SOZIALES SCHAUFENSTER

Tag der Befreiung

Erinnern funktioniert nur ohne Schlussstrich

Vergangenen Sonntag beging die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg den 76. Jahrestag der Befreiung. Erneut musste die Gedenkveranstaltung ohne Überlebende und deren Familien stattfinden. Ungewollt hat man damit auch einen Ausblick in die Zukunft erhalten. Denn in einigen Jahren werden keine Zeitzeugen mehr leben. Das hat auch Auswirkungen auf die Erinnerungsarbeit.

Zwischen 1938 und 1945 waren insgesamt über 100.000 Menschen im KZ-Flossenbürg inhaftiert. Foto: bm

„Jetzt muss ich unterbrechen. Die Befreier sind da.“ Mit diesen Worten hält Emil Lešák am 23. April 1945 um 10.50 Uhr morgens den Zeitpunkt der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg fest. Lešák ist einer der wenigen Gefangenen, die sich zu diesem Zeitpunkt noch im Stammlager im Oberpfälzer Landkreis Neustadt an der Waldnaab, nahe der tschechischen Grenze befinden. Unter dem Eindruck der vorrückenden Streitkräfte der Alliierten haben die Nazis wenige Tage zuvor diejenigen Inhaftierten, die noch bei Kräften waren, auf die sogenannten Todesmärsche Richtung Süden geschickt. Etwa 1.500 Kranke und Schwache bleiben zurück. Lešák setzt sich an die Schreibmaschine eines Lagerkommandanten und hält seine Erfahrungen der zurückliegenden Jahre auf Papier fest. Die Zukunft bleibt für Lešák und diejenigen, die überleben hingegen erst einmal ungewiss.

Heutzutage gilt der 23. April in der Oberpfalz als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Im Rahmen eines mittlerweile städtischen Gedenkweges wird in Regensburg jährlich der Opfer des Nazi-Regimes gedacht. Und im ehemaligen KZ Flossenbürg wird stets im Rahmen eines Festaktes mit Überlebenden an das Leid der mehr als 100.000 Menschen erinnert, die zwischen 1938 und 1945 hier untergebracht waren. Mindestens 30.000 Menschen überlebten die Zwangsarbeit, Krankheiten, Hunger und Gewalt nicht. Tausende weitere starben auf den Todesmärschen.

Nach der Epoche der Zeitzeugen

Der Tag der Befreiung sei ein wichtiges Datum, findet auch Dennis Forster, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Flossenbürg. Dass er dieses Jahr erneut ohne Beteiligung der Hinterbliebenen und insbesondere der Überlebenden begangen werden musste, hinterlasse eine „schmerzliche Leerstelle“. Gleichzeitig fordert Forster aber auch ein generelles Umdenken im Umgang mit der Geschichte. „Erinnern findet hierzulande sehr appellhaft und ritualisiert statt.“ Meist sei es auf bestimmte Tage wie den 23. April festgelegt. Dadurch gehe aber vieles verloren und es erschwere zudem, dass Erinnern auch „unabhängig davon funktioniert“, so Forster weiter. Es brauche neue Methoden, neben den Festakten.

Gedenktage wie der 23. April seien wichtig, sagt Forster. Doch brauche es heute auch neue Wege. Foto: Screenshot Gedenkfeier 25. April.

Forster geht es dabei auch um eine grundlegende Frage: „In ein paar Jahren wird der letzte Zeitzeuge unter uns leben. Wir sollten uns daher fragen, wie wir als Gesellschaft künftig mit der Geschichte umgehen.“ Die Gedenkstätte widmet sich diesem Thema aktuell auch in Form einer Online-Ausstellung. Auf der entsprechenden Seite findet sich ein kurzer Dialog zwischen zwei Überlebenden aus dem Jahr 1995.

Elie Wiesel: „Ich stelle mir immer vor, dass wir in ein paar Jahren den letzten Überlebenden finden.“

Jorge Semprún: „Das ist eine Zwangsvorstellung. […] Ich stelle mir ein Fernsehteam vor, das anreist und sagt: Mein Herr, meine Dame, Sie sind der letzte Überlebende. Was tut er? Er bringt sich um.“

Elie Wiesel: „Nein, ich stelle mir lieber vor, dass man ihm Fragen stellt, alle Fragen dieser Welt. Wirklich alle. Und er wird sich die Fragen anhören. Und danach wird er die Achseln zucken. Man wird ihn fragen: Nun? Und er wird schweigen. Ein fruchtbares Schweigen immerhin. Der Letzte. Ich möchte nicht der letzte Überlebende sein.“

Jorge Semprún: „Ich auch nicht.“

Wie weiterleben nach dem Überleben?

