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NS-Widerstand in Regensburg

Hochachtung den Verachteten

Zum 70. Todestag der von den Nazis ermordeten Regensburger Antifaschisten Josef Haas und Georg Zaubzer. Ein Porträt von Martin Oswald.

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An den Antifaschisten Josef Haas erinnert in der Alten Waldmünchener Straße in Reinhausen dieser Stolperstein. Foto: Oswald.

„Ich kann die Zeit noch erwarten, wo die Kommunisten über den Keilberg hereinmarschieren. Dann muss man mir ein Messer an meinen Armstumpf schnallen und ich werde allen N[ational]S[ozialisten] die Gurgel abschneiden“

soll Josef Haas einmal gesagt haben. Was nach dem blutrünstigen Aufruf eines Fanatikers klingt, ist vielmehr die verzweifelte und zugleich heillos optimistische Lehre aus einem gedemütigten und entbehrungsreichen Leben. Nicht Josef Haas war fanatisch. Es waren andere, die Haas demütigten, ihn denunzierten, schändlich behandelten und verachteten. Fanatisch waren diejenigen, die diesen Mann vor 70 Jahren, am 18.08.1944, im KZ Flossenbürg erschossen. Am selben Tag an derselben Stelle richtete die SS auch Haas’ Freund Georg Zaubzer hin. Beide ohne Todesurteil.

Haas und Zaubzer verbindet jedoch nicht nur ihr Todestag, sondern auch eine tiefe Freundschaft, deren Ursprünge in der Schulzeit in Reinhausen lagen. Beide eint zudem ein schicksalhaftes Wirken, das über ihr eigenes, von den Nazis gewaltsam beendetes Leben hinausgeht. Die Freunde sind bei weitem nicht das einzige, aber ein herausgehobenes Beispiel antifaschistischen Widerstandes in Regensburg. Ein angemessenes und würdiges Gedenken findet bis heute nicht statt.

Josef Haas: Vom Hilfsarbeiter zum Invaliden

Josef Haas wurde am 07.02.1899 in Reinhausen geboren und wuchs dort als ältester von insgesamt elf Kindern in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war Hilfsarbeiter im Steinbruch Brandlberg. Hilfsarbeiter musste auch Josef werden. Für eine Lehre reichte das Geld der Familie nicht aus. Als 18-jähriger wurde Haas im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs an die Westfront geschickt und trug eine Gasvergiftung davon. Die revolutionäre Umbruchphase nach Kriegsende erlebte er in Frankfurt am Main, bevor er 1919 wieder nach Reinhausen zurückkehrte. Diese Zeit muss ihn politisch entscheidend geprägt haben: Von nun an war Haas in kommunistisch-anarchistischen Gruppen organisiert. Wohl 1919 trat er der KPD bei, die er 1922 zugunsten eines Beitritts zur Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) wieder verließ. 1926 stieß er zum Verband der proletarischen Freidenker, 1929 zum Verein Rote Hilfe.

Zwischenzeitlich erfolgte auch sein Beitritt zum Deutschen Invalidenbund. Der Steinbruch-, Hafen- und zuletzt Zellstofffabrikarbeiter Haas zog sich 1923 eine Arbeitsverletzung am Fuß zu, die aufgrund ärztlicher Ignoranz (gegen die Haas protestierte, indem er den Arzt ohrfeigte) nicht behandelt wurde. Die Wunde führte später sukzessive zur Amputation dreier Zehen, der Mittelfußknochen und schließlich des linken Fußes. Doch damit nicht genug. Es ist überliefert, dass ihm nach und nach beide Beine bis zum Rumpf, der rechte Unterarm und die linke Hand amputiert werden mussten. An welcher Erkrankung Haas genau gelitten hat, ist nicht bekannt. Spekuliert wird über eine Gefäßerkrankung, vielleicht kombiniert mit Diabetes. Sicher ist: Haas war Vollinvalide und kam seit ungefähr 1935 so gut wie nicht mehr ohne fremde Hilfe aus.

Mit dem Wagen bis nach Donaustauf

Sein Geist aber blieb wach. Weder mit seiner misslichen Lage, noch mit der politischen Situation in Europa wollte und konnte Haas sich abfinden. Er ließ sich einen Wagen mit drei Rädern bauen und von einem Hund durch Regensburg und sogar bis nach Donaustauf ziehen. So verzweifelt er eigentlich hätte sein müssen, so unerschütterlich war sein Kampf gegen den Nationalsozialismus. „Mörder und Banditen“ titulierte er die Nazis öffentlich. Wilhelm Kick schreibt in seinem Buch über den Regensburger Widerstand: „Sein Sinn für Gerechtigkeit und sein Glaube an diesen seinen letzten Wert trieben ihn immer wieder hinaus auf die Straßen und auf die Dörfer der Umgebung, manchmal auch zur Versammlungsstelle ähnlich gesinnter, auf den Neupfarrplatz. Wenn ihn sein Hund gerade nicht ziehen konnte, dann zog sein Freund und Gesinnungsgenosse Zaubzer das Gefährt. Dieser besuchte Haas auch oft in seiner Wohnung.“

