Studie zum Kriegsende

Chance vertan

Fünf Jahre hat es bis zur Veröffentlichung gedauert und 250.000 Euro hat sie gekostet – die von der Stadt in Auftrag gegebene Studie zum Kriegsende in Regensburg. Die beiden Autoren Roman Smolorz und Rainer Ehm können zwar viele neue Details und Personen, bislang unbekannte Zusammenhänge und Abläufe darlegen, haben aber die Gelegenheit vertan, die nationalsozialistische Geschichte Regensburgs, ihr Kriegsende und die ersten Nachkriegsjahre umfassend und vorbehaltlos darzustellen.

Am Mittwoch wurde die Studie bei einer Pressekonferenz im Alten Rathaus vorgestellt. Foto: Stefan Effenhauser/Stadt Regensburg

Um das Regensburger Kriegsende und die Gründe für die kampflose Übergabe der Stadt an die US-Streitkräfte im April 1945 ranken sich viele Legenden. Nach dem Krieg schmückten sich etliche Akteure mit ihrer gewichtigen Beteiligung an den damaligen Vorgängen, sei es zur Entlastung in Entnazifizierungsprozessen, zur Selbststilisierung als Retter der Stadt, zur Sicherung von Pensionsansprüchen oder zur Bildung von SS- und Wehrmachtslegenden.

War es zunächst NS-Oberbürgermeister und SS-Brigadeführer Otto Schottenheim, der versuchte, sich zum Retter der Stadt zu stilisieren, so verfestigte sich später zunehmend die Darstellung, dass der ehemalige Wehrmachtsmajor Robert Bürger sich darum verdient gemacht habe. Eine Version, die sich bis vor kurzem hartnäckig gehalten hat – auch dank tatkräftiger Unterstützung von Stadtheimatpfleger Werner Chrobak und des früheren Leiters des Stadtarchivs Dr. Heinrich Wanderwitz.

Erst 2012 räumten die beiden Autoren Peter Eiser und Günter Schießl mit dieser Legende auf, dekonstruierten Bürgers Darstellung (Robert Bürger: Regensburg in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945, 1983) und beleuchteten in ihrem Buch Kriegsende in Regensburg die Rolle des Majors Otmar Matzke bei der Kapitulation der Stadt Regensburg (Eine ausführliche Besprechung des Buchs). Nachdem durch das Buch und die darauffolgende Diskussion darüber auch Archivleiter Wanderwitz in die Kritik geriet, kündigte dieser eine Studie zum Kriegsende an. Im Oktober 2014 wurde der Auftrag vergeben und nun – nach fast fünf Jahren – ist sie fertig und als Buch im Pustet-Verlag (Klappentext: „Das Buch ist ein wichtiger Markstein in der Geschichte Regensburgs.“) erschienen: Rainer Ehm und Roman Smolorz, April 1945 – Das Kriegsende im Raum Regensburg.

250.000 Euro hat sich die Stadt Regensburg dieses Werk von Rainer Ehm und Roman Smolorz kosten lassen. Zwar findet man in der 495  Seiten umfassenden Studie viele interessante Details und neue Zusammenhänge, doch die konkreten Ergebnisse bleiben erstaunlich leichtgewichtig, der Umgang mit Vorarbeiten ist teils nachlässig, teils überheblich und am Ende bleibt der Eindruck einer interessengeleiteten Arbeit, die wesentliche Aspekte verschweigt und einen beschönigenden Blick auf die Stadtgesellschaft und in die Legendenbildungen verstrickten Akteure abliefert.

Die Autoren bei der Vorstellung der Studie. Rainer Ehm („Die größste Überraschung war für mich, dass es keine Überraschung gab.“) und Roman Smolorz, den „die Netzwerke des Widerstands“ im Regensburger Raum sehr beeindruckten. Foto: Stadt Regensburg, Stefan Effenhauser

Die Studie April 1945 ist ein ungleich aufgeteiltes Gemeinschaftswerk. Während Smolorz mit insgesamt gut 100 Seiten nur zwei der sechs Kapitel – das IV. und VI. – verfasste, stammen von Ehm die übrigen Kapitel mit über 260 Seiten. Die zehnseitige Zusammenfassung der Studie verantworteten die beiden Autoren gemeinsam. Im Folgenden werden im ersten Teil die Hintergründe sowie die Auftragsvergabe der Studie aufgezeigt und im zweiten ihre Vorarbeiten dargestellt. Im dritten Teil werden wichtige Ergebnisse referiert und im vierten Lücken und Mängel der Studie thematisiert.

