd‘ ich allerdings nicht drauf hoffen.

Im Übrigen kann man nicht „Smart City“ sagen, ohne „Datenschutz“ zu sagen. Wenn Regensburg im Namen von „Smart City“ immer weiter Systeme anschafft, die Daten sammeln und verarbeiten, braucht Regensburg schön langsam einen Datenschutzbeirat, der für Open Data und Transparenz wirbt und der ein bisschen schaut, dass die Daten, die von Bürgerinnen erhoben werden, auch von diesen wieder genutzt werden können.

Wenn die Grüne Welle zum Spiel wird

Kommen wir zur Gamifizierung: Was ich oben beschrieben habe, bietet noch nicht viel Anlass für einen besonderen Spaßfaktor als Autofahrerin. Die Maßnahme „Digitalisierung im Straßenverkehr“ beinhaltet aber auch die Anschaffung von 28 neuen Ampelanlagen. Die Vorlage im Stadtrat sagt dazu so lapidar und kurz:

„Um moderne Steuerungsstrategien und -verfahren, netzadaptive Eingriffe, stromsparende LED und erweiterte Kommunikationsverfahren effektiv nutzen zu können, ist eine Modernisierung verkehrsrelevanter Lichtsignalanlagen essentielle Voraussetzung.“

Erweiterte Kommunikationsverfahren. Im Planungsausschuss Anfang Dezember, in dem die Ampeldiskussion ganze zehn Minuten einnahm, war von „car2x“-Infrastruktur die Rede. Und hier fängt die Gamifizierung an, denn Audi verbaut seit 2018 in seinen Autos serienmäßig sogenannte „vehicle to infrastructure“, also „V2I“ Chips. Derzeit läuft in Ingolstadt ein Pilotprojekt damit.

Mit V2I kann die Ampel dem Auto melden:

„Hey, ich schalte in X Sekunden auf Grün. Wenn du jetzt deine Geschwindigkeit um Y verringerst, schaffst du die Grünphase.“

Die Person am Lenkrad kann also durch eigenes Fahrverhalten eine Grüne Welle für sich herstellen. In Hamburg wird derzeit ein ganz ähnliches Projekt getestet.

Klar wollen Autohersteller, dass uns Auto fahren Spaß macht. Das ist deren Geschäftsmodell. Was aber macht es mit einer Stadt, wenn die Grüne Welle zum Spiel wird, das es zu gewinnen gilt und das eigene Auto zum gigantischen Game Controller? Wenn Auto fahren in der Innenstadt keine Frusterfahrung mehr ist, sondern man tägliche High Scores in die sozialen Medien posten kann? Das zukünftige Bosslevel des Autofahrens in Regensburg wäre in so einem Szenario nicht mehr der Lappersdorfer Kreisel, sondern die blöde Ampel mit drückbarem Fußgängersignal.

Kein Spielspaß für Radler und Fußgänger?

Blöderweise ist diese Art von Spaß am Autofahren so gar nicht das, was wir eigentlich haben wollen. Eine Grüne Welle, ob mit Strategierechner erzeugt oder als Gamification, sorgt dafür, dass wieder mehr Leute ins Auto steigen, weil es wieder mehr Spaß macht in Regensburg Auto zu fahren als Bus. Oder Fahrrad. Zu Fuß gehen geht ja dann eh nur noch mit „Hilfe, holt mich hier weg“-Schild. Und das ist der Knackpunkt: Eigentlich sollten wir dran arbeiten, dass uns das Spaß macht, was auch gut für uns und die verringerte Stickstoffdioxidkonzentration ist: ÖPNV fahren. Fahrrad fahren. Zu Fuß gehen. Mit dem Tretroller die Bürgersteige runterheizen.

Leider gibt es keine Regensburger Stadtratsbeschlüsse für Gamification-Projekte, die Spaß für diese Art von Fortbewegung verheißen.

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Kommentare (35)

  • R.G.

    |

    „Und Alfred Santfort, Leiter des Ordnungsamts, betont: „Bei allen Vorteilen, welche das neue System für die motorisierten Verkehrsteilnehmer bringt, achten wir sehr darauf, dass Fußgängern und Radfahrern kein Nachteil entsteht. Deren Grünzeiten bleiben unangetastet. Ebenso wird die Busbeschleunigung keinesfalls beeinträchtigt.“

    Die eierlegende Wollmilchsau.
    Mit kurzem Ablaufdatum.

  • Sonnix

    |

    Zum Thema Mobilität und smart City war am 36c3 (Chaos Communication Congress in Leipzig) ein sehr guter Vortag: „Verkehrswende selber hacken“
    https://youtu.be/WhgRRpA3b2c
    mit interessanten Denkanstössen und Lösungsansätzen auch für unsere Stadt.

  • Julian86

    |

    Input für den Wahlkampf

    Mobilitätsforscher Stephan Rammler:
    Fachleute wissen tatsächlich, wie Mobilität ökologischer, effizienter und sozialer gestaltet werden könnte. Aber diejenigen, auf die es ankommt, also Politiker, Unternehmer und Kunden, die wissen es nicht – oder wollen es nicht wissen.
    Brandeins.de

  • joey

    |

    @Julian

    Die Struktur unseres Landes ist auf „Autos“ ausgerichtet. Seit Jahrzehnten gab es diese Entwicklung, die vermutlich auch nicht umkehrbar ist. Bevölkerungszahlen wie auch Niveau sind nicht mehr auf dem Stand von 1900.
    Beispiel 1: für Schwangere aus Hemau steht in Regensburg eine hoch entwickelte Diagnostik zur Verfügung.
    Beispiel 2: für Berufstätige aus Hemau stehen in Regensburg viele hoch qualifizierte Arbeitsplätze zur Verfügung.
    Beispiel 3: persönliche Freiheit und individuelle Entfaltung: sie ist Ingenieurin in Regensburg und er Arzthelfer in Köfering (oder umgekehrt). Sie können wohnen wo und wie sie wollen… in einer Stadtwohnung oder einem Einfamilienhaus mit Pferdekoppel daneben.

