SOZIALES SCHAUFENSTER

Herr Stein rät

Freundschaftsputz

Das Schlimmste ist, wenn dann diese Pandemie einmal vorbei ist und sie merken, dass Sie es versäumt haben, ausreichend Freunde zu verlieren. Neue Ratschläge aus dem Podcast von Herrn Stein. Wir veröffentlichen sein Video und haben den Text so gut es ging transkribiert…

Ein Glosse von Martin Stein

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Ich habe jetzt einen Hater. Also, vielleicht sogar zwei, aber der eine hat mich eher so unpersönlich gehatet. Da bin ich mir gar nicht sicher, ob er wirklich mich gemeint hat, oder ob das bloß ein Zufall war, ob sich der nicht bloß quasi verhatet hat. Also, sagen wir mal, eineinhalb Hater hab ich. Da macht man sich dann so seine Gedanken. Zieht ein bisschen Bilanz, reflektiert das Selbstbild. Vor allem natürlich fragt man sich: Warum so wenige? Und warum erst jetzt? Es kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass ich im Grunde schon länger hate-able bin.

Ich bin halt meinungsstark. Und weil ich karrieremäßig ja eh schon auf dem Abstellgleis bin, kann ich es mir halt auch erlauben, die Leute auf ihre zahlreichen Irrtümer hinzuweisen. In liebevoller Strenge und mit den besten Absichten natürlich.

Aber wenn man die Meinung von einem kritisiert, dann ist das, wie wenn man sagt, du, dein Kind ist greislich. Das hört keiner gern, auch wenn’s stimmt. Und dann kommt noch dazu, dass ganz viele Leute ihre Meinungen viel lieber haben wie ihre Kinder.

Jetzt haben wir ja eh eine allgemeine Erregungsschwelle, wo ein jeder sofort aufgeht wie ein Salafist beim Playboylesen. Ich glaube, es liegt an der Zeit. Pandemie hat ja auch sowas Biblisches. So eine von diesen Plagen halt. Da trennt sich die Spreu vom Weizen, und der Impfstoff muss gescheit gekühlt sein, weil der Herr schon lang geagt hat, dass er die Lauwarmen ausspeibt. Und lauwarm mag jetzt grad wirklich keiner mehr sein, nicht bloß der Impfstoff. Ein jeder hat sich so seine Seite ausgesucht, und schwarz ist dunkelschwarz und weiß ist persilweiß, und Eierschale gilt auch schon nicht mehr als Kompromiss, wie wenn man früher vor der Hochzeit zum Pfarrer gesagt hat, mei, Hochwürden, es war höchstens einmal ein bisserl mit dem Mund und sonst nix. Und dann hat’s geheißen, des macht fünf Ave Maria und Eierschale beim Kleid.

Jetzt bin ich halt der Stein, und auch wenn man jetzt auf mir keine Kirche bauen muss, dann wird trotzdem so eine Eierschale halt auch an mir zerschellen. Und jetzt kann ich Sie förmlich hören beim Zuhören: Der eine sagt, geh, Corinna, spul mal vor, bis er ein bisserl weniger spinnt, der Herr Stein, aber der andere denkt sich vielleicht direkt, sapperlott, dem sein Podcast. Damit wird ja direkt das Homeschooling zum Kinderspiel, da kann ich dem Kanye-Leon gleich erklären, wie Metapher geht.

Aber genug abgeschweift – zurück zum Hater. Der hat sich sehr persönlich an mich gewandt. Nämlich, mein Hater hat geschrieben, dass er gehört hat, dass mir die Frau davongelaufen ist und dass ihn das gar nicht wundert.

Holla, denkt man sich, da hat man aber jemand ordentlich auf den Schlips getreten. Da muss man dem ja direkt Respekt zollen, wenn sich einer so bemüht. Da hat er schon ein bisserl recherchieren müssen, bis er was Brauchbares rausgefunden hat. Und dabei weiß er ja gar nicht, dass ich so ein grundpositives Zeiserl bin, dass ich sogar das mit meiner Ehe als Erfolg betrachte, weil ganz lange hätt ich ja überhaupt nicht geglaubt, dass ich es jemals zu einer Frau bring, die wo mir davonlaufen könnt. Und trotzdem ist des dann passiert. Und da heißt’s, man kann keine Träume haben.

