SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 29. März 2010

 

„Eine Mauer des Schweigens.“ Blick vom ehemaligen Kinderheim Laßleben in Kallmünz. Foto: privat

Franziska Bühler (Name geändert) hat lange gebraucht, um über das zu reden, was ihr im Kinderheim Laßleben in Kallmünz passiert ist. Sie ist ein Opfer von Hans K., der sie in den 70ern über Jahre hinweg sexuell missbraucht hat. Franziska war offenbar nicht das einzige Mädchen, an dem sich K. verging. Strafrechtlich belangt werden kann er für das, was er der heute 48jährigen damals angetan hat, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr.

Franziska Bühler hat das hinter sich, was man als klassische Heimkarriere bezeichnen kann. Sie stammt aus Berlin. Als eines von mehreren Kindern einer alleinerziehenden und völlig überforderten Mutter kam sie bereits mit vier Jahren in ein Kinderheim in Sigmaringen. Gewalt war dort an der Tagesordnung. „Ich war Bettnässerin. Wenn die Heimleiterin entdeckte, das mein Bett nass war, tanzte ihr Rohrstock zehn Minuten und länger auf meinen Hintern. Ich schrie und weinte, aber das beeindruckte sie nicht.”

Kinder und Geld, aber keine Kontrolle

Fünf Jahre war Franziska in diesem Heim untergebracht und den Prügeln der Heimleiterin ausgesetzt, die sie „Mutti” nennen musste. „Oft war mein Körper von blauen Flecken und offenen Stellen übersät. Aber weil ich schon groß war, durfte ich nicht weinen.” Damals war Franziska sieben Jahre alt. Als die Einrichtung 1970 in ein Heim für Jungen umgewandelt wurde, verfrachtete das zuständige Jugendamt in Berlin Franziska in ein Kinderheim nach Kallmünz (Landkreis Regensburg).

Das Kinderheim Laßleben war eines von drei Heimen in Kallmünz – ein Privatunternehmen in Besitz einer Erbengemeinschaft mit komfortablen Bedingungen für die Eigentümer. Von den Jugendämtern in Berlin kamen Kinder und Geld, aber keine Kontrolle. „Wir wurden dort gehalten wie im Schwersterziehbarenheim und durften nur unter Aufsicht raus. Ich hab mich gefühlt wie im Knast”, erzählt Franziska. Während die Aufseherinnen, pädagogisch nicht ausgebildete Hausfrauen, regelmäßig zuschlugen, setzten andere auf psychische Gewalt.

„Sie hat nie zugeschlagen, aber uns gezielt psychisch fertig gemacht.”

Die graue Eminenz im Kinderheim Laßleben war Elisabeth K., die der Erbengemeinschaft verwandschaftlich verbunden war und damit faktisch über der Heimleiterin stand. Als „personifizierte Bosheit” beschreibt ein ehemaliger Insasse, der ebenfalls zu unserer Redaktion Kontakt aufgenommen hat, die damals etwa 50jährige. „Sie hat nie zugeschlagen, aber uns gezielt psychisch fertig gemacht.” Als Verwalterin sämtlicher Akten wusste Elisabeth K. über die Familiengeschichten der Kinder bestens Bescheid. Und sie benutzte dieses Wissen. „Du bist hässlich. Du wirst so werden wie Deine Mutter. Es wird schon einen Grund haben, warum Du im Heim bist”, sind nur einige Sätze, an die sich Franziska erinnert. So eingeschüchtert waren die Mädchen ideale Opfer für den Mann von Elisabeth K., der in den Mädchen offenbar leicht verfügbare Sexspielzeuge sah.