I. Hintergründe der Auftragsvergabe der Studie

Nachdem im Zuge der Publikation von Eiser und Schießl auch der damalige Stadtarchivar Heinrich Wanderwitz (unter anderem durch Recherchen von regensburg-digital) in die Kritik geraten war, kündigte dieser im Herbst 2013 erstmals eine von der Stadt beauftragte Studie an. Er, Wanderwitz, sei seit längerer Zeit in konkreten Verhandlungen mit einem Historiker, der das Regensburger Kriegsende in einem größeren militärischen Gesamtzusammenhang plausibel darstellen und archivalisch belegen könne – so die damalige Auskunft gegenüber regensburg-digital. 

Die Identität des Historikers, der schon damals scheinbar alle archivalischen Quelle kannte, verriet Wanderwitz seinerzeit, im Herbst 2013, trotz Nachfrage nicht. Seit der Auftragsvergabe unter Oberbürgermeister Joachim Wolbergs weiß man, es handelt sich um Rainer Ehm. Dieser fungiert als Gedenkstättenbeauftragter der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS) und wurde 2013, damals vom Dritten Bürgermeister Wolbergs, für seine Arbeit zur Geschichte der regionalen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften mit dem Hans-Weber-Preis der Regensburger SPD ausgezeichnet. 

Im Stadtratsbeschluss für die Auftragsstudie von Oktober 2014 heißt es, dass sich das Stadtarchiv aus gegebenem Anlass (welcher bleibt unbenannt) „intensiver mit dem Ende des 2. Weltkrieges im Raum Regensburg befasst“ habe. Auch die Bearbeiter der geplanten Studie stehen zu diesem Zeit bereits fest: Rainer Ehm (der sich laut Wanderwitz mit Vorarbeiten zu wahrscheinlichen Widerstandgruppen im militärischen Bereich, „die möglicherweise Kontakt zu den Alliierten hatten“ und mit Arbeiten zu der „Verlagerung deutscher sog. Spitzenkampfstoffe (Nervengas) von Süddeutschland nach Ostbayern und von dort auf Donauschiffe“ qualifiziere) und Roman Smolorz (der Kenntnisse von Geheimdiensten der Alliierten, bzw. der ehemaligen Alliierten habe und davon wisse, dass in Regensburg „sich antikommunistische Gruppen aus dem osteuropäischen Raum sammelten“). Smolorz hat eben diese Themen von 2001 bis 2007 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs  bereits erschöpfend behandelt.

Ehm und Smolorz hingegen sprechen in ihrer gemeinsamen Danksagung in April 1945 davon, dass „die Mitarbeit an diesem Projekt“ für sie „ein ausgesprochener Glücksfall“ gewesen sei, und manche Weichen dafür bereits in Ausstellungs- und Forschungsprojekten der späten 1980er Jahren gestellt worden seien. Bekanntlich braucht das Glück manchmal einen Schmied – optimal ist es, wenn dieser auch städtische Forschungsgelder verteilen kann.

Zur Abwicklung der Studie von Ehm und Smolorz strebte das Stadtarchiv eine Kooperation mit den Lehrstühlen für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Dr. Mark Spoerer) und für Bayerische Landesgeschichte (Dr. Bernhard Löffler) der hiesigen Universität an. Die Professoren Löffler und Spoerer haben selber nicht geforscht, laut ihrem Vorwort haben sie „das Projekt koordiniert und standen dem Team beratend zur Verfügung.“

„Wir haben die Studie nicht verfasst und für die Projektleitung kein Geld bekommen.“ Die Koordinatoren der Studie: Prof. Mark Spoerer und Prof. Bernhard Löffler. Foto Stadt Regensburg, Stefan Effenhauser.

Die Kosten für die eigentlich auf zwei Jahre angelegte und drei Jahre dauernde Studie zum Kriegsende beliefen sich 250.000 Euro, sie wurden allein von der Stadt getragen. Dr. Roman Smolorz (der von 2001- 2007 wurde dafür als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Spoerer angestellt, Rainer Ehm bekam einen befristeten Vertrag und in der Schlussphase des Projektes wurde auch Konrad Zrenner (damals Mitarbeiter von Prof. Löffler, der aktuell auch dessen Doktorarbeit zu NS-Bürgermeister Hans Herrmann betreut) für die Zusammenführung der einzelnen Teile, abschließende Korrekturen und für die Erstellung des Registers bezahlt. Zum Vergleich ähnlich aufwändige Projekte: Von den drei bei Frau Prof. Dr. Eva Haverkamp entstandenen Dissertationen zum mittelalterlichen jüdischen Regensburg wurde von der Stadt nur eine gefördert – die Doktorarbeit von Veronika Nickel zur Vertreibung der Regensburger Juden 1519 mit knapp 47.000 Euro, die auch eine Laufzeit von drei Jahren hatte.

