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Beiträge mit Tag ‘Missbrauchsskandal’

Katholikentag: Diskussion zu sexuellem Missbrauch

Vertuschung „um der Barmherzigkeit Christ willen“

Fehlender Aufklärungswille und zu viel Toleranz gegenüber Tätern: Bei einer der wenigen Veranstaltungen auf dem Katholikentag zu sexuellem Missbrauch musste sich Bischof Stephan Ackermann scharfer Kritik stellen. Er räumt seine eigene Machtlosigkeit ein.

„Immer den Verdacht, die Ahnung und leider auch immer wieder die Tatsache, dass um der Barmherzigkeit Christi Willen nicht aufgeklärt wird.“ Matthias Katsch, Begründer des

„Immer den Verdacht, die Ahnung und leider auch immer wieder die Tatsache, dass um der Barmherzigkeit Christi Willen nicht aufgeklärt wird.“ Matthias Katsch, Begründer des “Eckigen Tisches”. Foto: as

„Das Sprechen der Opfer ist für Prävention grundlegend“, sagt Klaus Mertes. „Und die Voraussetzung dafür ist Aufklärung.“ Mertes weiß, wovon er redet. Der Jesuiten-Pater hat 2010 die Aufklärung von sexuellem Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg ins Rollen gebracht. Und heute, vier Jahre später, steht er beim Katholikentag in Regensburg am Podium, um den ersten Impuls für die Diskussion zu einer neuen „Kultur der Achtsamkeit“ innerhalb der katholischen Kirche zu geben, zu einer Diskussion darüber, wie körperliche und sexualisierte Gewalt in kirchlichen Einrichtungen verhindert werden können.

Es ist eine von zwei Veranstaltungen, bei der das Thema überhaupt auf den Tisch kommt. Und das Interesse ist groß. Der Festsaal im Kolpinghaus ist voll am Freitagvormittag. Mertes spricht einleitend von Transparenz, der Notwendigkeit, Machtstrukturen und Sexualmoral innerhalb der katholischen Kirche zu hinterfragen. Und mehrfach wird sein 15minütiges Referat von Applaus unterbrochen.

Kardinal Müller? „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“

Man kann nur hoffen, dass Mertes’ Botschaft gerade in Regensburg ankommt. Denn hier sind Aufklärung und Transparenz Fremdwörter. Das ist auch außerhalb der Domstadt bekannt. Mehrfach fällt auf dem Podium der Name des vormaligen Bischofs Gerhard Müller, jetzt Chef der Glaubenskongregation. Matthias Katsch, selbst Opfer am Canisius-Kolleg und Mitbegründer des „Eckigen Tisches“, in dem sich ehemalige Schüler zusammengeschlossen haben wird mehrfach deutlich.

Dass just Müller, „der vorsichtig ausgedrückt große Schwierigkeiten mit der Aufklärung in seiner Diözese hatte“, jetzt im Vatikan zuständig für den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch sei, belege: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“ Der 50jährige erntet lauten Applaus, sogar leise Bravo-Rufe, als er dies sagt. Und fast ebenso laut wird geklatscht, als er herausstellt: „Opfer von Missbrauch wurden meist immer auch Opfer eines zweiten Verbrechens: der Vertuschung.“ Auch unter Papst Fraziskus scheine noch zu gelten, dass der Schutz der Institution Kirche vor dem Schutz der Opfer stehe.

Katsch fordert eine „Null-Toleranz-Politik“ innerhalb der katholischen Kirche: „Wer Kinder sexuell missbraucht hat, darf nicht mehr Priester sein.“ Wieder wird geklatscht.

Ackermann: Einstecken und Betroffenheit bekunden

Kein leichter Stand für Bischof Dr. Stephan Ackermann, den Missbrauchsbeauftragten der deutschen Bischofskonferenz.Trotz weiterer Podiumsgäste, der Hamburger Präventionsbeauftragten Mary Hallay-Witte und Dr. Barbara Haslbeck vom Portal gottes-suche.de, sind Ackermann und Katsch es, die meist miteinander diskutieren. Heftig, kontrovers, aber immer sachlich und verbindlich im Ton.

Ackermann fällt während der 90 Minuten die Aufgabe zu, einerseits Verständnis für die Opfer und den Willen zur Aufklärung zu betonen, ein bisschen einzustecken und Betroffenheit zu bekunden, andererseits aber auch Müller in Schutz zu nehmen und das Fehlen einer Null-Toleranz-Doktrin zu verteidigen.

„Ja zu null Toleranz gegenüber dem Verbrechen, aber nicht gegen die Person“, sagt er. Ein Täter der seine Strafe verbüßt und „aufrichtig bereut“ habe, müsse auch noch irgendeine Chance haben. Und mit Blick auf Müller erklärt Ackermann: Im Vatikan habe sich nichts zum Schlechteren verändert, seit der Kardinal dort das Ruder übernommen hat.

