Buchbesprechung

Jüdische Lebenswelten in Regensburg

Auf dem Platz der im Jahre 1938 in Regensburg zerstörten Synagoge wird derzeit eine neue erbaut. Anlässlich dieses Neubaus und zur Unterstützung der jüdischen Gemeinde hat der Publizist Klaus Himmelstein einen weiteren Sammelband herausgegeben: Jüdische Lebenswelten in Regensburg – Eine gebrochene Geschichte, erschienen im Pustet-Verlag.

Am Brixener Hof entsteht derzeit die neue Synagoge mit Gemeindezentrum. Foto: Stefan Effenhauser/ Stadt Regensburg

Zum Abschluss der Präsentation seines Buches im Evangelischen Bildungswerk (EBW) hofft Dr. Klaus Himmelstein, dass eine Überzeugung aus dem Jahre 1912 endlich Wirklichkeit werde. Jene Überzeugung, die der seinerzeitige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Regensburg, Dr. David Heidecker, anlässlich der Einweihung der Synagoge in der damaligen Schäffnerstraße vortrug: „daß das neue Gotteshaus für alle Zukunft geschützt bleibt“. David Heidecker, ein Rechtsanwalt, ging 1912, in seiner Ansprache zur Einweihung, davon aus, dass „die Zeiten des Mittelalters, in denen der Jude grundlos verfolgt, rechtlos gestellt und der Geringschätzung der Allgemeinheit preisgegeben war“, vorbei wären. Bekanntlich irrte nicht nur Heidecker: In der Nacht zum 10. November 1938 wurde die Regensburger Synagoge von Nationalsozialisten in Brand gesteckt und komplett zerstört.

Will mit seinem Buch zur weiteren Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte anregen: Herausgeber Klaus Himmelstein. Foto: rw

Das Buch soll, so Klaus Himmelstein im Vorwort, keine „abschließende oder vollständige Zusammenfassung der Geschichte der Regensburger Juden“ sein, sondern das Interesse daran wecken und zur weiteren Beschäftigung anregen. Es ist chronologisch aufgebaut und hat vier Überkapitel. Der erste und größte Abschnitt behandelt die Geschichte der Juden im mittelalterlichen Regensburg bis zur ersten Vertreibung von 1519. Im zweiten Teil handeln fünf Beiträge von der Zeit von 1861, als Juden Regensburg erstmals frei als Wohnort wählen durften, bis 1933, als die Nationalsozialisten in die Macht kamen und die beispiellose Entrechtung der jüdischen Regensburger begann. Die Ereignisse und Entwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus werden im dritten Kapitel dargestellt. Die Zeit nach dem Kriegsende von 1945 im vierten und letzten.

Zur mittelalterlichen Geschichte

Am Anfang des ersten Teils steht der Beitrag von Silvia Codreanu-Windauer, Peter Müller-Reinholz und Bernd Päffgen (Das jüdische Viertel im mittelalterlichen Regensburg und die Ausgrabungen am Neupfarrplatz), der aus archäologischer Sicht ins Thema einführt und dazu auch einen sehr hilfreichen historischen Aufriss und wichtige Zusammenhänge bietet. Ausführlicher und auf aktuellem Stand werden die Funde und Ergebnisse der umfangreichen archäologischen Grabungen von 1995 bis 1998 zusammenfassend präsentiert.

Zum Gedenken an den im Jahre 2012 „plötzlich aus dem Leben Gerissenen“ Theologen Dr. Andreas Angerstorfer verfasste Dr. Michael Brocke einen persönlich gehaltenen Nachruf (Unbeirrbar, furchtlos – Andreas Angerstorfer zum Gedenken). Angerstorfer, bis zu seinem Tod Dozent für biblische Sprachen, habe sich mit seinen über 30 Beitragen zur jüdischen Kultur und Geschichte Regensburgs „von ihren Anfängen bis zur Schoah und deren Nachwirken“ große Verdienste erworben, so Brocke.

Sterbebild des 2012 verstorbenen Andreas Angerstorfer.

Wer je zur christlich-jüdischen Geschichte Regensburgs geforscht und gearbeitet hat, kann diese Verdienste mit voller Dankbarkeit bestätigen und ist über kurz oder lang mit Andreas Angerstorfer ins (teils kontroverse) Gespräch gekommen. (So auch der Autor dieser Rezension. Einige Monate vor seinem Tod waren wir uns nach einer Kontroverse bezüglich meines Aufsatzes über Die Regensburger Ritualmordbeschuldigungen (hier online: VHVO 150, 2010) darin einig, dass der an der Außenmauer der Realschule am Judenstein angebrachte jüdische Grabstein nicht aus dem 1519 geschändeten mittelalterlichen Friedhof stammen kann, wie es die derzeitige Selbstdarstellung der Schule spekulativ propagiert.) Jedenfalls hat der Herausgeber des vorliegenden Buches, Klaus Himmelstein, zur Würdigung des Wirkens von Andreas Angerstorfer zwei seiner für Regensburg bedeutsamen Aufsätze (Die Regensburger Talmudschule – Strahlkraft jüdischer Gelehrsamkeit und Die jüdischen Friedhöfe in Regensburg) erneut veröffentlicht.

„Grausames Lektorat“

Dem Nachruf folgen drei wissenschaftlich gehaltene Detailstudien von drei Doktorandinnen, die am von Prof. Eva Haverkamp geleiteten Forschungsprojekt „Juden im mittelalterlichen Regensburg“ der Münchner LMU beteiligt sind (hier zu meinem Hintergrundbericht zur Vorstellung des Projekts). Die Beiträge von Sophia Schmitt (Die Regensburger Öffentlichkeit und der Ritualmordvorwurf gegen die jüdische Gemeinde (1476-1480), Astrid Riedler-Pohlers (Jüdische und christliche Mediziner im spätmittelalterlichen Regensburg) und Veronika Nickel (Gewalt und Repression gegen die Regensburger Juden bis zu ihrer Vertreibung 1519) sind jeweils überarbeitete Auskopplungen aus den zum Teil bereits abgeschlossenen, aber nicht veröffentlichen Dissertationen. Dies merkt man den interessanten Texten an, obwohl sie ein „grausames Lektorat“ (K. Himmelstein) hinter sich haben.

Im achten und letzten Beitrag zum Mittelalter untersuchen Cornelia Berger-Dittscheid und Hans-Christoph Dittscheid die damalige Judenfeindschaft („Adversus Judaeos ratisbonenses“ – Jüdische Kultur im Spiegel christlicher Kunst in Regensburg). Auch dieser Aufsatz wurde nicht zum ersten Mal veröffentlicht.

„Eine neue Gemeinde entsteht“

Erst nachdem die Zuzugsbeschränkungen für Juden im Jahre 1861 aufgehoben wurden, konnte in Regensburg ein neues Gemeindeleben entstehen. Die daraus folgende Entwicklung wird im zweiten Abschnitt des Buches beleuchtet. Jakob Borut, der Direktor der deutschen Registraturabteilung des Yad Vashem Archivs in Jerusalem, zeichnet sie in seinem Beitrag nach (Die Juden in Regensburg, 1861-1933) nach. In dieser Zeit leitete und prägte Rabbiner Dr. Seligmann Meyer die Gemeinde ganz entscheidend. Sein Wirken und Leben stellt der Historiker Mathias Heider gelungen dar (Die jüdische Gemeinde in Regensburg und ihr Rabbiner Seligmann Meyer, 1881-1925) und betont dabei unter anderem die Anstrengungen Meyers, jüdische Kinder und Jugendliche auf den damals auch in Regensburg verstärkt aufkommenden Antisemitismus vorzubereiten.

In ihrem zweiten (ebenfalls wiederveröffentlichen) Beitrag untersucht das Ehepaar Cornelia Berger-Dittscheid und Hans-Christoph Dittscheid die neuzeitlichen Synagogen in Regensburg (Blüte und Zerstörung). Sie bemängeln in diesem Zusammenhang, dass die „judenfeindlichen Aspekte der barocken Deckenmalerei von St. Kassian“ aus dem 18. Jahrhundert trotz vielfacher öffentlicher Kritik von den Zuständigen einfach ignoriert würden. So etwa in dem nach der Renovierung der Fresken erschienen Prachtband (Die Stiftskirche St. Kassian, 2015), der vom zuständigen Kollegiatsstifts Unsere Liebe Frau zur Alten Kapelle herausgegeben wurde.

