SOZIALES SCHAUFENSTER

10 Jahre queere Filme in Regensburg

Langsam raus aus der Nische

Seit zehn Jahren findet in Regensburg das Internationale Queer-Streifen Filmfestival statt. Am Sonntag luden die Organisatoren zum Gespräch ins Andreasstadl ein und griffen eine Frage auf, die das Festival von Anfang an begleitet hat. Braucht es überhaupt ein queeres Filmfest?

Isa Sontheim (l.) diskutierte am Sonntag mit Sylva Häutle und Jan Kündemund über die Rolle von queeren Filmen und Festivals. Foto: bm

Es war 2005, als der Regisseur Ang Lee „Brokeback Mountain“ in die Kinos brachte. Heath Ledger und Jake Gyllenhaal erzählen darin die homosexuelle Liebesbeziehung zweier Cowboys im Amerika der 1960er Jahre. Der Film wurde weltweit ein Erfolg, löste insbesondere in den USA aber auch viele kontroverse Debatten aus. Als der Film 2008 erstmals im Nachtprogramm des öffentlich-rechtlichen italienischen Fernsehens gezeigt wurde, zensierte der Sender zwei homosexuelle Liebesszenen, darunter eine Kussszene. Deutlich explizitere heterosexuelle und gewalttätige Szenen wurden hingegen weiter ausgestrahlt.

Auch vergangenen Sonntagnachmittag ist der preisgekrönte Film einige Male Thema. Im Andreasstadl sitzt Isa Sontheim, Mitorganisatorin des Queer-Streifen Festivals, zusammen mit Sylva Häutle, Leiterin des Queer Film Festival München, und Jan Künemund, Filmwissenschaftler und Journalist, auf der Bühne des Kinosaals. Zur Mitte der diesjährigen Filmwoche vom 21. bis 27. Oktober debattieren alle drei darüber wie es um den queeren Film generell steht, wie queer das Mainstream Kino in den letzten Jahren geworden ist und welche Berechtigung queere Filmfestivals derzeit noch haben.

Was ist überhaupt ein queerer Film?

Queer, früher als abwertender Begriff gegenüber Schwulen entstanden, dient heute als Selbstbezeichnung für all jene Menschen, die sich im gesellschaftlichen heterosexuellen Verständnis und der „klassischen“ Einteilung in Mann und Frau nicht wiederfinden. Queere Filme versuchen die verschiedensten Identitäten von homo-, bi- oder asexuell ebenso wie Transgender und viele weitere sexuelle Orientierungen darzustellen. Sylva Häutle geht aber noch einen Schritt weiter: „Es geht generell darum, diskriminierten Personen Raum zu geben.“

Da spiele das sogenannte Body-Shaming ebenso eine Rolle wie die Geschichten über den Alltag und Bedürfnisse Behinderter. Alles, was ein wenig anders, schräg und einzigartig sei, das mache queere Filme aus. Konkret gehe es um folgendes: Menschen ein Angebot machen, die wie eine Anwesende erklärt „genug heterosexuelle Geschichten für eine lange Zeit gesehen haben“ und sich selbst etwas mehr in den Erzählungen wieder finden wollen.

Zwischen Nische und Mainstream

Diese Aufgabe stellen sich die Queer-Streifen-Organisatorinnen und Organisatoren seit 2012. Man habe sich in Regensburg mittlerweile etabliert und eine treue Zuschauerschaft erarbeitet. Die Queer-Streifen versuchen dabei einen Spagat zu finden: Einerseits wolle man gewisse Nischen bewusst bedienen und hier ein sonst fehlendes Angebot bedienen, erklärt Isa Sontheim. Auch experimentell dürfe es bisweilen sein. Gleichzeitig sollen an den insgesamt sieben Festivaltagen möglichst alle Menschen angesprochen und so ein wenig der Regensburger „Mainstream“ erobert werden.

Doch ist der Mainstream nicht schon längst erobert? Auch das fragen sich die Anwesenden. Wer auf dem Streamingportal Netflix das Serienangebot durchforstet, der findet schon länger ein wachsendes Angebot an solchen Liebes- und Lebensgeschichten wie „Feel Good“ und „Pose”. „Atypical“ begleitete seit 2017 über vier Staffeln den Autisten Sam Gardner auf der Suche nach der ersten Liebe. Und „Please Like me“ ist die Story des 20-jährigen homosexuellen Josh, der einfach nur seinen Platz in der Welt finden will.

Wer erzählt wie über wen?

Die Grunderzählungen sind oft ähnlich und greifen auf altbewährte Muster zurück, werden aber eben um die Komponente erweitert, dass queere Menschen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben vor zusätzlichen Herausforderungen stehen. Das eigene Coming-Out gegenüber der Familie ist da nur eine von vielen Hürden. Ebenso die Suche nach der eigenen (geschlechtlichen) Identität. Im Film „Elli and Abbie“ erhält die Protagonistin dabei Hilfe von ihrer toten Tante.

