SOZIALES SCHAUFENSTER

Hilfe für Obdachlose und Drogenabhängige

Ein Ort ohne verurteilende Blicke

Streetworker Jonas Pöschl, ist regelmäßig „auf der Szene“ unterwegs. Fotos: Wessel

Im Kontaktladen von „DrugStop“ wird Drogenabhängigen, ehemaligen Süchtigen und Obdachlosen geholfen. Seit November erhalten Menschen, die nicht regulär krankenversichert sind, dort kostenfreie medizinische Hilfe. Streetworker Jonas Pöschl hält ständig Kontakt mit den Betroffenen.

Von Lexa Wessel

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Es ist früher Nachmittag, als der Rettungswagen bei der Landshuterstraße 10 zum Stehen kommt. Lange Zeit hat der Drogensüchtige die Thrombose mit sich herumgetragen, bis er im Kontaktladens der Drogenhilfe „DrugStop“ endlich ärztliche Hilfe bekam. Unter dem Dach des neuen Vereins Rafael sorgen seit letztem November die Ärzte vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder dafür, dass die etwa 150 Obdachlosen der Stadt, die regulär nicht krankenversichert sind, kostenfreie medizinische Hilfe erhalten. Jeden Dienstag sind die Ärzte von 13 bis 16 Uhr im Kontaktladen der Drogenhilfe ehrenamtlich im Einsatz. Doch im Kontaktladen haben nicht nur die Ärzte alle Hände voll zu tun.

Kein Konsum, kein Handel, keine Gewalt

Jeden Tag öffnet der Kontaktladen in Regensburg allen Drogenabhängigen, ehemaligen Süchtigen und auch Obdachlosen seine Türen. Hier bekommen sie, neben ärztlichen Untersuchungen, auch warme Mahlzeiten, sie können den Waschraum und die Kleiderkammer benutzen und täglich ihre gebrauchten Spritzen gegen neue tauschen. Der Kontaktladen ist ein Ort, wo sich Abhängige treffen und zur Ruhe kommen können, ohne dass andere ihnen verurteilende Blicke zuwerfen.

Im Erdgeschoss der Landshuterstraße 10 bietet der Kontaktladen warme Mahlzeiten, ärztliche Untersuchungen und Möglichkeiten zum Entspannen an.

Die einzige Bedingung ist, dass jeder die drei Regeln einhalten muss: Kein Konsum, kein Handel, keine Gewalt. Für die Streetworker des Kontaktladens findet ein Großteil der sozialen Arbeit aber nicht im Haus, sondern „auf der Szene“ selbst statt.

Unterwegs auf der Szene

Für Streetworker Jonas Pöschl beginnt sein Rundgang eigentlich vormittags, doch die Arbeit lässt nicht immer auf sich warten: Auf dem Weg zur Arbeit in der Früh begegnet er einem Betrunkenen, der sich kaum mehr aufrecht halten kann. Manche würden bei unangenehmen Anblicken schnell vorüber eilen, doch die Leute von DrugStop machen es besser vor: „Der Mann hat es zwar deutlich abgelehnt in ein Krankenhaus zu gehen, doch er hat meine Hilfe angenommen, um sicher nach Hause zu kommen“, erzählt Pöschl.

Ständiger Kontakt mit Obdachlosen oder Abhängigen ist das täglich Brot für den Streetworker: „Am Tag sind 30 Kontakte ganz normal. Manche wollen Hilfe, aber oft reicht es auch kurz vorbeizuschauen. Es ist wichtig, dass man dranbleibt“, erklärt der 34jährige. Wenn er sich auf den Weg macht, ist sein vollgepackter Rucksack schon einsatzbereit: Visitenkarten mit der Adresse des Kontaktladens, Verbandsmaterial für alle Fälle, neues Spritzbesteck um alte Spritzen zu ersetzen und somit Infektionen und Spritzenabszesse zu vermeiden. Auch ein paar Semmeln für hungrige Mäuler sind immer griffbereit.