Das restaurierte Fresko der Kassianskirche zeigt die Vertreibung von ritualmordenden Juden als „Befreiung“. Foto: Archiv/ rw

In dem besagten Fresko der Kassianskirche, das über viele Jahre unter anderem mit öffentlichen Fördermitteln restauriert wurde, werden die hiesigen antisemitischen Ritualmordbeschuldigungen bis heute dargestellt, ohne dass je eine Distanzierung durch die Hausherrn erfolgt wäre. Bischof Rudolf Voderholzer, der nach der Renovierung 2015 den Altar der Kirche weihte, hielt stattdessen einen Vortrag Zum marianischen Programm der Stiftspfarrkirche St. Kassian, wiederum ohne auf die marienzentrierte Ritualmordpropaganda einzugehen, mit der Kassianskirche untrennbar verbunden bleiben wird.

1912: Einweihung der neuen Synagoge

Die 1912 errichtete Neue Synagoge.

In einem eigenen Beitrag schildert Himmelstein, ein pensionierter und promovierter Bildungshistoriker, Details zur Einweihung der Synagoge vom August 1912 und das Wirken von Isaak Meyer, dem Chronisten der Gemeine. Er dokumentiert die damaligen Ansprachen und Reden, unter anderem die des bereits genannten Gemeindevorstands David Heidecker. Auch die des damaligen Bürgermeisters, Dr. Otto Geßler, der im Namen der Stadtverwaltung betonte, dass man die Synagoge gerne „in ihren Schutz und Schutz“ nehmen wolle.

Bürgermeister Geßler konstatierte seinerzeit aber auch, dass „die Geschichte der Israeliten unserer Stadt“ von „blutigem Haß und Verfolgung“ geprägt ist. Geßler, Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, verwies in seiner Rede unter anderem auf die gemäß der Verfassung garantierten Religionsfreiheit und hoffte, dass „der Fortschritt der Kultur und Gesittung in unserem Vaterlande“ derartige Ausbrüche konfessioneller Leidenschaft „für immer unmöglich gemacht“ habe. Leider erfüllten sich seine Hoffnungen nicht. Bereits 1938, gut 26 Jahre nach der Einweihung, wurde die Synagogekomplett zerstört – der Schutz durch die Stadt blieb aus.

Dass neben einem rassistischen Wahn auch mit Leidenschaft und Antisemitismus argumentierende katholische Priester (wie etwa der bis vor kurzem als Gründer der Regensburger Universität geltende Theologe Joseph Engert) in den Nationalsozialismus führen und diesen stärkten sollten, konnte sich ein Bürgermeister Geßler wohl nicht vorstellen. Kirchliche Verantwortungsträger wie Bischof Voderholzer und seine weisungsgebunden Fachleute verleugnen oder verkennen diese Zusammenhänge allerdings bis heute, teils geschichtsklitternd. Stattdessen sucht man immer noch nach „katholischer Resistenz und milieubedingten widerständischen Handlungen im NS-Regime.“

Zeit des Nationalsozialismus

Die ausgebrannte Synagoge 1938. Unmittelbar nach dem Feuer begann der Abbruch.

Zwei der drei Aufsätze zur NS-Zeit stammen von der Journalistin Waltraud Bierwirth (Jahre der Ausgrenzung und Verfolgung, 1933-1938 und „Zwangsarisierung“ und Vernichtung), der Frau von Klaus Himmelstein. Waltraud Bierwirth, der Regensburg bereits mehrere einschlägige Publikationen zu verdanken hat, fasst hierbei hauptsächlich ihre bereits veröffentlichten Arbeiten zusammen (Rezensionen finden sich hier, hier und hier), schildert aber auch bislang unbekannte Einzelschicksale. 

Klaus Himmelstein zeichnet in seinem Beitrag (Abwesendes Gedächtnis – Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Regensburg) nach, wie die archivalischen Unterlagen und Dokumente der jüdischen Gemeinde in der Pogromnacht vom 10. November 1938 geraubt und für eine pseudowissenschaftliche „Judenforschung“ benutzt wurden. Beispielsweise nennt Himmelstein hierbei den Straubinger Historiker und promovierten Antisemiten Wilhelm Grau. (Grau war übrigens Mitglied im katholischen Jugendbund Neudeutschland, den der spätere Regensburger Bischof Rudolf Graber 1933 mit antisemitischen Schulungen betreute.)

Grau, ab 1936 Geschäftsführer der antisemitischen „Forschungsabteilung Judenfrage“, legte eine steile Nazi-Karriere hin, seine Arbeiten wirken sich noch bis heute auf die Darstellung der jüdisch-regensburgerischen Geschichte aus. In einer (nach Berichten unter anderem von regensburg-digital makulierten) Publikationen des Regensburger Stadtarchivs (Klaus Fischer, Regensburger Hochfinanz, 2003) kam der Antisemit Grau sogar zu neuen Ehren.

Jedenfalls wurden, so die akribische Rekonstruktion von Klaus Himmelstein, die geraubten Dokumente und Archivalien der jüdischen Gemeinde, darunter private Unterlagen und Thorarollen, im Februar 1939 zur „Judenforschung“ von Regensburg ins Amberger Staatsarchiv verbracht. Nach der Zerschlagung von Nazideutschland kamen sie wieder kurz nach Regensburg zurück, um dann, wie die Dokumente und Unterlagen vieler anderer Gemeinden auch, nach Israel gebracht zu werden, so Himmelstein. Derzeit werden sie in Jerusalem im CAHJP (The Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem) aufbewahrt. Es handelt sich um 556 Akten mit mehr als 43.000 Blatt, die unter der Signatur D/Re5 verzeichnet sind und sich über die Jahre von 1664 bis 1940 erstrecken.

Abschließend wirbt Klaus Himmelstein in seinem Beitrag dafür, „das abwesende jüdische Archiv in digitalisierter Form zurückzuholen und damit vor Ort zugänglich zu machen.“ Forschungen generell und der Bezug der jetzigen Gemeinde würden damit erleichtert. Mit dem Archiv ihrer Vorgängergemeinde kämen, so Himmelstein, auch „die Erinnerung an einen bedeutenden Abschnitt“ der jüdisch-regensburgerischen Geschichte zurück. Diesbezüglich wäre anzuregen, dass hierbei vor allem die Stadtverwaltung gefordert ist – sie könnte, ja sollte, für die Kosten der Rückholung des Archivs aufkommen.

Nach der Shoah

Auch der 2011 verstorbene Hans Rosengold kommt in dem Buch zu Wort. Foto: Archiv/ as

Im letzten Abschnitt des Buches (Jüdisches Leben in Regensburg nach 1945) bearbeiten sechs Beiträge diverse Aspekte der Nachkriegszeit. So geht Klaus Himmelstein auf die jüdischen Displaced Persons in Regensburg ein, die als Überlebende der Shoa nach Regensburg kamen und zum Teil einen Neubeginn wagten, sich hier an dem Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde beteiligten.

Die an der Regensburger Universität lehrende Professorin für Slavisch-Jüdische Studien Dr. Sabine Koller arbeitet in ihrem ausgefeilten Beitrag das auch für Regensburg bedeutsame Wirken des jiddisch schreibenden Autors Mendl Man heraus. Man war ab 1946 als Journalist, Zeichner, Lyriker oder auch als Setzer und Drucker maßgeblich daran beteiligt, die der Zeitung „Der najer moment“ zu produzieren. Diese ist in jiddischer Sprache verfasst und in hebräischen Lettern gedruckt worden. Ebenso analysiert Koller in ihrem Beitrag die teils unveröffentlichten Gedichte Mans mit großer Hingabe.

Unter diesem Abschnitt kommt auch der im Jahre 1923 in Regensburg geborene Hans Rosengold, der 1939 nach Argentinien flüchtete und 1949 nach Regensburg zurückkehrte, zu Wort. Rosengold, lange Zeit Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und 2011 verstorben, schildert den Neubeginn nach dem Zusammenbruch aus seiner Sicht.

