SOZIALES SCHAUFENSTER

2021 in Regensburg

Special Olympics – neuer Schwung für Inklusion

2021 soll in Regensburg mit der Ausrichtung der bayerischen Landeswettbewerbe der Special Olympics dem Behindertensport eine tolle sportliche Bühne geboten werden. Bei der Stadt hofft man auch, so das Thema Inklusion noch stärker in den Fokus der Gesellschaft zu rücken.

Anna Schaffelhuber ist mehrfache paralympische Goldmedaillensiegerin. Foto: Andreas Panzenberger

15,2 Millionen Athleten vertreten die im Jahr 1968 von Eunice Kennedy-Shriver, Schwester von US-Präsident John F. Kennedy, ins Leben gerufene Special Olympics-Bewegung. Damit gelten sie als weltweit größte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung – bei den Paralympics treten Menschen mit Körperbehinderungen an. Es ist also durchaus etwas Besonderes, wenn die bayerischen Landesspiele in zwei Jahren in Regensburg stattfinden.

Grundsätzlich hat die Stadt mit dem Jahn, den Eisbären oder den Legionären im Spitzensport einiges zu bieten. Und auch die unterschiedlichsten kleineren und größeren Vereine, sowie die VHS, die ein vielseitiges Angebot zur sportlichen Ertüchtigung bereithalten sind für viele Menschen eine wichtige Anlaufstelle. Seit einigen Jahren gewinnen dabei die Themen Behindertensport und Inklusion immer mehr an Bedeutung. Denn während für viele Sport etwas ganz Alltägliches ist, stoßen Menschen mit Behinderungen auch hier oft auf Barrieren. Ob nun bei der fehlenden räumlichen Ausgestaltung der Sportstätten und Einrichtungen oder bereits bei der öffentlichen Bewerbung der Angebote, Hindernisse existieren an vielen Stellen. In der Ausrichtung der Special Olympics vom 6. bis 10. Juli 2021 sieht die Stadt eine Signalwirkung das Thema Inklusion weiter voranzubringen und Regensburg neuen Schwung zu geben.

Regensburg hat durchaus noch Nachholbedarf.

Denn „Sport kann einen ganz wesentlichen Beitrag leisten, Menschen mit Behinderung stärker in die Gesellschaft zu integrieren“, so der Regensburger Inklusionsbeauftragte Frank Reinel. Er sieht die Stadt grundsätzlich auf einem guten Weg. Durch verschiedene Projekte wie Regensburg inklusiv habe sich schon einiges verbessert. So könne das Regensburger Westbad, das über spezielle Zustiegshilfen an den Wasserbecken verfügt, mittlerweile als sehr barrierearm angesehen werden. Die Turnhallen der Clermont Ferrand Mittelschule, des Albertus-Magnus-Gymnasiums und die Bezirkssportanlage West seien ebenfalls sehr gut auf den Behindertensport ausgelegt, so Reinel.

Im Westbad dient diese Vorrcihtung als Einstiegshilfe zum Becken. Foto: Lex

„Natürlich ist die Zugänglichkeit einzelner Sportstätten in Regensburg noch verbesserungswürdig“, gibt dieser zu. „Vielfach wurde bei dem Bau der Sportstätten vor Jahrzehnten nicht bedacht, dass auch Menschen mit Behinderung aktiv Sport treiben wollen und können.“ Stattdessen sei man davon ausgegangen, dass diese Menschen lediglich die Sportangebote konsumieren. Tribünen wurden zwar barrierefrei ausgestaltet, der Zugang zu den eigentlichen Sportanlagen wie Fußballfeldern, Tennisplätzen und vieles mehr aber stark vernachlässigt. Hier gelte es nachzubessern.

Es fehle oft einfach der Wille.

Insgesamt könnte Deutschland schon ein gutes Stück weiter sein, befindet Anna Schaffelhuber. Es fehle oft einfach der Wille. Die in Regensburg geborene und mittlerweile in München an der LMU studierende Monoskifahrerin ist durch eine inkomplette Querschnittslähmung seit ihrer Geburt auf den Rollstuhl angewiesen und weiß aus eigener Erfahrung, wie viele Hürden der Alltag für Menschen mit Behinderungen bereithält, aber auch welche Chancen existieren. „Über den Sport und die dort gemeinsamen Erlebnisse kann der Zugang zu anderen Menschen oftmals deutlich einfacher verlaufen“, sagt die mehrfache paralympische Goldmedaillengewinnerin. Darüber hinaus lerne man sich und die jeweiligen Stärken und Schwächen kennen und zu verstehen. Das stärke das Selbstvertrauen.

