SOZIALES SCHAUFENSTER

Vor 79 Jahren startete die Aktion T4 in Karthaus-Prüll

Als der Tod Pfleger in Regensburg war

Es ist der 4. November 1940. Mehrere graue Busse der Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft (Gekra) verlassen die Regensburger Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll. Das Ziel der Gekra-Busse ist das oberösterreichische Schloss Hartheim. Für die Insassen des ersten T4-Transportes von Regensburg aus ist es eine Reise in den sicheren Tod. Historisch betrachtet ist die Aktion T4 der Beginn der Massenvernichtungsindustrie im 3. Reich.

Ein Gekra-Bus mit Fahrer. Quelle: Dokumentationsstelle Hartheim

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird in fast allen westlichen Staaten über vermeintlich „wissenschaftliche Theorien“ der „Rassenhygiene“ debattiert. Nicht nur in Deutschland erfreut sich die sogenannte Eugenik großen Interesses. Überlegungen, wie mit „unnützen Essern“ verfahren werden könne und ob sich nicht die „Falschen“ überproportional fortpflanzen, werden durchaus breit diskutiert. Biologen schüren Ängste vor einem Verfall der Gesellschaft durch die angeblich höhere Geburtenrate bei sogenannten „Minderwertigen“. Doch es ist erst der Nationalsozialismus, der diese Debatten in eine staatstragende Ideologie packt, innerhalb der Gesellschaft die Ängste vor „lebensunwertem Leben“ weiter anfacht und in der Folge die massenhafte Tötung von Menschen betreiben wird.

„Gesetz zur Verhütung erbkranken Lebens“

„Lebensunwert“ gilt den Nazis etwa Schizophrenie, manisch-depressive Krankheit, Chorea Huntington, erbliche Blindheit und Taubheit sowie schwerer Alkoholismus. Bereits ab 1933 führen Ärzte auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Lebens“ Zwangssterilisationen durch. Auch Dr. Paul Reiß, der damalige Leiter der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt, bewertet das Gesetz positiv, wie Dr. Clemens Cording in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch Die Regensburger Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll im „Dritten Reich“. Eine Studie zur Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus festhält.

„Volksgenosse, das ist auch Dein Geld.“ Propagandaplakat der NSDAP für das von der Ärzteschaft erdachte Euthanasieprogramm.

Etwa 600 Patienten werden in Regensburg auf Grundlage dieses Gesetzes zwangssterilisiert. Mehr als 400.000 werden es am Ende im gesamten Deutschen Reich sein. Nicht wenige, insbesondere Frauen sterben an den Folgen der Eingriffe.

Der Beginn der industriellen Ermordung

Mit dem Start der sogenannten Aktion T4 im Jahr 1940 erhalten die Vernichtungsphantasien der Nationalsozialisten eine neue Qualität und die deutsche Tötungsindustrie wird institutionalisiert. Von der Berliner Geheimzentrale in der Tiergartenstraße 4 aus, nach der die Aktion benannt ist, beginnen die Nazis strategisch günstig gelegene Einrichtungen im gesamten Reichsgebiet auf die Organisation, Verwahrung und schließlich die Tötung von tausenden von Menschen auszurichten. Auch das ehemalige Kloster Karthaus-Prüll fungiert in der Folge als Verwahrungsort. Das Schloss Hartheim in Oberösterreich wird zur Tötungsstätte umgebaut.

Die Ärzte in den Pflegeeinrichtungen schicken Behandlungsbögen an die zentrale Stelle in Berlin. Dortige Gutachter entscheiden über das weitere Schicksal der Insassen. Kategorien der Behandlungsbögen lassen auch heute noch deutlich das Menschenbild der ausführenden Ärzte und des Nationalsozialismus erkennen. Von „lebensunwert“ und „unbrauchbar“ ist dort die Rede und von „tierischer als ein Tier“. Auch politisch Verfolgte, denen ein passendes ärztliches Gutachten angehängt wird, werden Opfer der T4-Aktion.

