SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 11. März 2010

Weiß gedeckte Tische, auf denen blaue Kerzchen brennen, holzvertäfelte Wände, Kellner mit Fliege und schwarzer Livree – es ist ein nobles Ambiente, das der Mittelbayerische Verlag am Mittwoch denen bietet, die dafür sorgen, dass die MZ-Abos pünktlich unters Volk kommen. Die MZ-Logistiktochter PZO (Pressezustellgesellschaft Oberpfalz) bedankt sich heute im Bibliothekssaal der Eckert-Schulen Regenstauf bei den Zustellerinnen und Zustellern für „die geleistete Arbeit”.

Etwas „besonderes” habe man sich einfallen lassen, heißt es auf der Einladung. Wen wundert’s: Verlagsboss Peter Esser hat erst kürzlich das Bundesverdienstkreuz erhalten. Unter anderem für seine Verdienste um die heimische Wirtschaft, unter anderem für sein Wirken als Arbeitgeber. Davon sollen auch jene, die direkt an der Basis arbeiten, etwas haben. Könnte man meinen. Insgesamt arbeiten über 2.000 Zustellerinnen und Zusteller bei der PZO. Heute ist die Reihe an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Vilstal, Schwandorf und Stadt und Landkreis Regensburg, den verdienten Dank für ihre tägliche Arbeit in Empfang zu nehmen. Aus „terminlichen Gründen” hat man das „Trägertreffen” kurzerhand auch zur Teilbetriebsversammlung erklärt. Umschüler der Eckert Schulen Regenstauf, die sich hier etwas dazu verdienen können, servieren Kaffee und Kuchenvariationen. Jeder Zusteller erhält zwei Getränkegutscheine, ein Schweineschnitzel mit Kartoffelgurkensalat soll später aufgetragen werden. „Wenn Sie sich angemeldet haben und können trotzdem nicht teilnehmen, geben Sie uns bitte Bescheid. Ansonsten müssen wir einen Unkostenbeitrag erheben”, heißt es auf der Einladung.

„Wussten Sie schon, dass wir vor 16 Jahren einen Lohn von 4,90 DM (pro Monatsabo, Anm. d. Red.) bekommen haben. Jetzt sind es 2,50 Euro? Das heißt, dass wir jedes Jahr weniger Geld bekommen haben, wenn man die Inflation mit einrechnet.”
Aus einem Flugblatt beim MZ-Trägertreffen

Alleinunterhalter Alois Stürzl spielt auf seiner Hammond-Orgel gerade die letzten Takte des Hochzeitswalzers, als Betriebsratschef Günther Klein ans Mikrofon tritt. Tusch! Zum edlen Ambiente wollen seine Ausführungen aber irgendwie nicht passen. „Die wirtschaftliche Lage ist nicht rosig. Die Abozahlen gehen zurück. Die Werbebeilagen bei der Mittelbayerischen Zeitung werden weniger.” Das ist das Bild, das Klein von der Lage der Zeitung zeichnet, die sich auf ihren Wirtschaftsseiten die Serie „Mehr Zuversicht” gönnt. Für die Zeitungsausträger ist hingegen keine Zuversicht angesagt: Es ist auch dieses Jahr keine Lohnerhöhung drin, bedauert Klein. Abschließend verweist er auf die Betriebsratswahlen im April. Vorschläge könnten bei ihm abgegeben werden. Gewählt wird per Brief. „Gehen Sie wählen. Sie dürfen jetzt Fragen stellen.”