Auch das Jahresthema „Weiterleben“ greift dieses Thema auf. In acht kurzen Videoclips werden individuelle Geschichten von Überlebenden erzählt (die Clips sind hier zu finden) und der Frage nachgegangen: Wie ist ein Weiterleben nach dem Überleben eigentlich möglich? Die acht Geschichten liefern unterschiedliche Antworten darauf und werfen einen kritischen Blick auf die Nachkriegsgesellschaft.

„Das Motto spielt aber auch direkt in die heutige Bildungsarbeit rein“, erklärt Forster. Denn mit dem Ableben der Zeitzeugen müsse die Erinnerungsarbeit eine Antwort darauf geben, wie deren Geschichten fortdauern können. „Eine Geschichtsvermittlung zum Nationalsozialismus muss das Weiterleben immer mitreflektieren, sowohl bezogen auf die Opfer, als auch auf die Täterinnen und Täter.“ Bildungs- und Erinnerungsarbeit sei somit beides, ein Blick in die Vergangenheit und eine Aufgabe für die Zukunft.

Kämpfe um Anerkennung

Zwischen Vergangenheit und Zukunft steht auch Jakob Bamberger am Ende des Krieges. Einst erfolgreicher deutscher Boxer, wird er 1936 als Folge der „Arisierung“ aus dem Olympiakader geworfen. Als Sinto ist Bamberger der Profisport fortan verboten. Seine Familie fällt 1940 den sogenannten Maideportationen zum Opfer. Er selbst wird zunächst ins KZ Flossenbürg gebracht, später nach Dachau überstellt. Er überlebt und wird nach dem Krieg Textilhersteller. Eine Rückkehr in den Profisport ist ihm aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. Vor allem seine Nieren sind durch medizinische Experimente mit Meerwasser im KZ Dachau schwer geschädigt worden.

Nach 1945 stellt sich für ihn die Frage, wie ein Weiterleben in Deutschland denkbar ist. Seine Anträge auf Entschädigung weisen die staatlichen Behörden ab. Man sei überzeugt, die Experimente mit Meerwasser wären „eher förderlich als schädlich für die Nierenfunktion“ gewesen.

Bamberger ist kein Einzelfall und der Beitrag über ihn anlässlich des Gedenktages müsse wie alle anderen Clips stellvertretend verstanden werden, erklärt Dennis Forster. „Das Weiterleben der ehemaligen Häftlinge war oft von Kämpfen um Anerkennung begleitet.“ Bamberger erhält ab 1969 eine Mindestrente. Damit begleicht er vor allem die Kosten aus dem jahrelangen Rechtsstreit.

„Verkorkste Entnazifizierung“

Über 20 Jahre nach dem Krieg sind Sinti und Roma damals noch immer von staatlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung betroffen. Ihnen gegenüber sitzen nicht selten Beamte und Polizisten, die vor 1945 selbst an der Verfolgung von Sinti und Roma, Juden, Homosexuellen oder als „asozial” geltenden Personen beteiligt waren.

Forster spricht von einer „verkorksten Entnazifizierung“ und bringt einen entscheidenden Gedanken auf. Die Frage „Wie leben wir weiter?“ habe sich für die deutsche Bevölkerung nicht wirklich gestellt. „Es war klar, dass es ein Weiterleben geben wird.“ Pläne zur Deindustrialisierung Deutschlands wie sie vor allem vom ehemaligen US-Finanzminister Henry Morgenthau 1944 vertreten worden waren, hatte US-Präsident Franklin D. Roosevelt schon vor Kriegsende verworfen und nie konkret ausarbeiten lassen. „Stattdessen war früh absehbar, dass die Amerikaner mit enormen finanziellen Mitteln den Aufbau Westdeutschlands vorantreiben werden.“

Schlussstrich für die Täter…

Dass heutzutage laut verschiedener Studien um die 40 Prozent der Menschen hierzulande der Ansicht sind, man solle sich nicht mehr so viel mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen und endlich einen Schlussstrich ziehen, findet der studierte Amerikanist erschreckend. Doch vermutlich seien derlei Forderungen „nie lauter gewesen als am 9. Mai 1945“. Als Nazi-Deutschland endgültig besiegt war, hätten sich „Millionen Deutsche schnell angeschickt, sich von ihrer Verstrickung in die begangenen Verbrechen reinzuwaschen“.