Eine wirkliche Gleichstellung sieht Schaffelhuber bislang aber noch nicht. Das zeige sich am deutlichsten bei der fehlenden Barrierefreiheit. „Sie ist meiner Meinung nach der Dreh- und Angelpunkt, was die ganze Inklusion angeht. Wie soll ich in der Mitte der Gesellschaft sein, wenn ich schon nicht alleine ein Rathaus, ein Theater, eine Schule oder den Sportverein betreten kann?“ Man bleibe von vornherein außen vor. Zudem seien die meisten Sportangebote auch eher im „reinen“ Behindertensport und weniger mit inklusivem Charakter zu finden. An diesen Punkten werde Inklusion verhindert, kritisiert die 26jährige.

Wenn 2021 um die 1.500 Sportler mit 400 Trainern und Betreuern bei den Special Olympics in 16 Disziplinen antreten werden, dann habe so etwas natürlich Signalwirkung für die Region. „Es wird sich nicht sofort alles in Regensburg und Umgebung ändern, jedoch passiert etwas und so können eventuell auch Erfahrungen und Kontakte für etwas Größeres, Inklusiveres erlebt und geknüpft werden“, stellt Schaffelhuber die Bedeutung solcher Events heraus. Genau so komme der Behindertensport in die Mitte der Gesellschaft, da wo er hingehöre.

„Den eigenen Horizont erweitern.“

Der Sport stelle natürlich nur einen Aspekt der Inklusion dar. Doch könne hier eben ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer umfänglichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gegangen werden, so Markus Bauer und David Löw von der Lebenshilfe e.V.. Bauer, der für die Regensburger Werkstätten der Lebenshilfe e.V. zuständig ist, fordert ein stärkeres Umdenken, um allen Menschen ohne große Probleme Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eben am sportlichen Angebot zukommen zu lassen. David Löw, der den Offene-Hilfen-Rat, ein Selbstvertretergremium der Lebenshilfe bei der Umsetzung eines von der Aktion Mensch geförderten Projekts „Inklusive Erwachsenenbildung“ begleitet, könnte sich etwa eine persönliche Freizeitassistenz gut vorstellen, die die Betroffenen unterstützt. Für Löw ist dies gerade bei Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen unumgänglich. „Die oft eingeschränkte Medienkompetenz und sprachliche Barrieren halten viele davon ab, neue Erfahrungen zu sammeln und damit den eigenen Horizont zu erweitern.“

In Kooperation mit der VHS Regensburg fasste man nun den Plan, ein Programm in einfacher Sprache herauszubringen. Als gemeinnütziger Anbieter für Erwachsenen- und Weiterbildungskurse bietet die VHS Regensburg ein breites Programm an, darunter auch diverse sportliche Angebot, die inklusiv und allen zugänglich sein sollen. „Der Kontakt zu Menschen mit Behinderung musste dabei erst einmal hergestellt werden“, zeigt Marlene Wedl die anfänglichen Schwierigkeiten für die VHS auf. Die Zusammenarbeit habe hier laut Wedl und Bauer eine große Lücke schließen können.

Am Ende profitieren alle.

Von inklusiven Angeboten profitiere am Ende jeder, ist sich Reinel sicher. „Wenn sich Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen bei der Ausübung von Freizeitangeboten zusammenfinden, so verbindet dies ungemein und lässt Vorbehalte ganz schnell verschwinden. Vielleicht sieht der eine oder die andere auch, dass der Mensch mit Behinderung eben nicht so anders ist als man selbst, sondern in einzelnen Teilbereichen des Lebens Unterstützung benötigt, in allen anderen Bereichen aber genauso ein komplett selbstständiges Leben führen kann“, hofft Reinel, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Seiner Ansicht nach sollte Sport bereits im Kindesalter stets gemeinsam ausgeübt werden. Dies sei die ideale Voraussetzung, Vorbehalte oder Ängste gar nicht erst entstehen zu lassen. Das ungezwungene Miteinander auf dem Sportplatz und auch daneben stelle den idealen Nährboden für ein Miteinander und eine gleichberechtigte Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben dar. Die Special Olympics könnten hier wieder einen Anstoß geben und die Menschen zusammen bringen. Schließlich soll es ein Event für ganz Regensburg sein.

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Kommentare (2)

  • Eingeborener

    |

    Gut gemeinter Artikel, aber die Abgründe fehlender ,Inklusion‘ reichen viel tiefer. Beispiel die genannten ,Regensburger Werkstätten‘ für Behinderte: Die Behinderten, die dort arbeiten und idR Grundsicherung vom Sozialamt bekommen, arbeiten für Null Lohn, denn ihr Einkommen aus Arbeit wird mit der Grundsicherung verrechnet. Sie verrichten dort meistens Hilsarbeitertätigkeiten,eine Qualifizierung zu irgendetwas habe ich nicht gesehen. Die Hauptgewinner dieser Art Beschäftigungs-,Inklusion‘ dürften die Betreiber solcher Werkstätten sein.

  • Lydia Frey

    |

    Genau das richtige Bild bei der Hitze.
    Ich wünsche natürlich vor allem dem Projekt viel Erfolg und das die
    Regensburger mitmachen.

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