    Denken ist immer erlaubt, aber eine technisch-geschichtliche Analyse der existierenden Verhältnisse verbessert die Bodenhaftung.

  • peter

    |

    es sollen ampeln optimiert werden?
    fein-
    fangen wir damit an besonders sinnlose exemplare stillzulegen.
    es gibt tolle verkehrsschilder, die zum regeln des verkehrs sehr gut geeignet sind.
    und dann gibt es ja noch die ganz grundlegenden verkehrsregeln wie retchts vor links….
    jeden 2ten morgen, auf dem weg zur arbeit, biege ich von der lechstrasse in die walhalla-allee ein, fahre bis zur ampel vor dem eisstadion, und wenn diese wieder grün ist, setze ich meinen weg fort.
    es ist im regelfall 1 einzelnes auto, das die anforderungsgesteuerte ampel auslösst, und die autos in der walhalla-alle kurz stoppt, damit sie danach wieder bescleunigen können.
    wäre die ampel gänzlich aus, könnte dieses eine auto sich problemlos in die nächste lücke im verkehr einreihen. (stadtauswärts)
    wenn es stadteinwärts gehen soll, könnte ein autofahrer 100 meter richtung basebalstadion fahren und im kreisel umkehren.
    das würde sicher einen deutlichen verminderten NOx-ausstoss generieren, von feinstaub durch sinnloses herunterbremsen des fliessenden verkehrs mal ganz zu schweigen.
    ausserden bräuchte eine ausgeschaltete ampel keinen strom.
    diese ampel macht nur sinn, wenn aufrund von echtem betrieb in der donau-arena eine veränderte verkehrssituation herrscht.

    aber das wäre ja einfach und würde nix kosten- dann doch lieber smarte, vernetzte ampelsysteme für teures geld neu anschaffen.

    ein anderer punkt-
    vor jahren hat ein städtischer beamter mich bei eine podiumsdikussion zum ÖPNV darüber aufgekärt, das die stadt die einfahrt des feierabendverkehrs von der frankenstrasse auf die autobahn nicht optimieren kann, weil es eine vorschrift gäbe, wieviele autos pro zeiteinheit maximal auf die dem bund und nicht der stadt regensburg unterstehenden autobahn einfahren dürfen.
    ich fand das so unglaublich wiedersinnig, das ich mehrfach nachgefragt habe. doch der herr blieb dabei.
    unter diesen voraussetzungen ist das alles eine scheindiskussion, denn der stau im berufsverkehr abends geht jeden tag aufs neue von den 2 punkten aus:
    – auffahrt frankenstrasse auf A93
    -amberger strasse , kreuzung chamer str. bzw. einfahrt lappersdorfer kreisel/B16
    um diese 2 problemstellen zu entzerren braucht die stadt mit sicherheit keine smarten ampeln…

  • Joachim Datko

    |

    Zu peter 10:55: „[…] wäre die ampel gänzlich aus, könnte dieses eine auto sich problemlos in die nächste lücke im verkehr einreihen. (stadtauswärts)“

    Haben Sie das schon der Stadtverwaltung mitgeteilt? Ich schreibe oft an die Stadtverwaltung und bin mit der Reaktion sehr zufrieden. Es reicht eine E-Mail an das Bürgerbüro.

  • Herbert-h

    |

    „Ich bin glücklicher Kunde des RVV, einfacher geht es für mich nicht.“

    Da wird darüber diskutiert, Autos aus den Städten zu verbannen. Aber dann fällt nichts besseres ein, als sie smart durch die Stadt zu bringen und den RVV Innenstadt – Tarif (bisher 1.10€) einfach ab 1. Januar abzuschaffen. Jetzt kostet es 3€ um die Stadt mit dem Bus zu durchqueren, denn ein Streifen bringt dich auch nur 3 Stationen weit.

    Neu angelegte Straßen (z.B. ex Ladehof) haben keine Radwege sondern hier wird die Spur an der Straße entlang geführt und durch smarte Barrikaden unterbrochen. Super sicher. Wenn dann die Fußgänger-Ampeln an stark befahrenen Straßen wie die Friedenstrasse auch noch so geschaltet werden, dass man nur als Jogger die Straße während einer Ampelphase überqueren kann, sondern immer öfter auf der Verkehrsinsel warten muss. Spätestens da wird klar, dass in Regensburg eine verfehlte Verkehrspolitik verfolgt wird.

  • Joachim Datko

    |

    Positive Aspekte der RVV-Tarife:
    Zu Herbert-h 06:46: „[…] und den RVV Innenstadt – Tarif (bisher 1.10€) einfach ab 1. Januar abzuschaffen. Jetzt kostet es 3€ um die Stadt mit dem Bus zu durchqueren, denn ein Streifen bringt dich auch nur 3 Stationen weit.“

    Die angegebene Einzelfahrt für 3 € kann man mit dem Streifenticket um 2 € haben.

    Seit Anfang des Jahres verrechnet der RVV für das Öko-Ticket 324 € pro Jahr, im Monat daher nur 27 €. Damit fahre ich.

    Hier die neuen Tarife https://www.rvv.de/tarife2020

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