Ackermann räumt Machtlosigkeit ein

Die Regensburger Verhältnisse freilich kennt Ackermann – zumindest zum Teil. Er weiß von den Serienbriefen, mit denen Missbrauchsopfer hier der Lüge bezichtigt und abgewiesen wurden. Er weiß von Klagedrohungen und verweigerter Unterstützung. Die Mutter eines Betroffenen hatte dem Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz 2012 einen sehr langen und emotionalen Brief geschrieben und ihn aufgefordert, „mit dem Bistum Regensburg endlich Tacheles zu reden“. Eine ähnlichen Brief erhielt Ackermann von der Schwester eines ehemaligen Domspatzen, den der immer noch amtierende Generalvikar Michael Fuchs mit einem Serienbrief abgespeist und retraumatisiert hatte.

„Uns fehlt ein übergeordnetes Monitoring.“ Stephan Ackermann. Foto: as

„Uns fehlt ein übergeordnetes Monitoring.“ Stephan Ackermann. Foto: as

Tatsächlich aber haben, das räumt Ackermann am Freitag auf Nachfragen aus dem Publikum ein, weder er noch die Bischofskonferenz als Ganzes eine Möglichkeit, einzugreifen, wenn ein Bischof – wie in Regensburg geschehen (das erwähnt Ackermann nicht) – sich einfach nicht an die Vorgaben der Deutschen Bischofskonferenz hält, sich der Aufklärung verweigert, Serienbriefe verschickt und den sexuellen Missbrauch verharmlost. „Uns fehlt ein übergeordnetes Monitoring.“ Wenn ein Bischof, das nicht tue, wozu er „gehalten“ sei, dann könne man sich aber immer noch an Rom und die Kongregation wenden, so Ackermann. Und als Katsch darauf erwidert, dass dort dann auch wieder nur „der Müller“ sitze, kommt zynisch-hämisches Gelächter aus dem Publikum.

„Selbstbefriedigung ist kein Thema für den Beichtstuhl.“

Am Ende übergibt Katsch dem Trierer Bischof einen Forderungskatalog (hier als PDF abrufbar), über den man „nun endlich strukturiert diskutieren“ müsse. Insbesondere die Sexualmoral müsse überdacht werden. „Selbstbefriedigung ist kein Thema für den Beichtstuhl“, so Katsch. Aber auch die Macht- und Hierarchiestrukturen innerhalb der katholischen Kirche stehen zur Diskussion, die „Männerbündelei“, die, das bekräftigt auch Hallay-Witte, sexuellen Missbrauch begünstige.

Tatsächliche Aufarbeitung kann in Katschs Augen ohnehin nur eine unabhängige Aufarbeitungskommission leisten. Hier sei der Staat gefordert. Wenn die Kirche, dies selbst übernehme, dann gebe es „immer den Verdacht, die Ahnung und leider auch immer wieder die Tatsache, dass um der Barmherzigkeit Christi Willen nicht aufgeklärt wird“.

Als die Diskussion vorbei ist und Besucherinnen und Besucher das Kolpinghaus verlassen, treffen sie vor der Tür auf Michael Sieber. Er ist einer von vier ehemaligen Regensburger Domspatzen, gehört zu denen, die am Mittwoch ihre Sprachlosigkeit endgültig überwunden haben und „gegen das Vergessen, Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen“ in der Diözese Regensburg auf die Straße gegangen sind. Als er seine Flugblätter verteilt gibt es immer wieder Zuspruch und Respektsbekundungen.

Voderholzer? „Der macht er alles genau so wie der Müller.“

Hoffnung, dass sich unter Bischof Rudolf Voderholzer etwas an der von Sieber kritisierten Praxis etwas ändern könnte, haben aber offenbar nicht alle. „Der hat nur einen freundlicheren Ton als Müller“, sagt eine ältere Frau. „Ansonsten macht er alles genau so wie der.“

Wäscht seine Hände in Unschuld. Bischof Rudolf Voderholzer. Foto: Staudinger

Wäscht seine Hände in Unschuld. Bischof Rudolf Voderholzer. Foto: Staudinger

Tatsächlich gibt es in der Diözese Regensburg keinerlei Informationen zu Missbrauchsfällen oder Entschädigungszahlungen. Und auch den Dialog mit den vier Domspatzen hat Voderholzer bislang weder gesucht, noch sein Versprechen eingelöst, ihre Fälle erneut zu prüfen. Bei der Veranstaltung am Freitag konnten weder er noch andere Verantwortungsträger der Diözese gesichtet werden.