Und genau das hätten sie damals „doch weitgehend bekommen“. Viele Karrieren seien fast nahtlos weitergelaufen. Vorher ranghohe Beamte, Juristen, Polizisten, Lehrkräfte und Professoren hätten nur selten etwas zu befürchten gehabt. Denn besonders das erste Nachkriegsjahrzehnt in Deutschland sei bestimmt gewesen von der Verdrängung der Geschichte zu Gunsten der Integration von Personen mit NS-Vergangenheit. Und durch das sogenannte Wirtschaftswunder sei es für die meisten Deutschen nach Kriegsende bald bergauf gegangen.

…ungewisse Zukunft für die Überlebenden

Ein solcher Schlussstrich sei den Überlebenden verwehrt geblieben. Inmitten dieser Zeit und inmitten einer Generation von Tätern müssen sie sich selbst zurecht finden, selbst einen Umgang mit dem Erlebten finden und selbst herausfinden, wie für sie eine Zukunft aussehen kann. „Für sie war mit dem Tag der Befreiung nicht plötzlich alles gut und vorbei. Keiner wusste damals, wie es weitergehen soll“, stellt Forster klar.

Man dürfe auch nicht übersehen, dass viele erst mit ihrer Befreiung realisiert hätten, dass sie vermutlich die einzigen Überlebenden ihrer Familie sind. „Man stellt sich das vielleicht so vor, dass sie himmelhoch jauchzend die Alliierten willkommen geheißen haben.“ Diese Momente der Freude habe es gegeben. Doch der erste Blick auf den persönlichen Trümmerhaufen habe schnell gezeigt: Eine Grundlage, an ein früheres Leben anzuknüpfen, ist nicht vorhanden. Und so dränge sich die Frage des Weiterlebens plötzlich unausweichlich auf.

Die Wunden der Vergangenheit brechen auf

Viele Überlebende harren zunächst in sogenannten Displaced-Persons-Lagern aus. „Wohin soll ich gehen? Gibt es überhaupt noch jemanden von meiner Familie?“ Auch Shelomo Selinger hatte vermutlich diese Fragen im Kopf. Er überlebt mehrere Konzentrationslager – unter anderem Flossenbürg – und zwei Todesmärsche, die ihn letztlich bis nach Theresienstadt bringen. In dem berühmten Ghetto wird der Sohn jüdisch-polnischer Eltern, geschwächt und ausgezehrt, von den Sowjets befreit. Seine Eltern und Schwestern überleben die Shoah nicht.

1946 entscheidet sich Selinger für die Emigration, wendet Deutschland und Europa den Rücken zu und beginnt ein neues Leben im britischen Mandatsgebiet Palästina, dem späteren Staat Israel. Dort lernt er seine Frau Ruth kennen, übt sich in der Bildhauerei und wird für seine Skulpturen einmal weltweit Anerkennung erfahren. An seine Familie und die Zeit im Lager hat er zunächst kaum noch Erinnerungen. Ein Trauma des Holocaust. So wie Selinger ergeht es vielen Überlebenden. Erst Jahre später kehren die Erinnerungen zurück. Eine professionelle Aufarbeitung fehlt meist.

„Viele Traumata blieben nach 1945 unbehandelt“, weiß auch Dennis Forster. „Viele wollten nicht darüber sprechen oder konnten es auch schlicht nicht.“ Auf der anderen Seite habe ihnen aber auch kaum jemand zugehört. In der Nachkriegsgesellschaft habe niemand wissen wollen, wie es mit den Überlebenden weitergeht. „In Deutschland hieß Erinnern sehr lange, das vermeintliche deutsche Leiden und die deutschen Opfer zu betrauern“, so Forster. Die Geschichten der Ausgeschlossenen aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ hätten darin keinen Platz gehabt.

Kein Interesse an der Geschichte der Überlebenden

Dies bezeugt auch die Geschichte von Richard Grune. Mitte der 1920er wird ihm eine hoffnungsvolle Zukunft als Künstler prophezeit. Im Dezember 1934 wird er dann wegen seiner Homosexualität verhaftet und verbringt die nächsten Jahre abwechselnd in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Im April 1945 gelingt ihm dann auf dem Todesmarsch von Flossenbürg ins KZ Dachau die Flucht und er überlebt.