Von der Frau gedemütigt, vom Mann missbraucht: Mädchen im ehemaligen Kinderheim Laßleben. Foto: privat

Hans K., damals Anfang 50, steckte den Kindern öfter Geld zu, lud sie zu Eis und Cola ein, fuhr mit ihnen zum Rudern an die Naab oder nach Regensburg zur Dult. „Dass er mich manchmal gestreichelt hat, empfand ich anfangs als Schmeichelei.” Als die Mädchen älter wurden und langsam weibliche Formen bekamen, blieb es nicht mehr beim Streicheln. Unbehelligt konnte K. sich in den Schlafräumen der Mädchen aufhalten und sie beim Umziehen beobachten. „Zum ersten Mal hat er mich angefasst, als ich zwölf oder 13 war”, erinnert sich Franziska. „Auf einer Fahrt nach Regensburg hat er plötzlich angehalten, meine Bluse aufgeknöpft und meinen Busen begrapscht. Als ich gesagt habe, er soll damit aufhören, meinte er bloß, ich solle mich nicht so haben, das sei doch schön.” Diese Übergriffe steigerten sich im Lauf der Zeit immer weiter. Sei es bei den Bootsfahrten oder Fahrten in seinem VW Käfer. „Bei einer Autofahrt griff er mir und einem anderen Mädchen immer wieder zwischen die Beine. Ich saß auf dem Beifahrersitz. Er umklammerte meine Hand und ich musste sein Geschlechtsteil anfassen.”

„Eine Mischung aus Schnupftabak und Moder”

An Gegenwehr war nicht zu denken. „Er war 1,90 Meter groß und bullig”, erzählt Franziska, die sich bis heute an Ks Geruch erinnert, „eine Mischung aus Schnupftabak und Moder.” Wusste seine Frau von den Übergriffen? Franziska ist davon überzeugt. „Nach dem Rudern wurde ich einmal von ihr ins Büro gerufen. Sie teilte mir mit, dass ich zu ihrem Mann gehen solle.” Die Ks wohnten im Nachbarhaus. „Zieh mal deinen Pullover hoch, meinte er und schon lag ich auf einer Liege im Wohnzimmer und er verging sich an mir. Das musste ich eine halbe Stunde ertragen, bis seine Frau kam.” Die tat so, als hätte sie nichts mitbekommen. „Sie hat mich nur von oben bis unten gemustert.”

Ende der 70er kam eine neue Heimleiterin nach Kallmünz. Neben ersten Verbesserungen – die Aufseherinnen wurden durch pädagogisch geschulte Erzieherinnen ersetzt – schöpfte die neue Heimleiterin Verdacht auf sexuelle Übergriffe durch Hans K. und versuchte, die Sache aufzuklären. Sie scheiterte an einer Mauer des Schweigens. Auch bei den Mädchen. Franziska spricht von einer Mischung aus Scham und Angst, die sie davon abhielt über K.’s Übergriffe zu sprechen. „Ich konnte mich nie auf jemanden verlassen. Ich hatte keine Eltern, zu denen ich zurück gehen hätte können. Ich hatte nie jemanden, dem mich anvertrauen konnte. Außerdem hat er uns Geld gegeben. Deshalb hatte ich Schuldgefühle.” Elisabeth K. tat bei einem Gespräch mit der Heimleitung die Verdachtsmomente gegen ihren Mann als „sexuelle Hirngespinste” der Mädchen ab, während er tobte und von „Verleumndnug” sprach. Immer wieder hatte Elisabeth K. zuvor den Mädchen vorgehalten hatte, sie würden „sowieso auf dem Strich landen”. Für K. gab es ab diesem Zeitpunkt wenigstens das Verbot, die Schlafräume der Mädchen zu betreten, ansonsten blieben die Anstrengungen der neuen Heimleiterin folgenlos. Sie wechselte wenige Jahre später frustriert die Stelle.

Hans K. lebt bis heute in Kallmünz

Franziska verließ das Heim 1980 mit 18 Jahren. Erst Jahre später brach das Trauma aus ihrer Heimzeit auf. „Mit 30 bin ich zusammengebrochen.” Sie machte eine Therapie, ist aber bis heute arbeitsunfähig und hat immer noch Berührungsängste. Ihre Erfahrungen hat sie schriftlich festgehalten und unserer Redaktion zur Verfügung gestellt. Das Heim in Kallmünz wurde Mitte der 80er geschlossen. Hans K. lebt noch heute dort.

Betrugsverdacht gegen OB: Ermittlungen eingestellt

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Ein emanzipiertes Dornröschen

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