642 Menschen aus Regensburg

Die Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft, eine Unterabteilung der Zentrale in der Tiergartenstraße 4, ist für den Transport der Insassen der einzelnen Anstalten in die Tötungsstätten verantwortlich. In fünf Transporten bringen die grauen Gekra-Busse 1940 und 1941 insgesamt 642 Menschen von Regensburg nach Hartheim und somit in den sicheren Tod. Das entspricht ca. 40 Prozent der gesamten Patientenzahl, die in diesem Zeitraum in Karthaus-Prüll behandelt werden. Nur eine Person überlebte die Deportation.

Das Schloss Hartheim – heute ein Ort der Erinnerung. Foto: Bothner

In Hartheim geht dann meist alles recht schnell. Von den Bussen geht es direkt in einen Raum, in dem die Menschen sich komplett ausziehen sollen. In Gaskammern werden sie dann dicht gedrängt umgebracht. Die Nazis unternehmen mit den Krankenmorden die ersten Versuche in der industriellen Tötung von Menschen und sammeln viele Erkenntnisse für das spätere Vorgehen bei der sogenannten „Endlösung“, also der Verfolgung und Tötung mehrerer Millionen Jüdinnen und Juden in den Konzentrationslagern und anderen Einrichtungen.

Das Ende der Aktion-T4 – doch das Töten geht weiter

70.273 Männer und Frauen finden durch die Aktion T4 den Tod. Mehr als 216.000 werden insgesamt im Rahmen der Krankenmorde während des Nationalsozialismus umgebracht. Denn auch wenn die Aktion T4 am 24. August 1941 auf Geheiß Hitlers beendet wird, so hatte man mittlerweile viel Erfahrung in der massenhaften Vernichtung von Menschen gesammelt. Die „Kinder-Euthanasie“ wird ebenso fortgesetzt wie die Tötung behinderter Menschen in Heil- und Pflegeanstalten durch die Verabreichung von Luminal oder Morphium-Scopolamin. In den drei Tötungsanstalten Bernburg, Sonnenstein und Hartheim wird zudem die als Aktion 14f13 bezeichnete Tötung von kranken und nicht mehr arbeitsfähigen KZ-Häftlingen sowie politischen Gefangenen und vermeintlichen Volksverrätern weiter durchgeführt.

Denkmal der grauen Busse in der Berliner Tiergartenstraße 4. Foto: Tom Benz-Hauk, wikipedia

Die Anstalt im ehemaligen Kloster Karthaus-Prüll hingegen muss nach der Beendigung der Aktion T4, wie viele andere Einrichtungen in Bayern nun mit einer zunehmenden Überbelegung fertig werden. Da man jedoch von staatlicher Seite keineswegs vor hat, mehr Gelder in die Pflege von „unwertem Leben“ zu investieren, tritt am 30. November 1942 der sogenannte Hungerkost-Erlass des bayerischen Innenministeriums in Kraft. Die Einrichtungen werden dazu angehalten die Rationen auf ein Minimum zu reduzieren und sorgsam auszuwählen, welchen Patienten sie genug zu essen geben. Unzählige Menschen erleiden hierdurch den Hungertod. Cording zufolge, selbst ehemaliger Arzt des Bezirkskrankenhauses Regensburg, wurde der Hungerkost-Erlass zumindest in Regensburg nur kurze Zeit praktiziert. Nach dem Ende der Deportationen sterben dennoch rund 950 Patienten an Hunger, Kälte und Verwahrlosung in der Anstalt.

Doch wie geht man mit der Geschichte um?

Stolperstein für Ludwig Kiergassner in der Haaggasse. Foto: om

Mehrere Stolpersteine in der Stadt sind ehemaligen Insassen der Anstalt gewidmet, die in Hartheim getötet wurden. So etwa am Fischgässl 2. Dort wohnte der 1909 geborene Heinrich Fuchs. 1935 wurde er in die Heilanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen und am 2. Mai 1941 nach Hartheim deportiert, wo er am gleichen Tag den Tod fand. Einen knappen Monat später wurde auch Georg Muggenthaler in Hartheim ermordet. Ein goldener Pflasterstein vor der Galgenbergstraße 7, gegenüber vom Posthof, ist ihm gewidmet. Ein weiterer Stolperstein vor der Buchenstraße 4 erinnert an Richard Hupfer. Ludwig Kiergassner (Haaggasse 13) wurde am 4. November 1940 mit dem ersten Sammeltransport nach Hartheim gebracht und dort am selben Tag vergast.