Ich seh natürlich als erfahrener Dialektiker gleich, dass der Kommentar da schon ein bisserl ein Ausdruck der Hilflosigkeit ist. Argumentum ad Hominem, nach Schopenhauer, Kunstgriff 18: allgemeine Unverschämtheit, aber das haben Sie als meine Zuhörer ja eh gewusst. Wie sind ja hier nicht beim Eisbaden-Podcast von der Natascha Ochsenknecht.

Natürlich könnte ich mich jetzt freuen, dass es über mich so wenig Unangenehmes zu sagen gibt, weil, dass ich nicht recht hab mit dem, was ich sag, das hätte er ja irgendwie belegen müssen. Und das ist natürlich völlig unmöglich, und wenn er sagt, der Herr Stein, der hat zwar recht, aber dafür schaut er scheiße aus, ja, das wäre halt komplett gelogen, macht er sich ja direkt lächerlich. Also halt so rum.

Das Entscheidende dabei ist aber nicht das Wie, sondern der Umstand, dass mich der nicht mag. Und das sehe ich sehr positiv. Das ist ganz einfach wieder einer weniger, mit dem ich mich vertragen muss, und das ist doch ein Geschenk.

Ich lebe auch nicht gern im Streit, da tun‘s mich bitte jetzt nicht missverstehen, aber ich muss mit dem ja auch nicht streiten. Gar nix muss ich mit dem. Wenn richtigerweise betont wird, wie viel Energie mit Streiten draufgeht, dann muss man auch einmal darauf hinweisen, dass so ein gekünstelter halbschariger Frieden auch recht anstrengend sein kann. Ob ich also den Hater schon vorher gekannt habe oder nicht, ich vermute mal, dass wir uns auch da schon nicht besonders sympathisch gewesen wären. Und da ist es doch schön, wenn man gar nicht mehr so tun muss als ob.

Ich glaub, es war ein Großcousin vom Hippokrates, der wo gesagt hat: Und da dein Mitmensch eine Hämorrhoide ist, so bleibt es deine Entscheidung, ob du sie an deinem Arsche gedeihen lässt. Und da hat er doch pfeilgrad recht, der Großcousin. Sie müssen das, was ich Ihnen da verzähl, ja auch aus der Einzelfallperspektive herausholen. Da kann man nämlich sehr viel lernen.

Ich sag’s Ihnen, wie es ist: Das Schlimmste ist, wenn dann diese Pandemie einmal vorbei ist und sie merken, dass Sie es versäumt haben, ausreichend Freunde zu verlieren. Also, keine guten Freunde natürlich. Auch keine mittelguten. Aber die, die wo einem seit Jahren immer irgendwie in der Sonne umeinanderstehen und wo man, wenn der Name erwähnt worden ist, schon immer ein bisschen das Gesicht verzogen hat, und wenn’s bei einer Feier geheißen hat, du, der Dings kommt auch, da hat man nix gesagt außer vielleicht „grhmmm…“.

Da müssen Sie jetzt schauen, dass Sie die Zeit nutzen, um die loszuwerden, bevor Deutschland durchgeimpft ist. Weil jetzt gibt’s eh so viel Streit und Zwietracht, das darf man nicht ungenutzt verstreichen lassen. Und wer es in dieser Zeit nicht geschafft hat, sich zu zerstreiten, bei dem ist echt Hopfen und Malz verloren. Der darf dann als Ehren-Dalai-Lama aufm Kindergeburtstag Luftballontiere verschenken. Dem ist echt nicht mehr zu helfen. Also auf – und bei drei wird losgestänkert. Am Schluss ärgern Sie sich, wenn Sie diese einmalige Gelegenheit verpasst haben.