Georg Zaubzer: Kriegsinvalide und Kommunist

Doch wer war eigentlich Haas’ gelegentlicher Wagenlenker? Auch Zaubzer entstammte einer Hilfsarbeiterfamilie aus Reinhausen, die ihre sieben Kinder kaum ernähren konnte. Auch er wurde selbst Hilfsarbeiter. Wie Haas wurde er während des Ersten Weltkriegs eingezogen und zunächst nach Mazedonien geschickt, dann nach Verdun. Nach drei erlittenen Verwundungen und einer Darmverletzung wurde ihm ein künstlicher Magenausgang gelegt, mit dem er fortan als Kriegsinvalide galt. In der Weimarer Zeit gehörte Zaubzer dem Fabrikarbeiterverband Deutschlands, später kurzzeitig der KPD und der Roten Hilfe sowie ab 1932 der Erwerbslosen-Einheitsfront Deutschlands an. Im März 1933 wurde er bei der ersten großen Verhaftungswelle der Nazis im Zuge der Reichstagsbrandverordnung in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Zaubzer war beim Regime also bereits früh vorgemerkt. Endgültig inhaftiert wurde er am 16. Dezember 1942, als bei ihm unter anderem anarchistische Schriften gefunden und beschlagnahmt wurden.

Haas und Zaubzer – ermordet in Flossenbürg

Haas kam am 24. Februar 1943 in Haft. Von diesem Zeitpunkt an sollten weder er noch Zaubzer je wieder einen Tag in Freiheit verbringen. Die Nazis schoben die beiden unabhängig voneinander vom Untersuchungsgefängnis ins Strafgefängnis, vom Landgerichtsgefängnis ins Oberlandesgericht, bis sie letztlich als politische Häftlinge ins KZ Flossenbürg gesperrt wurden. Dort trafen sich die beiden Freunde wieder. Dass zwei Invaliden in ein vermeintliches Arbeitslager deportiert wurden, hatte einen Grund, der am 18. August 1944 traurige Gewissheit wurde.

Die Ermordung von Josef Haas und Georg Zaubzer durch die Nazis war unrecht und sogar nach NS-Maßstäben urteilswidrig. Verurteilt worden waren sie schließlich wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust (Haas) bzw. viereinhalb Jahren und Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust (Zaubzer). In der Anklage wurde beiden vorgeworfen, „Feindsender“ (Radio Moskau) abgehört und „Feindpropaganda“ verbreitet zu haben. Haas und Zaubzer hatten 1939 davon gesprochen, dass Deutschland den Krieg begonnen habe und denselben nicht gewinnen werde. Sie glaubten der Nazi-Propaganda kein Wort und machten daraus auch öffentlich keinen Hehl. Im Urteil gegen Haas heißt es:

„Der Angeklagte ist auch nach 1933 bis zuletzt gesinnungsmäßig überzeugter und fanatischer Kommunist geblieben. Er verkehrte, in den letzten Jahren seltener, am Neupfarrplatz in Regensburg in einem Kreis ihm gesinnungsverwandter, staatsfeindlicher Elemente, die sich dort häufig zwanglos zur Unterhaltung trafen, hochverräterische Gespräche führten und selbst gehörte oder von anderen in Erfahrung gebrachte Feindnachrichten austauschten und besprachen. Von dort her kannte Haas auch den Arbeiter Zaubzer, einen begeisterten Kommunisten, der viel auf dem Neupfarrplatz zu treffen war. […] Der Angeklagte warb entsprechend seiner kommunistischen Einstellung mindestens vor dem Kriege häufig in seiner Wohnung in Gesprächen mit seinen Bekannten für die kommunistischen Umsturzideen. […] Als die außenpolitische Lage vor Beginn des jetzigen Krieges schon gespannt war, äußerte sich der Angeklagte oft gegenüber [dem Zeugen] S. inbezug auf einen etwa ausbrechenden Krieg, daß die deutschen Soldaten nie durchhalten würden. […] Der Angeklagte schimpfte weiter gegenüber S. darüber, daß die Regierung die Renten gekürzt habe. […] Im Jahre 1939 nach dem Polenfeldzug äußerte sich der Angeklagte schließlich gegenüber S., diesen Krieg hätten wir nicht gebraucht, wenn wir nicht in Polen einmarschiert wären, wäre der Krieg nicht ausgebrochen. […] Aus seinen Äußerungen spricht ein tiefes Haßgefühl gegen alle bestehende Ordnung.“

Das Wirken Zaubzers und Haas‘, das damals aus tiefster Verachtung verurteilt wurde, kann heute nur mit noch tieferem Respekt gelesen werden. Allzu viel Bewusstsein für die beiden Widerstandskämpfer scheint es in der Stadt Regensburg jedoch nicht zu geben.

Ein würdiges Gedenken fehlt

Für beide wurden zwar erfreulicherweise Stolpersteine verlegt. Hans Schaidinger erwähnte zudem 2013 anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel zur Bücherverbrennung den „Arbeitsinvaliden Haas“, freilich ohne auf seine antifaschistische und kommunistische Gesinnung einzugehen. Doch schlendert man heute über den Neupfarrplatz, sieht man von Hochachtung für den Regensburger Widerstand nur im Verborgenen etwas – wenn überhaupt. Durchquert man dann auch noch die Messerschmittstraße, die Josef-Engert-Straße oder den Hans-Herrmann-Park, fragt man sich ernsthaft, ob nicht am Ende doch diejenigen Zeitgenossen von Haas Recht behalten haben, die oft zu ihm gesagt haben sollen: „Niemand will dich mehr…“

Die hier dargelegten Informationen basieren weitgehend auf dem Quellenstudium von Wilhelm Kick (Sag es unseren Kindern. Widerstand 1933-1945. Beispiel Regensburg, Berlin 1985) und der Dokumentation von Andreas Angerstorfer und Annemarie Dengg (Regensburg im Widerstand. „Neupfarrplatz-Gruppe“, Regensburg 1997).

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