Eigentlich hätte noch im April 2015 ein einschlägiges Kolloquium abgehalten werden sollen, „das sich mit Bayern und Ostbayern 1944 bis 1946 beschäftigt und dessen Vorträge als erster Band einer geplanten Publikationsreihe der Forschungsergebnisse vorgelegt werden“ sollte. Symposium und erster Band wurden nicht verwirklicht, ob sie je ernsthaft angegangen wurden, darf bezweifelt werden – die angefallenen Kosten reduzierten sich jedenfalls nicht. Das Symposium entfiel vermutlich deshalb, weil Roman Smolorz im Frühjahr 2015 gerade erst mit einer anderen Auftragsarbeit begonnen hatte – mit der  teure Erforschung und gefälligen Darstellung der Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus, die den Domchor „so unschuldig wie möglich herauskommen“ ließ und ebenso von Prof. Spoerer „koordiniert“ wurde. Die Kosten dafür, 57.000 Euro, trug der Verein Freunde des Regensburger Domchors“. (hier zur Buchbesprechung).

II. Vorgeschichte und Vorarbeiten der Studie

Rainer Ehm zeichnet im ersten, mit Rezeptionsgeschichte des Kriegsendes in Regensburg überschriebenen Kapitel kursorisch nach, wie die Debatte bald nach dem Krieg immer wieder um die Hinrichtung des Regensburger Dompredigers Dr. Johann Maier durch ein NS-Standgericht und die damit verbundene Demonstration vom 23. April 1945 kreiste. Und immer noch kreist, wäre anzumerken. Verbunden damit ist die Frage nach dem Verdienst der kampflosen Übergabe der Stadt an die US-Armee, ein Fetisch des Regensburger Nachkriegs. Diesen Verdienst beanspruchte bereits 1947 der NS-Oberbürgermeister und SS-General Otto Schottenheim in seinem Entnazifizierungsverfahren. „Das dabei von ihm gezeichnete Bild der Ereignisabläufe“ habe sich schnell ins allgemeine Erinnerungsbild in Regensburg eingeprägt und werde „teilweise bis heute gepflegt, nicht zuletzt von manchen nach wie vor erkennbaren Anhängern“ Schottenheims. Doch auch der zweite NS-Bürgermeister, der vormalige BVP- und spätere NSDAP- bzw. CSU-Politiker Hans Herrmann, schmückte sich damit, „an der Kontaktaufnahme mit den US-Streitkräften und der Übergabe der Stadt aktiv beteiligt gewesen zu sein.“ (S. 15)

Stilisierte sich selbst zum Retter der Stadt: Nazi-Oberbürgermeister Otto Schottenheim um 1936. Foto: privat

Ehm zeichnet teils detailliert ebenso nach, wie sich die Darstellungen der beiden NS-Bürgermeister die Jahre über verändert und fortentwickelt haben. Erst dreißig Jahre nach Kriegsende haben, so Ehm, vor allem die Berichte des Regensburger Journalisten Harald Raab in der Zeitung Die Woche (der Bürgers Legende aber zustimmend referierte) und teils auch die Forschungen der hiesigen Universität die bisherigen Darstellungen hinterfragt. Schottenheim, fast 89 Jahre alt, reagierte auf diese Veränderungen im Frühjahr 1979 damit, dass er dem amtierenden CSU-Bürgermeister Friedrich Viehbacher anschrieb und Materialien, die seine Sicht der Dinge belegen sollten, zum Verbleib ins Stadtarchiv zusandte.

In diesem Zusammenhang bringt Ehm (ausnahmsweise) eine konkrete Kritik an der Regensburger Stadtverwaltung an. Man habe es „verpasst“, das von Schottenheim damals vorgetragene Gesprächsangebot (laut Schottenheim:„einmal frei von Emotionen und den wahren Tatsachen entsprechend“) über die Vorgänge zum Kriegsende anzunehmen. Was Ehm dabei ausblendet, ist eine selbstgefällige Stellungnahme, die Schottenheim bereits 1969 gegenüber dem damaligen OB Rudolf Schlichtinger abgab und das Verdienst, die Stadt gerettet zu haben, allein für sich reklamierte. Die damalige Stellungnahme des ehemaligen SS-Generals wurde sogar von der Stadtverwaltung erbeten, da sich kurz zuvor Othmar Matzke als „Retter der Stadt“ an diese wandte und um Unterstützung bat. Da die von Schlichtinger in die Wege geleiteten Recherchen (u.a. in den USA) ins Leere liefen, bekam Matzke von OB Schlichtinger 1970 eine Absage und Schottenheim stieg zum Quasi-Gutachter der Stadt auf.

