SOZIALES SCHAUFENSTER

Herr Stein rät

Der Optimierer

Mit Beginn der Corona-Pandemie hat der Regensburger Martin Stein einen kleinen Podcast auf Youtube gestartet. Regelmäßig gibt Herr Stein dort nun Ratschläge, wie die Krise ohne großen Aufwand zu bewältigen wäre und welche Schlüsse man daraus ziehen sollte. Warum Sie Ihre Tinder-Aktien schnell verkaufen sollten, welche Alternativen es zu sinnlosem Schmerz gibt und warum die Zeit der Diktatoren vorbei ist, gibt es im heutigen Optimierungs-Special. Wir veröffentlichen sein Video und haben den Text so gut es ging transkribiert…

Von Martin Stein

Also, ich muss mich korrigieren! Wobei, heutzutage korrigiert man sich ja nicht mehr, weil korrigieren so nach Irrtum klingt, und irren tut man sich heutzutage erst recht nicht mehr. Ich, also, ich sag mal, ich variiere jetzt mal meine früheren Wahrheiten ein bisserl. Oder, noch besser: Ich erweitere meine Wahrheiten so bandbreitenmäßig. Wie bei einem Waschpulver, das früher schon perfekt war, wo das Weiß aber jetzt noch 30 Prozent weißer geworden ist.

Also folgendes: Ich hab ja mal gesagt, dass mit dem Lockdown, wo jetzt alle gescheit zunehmen, so gewichtsmäßig, dass es da langt, wenn Sie ein bisserl was für sich tun, so dass Sie am Schluss halt bloß halb so fett geworden sind wie die anderen.

Das stimmt natürlich, und an sich ist nicht einmal das notwendig, weil, so lang wie die ganze Geschichte jetzt schon dauert – wenn die Leute dann auf einmal wieder aufeinander losgelassen werden, da geht’s rund, das sag ich ihnen. Da wird dann weder nach Telefonnummer noch nach Religionszugehörigkeit gefragt, sondern da kommt jeder dran, der nicht bei drei aufm Baum ist. Das wird ein einziges Schlachtschüsselessen für die Gesichtsbaracken der Nation.

Wenn Sie noch Aktien von Tinder haben, dann verkaufen sie die jetzt schnell, weil in der Zeit braucht dann keiner mehr eine App. Da langt es, wenn man noch selbständig die Wohnung verlassen kann. Und vielleicht muss man sich dran gewöhnen, dass in der Schlange beim Bäcker die Leute dann nimmer einsfünfzig voneinander weg stehen, und dann stellt sich die Corinna dem Günter vor, und dann gehen sie sich auf der Stelle an die Wäsche. Das wird dann ganz alltäglich sein, glauben Sie’s mir. Aber mei. Das Wichtigste dann ist vielleicht, dass man in der Schlange vorbeirücken darf, dann ist der schlimmste Ärger vermieden.



Also ist Abnehmen gar nicht so wichtig. Stimmt. Und andererseits ist jetzt aber auch einfach eine gute Gelegenheit dafür. Ganz simpel: Sie verpassen jetzt nicht das Allergeringste. Und außerdem ist die Allgemeinsituation ja eh so geschissen, dass das auch eine Tüte Erdnussflips nicht mehr rausreißt. Da kommt es dann auf eine Diät auch nicht mehr an.

Ich sag immer: Wenn der Dispokredit des Lebens schon so weit überzogen ist, dann muss man das Minus auch ordentlich ausleben. Machen Sie’s katholisch: Bauen Sie aus dem Leiden ein Grundsatzprogramm! Oder wie Bergsteigen: eine Mordsschinderei für nix und wieder nix, aber dann kann man halt sagen, dass man oben war. Und weil die Tätowierer ja auch alle zu haben, braucht man vielleicht auch ein Alternative zum sinnlosen Schmerz.