Das Schloss Hartheim ist heute eine Gedenkstätte. An diesem historischen Ort können Besucher einen tieferen Einblick in die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus erhalten und erfahren, mit welch enormen Aufwand dort das Töten betrieben wurde.

Auf dem Gelände der Regensburger Anstalt ist heute das Bezirkskrankenhaus ansässig und beherbergt dort eine Abteilung für Psychiatrie. Doch die Klinikleitungen tun sich lange schwer einen Umgang mit der Geschichte des Hauses zu finden. So wird die NS-Vergangenheit zum ersten Mal 1977 in einem Artikel der klinikeigenen Rundschau zum 125jährigen Bestehen der Anstalt thematisiert. Am 50. Jahrestag des ersten Transportes von Regensburg nach Hartheim wird dann am 4. November 1990 eine Gedenktafel eingeweiht. Seit 2016 existiert im Innenhof des ehemaligen Klosters eine modern gestaltete neue Gedenkstätte, an der jährlich ein Kranz niedergelegt wird.

Karthaus-Prüll Foto: Bothner

Ein breiterer Diskurs über die Geschichte und die Hintergründe dieser Stätte findet jedoch nach wie vor nur sehr reduziert statt. Laut der städtischen Stabsstelle für Gedenk- und Erinnerungskultur sei zum 80. Jahrestag 2020 eine größere Gedenkveranstaltung angedacht. 

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Kommentare (25)

  • Haimo Hermann

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    Das ist ein trauriges Beispiel dafür, warum sich bis heute, im Ältestenrat der Stadt, die Ansicht verbreitet hat lieber Schweigen als den Mund aufzumachen und die damalige Situation zu verurteilen. In diesem Gremium wird ja heute noch ein Hitlerschleimer wie Dr. Th. Schrems als Ehrenbürger der Stadt mit Strassennamen verehrt. Da können sich Steinmeier und AKK noch so betroffen zeigen.

  • Dieter Lohr

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    Breiterer Diskurs? Ich will’s versuchen: Am 23. April nächstes Jahr erscheint mein neuer Roman »Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.« Darin geht es um den Regensburger Künstler und Schriftsteller Alfred Seidl, der in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts aktiv war und den größeren Teil dieser Zeit just in Karthaus-Prüll verbracht hat. Es geht um die Themenkreise „Vernichtung unwerten Lebens“, „Entartete Kunst“, „Genie und Wahnsinn“. Spannende Sache.

    Seidl? Schon mal gehört, den Namen? Genau, Alfred Seidl ist der Bruder von dem Seidl, nach dem mal eine Straße in Regensburg benannt war; man erinnert sich.

    Die Vorstellung des Buchs findet im Festsaal des Bezirks Oberpfalz statt, also dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll“. Ich schick gern vorab ein Besprechungsexemplar.

  • highwayfloh

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    Wer sich mal die Mühe macht, den offiziellen Pressespiegel durchzulesen, den wird es es mit Grauen erfassen, was aus dem selbsternannten Qualitätsmedium „MZ“ geworden ist, wenn man sich die Erstausgabe mit grundlegendem Statement des verstorbenen Verlagsgründers zu Gemüte führt. Die Berichterstattzung dieser Gazette ist unserioes, selbst in direktem Vergleich zum führenden deutschem Boulevardblatt „Bild“!

  • XYZ

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    Dazu gibt es auch noch einen Bericht der Amerikaner zu Irsee/Kaufbeuren:
    Nahezu jeder Einwohner wusste dass dort Menschen abgeschlachtet wurden. Sie waren sich ihrer Verbrechen nicht bewusst, sie waren Deutsche und keine Nazis.

