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American Hustle muss im direkten Vergleich gegen Wolf of Wall Street wohl den Kürzeren ziehen, hält aber trotzdem was er verspricht. Grund dafür ist ein fantastisches Schauspielensemble mit geradezu vorbildlicher Experimentierfreudigkeit.

Von Thomas Spitzer

„American Hustle" punktet vor allem durch sein Schauspielensemble. Fotos: Tobis Film

„American Hustle“ punktet vor allem durch sein Schauspielensemble. Fotos: Tobis Film

Die Tage werden länger, die Filme besser. Das liegt vor allem daran, dass Filmverleihe potentielle Oscar-Anwärter im Zeitraum der Verleihung veröffentlichen, um von der kostenlosen Werbung durch eine Nominierung zu profitieren.

Doch auch von Äktschn mit Gerhard Polt, Stromberg – Der Film und bald Nymphomaniac 1 darf man sich viel erwarten. Und neben Nebraska, 12 Years a Slave, Dallas Buyers Club, Wolf of Wall Street (siehe ‚Gier ist geil’ vom 27. Januar) läuft seit heute endlich American Hustle in den deutschen Kinos.

Zu dem Film gibt es eine interessante Anekdote. Angeblich sind rund ein Drittel der Dialoge frei improvisiert, darunter alle Szenen mit Jennifer Lawrence. Als Christian Bale den Regisseur am Set fragte, ob das die Handlung des Films nicht massiv beeinträchtige, antwortete dieser lachend: It’s all about the characters!

Schauspieler jenseits der comfort zone

Und diese sind in der Tat sehr gelungen. Vor allem, weil es sich um auf den Leib geschriebene Rollen handelt. (O’Russel schreibt seine Filme selbst, Christian Bale und Amy Adams kennt er von ihrer Zusammenarbeit The Fighter, Jennifer Lawrence, Bradley Cooper und Robert DeNiro von Silver Linings.)

Aber auch, weil alle Schauspieler aus ihrer comfort zone treten und das exakte Gegenteil ihrer typischen Rolle zu spielen scheinen. Am drastischsten geschieht dies bei Amy Adams, die hier nicht einmal das Mauerblümchen, sondern eine klassische Famme Fatale spielt.

Dass diese Wandlung gelingt, hat mich tatsächlich am meisten überrascht. Noch mehr als Christian Bale, der für seine Rolle diesmal weder extrem abgenommen (The Machinist) noch Muskelmasse zugelegt (The Dark Knight), sondern mehr als 20 Kilogramm zugenommen hat.

Jennifer Lawrence – normalerweise toughe Einzelkämpferin – gibt hier die schmarotzende White-Trash-Ehefrau, die ihre Schäbigkeit geradezu zu zelebrieren scheint. Jeremy Renner – normalerweise Ex-Knacki oder Soldat – ist der sympathische Regionalpolitiker. Und Bradley Cooper… nun ja… lassen Sie sich überraschen.

Gekrönt wird dieses Ensemble von Robert De Niro und meinem derzeitigen Lieblings-Comedian Louis C.K.

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Letzlich ist American Hustle ein einziger großer Schlagabtausch zwischen diesen wundervollen Charakteren. Nicht mehr und nicht weniger.

Harmlose oder vorhersehbare Plot-Twists

Nicht mehr, weil es sich dabei weder um eine konsequente Systemkritik handelt (dieser Punkt geht an Wolf of Wall Street) noch die Zeitkulisse effektiv genutzt wird (würde man die Retro-Frisuren weglassen, der Film könnte genauso gut im Hier und Jetzt spielen). Und auch die diversen Plot-Twists kommen relativ harmlos daher, im schlimmsten Fall sogar vorhersehbar.

Tatsächlich ist es nicht leicht, die Handlung des Films in einem Satz zusammenzufassen. American Hustle bewegt sich irgendwo zwischen Tarantino und Wes Anderson, ist aber weder ein Ganovenfilm, noch ein kauziges Familiendrama. Diese vergleichsweise „schwache“ Handlung und wohlwollende Kritiken inklusive Oscar-Nominierungen in allen vier Darsteller-Kategorien sind wohl der Grund für den Hass, der American Hustle im Internet entgegen schlägt.

Bei dem Filmportal imdb erhielt der Film 7.6 von 10 möglichen Punkten, was für einen Anwärter in der Kategorie Bester Film ziemlich erbärmlich ist. Im zugehörigen Forum heißt es, die Handlung sei ein schlechter Witz, ein im Film relativ zentraler Kuss lächerlich und das Werk insgesamt maßlos überschätzt. Ein User schreibt: The Hustle is on us! Was so viel bedeutet wie: Wir wurden alle verarscht.

Von der Affäre zum Moraldialog

Allerdings bietet American Hustle eben auch nicht weniger als eine Aneinanderreihung genialer Wortwechsel. Angefangen bei der Affäre eines mehr als ungleichen Paares bis hin zu genialen Dialogen über Motiv und Moral („Du denkst, die Welt sei schwarz und weiß. Aber sie ist extrem grau, okay?“) und Wutausbrüchen, die so gut gespielt sind, dass man sie einrahmen und in der Endlosschleife im Museum laufen lassen könnte. Gerade Christian Bale und Jennifer Lawrence beweisen hier einmal mehr, dass sie zur absoluten Top-Riege U.S.-amerikanischer Schauspieler gehören.

Freilich, wer sich nicht an Dialogen erfreuen kann, wird sich bisweilen langweilen. Auf der anderen Seite: Was war eigentlich die Handlung von The Fighter oder Silver Linings? Oder Pulp Fiction, The Royale Tenenbaums? War sie wichtig? Nein. Also kein Grund, sich aufzuregen. It’s all about the characters.

Der Autor

Thomas Spitzer studierte Mathematik an der Universität Regensburg. Seit 2009 tritt er erfolgreich bei Poetry Slams auf. Sein Buch „bunt und kühl“ erschien im April 2013 beim ConBrio-Verlag. Am 19./20. Februar gibt Spitzer einen für Studierende kostenlosen Poetry Slam – Workshop im Theater an der Uni. Am 26.2. geht seine Lesebühne „Irgendwas mit Slam“ im W1 in die nächste Runde. Außerdem tritt er regelmäßig beim Mälze Slam (und neuerdings auch Hate Slam in der Heimat) auf. Alle Infos: facebook.com/thomasespitzer

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