Spritzen tauschen

Im Gepäck dabei sind auch die Verschlussbehälter zum Entsorgen der gebrauchten Spritzen, wie man sie vom Krankenhaus kennt: Es kommt vor, dass Süchtige ihre gebrauchten Spritzen mit Drogenrückständen zurücklassen. So ein Szenario kann sehr schnell sehr schlecht enden, wenn ein Kind zufällig über so eine Spritze mit Rückständen stolpert. Deshalb sammelt der Kontaktladen regelmäßig die gebrauchten Spritzen ein und kontrolliert die von den Süchtigen genutzten Plätze – wie die Römermauer am Ernst-Reuter-Platz.

In den Nischen der Römermauer finden sich öfters gebrauchte Spritzen.

Wieso diese Mauer so ein beliebter Ort zum Spritzen ist? Natürlich weil man sich dahinter gut verstecken kann: „Die Nischen in der Mauer sind aus der Ferne nicht zu sehen und ideal um seine Spritzen nach Gebrauch dort versteckt liegen zu lassen“, sagt Pöschl, während er eine Spritze vorsichtig aus einer Nische hochhebt und verpackt. Dank des täglichen Spritzentausch im Kontaktladen, sind die liegen gelassenen Spritzen viel weniger geworden. Denn statt sie wegzuwerfen, tauschen die Süchtigen ihre gebrauchten Spritzen lieber gegen neue ein.

Leben unter freiem Himmel

Einige Abhängige haben zwar Wohnungen, doch ein großer Teil hat nicht so viel Glück: Viele Menschen, denen man am Bahnhof oder an der Albertstraße begegnet, haben keine feste Bleibe.

Sobald der Streetworker bei seiner Runde am Bahnhof angekommen ist, trifft er auch schon auf einen seiner Klienten, der noch in der Früh wegen eines Treffens angerufen hat: Er hat gehofft – und das nicht umsonst – dass der Streetworker später am Tag dabei sein könnte, wenn er seinen Mietvertrag unterzeichnet. Schon bald kommen Weitere zum Gespräch hinzu und erzählen, wie es ihnen geht. Ein Vertrauensverhältnis aufzubauen ist anfangs nicht leicht, hat aber oberste Priorität. Und dementsprechend macht sich der Streetworker nachmittags erneut auf den Weg um, wie abgesprochen, bei der Vertragsunterzeichnung für die Wohnung dabei zu sein.

Kein Ausweis, kein Geld, kein Dach

Kann jemand im bürokratischen Deutschland ohne Ausweis zurechtkommen? Die Realität, wie der Streetworker sie beschreibt, sieht nicht allzu rosig aus: Der 34jährige begleitet seine Klienten, wenn sie es wollen, zu den Ämtern, auch wenn es darum geht einen Ausweis zu besorgen. Denn es kommt tatsächlich immer noch vor: Ein Süchtiger geht alleine zum Amt und wird, nur aufgrund seines nicht so gepflegten Äußeren, einfach abgewiesen.

Hier können ehemalige Süchtige oder auch Obdachlose endlich etwas zur Ruhe kommen.

Ohne Ausweis sei es für einen Obdachlosen extrem schwer eine Wohnung zu finden, gibt der Streetworker zu bedenken, als es nach der Runde wieder zurück zum Kontaktladen geht. Trotz Hilfe der Streetworker sind generell nur wenige dazu bereit, Obdachlosen eine Wohnung zu vermieten – und davon gibt es immerhin rund 150, nimmt man alle Wohnungslosen zusammen, steigt die Zahl sogar bis auf das Doppelte. Also über 300 Menschen, deren einzige Möglichkeit auf ein warmes Bett die Couch eines Freundes ist, insofern es einen Freund mit einer Couch gibt.