  • XYZ

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    Näheres nachzulesen bei Dr. Michael von Cranach, Aktion T 4 und Psychiatriereform, einst Leiter von Ir(r)see, u.a. Psychische Krankheit als sozialer Prozess.

  • Eingeborener

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    Die Ideologie vom ,unwerten Leben ‚ ist gar nicht weit weg. Heutzutage ist die herrschende Ideologie der Neoliberalismus : Der Wirtschaft muss es um jeden Preis gut gehen, und den Preis zahlen bevorzugt die unteren Schichten dank der Hartz 4-Gesetze. Für Herzlichkeit und Mitgefühl ist bei dieser Ideologie kein Platz…Die Psychiatrie in Regensburg ist für mich ein undurchsichtiger Ort ,weil stark abgeschottet nach aussen. Was deren Ärzteschaft so über ihre Patienten denkt, würde mich sehr interessieren. Ich habe da bisher wenig gutes gehört.

  • Jürgen

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    Ich bin mal zynisch:
    … drum AfD wählen!
    Angeblich wird im Osten unseres Landes, schenkt man diversen Talkrunden im Fernsehen glauben, aus mangelndem geschichtlichen Wissen über das Dritte Reich rechts gewählt. Solche Artikel würden dort wohl als unwahr abgetan werden.
    Das alles und noch mehr stimmt mich nachdenklich.
    Wir müssen wachsam sein.
    Vielen Dank für den Artikel.

  • Mr. T.

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    Jürgen, auch wenn’s etwas Off-Topic ist: Das mangelde Geschichtswissen ist sicher nicht das Problem. Das Problem ist, dass ein zweistelliger Prozentsatz der Deutschen kein großes Problem mit dieser Geschichte hat. Die Wähler der NSAfD eint Fremdenfeindlichkeit und die Sehnsucht nach einer autoritären Führung.
    Bei einer T4-ähnlichen Aktion kämen die Probleme wohl auch nur, wenn sie selbst betroffen wären.
    Aber richtig, wir müssen wachsam sein! Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch …

  • Thik

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    @Eingeborener 3. November 2019 um 22:32

    „… Jede staatliche Leistung steht unter dem Vorbehalt, dass man sie auch finanzieren muss. Jeder Euro, den der Staat für Sozialleistungen ausgibt, muss zunächst einmal aufgebracht werden, sei es von den Beitragszahlern oder von den Steuerzahlern.“

    Prof. Rainer Schlegel, Präsident des Bundessozialgerichts https://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/fluechtlingskrise-und-justiz-jede-staatliche-leistung-steht-unter-vorbehalt-14459469-p2.html

    Das ist reinste neoliberal – auch bekannt als „supply side“ – Ideologie. Die Realität sieht bekanntlich so aus

    „Würde man – z.B. über die Förderbanken – das geschöpfte Geld so in den Kreislauf bringen, dass es die Konsum- oder Investitionsausgaben ankurbelt, sähe dies anders aus. Warum gibt es aber keine billigen EZB-Gelder für Kredite zur Bewältigung der Energiewende? Warum bekommen Studenten keine zinslosen Studienkredite von der EZB? “

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=52849

  • Piedro

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    @Thik
    „Warum gibt es aber keine billigen EZB-Gelder für Kredite zur Bewältigung der Energiewende?“
    Ist das denn so? Oder ist es nicht eher so, dass in Zeiten günstiger Kredite keine aufgenommen werden, weil die Null schwarz bleiben soll?

    Eine Umfrage, ob für Psychiatriepatienten und Pflegefälle zu viel oder zu wenig Geld ausgegeben wird würde vermutlich erschrecken. „Die Gesellschaft“ spart am liebsten bei den Schwächsten, und „der Bürger“ findet das bestimmt nicht immer falsch. Ich würde nicht darauf wetten, dass „wir“ die Einteilung in „lebensunwertes Leben“ und andere Leben wirklich überwunden haben. Zumindest wird es Zustimmung zu „nicht unterstützenswertem Leben“ geben. Das SGB hat das ja bereits in die Rechtsgrundlage eingebracht, wenn auch noch kontrovers, weil es manche Gerichte immer noch mit der Verfassung haben.