Die in Regensburg schon relativ lange und weit verbreitete Erinnerung an die jüdischen (und nicht-jüdischen) NS-Opfer mittels Stolpersteinen schildert der Initiator und langjährige Leiter der Stolpersteine-Gruppe Regensburg, Dieter Weber. Im Jahre 2007 wurden laut Weber, der auch Vorstand des Fördervereins Neue Regensburger Synagoge ist, in Regensburg die ersten Stolpersteine verlegt – heute sind es bereits 210 Steine verlegt worden. Gegen einen Beitrag von 120 Euro können Patenschaften für Steine übernommen werden. Die Akzeptanz dieser Erinnerungsform ist laut Weber „nahezu uneingeschränkt“ und sehr groß.

Am 19. Oktober 2016 wurde der Grundstein für die neue Synagoge/Gemeindezentrum gelegt. Foto: Ferstl/ Stadt Regensburg

In einem weiteren Artikel (Aufbruch „Am Brixener Hof“ – Ein neues Gemeindezentrum mit Synagoge) zeichnet Waltraud Bierwirth die Vorgeschichte des derzeit laufenden Synagogen-Neubaus nach. Den Abschluss des letzten Abschnitts bildet der Beitrag der Staab Architekten (Ein neues Haus am alten Ort – Zur Konzeption des jüdischen Gemeindezentrums und der neuen Synagoge), in dem die für den Bau verantwortlichen Architekten einen kurzen Einblick in ihr planerisches und gestalterisches Vorgehen gewähren. Planungsgemäß soll der von der Stadt geförderte Neubau, der von einem Sicherheitsdienst bewacht wird, im Frühjahr 2019 fertiggestellt sein.

Anmerkungen zu einer Leerstelle

Bei der Präsentation seines Buches wies Klaus Himmelstein auf einen „krassen Gegensatz“ in der Erforschung der christlich-jüdischen Geschichte Regensburgs hin: die Zeit des Nationalsozialismus sei „ungleich schlechter“ erforscht als die des Mittelalters. Dieser Befund, so ist anzufügen, gilt insbesondere auch für die Rollen der christlichen Kirchen. Diese wiederum werden auch im vorliegenden Sammelband allenfalls fürs Mittelalter thematisiert. Es fehlt etwa die Problematisierung von Bischof Michael Buchberger, der von 1928 bis 1961 amtierte, schon vor dem Nationalsozialismus mit antisemitischen Äußerungen auffiel und später eine überaus anstößige Rolle spielte. Diese Leerstelle kann aber nicht dem Herausgeber angelastet werden, sie ist vielmehr Ausdruck einer schon lange andauernden unkritisch-defizitären Auseinandersetzung in der stark katholisch geprägten Bischofsstadt.

Doch auch im vorliegenden Buch findet sich ein Beispiel für den unkritischen Umgang mit kirchlichen Verantwortungsträgern: in der Bewertung des Verhaltens von Bischof Anton von Henle, der 1927 gestorben ist. Laut Jakob Borut habe Bischof Henle (der Vorgänger Buchbergers) „1913 in einem Brief entschieden gegen die Ritualmordbeschuldigungen Stellung“ genommen. (S. 136) Dies tat Henle aber nicht öffentlich, und auch nicht im Regensburger Kontext, sondern nur im Zuge der internationale Kreise ziehenden sogenannten Beilis-Affäre. Der eigentlich Anlass war, dass in Kiew 1913 ein Jude namens Mendel Beilis der jüdisch-rituellen Ermordung eines Christenknaben bezichtigt, vor Gericht gestellt aber später freigesprochen wurde.

Henle betonte damals in einem privaten Brief lediglich dezent, dass er mit seiner ablehnenden Haltung „selbstverständlich auf dem Standpunkt der Päpste“ stehe. Zu den Regensburger Ritualmord-Beschuldigungen, die damals wie heute unter anderem in der Kassianskirche ihr Unwesen treiben, hat sich Henle jedoch, wie seine Vor- und Nachfolger, nie öffentlich geäußert. Die nationalsozialistische Propaganda hat die Regensburger Ritualmord-Lügen allerdings dankbar aufgenommen (zu den Hintergründen und dem städtischen Umgang damit). 

Die „Deggendorfer Gnad“ – letzte große antisemitische Hostien-Wallfahrt, die in seinem Bistum veranstaltet wurde – unterstützte Henle voll und ganz. Henle begeisterte sich als amtierender Bischof auch für das antisemitische Festspiel (Das Heilige Mirakel – ein Spiel vom Gnadenwunder von Deggendorf), das zum volkstümlich-derben Begleitprogramm gehörte und hostienschändende Juden mit aufgeklebten Hakennasen zur gefälligen Verachtung darbot.

1937: Das Bistum Regensburg feiert „600 Jahre Gnadenzeit“ und Bischof Buchberger schreitet mit seiner Prozession unter Hakenkreuzfahnen, Foto: privat.

Wie Manfred Eder (dessen umfangreiche Studie, Die „Deggendorfer Gnad“,1992, zum Verbot der antisemitischen Wallfahrt führte) konstatiert, hegte „Henle offensichtlich keinerlei Zweifel an der Historizität des Deggendorfer Hostienfrevels“. Sie wurde erst 1992 von seinem späteren Nachfolger Bischof Manfred Müller verboten. Zurück zu Jüdische Lebenswelten in Regensburg.

Das Interesse ist geweckt

Die Autoren und Autorinnen des Sammelbandes, und allen voran der Herausgeber Klaus Himmelstein, haben mit ihrer Publikation einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der christlich-jüdischen Stadtgeschichte geleistet. Das Ziel, Interesse an der jüdischen Geschichte Regensburgs zu wecken und zur weiteren Beschäftigung anregen, dürfte der Sammelband gut erreicht haben. Über siebzig Besucher der Buchpräsentation im EBW belegen dies.

Die Baustelle der neuen Synagoge von oben. Foto: Stefan Effenhauser/ Stadt Regensburg

Darüber hinaus wollen, so das Vorwort, sowohl die Autorinnen und Autoren als auch der Friedrich Pustet Verlag mit ihrem Buch die Jüdische Gemeinde unterstützen. Unterstützen in „ihrer Zuversicht und Hoffnung, in der Regensburger Gesellschaft ihren Glauben und ihre Identität ohne Angst und Bedrohung leben zu können“.

Um diesem Ziel näher zu kommen, wird es allerdings noch viel mehr Unterstützer und einige grundsätzliche Auseinandersetzungen in der Stadt brauchen. Wer an einem alltäglichen Schutz jüdischen Lebens interessiert ist, wird aber auch in Regensburg nicht ohne Sicherheitsdienste, Sicherheitszone, Kontrollen und Unterstützung der Polizei auskommen können.

Klaus Himmelstein (Hg.): Jüdische Lebenswelten in Regensburg – Eine gebrochene Geschichte. Pustet-Verlag Regensburg 2018.

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Kommentare (27)

  • Jürgen

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    Klasse recherchiert. Ich bin froh dass du die Einweihung von 1912 nicht vergessen hast.
    Es gab vor mind. 15 Jahren einen sehr guten Artikel in der MZ über die Einweihung der Synagoge im Jahre 1912 von Dr. Andreas Angersdorfer. Damals hat die, fast wörtlich abgedruckte Rede, mir ein beklemmendes Gefühl verursacht. Denn die damals aufgeklärte Bürgerschaft stand genauso hinter ihrer jüdischen Gemeinde wie wir heute. Man hätte die Rede eins zu eins in unsere heutige Zeit übernehmen können.
    Wie gesagt, damals vor ca. 15 Jahren hatte ich schon das Gefühl, wie lange es wohl diesmal dauert bis wir, ausgehend von 1912, politisch gesehen, im Jahre 1938 angelangt sind. Wo stehen wir gedanklich heute, wir die aufgeklärte Bürgerschaft? Sind wir jetzt auf dem Niveau 1927? Ein Blick in die Parlamente bestätigt dies zu meinem Erschrecken.
    In Zeiten des aufbegehrenden Nationalismus fühle ich mich genau an dieser Stelle.
    Noch fünf Jahre und der braune Mob wird stärkste Fraktion in unseren Parlamenten? Ich bin gespannt ob wir aus der Vergangenheit gelernt haben. Momentan sieht es nicht so aus.

  • David M.

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    @ Jürgen. Ja, ich finde auch, dass man an den Wortmeldungen zur Einweihung der Synagoge sich vieles klar machen kann. Einerseits war damals innerjüdisch klar, dass man sich auf einen auch in R. längst virulenten Antisemitismus einstellen muss, andererseits konnte man noch auf einen (wenn auch monarchischen) zumeist neutralen Rechtsstaat vertrauen und auf eine positive gesellschaftliche Entwicklung setzen. Es kam aber anders.