Im Nachkriegsdeutschland ist er der erste Künstler, der die KZ-Leiden in seinen Werken – viele davon hat er heimlich in den Lagern gemalt – darstellt und die Gesellschaft mit den Schrecken der NS-Zeit konfrontiert. Doch seine Ausstellungen finden wenig Resonanz. Kaum jemand in Deutschland interessiert sich zu dieser Zeit für das Schicksal der einst Inhaftierten.

Grune bleibt auch eine Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus verwehrt, da der Homosexuellenparagraph des Strafgesetzbuches in der Bundesrepublik bis 1969 in Kraft bleibt. Der einst gefeierte Künstler gerät nach dem Krieg in Vergessenheit, schlägt sich mit kleineren Auftragsarbeiten durchs Leben und stirbt 1984 einsam in einem Kieler Pflegeheim.

Hollywood kommt

Ein paar Jahre zuvor hatte Ende der 1970er Jahre die Serie „Holocaust“ eben diesen Begriff neu geprägt und die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus sowie das Schweigen darüber neu auf die Tagesordnung gebracht. „Als könnte nur durch eine Hollywood-Produktion von außen die Erinnerung in die deutsche Gesellschaft reingetragen werden“, wundert sich Forster heute über das gesellschaftliche Selbstverständnis der damaligen Zeit.

Aus heutiger Sicht wirke es oft selbstverständlich, dass die Perspektive der Überlebenden gehört und transportiert wird, konstatiert Forster. Dabei vergesse man schnell, dass es viele Gedenktage, Erinnerungsstätten und Bildungszentren noch gar nicht so lange gibt und diese oftmals erst auf Druck der Überlebenden und zivilgesellschaftlicher Initiativen eingerichtet wurden. Dies trifft auch auf Flossenbürg zu: Zum 50. Befreiungstag 1995 kamen viele Überlebende erstmals nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammen. Das ehemalige Lagergelände war bis dahin weitestgehend in Vergessenheit geraten und in desolatem Zustand. Erst 2007 eröffnete die erste Dauerausstellung, die auch heute noch umfänglich über die Geschichte des Ortes und der Häftlinge informiert.

Wie mit der Geschichte umgehen?

25 Jahre später stehe man nun vor der Frage, wie die Nachkriegsgenerationen mit dem Erbe der Geschichte umgehen. „Wir befinden uns am Übergang hin zu einer Zeit nach den Zeitzeugen.“ Doch bringe diese Zäsur auch Chancen. Forster selbst leitet an der Gedenkstätte ein Bildungsprojekt mit Jugendlichen, das sich auch der Frage stellt, wie Erinnern partizipativ, modern und nachhaltig umgesetzt werden kann. Dabei soll an die persönlichen Erfahrungen der Jugendlichen angeknüpft und so ein besseres Verständnis für die Geschichte und ihre Relevanz für die Gegenwart ermöglicht werden.

Ihn persönlich interessiert dabei die Frage, wie vor dem Hintergrund der Geschichte und dem Wissen über sie ein persönliches Handeln abgeleitet werden kann, das einer demokratischen Gesellschaft förderlich ist. Gerade die aktuellen Ereignisse rund um die Corona-Proteste würden ein Problem offenlegen. „Ich bin mir sicher, dass viele der Protestierenden KZ-Gedenkstätten besucht haben. Daraus nehmen aber offensichtlich nicht alle automatisch eine Handhabe für die Interpretation aktueller gesellschaftlicher und politischer Phänomene mit.”

„Nach zwei Stunden keine reflektierten Demokraten”

Stattdessen fände eine Aneignung der Geschichte oft unter dem Vorzeichen einer „Überidentifikation mit den Opfern“ statt. Und das führe zu Äußerungen, in denen sich Demonstranten in ihrer aktuellen Situation mit dem Leid der Opfer des Nationalsozialismus gleichsetzten.