    Aus dem Programmentwurf der AfD von 2016:
    „Nicht therapierbare Alkohol- und drogenabhängige sowie psychisch kranke Täter, von denen erhebliche Gefahren für die Allgemeinheit ausgehen, sind nicht in psychiatrischen Krankenhäusern, sondern in der Sicherungsverwahrung unterzubringen.“

    „Was verbirgt sich hinter dem Wort Sicherheitsverwahrung? Was für Einrichtungen sind damit gemeint? Bisher werden Menschen in Sicherungsverwahrung in regulären Justizvollzugsanstalten untergebracht, in Gefängnissen. Kranke werden dort nicht eingeschlossen, weil es für sie dort keine Betreuung gibt. In den Gefängnissen sind nur verurteilte Straftäter. In geschlossene Psychiatrien sollen die Kranken aber nach dem Willen der AfD auch nicht kommen. Wohin dann? Folgt man der Logik der rechtspopulistischen Partei, müssen neue Einrichtungen geschaffen werden.
    Wie sollen wir diese Verwahranstalten nennen? Was ist ein passender Begriff? In meinen Augen ist das Wort „Lager“ bezeichnend.“
    https://correctiv.org/top-stories/2016/03/14/das-afd-programm-entschluesselt/

    „Die Diakonie kritisierte zudem zusammen mit der Behindertenhilfe eine parlamentarische Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion. Danach fragt die Fraktion nach dem Anteil psychisch kranker Menschen mit Erwerbsminderungsrente und den volkswirtschaftlichen Verlusten, die durch diese Gruppe entstünden.“
    https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/diakonie-warnt-vor-neuer-ausgrenzung-von-behinderten-menschen-16357857.html

  • Ulrich

    |

    Vielen Dank für diese Erinnerung an jenes böse Kapitel des NS. Bitte weitermachen, niemals aufgeben, gerade heute, da Volksverhetzer wieder munter in aller Öffentlichkeit unsere Erinnerungskultur in den Schmutz ziehen. — Kleine Frage: Musste die Euthanasie-Aktion nicht abgebrochen (bzw. kleiner dosiert und verdunkelt) werden, nachdem es zu vielen unserer Vorfahren auffiel, dass ihre Angehörigen in den Heimen plötzlich verschwanden?

  • Piedro

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    @Ulrich
    Ich gehe eher davon aus, dass die Staatsmacht und ihre Propaganda keinerlei Rücksicht genommen hat. Nach dem Schicksals eines Krüppels zu fragen dürfte ähnlich brisant gewesen sein wie eine Nachfrage nach dem deportierten, jüdischen Freund. Wenn etwas zurück gefahren wurde, dann wohl eher weil der größte Teil der Vernichtungskandidaten bereits beseitigt war. Die Bewertung der Entrechteten konnte nicht in Frage gestellt werden.

  • XYZ

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    Bemerkenswert ist hierbei dass es meist ehemals katholische Klöster waren, so Karthaus-Prüll, Irsee und Ursberg. Die verbliebenen Mönche kümmerten sich um die Anvertrauten und Entrechteten, konnten aber wenig tun, auch sie standen letztlich unter Verfolgung.
    Götz Aly, Beiträge zur nat.soz. Gesundheits- und Sozialpolitik.