    Die Geschichte wiederholt sich jedoch nicht, jedenfalls nicht so einfach. Doch wenn ich wie oben lese oder mir anschaue, wie die katholischen Verantwortlichen heutzutage gerade in Regensburg mit den Verstrickungen ihrer damaligen Führungskräfte im Nationalsozialismus umgehen, dann schaut´s richtig düster aus.

    Auch die Vertreter/Wortführer der deutschen Erinnerung- und Gedenkkultur fühlen sich von (illegalen/unaufgeklärten …) muslimischen Migranten bedroht, hier: in ihrer auch so erfolgreichen vergangenheitsbewältigenden Praxis und denken an obligatorische Nachhilfe für Migranten. Und die regnschburgerischen Vertreter? Ich finde, man sollte dort mal bei Voderholzer und seiner hl kath. Kirche anfangen und eine Auseinandersetzung fordert, solange die kirchlichen Vertreter bei den alljährlichen Gedenkmärschen mitreden wollen. Hier gäbe es m.E. großen Bedarf. Denn, was ist schlimmer, als sich im 21.Jahrhundert die eigene Beteiligung am Nationalsozialismus aus identitären Selbstinteressen nach Belieben zu Recht zu schustern? Nur noch das AfD-Gerede vom „System“ oder Vogelschiss und die Hetze der offenen Nazis….

    Hinzukommt, dass Leute wie Bf Voderholzer mit einer genuin katholischen Begründung meinen, der Islam gehöre als Ganzes nicht zu Europa. Welch eine Verkennung der gegenwärtigen Realität und der eigenen Bedeutung!

    Zuletzt ein absonderlicher Gedanke: Vermutlich würde die untote Ritualmord-Lüge, die in Voderzholzers Bistum schlummert, gut mit den Ansichten und Einstellungen so mancher Judenhasser harmonieren, die es auch in diversen muslimischer Gemeinden und Gruppierungen gibt. Oh Graus, oh Graus.

  • joey

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    @David M.
    Ritualmord habe ich eigentlich nie bei Katholiken jedweder Herkunft – und auch nicht bei orthodoxe Osteuropäern oder Muslimen gehört.
    Sonstige Verschwörungstheorien (z.B. Weltherrschaft der Juden) aber in allen Varianten – oft bei Osteuropäern und fast immer bei Muslimen.

    Das Bistum Regensburg spielt ohnehin politisch und medial immer weniger Rolle, bestenfalls als Austrag für das Ego von Albert Schmid und Gloria Taxis.

  • Lothgaßler

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    @David M:
    Verbreiteter als der jüdische Ritalmord ist die Saga von der Schuld der Juden am Tode Jesu.
    Davon abgesehen können Christen sich rühmen nicht bei sagenhaften Ritualmorden stehen geblieben zu sein. Bei den Hexenverbrennungen gings ums Ritual und um die Befreiung und Reinigung der Seele durchs Feuer.
    Ohne schön reden zu wollen muss ich widersprechen: Ich erkenne nicht, dass antijüdische Stimmung zunimmt. Richtiger ist, dass jüdisches Leben in der Öffentlichkeit nicht stattfindet und somit unbekannt und fremd bleibt. Die große Mehrheit kennt keine Juden und weiß kaum etwas über jüdische Sitten und Gebräuche, außer den per TV transportierten Dingen. Alles was fremd bleibt wird misstrauisch beäugt. Diese Gesellschaft muss die Gelegenheit bekommen sich mit jüdischer Alltagskultur auseinander zu setzen, anderenfalls lebt der jüdische Bevölkerungsanteil in einer Parallelgesellschaft.
    Und nicht jede Kritik Richtung Israels Politik (vertreten durch die Regierung) oder allgemein an den seit Jahrzehnten ungelösten Spannungen in bzw. um Israel herum ist antijüdisch. Israel gilt als westlich orientiertes Land, deshalb wird es von uns anders wahrgenommen und beurteilt. Von anderen Staaten in dieser Weltgegend erwarten wir nichts bis wenig, weshalb diese auch kaum genannt werden.

  • David M.

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    @joey Ich habe nicht behauptet, dass Bf. Voderholzer Ritualmord-Propaganda betreibt, sondern, dass er diese im Fresko in seinem Gotteshaus duldet und sich offenbar wie alle seine Vorgänger zu schade ist, sich diesbezüglich zu äußern.
    Oder soll ich unterstellen, dass er die Vorwürfe vielleicht irgendwann wieder aufwärmen will?

    Bei Muslimen habe ich die Ritualmord-Propaganda auch nicht gehört (was nix über die womöglich vorhandene Existenz aussagt), aber davon gelesen und in seriösen Dokumentationen thematisiert bekommen. Nicht alles was in der Wikipedia steht stimmt auch, aber die von mir gemeinte Thematik ist m.E. korrekt dargestellt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ritualmordlegende#Islamische_L%C3%A4nder

    Die Weltherrschaft der Juden ist ein omnipräsentes Ressentiment, ja das ist klar.

    @Lothgaßler: Die DEN JUDEN zugeschriebene Schuld am Tod Jesu wurde im Mittelalter mit den Beschuldigungen, Juden würden Christenknaben rituell ermorden und/oder Hostien schänden, erneuert und radikal in den damaligen sozialen Alltag geholt. Auch in Regensburg. Dort wurden auf Initiative des Stadtrats/Bischofs Ende des 15. Jahrhunderts die bedeutendsten 17 jüdischen Familienvorstände mit eben diesen christlich-ideologischen Kapital-Beschuldigungen überzogen und mit der offen formulierten Absicht, sie hinzurichten, eingekerkert. Nur durch die Intervention von böhmischen Adeligen und des Kaisers kamen die Angeklagten mit dem Leben davon. Die Gemeinde jedoch wurde dabei sozial und wirtschaftlich zerstört– lange schon vor der Vertreibung 1519. So kann man es in detaillierten wissenschaftlichen Texten nachlesen.

    Zur antijüdischen Stimmung, die gemeinhin seit Ende des 19. Jahrhunderts als Antisemitismus bezeichnet wird, und ihrer Ansicht nicht zugenommen hat. Warum findet denn jüdisches Leben nicht in der Öffentlichkeit statt?
    Am Tag als MP Söder seinen Kreuzerlass verkündet hat, warnte der Präsident des Zentralrats d. Juden in Dt. davor, „sich offen mit einer Kippa im großstädtischen Milieu in Deutschland zu zeigen und stattdessen lieber, ein Basecap zu tragen.“ Haben Sie persönlich Kontakt zu Juden werter Herr aus der Lothgaße?

    Warum geht es Ihnen auf einmal um die Frage „ob Kritik Richtung Israels Politik (vertreten durch die Regierung) oder allgemein an den seit Jahrzehnten ungelösten Spannungen in bzw. um Israel herum antijüdisch ist“ oder nicht. Wäre Ihnen dieses Thema lieber, wichtiger?
    Ja, Israel wird schon irgendwie als westlich, aber doch auch und vor allem immer als jüdischer Staat wahrgenommen und als solcher beurteilt. Meine Erfahrung zeigt, dass auf die Rede von „nicht jede Kritik Richtung Israels Politik sei antijüdisch“, in aller Regel genau das kommt, oder zumindest ein unausgegorener Schuldkomplex folgt, zumindest in Dt.

    Ich dachte, es geht bei dieser Buchbesprechung um christlich-jüdische Stadtgeschichte Regensburgs und nicht um Israel – um den Bischof, die tendenziöse Forschungslage und die Gedenkkultur in Ihrer schönen-blauen-Donau-Stadt.

  • mkv

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    Was sind die Konsequenzen rechten Denkens?
    Was folgt der Sprache nach?
    Steht nicht am Ende immer Gewalt?

    Lothgaßler schreibt:
    „Ich erkenne nicht, dass antijüdische Stimmung zunimmt.“ Das mag in R. so sein.

    Aber:
    Übergriffe auf offener Straße sind zu beklagen. Ja auch erste Verurteilungen dieser Täter sind festzustellen. Den Tätern fehlt die Erkenntnis: Der Mensch ist Mensch ist Mensch. Die Menschenrechte sind nicht teilbar. Und ja, es sind auch und gerade nicht wenige Politiker, die mit ihrer Sprache solchem Denken, Sprechen und übergriffigen Handeln „den Weg frei machen“.