Eine Arbeitsstelle gebe es natürlich auch nicht ohne gültigen Ausweis, wie Pöschl weiter zu Bedenken gibt. Keine Arbeit heißt kein Geld und somit keine Möglichkeit eine Wohnung zu finanzieren. Ohne Geld gibt es auch keine Passbilder, die für einen Ausweis benötigt werden. Hatte der Klient noch nie eine Arbeitsstelle, gibt es auch kein Arbeitslosengeld. Ein einziger großer Teufelskreis für die Obdachlosen.

Für Jugendliche und für Obdachlose

Es gibt auch Leute, die zufrieden mit ihrem Leben unter freiem Himmel sind, doch jeder, der Hilfe will, bekommt sie auch. Und das nicht nur im Kontaktladen: In der Landshuterstraße 43 sitzt die Beratungsstelle Drogenhilfe e.V. DrugStop, wo das Fachpersonal immer ein offenes Ohr hat.

Im Kontaktladen können täglich alte Spritzen gegen neue getauscht werden: Der Schrank ist immer mit genug Ascorbinsäure und Spritzutensilien gefüllt.

Unter dem Motto „Wir verhindern den Einstieg – wir begleiten den Ausstieg“ bietet DrugStop sozialpädagogische und psychologische Beratung und Begleitung für alle Interessierten an: Für Obdachlose, genauso wie für Jugendliche. Für Schüler, die mit Drogen experimentieren und für deren Eltern, die sich hilflos fühlen. Für Angehörige, die Unterstützung brauchen und auch für sämtliche Betroffene, die den Ausstieg aus der Sucht suchen.

Ehemalige Süchtige helfen Süchtigen

Im Gegensatz zu verächtlichen Blicken von vorurteilsbeladenen Leuten, wird man bei DrugStop mit Respekt behandelt – immerhin haben Ex-User den Verein damals mitgegründet, wie Heidi Ferst von der Drogenhilfe erzählt. Damals wollten drei ehemalige Abhängige zusammen mit Fachpersonal einen Ort schaffen, wo man sich nach der Therapie treffen und reden kann: Nach langer Zeit mit Sucht und Therapie könne es gut sein, dass man keine Freunde oder Hobbys mehr hat und nicht weiß, wie man seine Freizeit gestalten kann, ohne zur Szene zu laufen. DrugStop biete nicht nur psychologische Hilfe an, sondern auch Freizeitgestaltungen und eine Kreativwerkstatt, erklärt Ferst. DrugStop ist eine Anlaufstelle für alle, die eine neue Perspektive brauchen.

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Kommentare (5)

  • ohjessas

    |

    Guter Ansatz. Aber ich hoffe, dass die ehemals Süchtigen im DrugStop stabil genug sind. Manchmal ist ja das Zusammentreffen mit aktuell Süchtigen und damit verbundener neuer (oder alter, wiederbelebter) Kontakt ins „Milieu“ nicht gerade gut für eine dauerhaft beendete Suchtkarriere, sondern gerade der Auslöser für den Wiedereinstieg in alte Verhaltensmuster.

  • Martha

    |

    Super Artikel! Ich bin froh, dass es Hilfe für die Menschen gibt!

  • R.G.

    |

    Werden dem „Drogenhilfe e.V. DrugStop“ regelmäßig schnittfeste Handschuhe und andere benötigte Sicherheitsmaterialen in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt?
    Gibt es Spenden seitens der Erzeugerfirmen?

    Meinen größten Respekt für die Mitarbeiter im Projekt!

  • Dieter

    |

    Respekt vor diesem Engagement.
    Manche gesellschaftlichen Probleme lassen sich nicht wegdiskutieren oder ignorieren, sondern es braucht tatkräftige, praxisorientierte Hilfe.

    Was mich aber noch interessieren würde:
    Wird Drugstop auch durch die Stadt finanziell unterstützt und wie könnte man als Privatperson etwas spenden?

  • frollein_a

    |

    Sehr schön geschrieben. Kommt nicht immer vor, dass Journalist*innen richtig zuhören und auch erfassen, worum es tatsächlich geht. In diesem Fall ist dies gelungen.

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