Was Ehm in seiner Kritik hinsichtlich der fehlenden Befragung Schottenheims mit einer gewissen Naivität zudem völlig ignoriert, ist, dass Schottenheim seine selbstbezüglichen Erzählungen zum Kriegsende („Ich übernehme hiermit die ganze Gewalt über die Stadt und werde die Stadt den Amerikanern kampflos übergeben.“) bereits 1965 vom Oberstadtdirektor Joseph Dolhofer dokumentieren hat lassen. Heute liegt diese Dokumentation, überschrieben mit Die Erinnerungen des Dr. Otto Schottenheim, Oberbürgermeister von 1933 – 1945, im Institut für Zeitgeschichte in München (Nachlass Schottenheim Bestand ED 195). Dem Quellenverzeichnis nach zu urteilen, kennt Ehm diesen für die Studie eigentlich relevanten Schottenheim Nachlass gar nicht, obwohl dieser in der Fachliteratur längst bekannt ist (und etwa auch regensburg-digital über ihn berichtet hat).

Das Ignorieren dieses Nachlasses ist völlig unverständlich, gerade wenn Ehm/Smolorz sich im Laufe ihrer Studie April 1945 mehrfach auf Schottenheims Nachlassverwalter, den Stadtdirektor Dolnhofer, und dessen unveröffentlichte Sammlung, die im hiesigen Stadtarchiv verwahrt wird, beziehen. Zudem lassen Ehm und Smolorz die interessierten Leser im Unklaren darüber, wer Dolnhofer überhaupt war und in welchem Verhältnis die Person Dolnhofer zu Schottenheim bzw. der Stadtverwaltung stand. Der Stadtdirektor Dolnhofer bewunderte nämlich Schottenheims „aufrechte und männliche Haltung“, auch dass dieser seine „nationale Haltung“ beibehalten habe. Dolnhofer über Schottenheim: „Er war ein ganzer Mann.“

Weiter in der Rezeptionsgeschichte des Kriegsendes, die streng genommen keine Geschichte der Rezeption, sondern eher ein lückenhaftes und willkürlich anmutendes Aneinanderreihen von wichtigen Akteuren und Legenden darstellt. „Großes öffentliches, speziell mediales Interesse“ habe, so Ehm weiter, die Veröffentlichung des bereits erwähnten Aufsatzes des pensionierten Bundeswehr-Oberst Robert Bürger in den Verhandlungen des Historischen Vereins Regensburg (Bd 123, 1983) erfahren, „glaubte man doch, nun der historischen Wahrheit näher gekommen zu sein“ (S. 24). Bürger nahm damals für sich in Anspruch, als ehemaliger Wehrmachtsmajor die Kampftruppe in den letzten Minuten auf einem nur ihm bekannten Schleichweg aus der Stadt geführt zu haben. Bei der dafür unbedingt notwendigen Motorisierung der Truppen will er, so Bürger in verschiedenen widersprüchlichen Varianten, mit dem NS-Bürgermeister Schottenheim eng zusammen gearbeitet und so die Voraussetzungen für die kampflose Übergabe der Stadt an die US-Streitkräfte geschaffen haben.

Als der ehemalige Wehrmachtsmajor Bürger den einstigen SS-General Schottenheim dreißig Jahre später, im Jahr 1975, aufsuchte (um ihn von seiner Version zu überzeugen, wonach die deutsche Wehrmacht in den letzten Kriegsstunden die Rettung von Regensburg ermöglicht habe), war Schottenheim desinteressiert und kannte die Person Robert Bürger gar nicht. Dies berichtet das akkurat wirkende Protokoll des Nachlassverwalters Dolnhofer, den die Studie obskur in Fußnoten versteckt.