    Nichts gelernt aus der Geschichte? Ich rate zu:
    Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen, Die Erinnerungen 1914 -1933, Pantheon
    Daraus auf Seite 71:
    „Tatsächlich bereitete sich damals, vollkommen unsichtbar und unregistriert, jener ungeheure Riß vor, der heute das deutsche Volk in Nazis und Nichtnazis spaltet.“

    Die Verwahrlosung unser heutigen Gesellschaft, ihre erneute Spaltung in „DIE und WIR“, das gerade auch von der AfD und ihren Anhängern verbreitete SCHWARZ-WEISS-DENKEN und REDEN, das schon Bush d.J. predigte und nun von Trump täglich hinaus-getwittert wird ….

    Man beachte:

    Zur völkisch-autoritären Ideologie gehört immer Gewalt. Die, die das nicht wahrhaben wollen, erkennt man regelmäßig an dem Satz: „Man wird das doch noch sagen dürfen ….“

    Zitat:

    Sich nach rechts öffnen zu können – wie es Politik und Medien gerade in atemberaubender, selbstvergessener Geschwindigkeit tun –, um dem schlechten Gewissen des eigenen Privilegiertseins zu entkommen, das mit „links“ assoziiert wird, bedarf der Ignoranz gegenüber Opfern rechter Gewalt. Ohne die Entkoppelung von den Konsequenzen rechten Denkens, als die eine Gewalt erscheint, die zur völkisch-autoritären Ideologie gehört (die rechte Rhetorik gibt sich wenig Mühe, das zu bemänteln) und sich zuerst immer gegen die Schwächsten richtet, wären der bürgerlichen Mitte Ausweichbewegungen vor ihrer eigenen Selbstblindheit verstellt.

    Quelle:
    https://www.freitag.de/autoren/mdell/die-neue-ordnung

    Öfffen wir also unsere Augen! Selbstblindheit wird ins Verderben führen.

    Es lohnt, sich den Freitag-Artikel auszudrucken und neben das Nachtkasterl zu legen und immer wieder darin zu lesen. Damit sein Inhalt alltagsfest wird.

  • Hartnäckig

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    mir ist Antisemitismus von Herzen zuwider !
    Mir ist aber auch Anti-Katholizismus nicht Recht !
    Man könnte darüber mal nachdenken…

  • David M.

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    @mkv, danke für den Hinweise auf den interessanten Artikel, der zu Recht das Einschwenken großer Zeitungen auf die Themen und Perspektive der AfD kritisiert.
    Darin geht es aber mit keinem Wort um das christlich-jüdische Verhältnis oder um Antisemitismus, was hier das Thema ist.
    Die zentrale Bedeutung von auf Vernichtung zielendem Judenhass für die NSU zu thematisieren, hätte sich für den FREITAG-Autor jedoch angeboten, ja aufdrängen müssen, da die NSU-Mörder anfangs offen antisemitisch aufgetreten sind und die Hinrichtung von Juden mit Hilfe einer Puppe simuliert haben.

    Im Übrigen ist Antisemitismus nicht auf rechtes Denken beschränkt, was ihn m.E. ein Stück weit von Rassismus unterscheidet. Man kann freilich darüber streiten, ob Antisemitismus eine Unterform von Rassismus ist. Oder ob christliche Gelehrte, die heute als Vorläufer der Humanisten gelten, nicht vielmehr schon im Mittelalter mit Abhandlungen begonnen haben, in denen Juden und Jüdinnen als jüdische „Rasse“ konstruiert wurden, also als eine Gruppe von körperlich/seelisch unveränderbaren Menschen. Damals schon wurden Juden als minderwertige und zugleich übermächtige und bedrohliche Menschen(gruppe) gezeichnet.

    @Hartnäckig. Ja wie ihr Nickname schon andeutet, es hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Juden und Katholiken gleichermaßen von Verfolgung und Ressentiment betroffen seien. Angesichts der toten Regensburger Juden (1519 ff. und 1938ff.) empfinde ich Ihren Hinweis auf den vermutlich gerade in Regensburg grassierenden „Anti-Katholizismus“ als Indiz dafür, wie dürftig und hohl die Auseinandersetzung mit christlichem Judenhass/Antisemitismus an der schöne-blauen-Donaustadt im Jahre 2018 sein muss.

  • R.G.

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    @Hartnäckig
    schrieb:“mir ist Antisemitismus von Herzen zuwider !
    Mir ist aber auch Anti-Katholizismus nicht Recht !
    Man könnte darüber mal nachdenken…“

    Umgekehrt wird ein Schuh daraus.
    Im Kommentarteil eines Artikels über die Regensburger Juden, welcher Verfolgung bis hin zur industriellen Vernichtung sie ausgesetzt waren, ist exklusiver Raum, über deren Leid nachzudenken.

  • Hartnäckig

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    @ David M
    Ich habe mit keiner Silbe von Antikatholizismus in Regensburg gesprochen.
    Mir scheint eher, Sie brauchen unbedingt ein Feindbild.

  • Lothgaßler

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    @David M:
    Kenne ich einen Juden? Ich weiß es nicht, ich habe Religion nie zum Thema gemacht, mir ist das wurscht! Offen bekannt hat sich noch niemand.
    Ihre Frage an mich „Warum findet denn jüdisches Leben nicht in der Öffentlichkeit statt?“ kann ich offen gesagt nicht beantworten. Hier in Regensburg kann ich keinen Druck auf und keine Bedrohung von Juden erkennen. Weder heute noch vor 30 Jahren ist/war jüdische Öffentlichkeit erkennbar. An einer vermeintlichen (hier in Regensburg wohl der Fall) oder tatsächlichen Zunahme antisemitischer Handlungen kann dieses Versteckspiel also nicht liegen. Eine Frage an Sie: Ist es eine Angstneurose? Angst vor Blicken wegen der Kippa? Die Leute schauen das nur deshalb an, weil dieses Kippa sonst nicht zu sehen ist. Kippa auf und ab in den Biergarten, dann gehörts irgendwann dazu.
    Wenn denn Geschichte einen Nutzen haben soll, dann doch den aus der Rückschau für das Heute und Morgen hilfreiche Schlüsse zu ziehen. Ich erkenne nicht, dass diese alten Muster heute noch wirken. @Joey hat schon darauf verwiesen, dass der Einfluss der Kirchen abnimmt, somit christlich begründete Judenverfolgung Vergangenheit ist. Die heutige Demokratie ist wehrhafter als die früheren Versuche, auch wenn es mal wieder Populisten in die Parlamente geschafft haben.
    Wir leben hier nicht in einem jüdischen Staat, sondern in einem in dem für alle Platz sein soll und muss. Das setzt voraus, dass jeder seinen Platz in der Öffentlichkeit auch einnimmt und sich nicht versteckt.
    Schutz durch Sicherheitskräfte/-Dienste muss begründet sein, sonst verkommts zu einem sich selber weg- bzw. aussperren.
    Zu Israel als jüdischer Staat: Ja sicher, Israel ist ein jüdischer Staat, aber hier in Deutschland und auch im Westen weiß nicht wirklich jemand (ich auch nicht) was ein „jüdischer Staat“ ist und was diesen von unserer Lebenswelt unterscheidet. Ein paar religiös begründete Besonderheiten sind für uns belanglos. Was also unterscheidet jüdisches Leben/jüdischen Staat von uns (außer Religion)?

  • Lothgaßler

    |

    @mkv:
    Übergriffe auf Juden sind genauso zu verurteilen wie Übergriffe auf Atheisten (um meine Nichtglaubensrichtung zu nennen).
    Natürlich muss die Staatsgewalt da rein langen und auch die Öffentlichkeit/die Gesellschaft ihre Errungenschaften und Freiheiten verteidigen. Freiheit und Religion passen dabei leider wie Feuer und Wasser zueinander: schwierig miteinander.
    Es gab sie immer und es wird sie immer geben: die Feinde der Demokratie und der Freiheit, die religiösen Eiferer und Großmannsmachtfantasierer. Man kann sie nicht wegschreiben, nicht wegignorieren und nicht wegschweigen, man muss sie auf die Hörner nehmen und bessere Konzepte anbieten. Die wehrhafte Demokratie muss zeigen.
    Ich sehe nicht so finster wie so mancher Kommentator, ich vertraue auf die Lebenslust und die Bewusstheit um die Vorteile unserer kulturellen Entfaltung.