Wie wenn die Abwrackprämie ausgelaufen ist und Sie auf einmal bereuen, dass Sie immer noch den alten Saukarren in der Garage stehen haben. Man muss auch Abschied nehmen können.

So ein Freundeskreis ist ja an sich was Schönes. Man richtet sich den über die Jahre so ein und gewöhnt sich dran, es gibt einem ein heimisches Gefühl, aber irgendwann muss halt auch einmal neu dekoriert werden, und Sie wissen genau, dass Sie die eine greisliche Vasen schon seit Jahren von einem dunklen Eck ins nächste räumen, und nie ist das Eck dunkel genug.

Diese Pandemie ist der Großbrand, den manche Wohnung dringend einmal nötig hätte, und wo man endlich sagen kann: Ja, des is jetzt schad, aber wir haben dringend die Nachttischlampen retten müssen, da hat’s die Vase leider nicht mehr derpackt. Und ich schwöre Ihnen: in dem Moment, wo ich Ihnen jetzt von der greislichen Vase erzähl, da haben Sie doch sofort diesen einen, speziellen Freund oder die eine, spezielle Freundin vor dem inneren Auge, und Sie denken sich, mei wär das schön, wenn der mal zufällig jemand einen Renner geben tät…

Nutzen Sie die Pandemie! Ich war da schon fleißig.

Ich sag’s mal ganz plakativ: Diese Menschen hat mir Corona genommen. Gottseidank. Und wenn ich sag, dass die dafür nicht einmal haben sterben müssen, dann ist das doch gelebter Altruismus. Oder finden’s nicht?

Ich geh mit allem mittlerweile sehr gelassen um. Das ist diese Weisheit des Alters, die ich da in mir ganz enorm verspüre.

Um Ihnen diese Dimension der Weisheit mal zu vergegenwärtigen: In meinem Alter hat man ja auch noch Bon Scott live erlebt. Von AC/DC. Oder man hätte Bon Scott live erleben können, wenn’s einem nicht wurscht gewesen wäre. Also, jetzt mag ich AC/DC nicht einmal, aber das ist trotzdem ein Qualitätsbeweis für mich und mein Alter, weil mit Bon Scott habe ich AC/DC schon ein bisschen weniger nicht gemocht. Weil dem Bon Scott war vor seinem Tod schon wurscht, was die anderen von ihm gedacht haben, und nach seinem Tod erst recht. Von dieser Haltung kann man sich auf jeden Fall eine Scheibe abschneiden, auch ohne dass man dafür extra an seinem Erbrochenen ersticken muss.

Mei. Die Hater werden eh hassen, und das muss man halt abschütteln. Ein blöder Anglizismus ist das schon. Die Hasser, die wo eh hassen? Mmmhnaaaaaaa. Vielleicht was mit Hater, die wo haten. Dann ist der Anglizismus wenigstens konsequent. Des klingt schon nach was. Könnt man fast ein Lied da draus machen. Schad, dass das der Bon Scott nicht mehr singen kann. Aber vielleicht wer anders mal, der aber auch so eine harte Sau ist.

Genau.„"

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Kommentare (2)

  • Mr. T.

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    Herr Stein, wenn Ihnen demnächst mal jemand in einer dunklen Gasse die Melone vom Kopf haut, muss das nicht zwingend einer Ihrer Hater gewesen sein, der nur zu hoch angesetzt hat. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ich das war und mangels eigener Kopfbedeckung Ihre Melone dazu benötige, um sie vor Ihnen zu ziehen. Ganz großes Podcast – um konsequent weiter zu anglizisieren! Noch drei, vier Folgen und Gerhard Polt wird beginnen, eine leichte Fahne im Nacken zu spüren.

    Von Bon Scott wurde übrigens das Zitat überliefert: “die eina kenna mi, die andern könna mi”. Oder zumindest so sinngemäß. Ich finde, das kann man hier gut re-zitieren.

  • Herr Stein

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    Herzlichen Dank, Mr. T! Freut mich sehr. Aber es gilt natürlich: I pity the fool who puts on my Bowler…

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drin