„Da hat sich viel bewegt“, sagt Jan Künemund. Der Filmwissenschaftler beschäftigt sich seit langem mit der Darstellung in Filmen. „Brokeback Mountain“ als eines von vielen Beispielen habe da durchaus eine Tür geöffnet. Der Herausgeber des Sissy-Magazins kritisiert aber, dass die Geschichten zu oft nicht von Betroffenen selbst geschrieben werden würden. Als Beispiel nennt er den Film „Blau ist eine warme Farbe“, ebenfalls ein sehr erfolgreicher Film. Hier habe ein Mann eine lesbische Liebesgeschichte verfilmt. „Das sieht man den Szenen auch zum Teil an“, sind sich Künemund und Häutle einig. Gerade die Sexszenen seien hinterher von lesbischen Communitys als „völlig unrealistisch“ kritisiert worden.

Viel bewegt. Viel zu tun.

An den Filmhochschulen sei es sogar eine Zeit lang Trend gewesen, „dass jeder Typ meinte er müsse eine lesbische Erzählung machen“, sagt Künemund. Das sei zum Glück aktuell nicht mehr ganz so. Dass rund die Hälfte der Absolventen an den Hochschulen Frauen sind, spiegele sich bei den Produktionen später aber bislang nicht wieder. Es gehe um die Frage: „Wer spricht hier eigentlich über wen? Wer repräsentiert im Film wen?“ Und genau hier hake es bei den großen massenfähigen Produktionen noch an vielen Stellen.

Denn auch wenn sich küssende Männer und Frauen – wie im Fall der neuen Star Wars Filme – teilweise völlig umkommentiert und eher als Beiwerk der eigentlichen Handlung eine gewisse Normalität aufzeigen, habe diese filmische Toleranz auch klare Grenzen.

Queer-Streifen: Ein wichtiges Angebot für alle

Es sei noch immer ein weiter Weg zu gehen, ist man sich im Andreasstadl sicher. Festivals wie in Regensburg und in München würden da eine wichtige Rolle einnehmen – nicht nur als Treffen der Community. „Hier kann es auch mal etwas experimenteller sein“, meint Häutle. Man habe mittlerweile sogar eine eigene Kategorie für queere Horrormovies im Angebot. Das Münchener Publikum schätze das.

In Regensburg ist man da bislang etwas vorsichtiger und richtet die jährliche Filmauswahl vor allem daran aus, dass ein möglichst breites Publikum angesprochen wird. Dennoch bediene man letztlich weiterhin eine Nische, aus der es nur langsam heraus gehe.

Das diesjährige Queer-Streifen Filmfestival geht noch bis Mittwoch und wird dann mit der Verleihung des diesjährigen Publiikumspreises sowie des Queerscope Debütfilmpreises abgeschlossen. Letzterer geht an den deutschen Film „Nico“. Die Geschichte einer Deutsch-Perserin die durch einen rassistischen Angriff plötzlich aus ihrem gewohnten Partyleben auf den Boden der Realität geholt wird und ihren Platz in der Gesellschaft und in ihrem eigenen Leben ganz neu behaupten muss. Mehr Infos zum Festival und dem Programm finden sich unter www.queer-streifen.de

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Kommentare (3)

  • Wir sind die Guten

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    Kommentar gelöscht. Kein Getrolle.

  • Richard

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    Ich finde es bedauerlich, dass man die schwulesbischen Macher und Verantwortlichen der Queerstreifen hier in diesem Artikel nicht zu Wort kommen lässt und stattdessen von einer Veranstaltung während der Filmwoche berichtet, in der eine heterosexuelle Frau zu einer “Diskussion” einlädt und dort dann nur Monologe hält. Ich hätte mir von Regensburg Digital eine ausgewogenere Berichterstattung über das diesjährige Queerstreifen-Filmfest gewünscht.

  • Isa Sontheim

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    Hallo Richard,
    als Organisatorin und Moderatorin der Gesprächsrunde kann ich zwischen Ihrem Kommentar und dem tatsächlichen Ablauf der Veranstaltung keinen Bezug herstellen. Offenbar waren Sie nicht anwesend (das Publikum war sehr überschaubar, alle Anwesenden waren uns bekannt), sonst wäre Ihnen aufgefallen, dass der Bericht sehr wohl auch die Beiträge weiterer Festival-Teammitglieder, die sich rege an der Diskussion* beteiligt haben, einbezieht. Auch Ausrichtung und Programm der QUEER-Streifen kommen zur Sprache.
    *Das Gespräch darf m.E. ruhig als Diskussion bezeichnet werden, bei der sich auch nicht alle in allen Punkten einig waren.

    Wer allgemein über unser Filmfestival berichtet, haben wir nicht in der Hand. Leider hat die diesjährige Jubiläumsausgabe trotz des Informierens zahlreicher regionaler Medien kein Interesse geweckt.

    PS: “schwulesbisch” zu sein ist keine Zugangsvoraussetzung, um bei QUEER-Streifen mitwirken zu dürfen. Dennoch frage ich mich, was sie behaupten lässt, eine “heterosexuelle Frau” habe zu der Veranstaltung eingeladen.

Kommentare sind deaktiviert

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