Auch, dass eine Vielzahl von Personen davon überzeugt sei, ihre Eltern und Großeltern hätten während des Krieges Juden versteckt oder Verfolgten auf andere Weise geholfen, zeige, wie schwer sich die Leute auch heute damit täten, realistisch auf die eigene Familiengeschichte zu blicken. „Wir wissen aus der Geschichtsforschung, dass die Zahl derer, die aktiv geholfen haben, marginal ist.“ Niemand habe gerne einen Verbrecher in der eigenen Familie. „Es beruhigt auch das eigene Gewissen, wenn man meint, die Nationalsozialisten waren immer die anderen, nur nicht die eigenen Großeltern.“

Forster warnt aber auch vor zu hohen Erwartungen an einen Gedenkstättenbesuch. Solchen Entwicklungen wie sie insbesondere derzeit wahrzunehmen seien, müsse auf vielen unterschiedlichen Ebenen begegnet werden. Gedenkstätten könnten nicht alles alleine auffangen. „Man kann nicht erwarten, dass nach zwei Stunden Geländeführung ausschließlich reflektierte Demokratinnen und Demokraten mit einem kritischen Geschichtsbewusstsein vor uns stehen. So einfach ist es nicht.“ Eine historisch-politische Bildungsarbeit könne letztlich auch nur funktionieren, wenn die Menschen sich aus eigener  Motivation darauf einlassen. 

„Erinnere! Das heißt im Zweifelsfall gar nichts.“

Dafür brauche es aber auch neue Ansätze und Angebote in der Gedenkarbeit. „Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie sich auch unsere eigene Lebenswelt in den politisch-historischen Kontext einbettet.“ So könne das Erbe derer, die nach 1945 ihr Weiterleben selbst in die Hand nehmen mussten, auch in Zukunft würdevoll fortbestehen. Wie genau das aussehen kann, das sei ein Prozess, der gerade erst angestoßen werde. Eine Bedingung ist für Forster dabei zwingend notwendig: „Ein Weiterleben der Erinnerung kann es nur ohne Schlussstrich geben.“

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Kommentare (7)

  • Mr. T.

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    Für mich ist es schwer nachzuvollziehen, wie die glücklichen Überlebenden nach den grausamen Erlebnissen, die sie erleiden mussten, überhaupt wieder in ein halbwegs normales Leben zurückfanden und jetzt noch als Zeugen dienen können.

    Eine Entnazifizierung hat nie stattgefunden und deren Vorspielung diente wohl nur dem Erleichtern des Gewissens der vielen “Christen”.

    Vor kurzem musste ich voller Wut miterleben, wie eine “Besorgte Mutter”, die ihrem Kind wohl verboten hat, in der Schule eine Maske zu tragen, die Ausgrenzung ihres Kinds mit der Situation in einem KZ gleichgesetzt hat. Das alles unter lautem Beifall der anwesenden Querdeppen bei einer der einschlägigen Demonstrationen. Ein absoluter Tiefpunkt unserer Gesellschaft!

    Uns bleibt nur noch, das Gedenken an die Opfer so lange wie möglich so hoch wie möglich zu halten. Alleine schon, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert. Diejenigen, die damit keine Probleme hätten, sitzen schon wieder in den Parlamenten und ihr Fußvolk ist schon wieder auf der Straße und nutzt eine Pandemie, um die Demokratie in ihren Grundfesten zu erschüttern.

  • Stefan Egeli

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    Ich habe bisher in meinem Leben drei Gedenkstätten besucht, das waren Dachau, Flossenbürg und Buchenwald. Und jedes mal war ich erschüttert, wozu eine Generation vor meiner Generation fähig war. Aber man lebt damit ja auch weiter. Man kann nur mahnen und es seinen Kindern weitergeben und ihnen klar machen, was damals für Bestien an der Macht waren und immer wieder betonen, dass es so etwas nie wieder geben darf. Aber, so schlimm es auch ist, es wird von Generation zu Generation immer weniger Menschen geben, die sich damit befassen werden. Man kann die Leute nicht dazu zwingen, immer wieder neu zu Gedenken. Die, die sich freiwillig damit beschäftigen wollen, werden das tun. Wir können nur sagen: nie wieder Nazis! Wir tragen keine Schuld, haben aber die Pflicht zu verhindern, dass solche Verbrecher nie wieder an die Macht kommen. Wir verstehen das, es ist noch nicht so lange her. Ob es in 50 Jahren, wenn sich meine Enkel nur noch schwach an mich erinnern, noch genau so ist?

  • Roland Hornung

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    @ Mr. T.

