Kritik zu La La Land

Make Art Great Again!

Print page

1Sheet_Master.qxdVöllig überschätzt! La La Land ist keine brillante Hommage, sondern ein einziges großes Scheitern.

von Flamingo (Maximilian Schäffer)

Whiplash war ein großartiger Film. 2014 inszenierte Damien Chazelle sein autobiographisch inspiriertes Werk über einen jugendlichen Jazz-Schlagzeuger, der durch die grausamen Mühlen einer Musikerausbildung durchs Leben geschleudert wird. Kongenial dabei J.K. Simmons als psychopathischer Lehrmeister – Oscar-prämiert und zurecht gepriesen.

Das Schöne an Whiplash war seine ambivalente Haltung zur Kunst, sein Abbilden eines entrückten Kosmos, innerhalb aber fernab der echten Welt, und seine Hauptfigur als Teil davon. Eben diese Tragik des aus der Bahn geratenden, jungen Mannes machte Whiplash, neben seiner minutiös genauen Inszenierung und seiner kleinen, feinen Kunstgriffe derart interessant. Bei aller Begeisterung für die Welt der Musik, bei allem verbissenen Ehrgeiz à la Karate Kid, bei allem Idealisieren einer Versessenheit, eröffnete das Werk zumindest eine Perspektive, die in ihrer Unhinterfragtheit sich selbst als Film genug war, aber ihre Beschränktheit nicht in die Kunstgeschichte trug.

Ein lästiger, ein nerviger und aufgesetzter Film

La La Land hingegen ist ein einziges, großes Scheitern. Ein lästiger, ein nerviger und aufgesetzter Film, der Ryan Gosling, Damien Chazelle und halb Hollywood, spätestens mit den schon so verliehenen, zahlreichen Auszeichnungen in Verruf bringt. Er ist die Bestätigung des eigentlich primitiven europäischen Ekels vor der amerikanischen „Plastikkunst“.

Was Popkultur ist, was Werbung, was Postmoderne und Mickey Mouse, was Richard Wagner und Thomas Mann – man muss sich bewusst sein, dass man sich das, in der kommerziellen Welt auf der anderen Seite des Atlantiks, spätestens seit Andy Warhol nicht mehr fragt. Amerika hat seine eigenen Helden, die leider seit der Gegenkultur tot sind und nun Aufguss für Aufguss in nostalgischen Method-Acting-Zeremonien wieder zurück auf die Leinwand geholt werden. Diesmal: Fred Astaire, Debbie Reynolds, John Coltrane und Thelonious Monk.

Versuch einer Hommage

La La Land soll so etwas wie eine zauberhafte Hommage an die goldene Farbfilmzeit und seine Helden sein und gleichzeitig das Abbild derer, die in Los Angeles davon träumen, Teil ihrer Renaissance zu werden. Das Gleiche versucht La La Land mit dem Jazz, setzt beide Künstlerseelen (Musiker und Schauspieler) pauschal gleich und führt sie als scheinbar passende Puzzlestücke zusammen und dann durch den einsetzenden Erfolg wieder auseinander.

Ryan Gosling, geboren im Mickey-Mouse-Club, spielt die Hauptrolle. Im realen Leben ist Gosling der Posterboy für die, denen Matt Damon zu plump und Kommerz ist. Spätestens seit den Hauptrollen in den halbavantgardistischen Filmen von Nicholas Winding Refn (Drive, The Neon Demon), seinem eigenen Regiewerk „Lost River“, und seiner grusligen Indie-Folk-Band „Dead Man’s Bones“ hat sich der sympathische, sexy Mittdreißiger mit dem Schlafzimmerblick auch in Europa Respekt als halbwegs ernstzunehmender Künstler verschafft. Seinen weiblichen Gegenpart spielt Emma Stone, die eigentlich nicht rothaarig ist.

Richtig verpackt hätte es spannend sein können

Das Filmpärchen namens Sebastian und Mia lernt sich magisch und zufällig kennen. Immer wieder sehen sie sich in unangenehmen und unpassenden Situationen, bis der Funke auf einmal überspringt. Was für ein Glück. Ab da wird getanzt und geknutscht und gelitten. Denn beide sind in ihrer künstlerischen Laufbahn erfolglos.

Die verbissen-ehrgeizige Schauspielerin Mia schlägt sich mit Nebenjobs in Cafés durch, während sie von Vorsprechen zu Vorsprechen tingelt. Der idealistische, hochbegabte Jazzpianist Sebastian spielt in schlechten Coverbands und Bars, während er von einem eigenen Club träumt. Dann geschieht es: Nach hin und her und idealistischen Projekten und dem ganzen Leid des unerfüllten Künstlerlebens setzt schlagartig für beide der Erfolg ein und die Liebe aus. Eine langweilige, tausend Mal gehörte Geschichte, die richtig verpackt aber genauso spannend wie Whiplash hätte sein können.

„Wow, art is like so amazing!“

Warum an La La Land aber nichts zauberhaft oder magisch oder tragisch ist, liegt zunächst daran, dass die beiden Hauptfiguren gar keine Künstler sind. Sie sind höchstens das, was man sich im amerikanischen Volksmund darunter vorstellt, wenn man „artsy“ sagt und „fleißig“ meint. Der American Dream besteht schließlich darin, mit harter Arbeit irgendwann zu einer bestimmten Perfektion in einer bestimmten Profession zu gelangen und schlussendlich die Früchte dieser Saat zu ernten.