Wenn Sie jetzt zum Beispiel mal einen Monat lang nix saufen – ich fang jetzt nicht an mit dem ganzen Gesundheitsgrampf, weil, wenn das so weitergeht, dann freuen Sie sich beim Weltuntergang auch nicht mehr über Ihre guten Leberwerte – aber wenn Sie jetzt einmal tatsächlich einen Monat lang nichts trinken, dann ist das wie eine Fernreise, die jetzt ja sowieso verboten wäre. Sie lernen da eine ganz neue und fremde Kultur kennen! In sich halt! Und Sie müssen nicht einmal vor die Tür deswegen! Gut, ob diese Kultur das auch zwingend wert ist, dass man sie kennenlernt, das steht auf einem anderen Blatt, das ist klar.

Also, kurz und gut, ich such jetzt diese fremde Kultur in mir, obwohl ich mit meiner bestehenden Kultur an sich ausgesprochen zufrieden bin. Aber ich mach das halt jetzt mal, also so Abnehmen und kein Alkohol und diese Grämpf. Und ich muss zugeben, dass ich da im Grunde auch nicht so komplett von selber draufgekommen bin. Eigentlich sogar gar nicht. Weil, ich hab mich ja schon oft vor oder nach der Körperpflege ganz objektiv im Spiegel angeschaut und konstatiert, aha, nicht schlecht, also, auf eine ziemlich attraktive Art und Weise nicht dünn. Also, von mir aus hätte man da jetzt nicht angreifen müssen.

Mich hat ehrlich gesagt eine Freundin überredet, und das ist eine Frau, wie soll ich sagen, wenn die da war, da hab ich schon manchmal festgestellt, dass ich unbewusst den Bauch ein bisserl eingezogen hab. Und da hilft jetzt meine humanistische Grundausbildung weiter: weil der Philosoph sagt, um einen Bauch einziehen zu können, muss man erst einmal einen haben, das ist quasi eine conditio sine qua non. Also war schon mal klar, dass ich die Voraussetzung zum Abnehmen erfüllen täte, auch wenn’s nicht notwendig wär.

Jetzt neigt diese besagte Freundin von mir schon ein bisserl zu Extremismen. Gibt ja so Menschen. Heute vegan, morgen Weltrekord im Luftanhalten, übermorgen mit dem Schlauchboot durch die Sahara. Der haben‘s halt irgendwann mal das Mittelmaß rausoperiert und dem Michael Wendler zum Geburtstag geschenkt. Ja mei. Ich bin da tolerant, und weil ich ja eh nix zu tun hab, hab ich halt mitgemacht.

Ich hab mir halt gedacht, ich fress einfach weniger, aber das ist natürlich ein total amateurhafter Ansatz, das hab ich mir gleich erklären lassen müssen.

Die macht nämlich Foodpunk. Schon mal gehört? Ich nicht. Foodpunk, hab ich gemeint, das hört sich gut an. Da muss man die Küche nicht aufräumen danach, und ein Bier gibt’s auch. Aber das ist was ganz was anderes.

Sie hat mir das ausführlich erklärt, mit den Proteinen und einer Ketose und so Zeug, aber mit meiner ganzen Lebenserfahrung hab ich gleich gemerkt, dass ich da ab Minute zwei nicht mehr zuhören muss und Nicken langt. Weil, mir war gleich klar, dass ich sowas nicht mitmache. Keinen Spaß haben ist das eine, aber für keinen Spaß auch noch ein Geld zahlen, das ging doch deutlich über mein Verständnis hinaus.

Aber es hat mich natürlich schon zum Nachdenken gebracht. Wenn man weniger isst, hat man ja auch gleich viel mehr Zeit zum Denken. Und da ist mir schon aufgegangen, dass die meisten Menschen, die jetzt charakterlich und intellektuell noch nicht so vollkommen ausgebildet sind wie ich, die brauchen so Programme. Und die legen auch ein paar Mark fuffzig hin für sowas. Und irgendwann ist die Euphorie nach der Pandemie auch wieder vorbei und das attraktivitätsunabhängige Rudelbumsen beendet, und dann steht wieder der Charles Darwin mit im Schlafzimmer und sagt, magst du wirklich von so einem Body Mass Index die Gene abkriegen?