    Solche üblen Erlebnisse wie mit “besorgten Müttern” u.ä. hatte ich leider auch schon, es ist schlimm, pervers, wie hier die Erinnerung der Opfer mit Füßen getreten wird und wie
    die grauenhafte Vergangenheit relativiert wird :-(

  • R.G.

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    @Mr. T.
    Für mich ist es schwer nachzuvollziehen, wie die glücklichen Überlebenden nach den grausamen Erlebnissen, die sie erleiden mussten, überhaupt wieder in ein halbwegs normales Leben zurückfanden und jetzt noch als Zeugen dienen können.
    Ein Buch beschreibt den Kampf um das körperliche Überleben nach der Befreiung, und um den Überlebenswillen, eindrucksvoll:
    Leon Zelman, Armin Thurnher: Ein Leben nach dem Überleben. Kremayr & Scheriau, Wien 1995, ISBN 3-218-00600-7.
    Nachauflage: Kremayr & Scheriau / Orac, Wien 2005, ISBN 3-218-00750-X.
    Leon Zelman, Armin Thurnher: After Survival. One Man’s Mission in the Cause

  • Roland Hornung

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    @ Michael Bothner

    Es gibt Initiativen oder Vereine, z.B. “Zeugen der Zeitzeugen”, die die noch lebenden Zeitzeugen interviewen und als Video aufnehmen und so die Erinnerung der Zeitzeugen ein wenig bewahren.

  • joey

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    Selbst die wenigen, die zeitweise Opfern geholfen haben, waren zeitweise auch Täter oder Unterstützer. Es gibt also eigentlich fast keine “guten Deutschen”.

    Es waren ja aber nicht nur Deutsche dabei. Meine “fremdländischen” Vorfahren waren Kollaborateure. Wie freiwillig, ist dann die Frage. In Flossenbürg ist ein entfernter Teil meiner Familie als Gefangene aktenkundig. Sie wollten sich einfach nicht in die Waffen SS “freiwillig” einschreiben, also hat man einen öffentlich als Beispiel totgeschlagen. Das war dann genug für die anderen und sie sind “freiwillig” beigetreten. Ich habe diese Geschichte mit freundlicher Hilfe der Gedenkstätte Flossenbürg geprüft.
    Die “Memorial Archives” stehen allen Anfragen offen. Jeder darf auch sonst im Bundesarchiv Reinickendorf die Truppenakten durchsehen lassen: in welcher Einheit war mein Großvater?

    Forscht! Die Geschichte Eurer Familie. Wenigstens ein paar Fakten, die dann viele neue Fragen aufwerfen werden. Das Gegenteil von Vergessen.

  • Werner Frank

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    Vielen Dank für diesen Artikel und auch für die Kommentare. Zu der Dichotomie “Täter” und “Opfer” möchte ich aber anmerken, dass darin eine eher oberflächliche Betrachtungsweise liegt, was auch von “joey” schon thematisiert wird. Wie aus den Häftlingen selbst in Auschwitz Täter werden konnten oder sogar mussten, wollten sie überleben, hat Primo Levi dargestellt, und darunter hat er schwer gelitten. Aber wie wurden die Täter zu Tätern? Niemand wird als Verbrecher geboren. Sind sie nicht auch Opfer, nämlich ihrer Sozialisation, der Propaganda, der sie ausgesetzt sind (und die sie gerne bis begeistert akzeptieren, weil sie ihnen dienlich ist), der sozialen und wirtschaftlichen Abstiegsängste, die im Kapitalismus immer begründet sind, des miesen Kalküls von Politikern, die Fremdenfeindlichkeit, Inhumanität (Asylrecht!), Rassismus schüren zum erhofften eigenen Vorteil? Und vieles mehr. Offenbar ist es ein weites Feld, auf dem Menschen zu Tätern werden und das beackert werden muss, um dies zu verhindern. Die Aufgabe der Gedenkstätten darin wird immer sein, die letzten, schrecklichen Konsequenzen solcher Entwicklungen sichtbar zu machen und andererseits hinter den unvorstellbaren Opferzahlen die einzelnen Menschen hervortreten zu lassen, ihnen ihre Würde zurückzugeben und so Empathie zu ermöglichen. Solcherart erschüttert werden die Besucher einer Gedenkstätte dann auch danach fragen, wie es kommt, dass es Täter gibt. Die Gedenkstätte in Flossenbürg scheint hierbei sehr gute Arbeit zu leisten.

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