  • David M.

    |

    @hartnäckig.
    Oh, das tut mir aber leider, wenn ich mit meiner Vermutung falsch lag. Ich dachte, ihr erster Beitrag könnte mit dem o.g. Artikel zumindest hinsichtlich des hier zur Diskussion stehenden Ortes, Regensburg, irgendwie zu tun haben!
    Aber nein, Sie wollen halt bloß über den globalen grassierende Antikatholizismus sprechen und überhaupt nicht über christliche Judenfeindschaft und den Antisemitismus, den es bei Katholiken gab und gibt – und auch nicht darüber, wie heute damit umgegangen wird.

    Mir ein Bedürfnis nach einem antikatholischen Feindbild zuzuschreiben, betrachte ich als reine Projektion. Davon bitte ich grundsätzlich Abstand zu nehmen.

  • Mr. T

    |

    Die Diskussion zeigt ja hervorragend, wie schwierig sich der durchschnittliche Deutsche noch mit jüdischen Menschen und jüdischem Leben tut. Ich schließe mich da nicht aus. Auch ich bekomme dort, wo ich mich bewege, so gut wie gar kein jüdisches Leben mit. Auch wenn ich von Religionen und ihren architektonischen Manifestationen wenig bis gar nichts halte, ist der Neubau der Synagoge wohl ganz gut, um auch jüdisches Leben in Regensburg zumindest etwas sichtbarer und greifbarer zu machen.

  • Mathilde Vietze

    |

    Zu „Hartnäckig“ – Sie haben recht! Ich bin ganz im allgemeinen dagegen, daß man
    jemanden wegen seiner Religion, seiner Weltanschauung diffamiert. Ich bin auch
    dagegen, daß Atheisten diffamiert werden, wünsche mir aber von dieser Spezies,
    daß sie die Toleranz, die sie für sich in Anspruch nehmen, selbst auch üben,
    egal, ob sie die jeweilige Religion mögen oder nicht. Es ist das gute Recht
    eines jeden, nicht gläubig zu sein, aber ein seriöser Atheist wird immer andere
    Weltanschauungen tolerieren.

  • R.G.

    |

    In meinem liebsten, von mehr Männer als Frauen besuchten Hobbyforum outen sich gelegentlich Neue gleich bei der Vorstellung als Juden.
    Ich bemerke, dass ihnen gegenüber weniger Altforisten helfend auftreten, wir wenigen dafür mit ganzem Einsatz, schon um auszugleichen.
    Einige Postnachrichten mit offen negativen Reaktion wegen unseres Einbringens kamen, sie waren ausschließlich von Userinnen.
    Das erschreckte mich sehr.
    (Die dortige Administration sperrt seit wenigen Monaten als Reaktion boshafte Schreiber rigoros! Null Toleranz!)

    Woran kann es liegen, dass Mütter oder Väter ihre Verantwortung für ein gutes Zusammenleben mit anderen Glaubenszugehörigen oder deren Nachkommen, speziell bei Juden, nicht wissen?
    Obwohl hier die Mitgliedschaft in einer ursprünglich jüdischen Sekte, in der katholischen Kirche, gebräuchlich ist!

    Unsere besten, sich weltoffen gebenden Freunde verloren wir an dem Tag, als sie zu bemerken meinten, unser Stammbaum sehe nicht reinrassig aus. Ein Vorname kam ihnen zu jüdisch vor.
    Man muss sich das vorstellen, Eltern treffen einander über Jahre gerne, man fühlt sich wie eine gewachsene Familie, die Kinder spielen miteinander und wachsen beinahe wie Geschwister auf – und urplötzlich haben die Vertrautesten alles Verbindende vergessen!

    @Lothgassler
    In beiden Beispielen beschreibe ich eigentlich an Juden adressiertes, niederträchtiges Benehmen. Verbale Gewalt. Ausgeworfenwerden.
    Es trifft mich, obwohl ich zufällig nicht Jude bin, um wieviel mehr muss es die seit Jahrhunderten Verleumdeten verletzen?

  • David M.

    |

    @R.G. vielen Dank für die beindruckende Schilderung, zum Umgang mit ihrem wie auch immer nicht „reinrassig“ aussehenden Stammbaum, und die Macht der irgendwie jüdisch klingenden Vornamen.
    Das lässt tief blicken. Tief in andauernde Ressentiments und antisemitische Strukturen. Tief blicken in eine (christliche, atheistische?) Welt, in der Juden und Jüdinnen immer noch als DER JUD angesprochen, wahrgenommen und ausgegrenzt werden.

    @ Lothgaßler. Sie kennen keine Juden und wissen nix von antisemitischer Stimmung und Bedrohung. Aber von einem „Versteckspiel“ und „Angstneurosen“ der Juden, die keine Kippa aufsetzen wollen! Vor Jahren habe ich mich in Regensburg (ich bin nicht von dort) mit dem Vorgänger des jetzigen Rabbiners getroffen: der hat mir von körperlichen und verbalen Angriffen („ihr Juden“) auf ihn und andere erzählt… Warum glauben Sie denn, werter Lothgaßler, warum es in der neuen Synagoge Sicherheitsschleusen und Kontrollen braucht, wegen den Angstneurosen????

    Auf der Seite vor R-digital gabs vor kurzem einen Beitrag, der Regensburger Verhältnisse thematisierte. Da Regensburger Muslime zu Regensburg gehören, gehört das dort zu hörende Geschrei vom „Kindermörder Israel“ auch zum Thema Ritualmord/Regensburg. Es gab auch Leute, die dagegen protestiert haben, wo waren Sie H. Lothgaßler? https://www.regensburg-digital.de/friedensdemo-der-israel-hasser/19072014/.

    Zum Thema Regensburger christlich-jüdische Geschichte und Verantwortung fällt mir noch die Rede des ehemaligen Bürgermeisters Hans Scheidinger ein, der zur Einweihung des Karavan-Denkmals 2005 ungestraft behaupten durfte, dass „die Juden“ an ihrer Vertreibung von 1519 selber schuld gewesen seien. Denn, so Scheidinger sinngemäß, die Schuldenlast und der daraus resultierende Unmut von Regensburger Christen gegenüber jüdischen Geldverleihern wären einfach zu hoch gewesen.
    Aus Schaidingers Seele sprach sicher kein historischer Sachverstand, sondern Ressentiment und Schuldkomplex eines ganz gewöhnlichen Regensburgers.

    Das allerorten auftauchende Lieblings-Thema der Deutschen, Kritik an Israel, habe ich nicht begonnen und werde mich dazu auch nicht (mehr) äußern.

  • Lothgaßler

    |

    – an die Redaktion: dies ist mein letzter Beitrag zu dieser Besprechung –
    @David M:
    Aus Einzeltaten können Sie keine allgemeine Lage in Regensburg zeichnen. Ich lebe hier, Sie nicht! Ich sehe hier keine antisemitischen Umtriebe, auch wenn es Einzeltäter geben mag, die ihren Welthass dahinter feige verstecken. Wie überall gibt es auch in Regensburg ein paar Alt- und Neonazis, deren Treiben wird mit Protest begegnet (auch von mir). Und es gibt etliche Muslime, darunter ein paar Salafisten, die wir leider nicht so einfach rausschmeissen können.
    Aus Versatzstücken wie Muslime (welche meinen Sie) haben „Kindermörder Israel“ (Ritualmord war nicht gemeint) geschrien können Sie mir auch keine schweigende Mittäterschaft unterjubeln und auch keine Hatz von Muslimen auf jüdische Mitbürger herbeifantasieren. Sie vergaloppieren sich hier gewaltig!
    Dass ich keine Juden kenne liegt nicht unbedingt an mir. Gut möglich, dass ich welche kenne, dies aber nicht weiß.
    Schaidinger ist so was von Vergangenheit und war schon zu Amtszeiten in weiten Teilen der Bevölkerung kein gern gesehener Vertreter dieser Stadt.
    Ich fordere die jüdischen Mitbürger auf mehr Mut zu fassen und darauf zu vertrauen, dass diese Gesellschaft gereift ist. Wenn jüdische Kultur auch zu Deutschland gehören soll, dann muss diese Kultur auch öffentlich präsent sein und Juden müssen in der Öffentlichkeit mitmischen.
    Ich wohne mitten in der Altstadt und sehe tagtäglich ein buntes Völkchen aus aller Herren Länder mit allen Schattierungen der Hautfarbe. Ich habe keinerlei Angst vor die Tür zu gehen.