Es ist dieser Typ Künstlerhandwerker, der in diesem Film die Blaupause für das strebende Paar gibt. Doch wahre Künstler leiden nicht daran, nicht Teil von etwas sein zu können. Aber Mia und Sebastian sind nicht mehr als Nerds, – die eine karrieristisch, der andere nostalgisch – die versuchen eine Figur auf dem jeweiligen Schachbrett ihrer Modellwelt zu werden. Zudem sind beide furchtbar langweilig. Was qualifiziert sie eigentlich, Künstler zu sein, außer die vernarrte Idee es unbedingt sein zu wollen? – „Wow, art is like so amazing!“

Schwofen im CGI-Sternenhimmel

Was qualifiziert Ryan Gosling und Emma Stone zudem, mehr schlecht als recht herumzutanzen? Es gibt einen großen Unterschied, ob sich Fred Astaire in Royal Wedding selbst und in höchster Perfektion durch die Zimmerdecke tanzt oder ob sich Ryan Gosling mit Emma Stone in einem CGI-Sternenhimmel ein bisschen durchs Planetarium schwoft. Genau die Technik, die der Film als Quintessenz der Kunst verkaufen will, fehlt ihm völlig. Es fehlt an Witz, an Ideen und inszenatorischem Handwerk.

Man ist als Mensch verblüfft, wenn der Hase aus dem Hut gezogen wird. Wenn aber der Hase aus Computertechnik im Film von selbst und in heller Vitalität mit Freude und Überschlägen aus dem Hut gehüpft kommt, dann ist das zu viel. Was nicht mehr echt sein kann, was seine Technik nicht im Ansatz verrätselt, wo wir uns nicht mehr fragen „Wie geht das?“, sondern wissen „Das geht nicht!“ – in diesem Moment ist der Zauber aus. Und genau hier findet La La Land den schmalen Grat nicht, sondern stürzt bereits in der Autobahn-Eröffnungsszene über die Highway-Brücke.

Dieser Film gehört in kein gutes Kino

Dass dieser schreckliche, kitschige Fehlversuch eines Films nun dermaßenen Erfolg und Hype erfährt ist leicht zu verstehen. Für viele kommt „artsy“ eben von „art“ und „künstlich“ von „Kunst“. La La Land jedoch ist keine brillante Hommage, sondern ein weiteres Testament des amerikanischen Kinos. Ähnlich wie die letzten Fehlversuche des Science-Fiction-Revivals, das Unbekannte durch das Unbekannte auszudrücken (siehe Arrival, Interstellar), gibt uns Damien Chazelle höchstens eine Mutmaßung darüber, was ein Künstler sein könnte, indem er künstlerisch sein möchte, aber scheinbar wenig davon versteht.

Dieser Film lässt ganz Amerika blöd erscheinen, ist schon jetzt maßlos überbewertet und gehört in kein gutes Kino. Stattdessen aber der grandiose Manchester by the Sea (Kinostart 19.01.2017), der entgegen seinem Namen nicht in Großbritannien, sondern an der US-Ostküste spielt und im allerbesten Sinne für seine Nation von großartigen Filmemachern wirbt. Man darf sich von der Kunst und ihren vermeintlichen Kritikern eben niemals täuschen lassen.

2 Flamingos von 5

Trackback von deiner Website.

Bitte unterstützen Sie eine unabhängige Berichterstattung in Regensburg.

 
Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14750900000000063363
BIC: GENODEF1R01

Kommentare (4)

  • Ulf

    |

    „Whiplash“ basiert auf einer für Jazz völlig unlogischen, sehr amerikanischen Prämisse des Wettbewerbs. Da wird Musik zu Sport – wer am härtesten trainiert und am schnellsten trommelt, kriegt die Jazz-Goldmedaille. Mit Kunst und Genie hat das eher wenig zu tun.

  • hf

    |

    „Doch wahre Künstler leiden nicht daran, nicht Teil von etwas sein zu können.“

    Die ganze Filmkritik wölbt sich um hohle Prämissen wie diese hier. Gehen Sie doch bitte in sich und rekapitulieren Sie die Blödsinnigkeit dieses leider so zentralen Satzes. Die gesamte europäische Bohème – wohl gemerkt eine soziale Schicht und keine Kunstrichtung – hat sich doch aus diesem Leiden, dieser Abgeschnittenheit heraus definiert. Und immer wurden wirklich große Künstler zu Lebzeiten geschnitten und verkannt – was wiederum Kunst selbst geprägt hat.

    Mag ja sein, dass der Film nicht so dolle ist, dass irgendwas produziert worden ist, um Kasse zu machen, aber muss man deshalb gleich die Keule der altweltlichen Deutungshoheit über den Kunstbegriff auspacken? Als ob es eine gültige Definition von Kunst gäbe, die vor plastinöser Entartung bewahrt! Ausgerechnet mit Mann und Wagner als Gewährsleuten. Huijuijui.

  • gustl

    |

    Schon unsere unsere Omas und Mütter waren von Ginger Rogers und Fred Astaire begeistert. Bei uns gab’s KdF, Heinz Rühmann und Lilo Pulver. Lange Zeit galt die USA als das Vorbild für Moderne, Freiheit und Demokratie. Spätestens seit Trump und La La Land hat das Vorbild ausgedient. Woran sollen wir uns jetzt orientieren? An Pietro und Sarah Lombardi und Joachim Wolbergs?

  • Der Senft

    |

    Was ich irgendwie schade finde, ist, dass Emma Stone nicht mehr abbekommt als diesen dämlichen Satz, ihre Haare seien nicht rot.

    Den Film werde ich mir, die Kritik im Hinterkopf behaltend, irgendwann mal ansehen.

    Der Trailer erweckt in mir den Verdacht, dass die Vermischung von Broadway und Film zu einem bunten Spektakel (recht kitschig alles auf die Spitze treibend) bedeutet, dass das Handwerkliche des Broadways durch das CGI des Films ersetzt worden ist.
    Das mag dann in mancheiner Augen künstlich sein und keine Kunst.

    Mal sehen

Kommentieren