„Wussten Sie schon, dass in den neuen Verträgen für die neuen Träger nur noch knapp zwei Euro für ein Abo gezahlt wird? Dafür haben sie ein neues Druckzentrum für knapp 50 Millionen Euro gebaut und das Abo kostet mittlerweile knapp 30 Euro.”
Aus einem Flugblatt beim MZ-Trägertreffen

Die Wortbeiträge der Trägerinnen und Träger verpuffen im Gemurmel. Für eine vernünftige Mikroanlage scheint das Geld nicht mehr gereicht zu haben. Ans Pult von Betriebsratsboss Klein, den man hervorragend verstehen kann, dürfen die einfachen Zustellerinnen dennoch nicht. Entsprechende Versuche wehrt Klein souverän ab. Dennoch dringt die eine oder andere Kritik durch – wenn man brüllt. „Sie setzen sich nicht für uns ein”, wirft ein junger Mann dem Betriebsratschef vor. „Immer wieder müssen wir stundenlang in der Kälte warten, weil die Zeitungen zu spät kommen. Seit Jahren gab es keine Lohnerhöhung. Wir werden hier ausgebeutet und Sie schauen zu.” Es gibt den ersten Applaus des Tages. Klein bedauert, aber er könne nichts an dieser Situation ändern. Das werde „von oben nach unten entschieden”. „Wir dürfen nicht streiken. Der Arbeitgeber weigert sich, mit der Gewerkschaft zu reden. Um jede Lohnerhöhung müssen wir bitten. Wenn ein Nein kommt, müssen wir das akzeptieren.” Es folgt ein kleines Wortgefecht, das nur wenige mitbekommen. Schnell ist der Friede wieder hergestellt. Das Saalmikro ist einfach zu leise. „Some broken hearts never mend”, wird von Alois Stürzl intoniert. Frischer Kaffee wird gebracht. Klein setzt sich kurz zur Geschäftsführung an den Tisch.

„Es werden schon seit Jahren Fahrer mit Dumpingpreisen ausgenutzt, jetzt sind die Träger dran, wie man an den Trägerverträgen sieht. Alles mit Einverständnis des Betriebsrats.”
Aus einem Flugblatt beim MZ-Trägertreffen

Tusch! PZO-Geschäftsführer Dieter Maurer wird am Rednerpult begrüßt. Er ist neu im Amt. Eine Ehre sei es ihm, hier im Kreis der Trägerinnen und Träger zu feiern, bekennt er. Aber ach: „Am Anzeigenmarkt sieht es nicht besonders gut aus.” Die Verlagsleitung habe beschlossen, die Unternehmensberatung Schicker ins Haus zu holen, „um sämtliche Bereiche auf den Prüfstand zu stellen”. Dennoch: Alle seien „fast schon Familienmitglieder”. Alle hätten hier ein „sicheres Auskommen”. Alle könnten „darauf stolz sein”. Alle arbeiteten alle hier in einem „Unternehmen mit Zukunft”. Es ist kurz vor 17 Uhr. Der Höhepunkt des Abends steht bevor. Etwas wirklich Besonderes. Die verdienten Zustellerinnen und Zusteller sollen jetzt geehrt werden. 15, 20, ja bis zu 35 Jahre lang sind sie tagtäglich am frühen Morgen aufgestanden, um dafür zu sorgen, dass die Mittelbayerische Zeitung pünktlich im Briefkasten der Abonnenten landet. Es gibt Urkunden, Blumensträuße und einen Umschlag. Der feierliche Moment wird mit lächelndem Chef und lächelndem Betriebsratsboss im Bild fest gehalten. Dann dürfen die Jubilare zurück an die Tische, um ihre Umschläge zu öffnen. Der darin enthaltene Discounter-Gutschein über 25 Euro würde nicht einmal für ein MZ-Abo reichen.

„Früher war man stolz für eine Zeitung zu arbeiten, jetzt ist man im absoluten Niedriglohnsegment tätig.”
Aus einem Flugblatt beim MZ-Trägertreffen

Jetzt gibt’s auch eine Gewaltbeauftragte

Als ob man zuvor nie etwas davon geahnt hätte. Nach Öffentlichwerden der Prügelexzesse in der Domspatzenvorschule in Etterzhausen/ Pielenhofen hat das Bistum Regensburg heute eine Ansprechpartnerin für Opfer von Körperverletzung in kirchlichen Einrichtungen eingesetzt. „Durch dieses zusätzliche personelle Angebot möchte die Diözese Opfern von Körperverletzung in kirchlichen Einrichtungen verstärkt die Möglichkeit geben, erlittenes Leid zur […]

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