Kurzfilm zum Missbrauchsskandal

Filmtipp: Der Weltverdruss

Missbrauchsskandal? War da was? Die Diözese Regensburg lässt die Stelle der im Mai verstorbenen Missbrauchsbeauftragten seit Monaten unbesetzt. Von anfänglichen Versprechungen des neuen Bischofs spüren Betroffene nichts. Doch wenn sich schon die Diözese nicht mehr mit den Missbrauchsfällen und deren Vertuschung beschäftigen will, so tut dies zumindest ein Kurzfilm aus Regensburg.

Missbrauch: Kreativer Umgang mit den Fakten

Bischof Rudolf und sein fragwürdiger Berater

Bei seinem ersten Auftritt im Regensburger Presseclub hinterließ Bischof Rudolf Voderholzer einen weitgehend positiven Eindruck. Beim „Thema“ sexueller Missbrauch indes wirkt er engagiert, allerdings auch schlecht informiert. Sein Pressesprecher hat dabei ein ganz eigenes Verständnis von der Wahrheit.

Die Geheimwaffe des Vatikan im Missbrauchsskandal

Erzbischof Müller: Genau der Richtige

Ausgerechnet Müller? Der ehemalige Bischof von Regensburg ist bekanntermaßen als Chef der Glaubenskongregation gen Rom gezogen. Am Freitagmorgen hat Papst Franziskus Herrn Müller nun seine erste Audienz gewährt und aufgefordert, „mit Entschiedenheit“ gegen sexuellen Missbrauch zu handeln. Damit beauftragt der Papst also Gerhard Ludwig Müller. Eine gute Entscheidung.

Wie die Diözese selbst "Altfälle" verschleiert

Missbrauch bei den „Domspatzen“ unter Theobald Schrems

Es war der 5. März 2010. Damals wandte sich die Diözese Regensburg erstmals an die Öffentlichkeit, um die Medien über sexuellen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen zu informieren. Bistumssprecher Clemens Neck präsentiere damals nur Jahrzehnte zurückliegende Fälle. Doch selbst diese wurden irreführend und falsch dargestellt. Versuch einer Aufarbeitung.

Ehemalige Domspatzen sagen Unterstützung zu

Kriminologe pfeift auf katholische Klagedrohung

Das geplatzte Forschungsprojekt zum sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche ist für einige Opfer kein Grund zur Trauer. Beim „Unabhängigen Archiv ehemaliger Regensburger Domspatzen“ hat man vom Anfang an an dessen Sinn gezweifelt. Nun wollen die dort zusammengeschlossenen Missbrauchsopfer dem Kriminologen Dr. Christian Pfeiffer ihre Zahlen zur Verfügung stellen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat unterdessen angekündigt, Pfeiffer zu verklagen. Der sieht einer solchen Auseinandersetzung „mit Freuden“ entgegen.

Forschungsprojekt zu Missbrauch gescheitert

„Ein Vertrag mit der Kirche ist nichts wert“

Das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ist gescheitert. Der von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte Kriminologe erhebt schwere Vorwürfe. Offenbar wird dabei ein wesentliches Dilemma der Bischofskonferenz: Sie kann solche Forschungsaufträge nicht ernsthaft vergeben. Es steht jedem Bischof frei, sich zu verweigern. Und das Beispiel Regensburg macht deutlich: Hier wurde bislang nicht aufgeklärt, sondern Aufklärung verhindert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und ohne Konsequenzen.

Rechtsstreit um "Schweigegeld"

In eigener Sache: Verfassungsgericht weist Beschwerde der Diözese Regensburg ab

Die Diözese Regensburg hat zu Weihnachten nicht nur einen neuen Bischof, sondern auch Post aus Karlsruhe erhalten. Im Rechtsstreit mit unserer Redaktion hat das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde der Diözese am 3. Dezember 2012 abgewiesen (1 BvR 558/12).

Gegen das Totschweigen

Domspatzen gründen Missbrauchs-Archiv

Die Mauer des Schweigens in der Diözese Regensburg will eine Gruppe ehemaliger Domspatzen nun durchbrechen. Vergangenes Wochenende trafen sie sich im Altmühltal und brachten ein Archiv auf den Weg, in dem sie möglichst viele Fälle sexuellen Missbrauchs dokumentieren und veröffentlichen wollen. Dem eben nach Rom beförderten Gerhard Ludwig Müller bescheinigen sie: „Er hat es nicht mehr verdient, als ‘Seelsorger’ bezeichnet zu werden.“

Spießrutenlauf im Bistum Regensburg

Ins Genick gewichst

Wenn ein erwachsener Mann den Kopf eines Kindes zwischen die Beine nimmt, stöhnend seinen Penis am Genick des Kindes reibt, während er ihm gleichzeitig auf den nackten Hintern schlägt, dann ist das kein sexueller Missbrauch. Das Stöhnen kann nämlich von der Anstrengung beim Verprügeln kommen.

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