  • XYZ

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    Noch zur Historie:
    Valentin Faltlhauser (1876-1961) war bis Kriegsende leitender Arzt (und Psychiater) der Kreisirrenanstalt in Irsee. Vor dem amerikanischen Militärgericht sagte er, der selbst mehr als irre war, aus:
    „An der Berechtigung des Euthanasieerlasses habe ich nie gezweifelt. Als Staatsbeamter bin ich dazu erzogen worden den jeweiligen Anordnungen und Gesetzen Folge zu leisten.“

  • XYZ

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    Noch zur Historie:
    Durch den Reichsdeputations- Hauptschluss vom 25.02.1803, gefasst im alten Rathaus von Regensburg, wurden zahlreiche kirchliche Eigenherrschaften rechts des Rheins enteignet, so auch u.a. Kloster Speinshart in der Oberpfalz. Die Mönche hatten das Land kultiviert und so mancher letztgeborene Bauernsohn oder Unbedarfte fand dort sein zu Hause.
    Dann kamen die königlichen Beamten und verscherbelten Niet und Nagel und pflasterten die Wege mit den unnützen Büchern und liessen sich als Landrichter nieder. Später kamen dann die Kreisirrenanstalten für nicht Arbeitsfähige und sie wurden euthanisiert.

  • highwayfloh

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    aus persönlichem Interesse:

    der von Ihnen erähnte Valentin Faltlhause ist ein Ahn des CSU-lers Kurt Faltlhausers?

  • XYZ

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    Highwayfloh gestern 21.49:
    Faltlhauser ist ein nicht so häufiger Familienname, Valentin 1876-1961, Kurt geb. 1940. Näher konnte ich es nicht aufklären.

  • XYZ

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    Dr. Valentin Faltlhauser empfahl jedenfalls eine tödliche Hungerkost für die ‚Irren‘ in Irsee um die ‚Kosten‘ für die Geisteskranken zu senken, war also kein Psychoanalytiker sondern ein Finanz- Nazi.

  • Robert Werner

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    Vielen Dank für diesen Bericht.
    Ja, es findet kaum ein „breiterer Diskurs über die Geschichte und die Hintergründe dieser Stätte“ statt. Der Auseinandersetzung um die „T4-Aktion“ in Regensburger mangelt es u.a. daran, dass die fragwürdige Rolle des damaligen Bischofs Buchberger und seiner Theologen nicht thematisiert wird.

    Während etwa der Münchner Kardinal Faulhaber seinerzeit zumindest nicht-öffentlich bei staatlichen Stellen protestierte, ist von Bischof Buchberger keinerlei Prostet überliefert.
    Als es in der Folge darum ging, die Urnen der Ermordeten zu bestatten, verbot Buchberger seinen Priestern das „kirchliche Geleit der Urne durch die Straßen und über den Friedhof“. Damit ein katholisches Begräbnis der Asche der in Linz Ermordeten trotz der dogmatisch verfemten Feuerbestattung möglich wurde, mussten die Urnen in einem Sarg verborgen werden. Nur so konnte ein Priester das Begräbnis begleiten.
    https://www.regensburg-digital.de/mit-beicht-und-kommunion-in-den-krieg/15042017/

    Für den Priester und Theologieprofessor der Regensburger Philosophisch-theologischen Hochschule Joseph Engert war die Unterstützung des NS-Staates eine Ehren- und Herzenssache. Engert begrüßte und legitimierte auch die NS-Zwangssterilisation und „T4-Aktion“ – zum angeblichen Schutz des dt. Volkes. Die Aufgabe der Nürnberger Gesetze sei es, so Engert, „das weitere Einsickern jüdischen Blutes zu verhindern, ebenso das von Negern, Zigeunern und Bastarden.“
    In einem Aufsatz für den Kleruskalender (Echter Verlag Würzburg) huldigte Engert der nationalsozialistisch-verbrecherischen Politik – wohl mit Duldung von Buchberger:
    „Es gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen und Aufgaben des neuen Staates, daß er der Rasse und Rassenpflege besondere Aufmerksamkeit schenkt.“ Der endlich überwundene liberale Staat habe „von einem falschen Humanitäts- und Individualitätsideal ausgehend, die Fragen der Eugenik ganz als dem Auge“ verloren. Die Folgen: „Schwinden der Führerauslese“ durch Geburtenschwund und „das unerhörte Wuchern und Sichvermehren der Minderwertigen“. Die Erbanlagen seien aber „der kostbarste Besitz des deutschen Volkes“ – dieses „Erbgut (sei) rein zu erhalten und fortzupflanzen.“ (S.121) Deshalb sei „eine der ersten Aufgaben des neues Staates“ gewesen, hier mit Gesetzten einzugreifen.