  • Piedro

    |

    @David M.
    „Da Regensburger Muslime zu Regensburg gehören, gehört das dort zu hörende Geschrei vom „Kindermörder Israel“ auch zum Thema Ritualmord/Regensburg.“

    Das ist nicht mal mehr lächerlich. Keiner hat behauptet, die durch die israelische Armee ums Leben gekommenen Kinder wären Opfer von Ritualmorden. Und die Kritiker der Völkerrechtsbrüche durch Militäraktionen, Siedlungspolitik etc. sind nicht per se als Antisemiten abzustempeln. Auch nicht, wenn Moslems das als Kindermord bezeichnen.

    Ist Frau Pilay für Sie eine Antisemitin?

    „Die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay, sieht bei den Angriffen Israels gegen Ziele im Gazastreifen Anzeichen für Kriegsverbrechen. Die Tötung von Kindern und die Zerstörung von Häusern machten es sehr wahrscheinlich, dass Völkerrecht verletzt werde, sagte Pillay am Mittwoch in Genf.“

    https://www.focus.de/politik/ausland/nahost/zivile-opfer-im-gaza-konflikt-un-sieht-anzeichen-auf-israelische-kriegsverbrechen_id_4011083.html

    Ist die Unicef ein Sprachrohr von Antisemiten?

    „Palästinensische Kinder und Jugendliche in den Fängen der israelische Militärjustiz – Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass die Misshandlung von Minderjährigen im gesamten Verfahrensverlauf offenbar weitverbreitet, systematisch und systemimmanent ist – vom Augenblick der Verhaftung bis zur Anklage und möglichen Verhandlung und Verurteilung.“

    Im April 2012 beendete die internationale NGO „Defence for Children International – Section Palestine“ ihre dreijährige Arbeit zum gleichen Thema, die von der EU finanziell gefördert worden war.

    Diese Studie enthält neben einer Darstellung der Rechtslage erschreckende Einzelheiten über die Schicksale palästinensischer Kinder (ab 12 Jahre), die in die Fänge der israelischen Militärjustiz gelangen : nächtliche Verhaftungen und Abtransport mit verbundenen Augen und gefesselten Händen, Quälereien beim Verhör, fallweise Einzelhaft und schließlich Gerichtsverfahren, die den Namen nicht verdienen. Und bei all dem sind die Minderjährigen allein. Eltern haben nur äußerst beschränkten Zugang zu ihren Kindern hinter Gittern, und ebenso ergeht es Anwälten, die den Jugendlichen im Verfahren vor den Militärgerichten beistehen wollen. Übrigens: im Militärgericht von Ofer in der Nähe von Ramallah im Westjordanland haben die israelischen Besatzungsbehörden eine weltweit einmalige Einrichtung geschaffen: ein Jugendmilitärgericht.

    http://www.palaestina-portal.eu/texte/kinderschicksal_palaestina_1.htm

    http://www.palaestina-portal.eu/bilder-1/index.1817.JPG

    „Während des letzten Gaza-Kriegs tötete die israelische Armee vier Kinder, die am Strand Fußball spielten. Der Angriff sorgte weltweit für Entsetzen. Jetzt hat der Militärstaatsanwalt den Fall für erledigt erklärt.“

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/getoetete-kinder-in-gaza-keine-strafe-fuer-israelische-soldaten-a-1038495.html

    Da berichten wieder die Antisemiten vom Spiegel, gelle? Über Ritualmorde natürlich…

    „Übermäßige Gewalt gegen jeden Demonstranten ist verwerflich, aber Kinder stehen unter besonderem Schutz des internationalen Rechts“, so Hussein.

    Zudem sei nur schwer zu erkennen, wie von Kindern „selbst wenn sie Steine werfen, Verletzungs- oder Lebensgefahr für stark geschütztes Sicherheitspersonal“ ausgehen könne.

    https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/69170-israel-am-pranger-auch-uno-kritisiert-gewalt-in-gaza-scharf/

    Ein Soldat, der ein Kind mit einem Kopfschuss niederstreckt, ist ein Kindermörder. Basta. Und das hat nichts mit Ritualmord zu tun, Herr M. Auch nicht wenn es ein israelischer Soldat ist.

    Bin ich jetzt auch ein Antisemit, weil ich das kritisiere? Weil Sie das so haben wollen? Na dann…. Wie Sie selbst schrieben: „Das lässt tief blicken.“

  • Piedro

    |

    Mr. T
    3. Juli 2018 um 20:33

    Geht mir genauso, aber schwer tun würde ich nicht sagen. Mir ist aufgegangen, dass ich schon mit Christen verschiedenster Ausrichtung interessante Gespräche über den Glauben, die Bibel etc hatte, auch mit Moslems, nie mit Juden. Weil mir wissentlich nie einer begegnet ist. Jüdisches Leben tritt in Festtagsreden in Erscheinung, Antisemitismus ist ein Thema, man kann über die bekannten Verschwörungstheorien diskutieren, bis der Arzt kommt, aber ob man das mit einem Juden tut weiß man in der Regel nicht. Online bin ich manchmal in Themen geraten, in denen sich Juden „geoutet“ haben, und die hatten dann recht gern mal die Antisemitismuskeule zur Hand, wenn es um isrealische „Politik“ ging. Da waren die Fronten festgefahren, die Scheuklappen eng gezurrt, man konnte sich einen weiteren Austausch sparen.

    Mathilde Vietze
    3. Juli 2018 um 20:39

    Schön Sie mal wieder zu lesen, Sie sind mir schon abgegangen.

    „Ich bin auch dagegen, daß Atheisten diffamiert werden, wünsche mir aber von dieser Spezies, daß sie die Toleranz, die sie für sich in Anspruch nehmen, selbst auch üben,
    egal, ob sie die jeweilige Religion mögen oder nicht.“

    Es war erfrischen hier zu lesen, dass ein Atheist das als Glaubensrichtung bezeichnete. So sehe ich das auch, es ist ein Glaube, und ähnlich dem religiösen Glauben gibt es auch da etliche Fundamentalisten. Wie bei allen Fundamentalisten tun die sich schwer mit der Toleranz. Dogmatiker haben immer einen ganz besonderen Anspruch und aus dem generieren sie die Rechtfertigung ihrer Intoleranz. Dazu muss man nicht mal religiös sein. Die schwimmen in der gleichen Suppe und merken’s nicht.

  • David M.

    |

    Das war´s:
    Das oben rezensierte Buch handelt von der christlich-jüdischen Geschichte Regensburgs. Nach dem ersten Kommentar von Jürgen (den ich immer noch interessant und bedenkenswert finde) habe ich im Anschluss an die Rezension meine Gedanken formuliert, unter anderem darüber „wie die katholischen Verantwortlichen heutzutage gerade in Regensburg mit den Verstrickungen ihrer damaligen Führungskräfte im Nationalsozialismus umgehen“.

    Daraufhin wurde ich, der einen alttestamentarischen Vornamen angegeben hat, darauf hingewiesen, „dass antijüdische Stimmung“ in Regensburg nicht zunehme; dass die Juden selber daran schuld sind, wenn man sie nicht kennenlernt, dass sie fremd bleiben weil sie sich doch abschotten würden; dass sie deshalb misstrauisch beäugt und (bald?) eine Parallelgesellschaft betreiben würden.

    Wie in x anderen Debatten wurde der Focus schnell auf Israel und eine angeblich unerlässliche Kritik an Israel geschoben – freilich mit dem immergleichen Hinweis, dass nicht jede Kritik Richtung Israels Politik antijüdisch sei.