Und da muss ich jetzt auf eine andere Wahrheit zurückgreifen, die ich ein bisserl modifizieren könnt. Nämlich, wo ich gesagt hab, dass ich mich als Diktator zur Verfügung stellen würde. Ich tät da nach wie vor eine gute Figur machen, gar kein Zweifel, also, da hat sich nix geändert. Aber mittlerweile denk ich mir auch, dass ich da wie so oft eigentlich zu kurz gegriffen hab. In meiner Bescheidenheit. Weil, das sind ja auch schlechte Zeiten für Diktatoren, wenn dir einfach Twitter den Saft abdrehen kann und dann hört dich keiner mehr. Du kannst dich ja schlecht auf die Dachterrasse stellen und der Welt mit dem Megaphon mitteilen, wie blöd alle anderen sind. Das ist eines ordentlichen Diktators doch nicht würdig.

Nein, ich glaube, dass vielleicht die große Zeit des klassischen Diktators vorbei ist. Das liegt natürlich auch an den furchtbaren Darstellern in der jüngeren Vergangenheit; da wird ja tatsächlich der ganze Beruf in ein schlechtes Licht gerückt.

Und jetzt kommt’s: Ich glaube, dass das entstehende Machtvakuum von Diätpäpsten und Fitnessgurus gefüllt werden könnte. Der Name offenbart doch schon das ganze Potential: Guru. Papst. Der moderne Mensch wird sich bereitwillig seinem Optimierer unterwerfen, wenn ich das einmal so geschwollen ausdrücken darf, und optimieren könnte ich jetzt Menschen ganz hervorragend, und ein Geld dafür verlangen, dass ich wem nix zum Essen geb, das tät mir auch nicht schwerfallen. Ich seh da eine ganz große Zukunft drin. Und da sieht man jetzt auch einmal gleich wieder, was für ein Hausdepp der Attila Hildmann ist. Ist Koch und mag Kanzler werden. Das Rindvieh. Als Kanzler verdienst nix und musst dir von jedem Dorfbürgermeister in die Arbeit reinreden lassen.

Andersrum wär vernünftig! Die Köche sind die neuen Helden! Nicht umsonst sagt man da auf Englisch Chef dazu! Da kann man was bewegen! Aber da hat er sich selber aus der Erfolgsbahn hinausgeschossen, der Hildmann.

Die Merkel hat bestimmt auch schon einen Kochbuchvertrag abgeschlossen. Die geht nämlich nicht von der Macht weg, sondern zur Macht hin. Ich hab’s Ihnen ja grad erklärt. Und auf den Zug werd ich auch aufspringen. Griffiger Name, griffiges Konzept. „Foodpunk“ hört sich ja nicht schlecht an, ist aber natürlich ein Blödsinn. Das ist zu randgruppenotientiert. Man muss seine Untertanen da abholen, wo sie stehen, sag ich immer. Ich denke da eher an was massentaugliches. Food-Volksmusik zum Beispiel. Das hört sich doch gut an. Das wird halt ein bisserl eine Knödeldiät, aber das funktioniert bestimmt genauso. Man muss nur dran glauben. Und an mich auch.„"

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Kommentare (1)

  • Piedro

    |

    Herr Stein, was mich angeht: i glaub an eanan! Ganz fest! Besser als Ihre Transkription sind Sie allemal! Ich täte Sie auch als Diktator wählen, täte das gehen, aber das hat sich ja jetzt eh erledigt.

    Wenn die “Situation” vorbei ist und Sie das kollektive Rudelbumsen heil überstanden haben sollten, machen wir mal einen Auftritt für Sie in der Zivilisation, also, raus aus Bayern.

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