    Im Mai 2014 veröffentlichte ich hier auf rd eine vierteilige Artikelserie zum Priester Joseph Engert, der jahrzehntelang als Gründer der hiesigen Uni und verdienstvoller Gelehrter gegolten hatte.
    https://www.regensburg-digital.de/josef-engert-propaganda-fuer-das-ns-regime-als-ehren-und-herzensache/31052014/

    Kurz darauf leitete der damalige OB Wolbergs die Umbenennung einer nach Engert benannten Straße ein. Ebenso wurde ein seinen Namen tragender Uni-Forschungspreis umbenannt. Was es damals nicht einmal ansatzweise gab, war eine Auseinandersetzung mit der „T4-Aktion“ und ihren ideologischen Unterstützer in der Gesellschaft – wie etwa der Geistliche Joseph Engert einer war.

    Eine solche Auseinandersetzung steht immer noch aus.

  • XYZ

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    Im Grunde zeigt sich auch hier wieder dass die Vertreter des Nationalsozialismus reichlich unwissend und ziemlich blöde waren. Was soll denn schon ein Theologe von komplizierten Fragen der Fortpflanzung und biochemischen Vererbung wissen. Von den bahnbrechenden Erkenntnissen eines Albert Einstein oder Siegmund Freud wollten sie auch nichts wissen, waren ja nur minderwertige Juden. Aber die Nazis wussten es besser, das „reine Erbgut“ als ideologisches Wahnbild.

  • Robert Werner

    |

    @XYZ
    Die Vertreter des NS haben dem Kranken- und Judenmord nicht gutgeheißen und propagiert weil sie „reichlich unwissend und ziemlich blöde“ waren.

    Der von mir beispielhaft genannte Prof. Dr. Dr. Joseph Engert promovierte in Theologie und Philosophie, lehramtlich war er Bischof Buchberger unterstellt. Ich würde Engert eher als „Universalgelehrten“ bezeichnen, denn unwissend und blöde.

    Der Geistliche Engert war wie die allermeisten seiner Theologen- und Priesterkollegen antidemokratisch, antiliberal, staatstreu, deutschnational und deutsch-völkisch eingestellt – nur das Wohl der Deutschen, der „arischen Rasse“ lag ihm am Herzen.
    Seine christlich tradierte Judenfeindschaft war mit dem Vernichtungsantisemitismus der Völkischen problemlos in Einklang zu bringen, seine rassenhygienischen Utopien standen für ihn offenbar nicht im Widerspruch mit seinen katholisch-ökumenischen Vorstellungen. Im Gegenteil, Engert hat seine nationalsozialistische Propaganda und rassenhygienischen Traktate gezielt unter Geistlichen vorgetragen, Bischof Buchberger hat ihn zumindest gelassen.
    Im NS-Regime wurden Eugenik, Euthanasie, Rassismus und Antisemitismus von Staats wegen betrieben und die Vernichtungspolitik mehrheitlich umgesetzt. Engert hat unter katholischen Geistlichen dafür geworben.

  • XYZ

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    Dazu ist noch zu ergänzen:
    Siegmund Freud erkannte dass unbewusste Gefühle aus der Kindheit (die Prägung) auf soziale Beziehungen unreflektiert übertragen werden, das war ersichtlich bei dem Politiker Hitler und dem Theologen Englert der Fall. Dafür wurde Freud ausgewiesen und die Familie vergast, bis auf Anna Freud. Englert verblieb als Verfechter der Rassentheorie, wo biologisch völlig unwissenschaftlich Art und Rasse gleichgesetzt wurden.
    Geschätzt ein Drittel der Wissenschaftler, darunter die besten, verliess das ‚Reich‘ nach dem Gesetz zur ‚Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ (welchem denn? ). Von 1901-32 erhielten 11 dt. Physiker den Nobelpreis, dann erst wieder nach 22 Jahren. Sagt alles.

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