    Ein Anderer User meinte, mir ein antikatholisches Feindbild unterstellen zu müssen.
    Obwohl es auch erfreuliche und inhaltlich interessante Kommentare (etwa die von R.G.) gab, ging es wieder weiter mit der Kritik an Israel. Zum Beleg für seine Ansichten nennt der User Piedro das Palästina-Portal, dessen Seite m.E. eher das Gegenteil von dem belegen, was er vorträgt. (Der Betreiber dieser Internetseite, Erhard Arendt, wurde übrigens schon mehrfach schon mehrfach Gegenstand von Abhandlungen, so in https://lizaswelt.net/2009/07/20/selbstlaufer-selbstmordlegende/)

    Ich fürchte, dass das o.g. rezensierte Buch niemand von den Kommentatoren gelesen hat, ebenso ist auf den Inhalt der Rezension kaum wer eingegangen. Das ist nicht erfreulich und wohl auch bezeichnend für die Entwicklung und Struktur dieser Debatte.

    Nachdem nun (das diesem Zusammenhang regelmäßig auftauchende) antisemitische Phantasma, dass Juden gern mal die Antisemitismuskeule zur Hand nehmen würden, bemühte wurde, verabschiede ich mich hiermit von der Debatte.

  • Piedro

    |

    @David M.
    „Daraufhin wurde ich, der einen alttestamentarischen Vornamen angegeben hat, darauf hingewiesen, „dass antijüdische Stimmung“ in Regensburg nicht zunehme; dass die Juden selber daran schuld sind, wenn man sie nicht kennenlernt, dass sie fremd bleiben weil sie sich doch abschotten würden; dass sie deshalb misstrauisch beäugt und (bald?) eine Parallelgesellschaft betreiben würden.“

    Ein regensburger Bürger hat Ihnen seine Wahrnehmung mitgeteilt. Diese muss nicht richtig sein, darf aber ruhig zur Kenntnis genommen werden. Vom Schuld war nicht die Rede, auch hier wurde lediglich Wahrnehmung mitgeteilt.

    „Wie in x anderen Debatten wurde der Focus schnell auf Israel und eine angeblich unerlässliche Kritik an Israel geschoben – freilich mit dem immergleichen Hinweis, dass nicht jede Kritik Richtung Israels Politik antijüdisch sei.“

    Das Thema haben Sie selbst angeschnitten, als Sie die Rufe von Demonstranten hinwiesen und versuchten, die in Zusammenhang mit mittelalterlichen Ritualmordvorwürfen zu setzen. Ich habe lediglich versucht zu verdeutlichen, dass der Vorwurf des Kindesmords nichts mit dem Mittelalter, sondern mit der Gegenwart zu tun haben. Dabei habe ich auch meine persönliche Erfahrung geschildert, wie mit derartiger Kritik oft umgegangen wird, auch seitens jüdischer Verbände.

    „Ein Anderer User meinte, mir ein antikatholisches Feindbild unterstellen zu müssen.“

    Das stimmt nicht. Es wurde lediglich geschrieben, dass dieser User Antikatholizismus ebenso verwerflich findet wie Antisemitismus.

    „Zum Beleg für seine Ansichten nennt der User Piedro das Palästina-Portal, dessen Seite m.E. eher das Gegenteil von dem belegen, was er vorträgt.“

    Nein, das tut es nicht. Die hier zitierten Aussagen stehen unabhängig vom Betreiber der Seite, sie sind real und zutreffend, sie können auch andernorts recherchiert werden. Die Aussagen von UN- und Unicef-Vertretern werden nicht dadurch falsch oder unwahr, weil sie auf einer Seite stehen die Ihnen nicht behagt.

    „Nachdem nun (das diesem Zusammenhang regelmäßig auftauchende) antisemitische Phantasma, dass Juden gern mal die Antisemitismuskeule zur Hand nehmen würden, bemühte wurde, verabschiede ich mich hiermit von der Debatte.“

    Es ließe sich leicht belegen, dass Kritik an Israel von jüdischer Seite als antisemitisch gewertet wird. Bestimmt nicht von allen Juden, da sich viele dieser Kritik anschließen. Diese Tatsache als „antisemitische Phantasma“ zu bezeichnen bestätigt das sehr nachdrücklich.

    Dass Sie mir unterschwellig selbst Antisemitismus unterstellen war wohl nicht zu vermeiden. Gehaben Sie sich wohl. Shalom.

  • Piedro

    |

    von David M.
    „(Der Betreiber dieser Internetseite, Erhard Arendt, wurde übrigens schon mehrfach schon mehrfach Gegenstand von Abhandlungen, so in https://lizaswelt.net/2009/07/20/selbstlaufer-selbstmordlegende/)“

    Die Abhandlung ist interessant, alles in allem. Wenn man sich für diesen Herrn interessiert…

    Die Quell-Seite hat es jedoch in sich. Die UN, die Unesco, das ZDF, Amnesty International, die EU, Ai Weiwei, WDR und Arte, Sigmar Gabriel, das Max-Planck-Institut, die deutsche Regierung und der Deutsche Olympische Sportbund, die Universität Göttingen, die ARD … alle an antisemitischen Umtrieben beteiligt.

    Hier wird unter dem Stichwort Antimetismus alles verzeichnet, was mit Kritik an Israel zu tun hat. Das „Phantasma“ dürfte damit hinreichend belegt sein. Weia.

    Gut, wenn das in Regensburg anders läuft. Gut für die Stadt, gut für die Menschen, egal welchen Glaubens und welcher Abstammung.

  • R.G,

    |

    Hallo David!

    Bleiben sie schön da! Nicht den Platz räumen! Nicht vor die Tore der Stadtmauer oder eines Forums!

    Wie wir einem Thema begegnen, zeigt gelernte Reflexe der (Un-)kultur.
    Deshalb bitte ich sprachlich gewandte Personen tatsächlich, ein Musterposting zu verfassen, wie man auf Publikationen zur Position der Juden in einer Stadt „richtig“ oder nach Bekanntwerden von Übergriffen,“formal mitfühlend“ antworten kann.

    Ich hatte ein Schlüsselerlebnis.
    Im einem russischen Beitrag wurde ein schwer verletztes Kind gefilmt, es war knapp noch lebend einem Mehrfachmörder entkommen.
    Die Ärzte und Redakteure forderten die Kleine vor laufender Kamera mehrmals auf, deutlicher und lauter zu sprechen, man verstehe ja kaum was.
    Das Mädchen mit ganzer Anstrengung: Entschuldigung, ich kann nicht lauter!
    Stunden später war es tot.

    Wie schwer verletzt ist, muss sich nicht in Lärm ausdrücken.

  • Roland Hornung

    |

    Schalom alle miteinander,

    die jüdische Gemeinde Regensburg hat rund 1000 Mitglieder. Es finden zahlreiche Veranstaltungen des „Klub Schalom“ (Integrationsklub) statt, wie Liedernachmittage (mit hebräischen, jiddischen Liedern, u.a.) und Bücherlesungen. Zur Zeit wegen des Synagogen-Neubaus außerhalb der Jüdischen Gemeinde, z.b. im EBW, u.a., aber ab Frühjahr 2019 wieder in der Jüdischen Gemeinde. Meist kommen sogar mehr nicht-jüdische als jüdische Besucher. Herzlich willkommen!

  • R.G.

    |

    Zum Umgang mit verleumderischen Fresken, Plastiken und Bildern im Kirchlichen Kontext.

    In einem Arbeiterbezirk einer europäischen Großstadt wehrten sich die eher als primitiv verschrieenen Bewohner hartnäckig gegen die Entfernung eines Reliefs aus Zeiten des Nationalsozialismus. Man dürfe nicht so tun, als hätte es die unmenschliche Epoche nicht gegeben.

    Ihre Forderung war, das damals geförderte Kunstwerk müsse bleiben, davor solle jedoch in Abstand eine noch größere Plexiglasscheibe kommen, auf der für Jugendliche verständlich stehe, was an der Abbildung und an der Einstellung des Künstlers bedenklich sei, und woher das Geld für diese Werke während der Großen Armut kam, aus Beschlagnahmung und Raub jüdischen Benehmens.

    Das wäre eine für den Denkmalschutz akzeptable Lösung.

    Es soll keine mit Schutz von Kunstwerken begründete unkommentierte Belassung von verleumderischen Bildbosheiten geben!

  • Stefan Aigner

    |

    Das Forum wird geschlossen, nachdem offenbar kaum jemand an dem ursprünglichen Thema des Artikels – zur Erinnerung: eine Buchrezension in Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinde in Regensburg – hat, sondern hier eine Israel-Diskussion geführt wird, die damit nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

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