Weiter mit der Rezeptionsgeschichte Ehms. Mit der Veröffentlichung der Darstellung  Robert Bürgers von 1983 habe dieser „für manche Regensburger und darüber hinaus als der eigentliche ‚Retter‘ der Stadt“ (S. 24) gegolten. In völliger Verkennung der Uneingeschränkten Rezeption von Bürgers Aufsatz merkt Ehm noch an, dass „Bürger für all jene (wenigen), die mit den bisherigen historischen Darstellungen vertraut waren, kaum Neues“ geboten habe. Wer diese wenigen gewesen sein könnten, verrät die Studie nicht. Ehm persönlich dürfte nicht unter diesen „wenigen“ gewesen sein, da er sich selber später spekulativ auf Bürgers Darstellung bezog, etwa in seiner Arbeit „Zur Geschichte der Muna Schierling“ von 2010. Wer diesbezüglich eine Selbstkritik von Ehm erwartet hätte, wird enttäuscht – dergleichen findet nicht statt.

Die Autoren Peter Eiser und Günther Schießl., die mit ihrem Buch den Anlass für die Studie April 1945 gaben. Foto: wr

Der Journalist Günter Schießl, so Ehm weiter, habe im Jahre 1993 die Darstellungen von Robert Bürger in einem Zeitungsartikel in Die Woche grundsätzlich infrage gestellt. Schießl vertrat damals, es sei tatsächlich dem damaligen taktischen Führungsoffizier Othmar Matzke die kampflose Übergabe der Stadt an die US-Streitkräfte zu verdanken und nicht Schottenheim oder Bürger. Darauf aufbauend veröffentlichten Günter Schießl und Peter Eiser im Jahre 2012 ihre weiterführenden Recherchen zum Kriegsende in Regensburg – Revision einer Legende (erschienen ebenso im Pustet Verlag). Schießl und Eiser betrachteten ihre Arbeit als „Beitrag zu einer notwendigen Neuuntersuchung“ der Ereignisse im April 1945 und kamen zu dem Ergebnis, dass die Darstellungen von Robert Bürger nicht haltbar und seine Belege teilweise frei erfunden sind. Zudem würdigten sie die Rolle von Othmar Matzke bei der kampflosen Übergabe.

III. Ergebnisse der Studie

Was haben nun die dreijährigen Forschungsarbeiten, die nicht nur die örtliche, bayerische und bundesweite Archive heranziehen sondern auch Archivbestände in Washington, London, Moskau, Warschau und Prag berücksichtigt haben, an neuen Ergebnissen zu Tage gebracht?

In dem mit Eine Stadt im Krieg – Vorbereitung auf die Nachkriegszeit überschriebenen Unterpunkt der Zusammenfassung liefern die Autoren nur Formelhaftes. So gehen Ehm und Smolorz davon aus, dass sich in Regensburg bereits Ende 1944 „die bevorstehende Niederlage und das Ende des Kriegs“ abgezeichnet, die Versorgungslage rapide verschlechtert und „die Anzeichen von Kriegsmüdigkeit unter der Bevölkerung“ gehäuft haben. Die „nationalsozialistischen Machthaber“ reagierten darauf: „zum einen mit Durchhalteparolen, zum anderen mit verstärktem Druck – „um Defätismus und Widerstand entgegen zu wirken“. Auch „die Regensburger Industrie und das Handwerk“ hätten enorm unter den US-Luftangriffen“ gelitten; die städtische „Verwaltung war den Umständen entsprechend gut organisiert“ und habe „fließende Übergänge in die unmittelbare Nachkriegszeit“ aufgewiesen. (S. 393)

Unter dem Punkt Militärische und zivile Widerstandskreise in Regensburg resümieren die Autoren kaum Neues mit Substanz: „Trotz Kriegsmüdigkeit und stetig sinkendem Lebensstandard fanden sich in Regensburg nur wenige, die aktiv Widerstand leisteten.“ Genannt werden vier vor Ort „agierende kleinere Widerstandsgruppen“: die „Organisation Bauernhaus“ sowie die Gruppe „Das Neue Deutschland“, die den Autoren zufolge „vornehmlich aus den Reihen der Wehrmacht“ stammten und Gruppierungen um August Elsen (NSDAP-Mitglied seit 1938 und Direktor der Brauerei Bischofshof) und Josef Held (BVP), die „jeweils Gleichgesinnte aus den Reihen des politischen Katholizismus versammelten“. Letztere waren auch, so die Studienmacher, „untereinander vernetzt und unterhielten offenbar Kontakte zur Freiheitsaktion Bayern“.

US-Truppen am fürstlichen Park in Regensburg. Foto: Fotos: Günter Schießl, Veranstaltung vom April 1995 im ehemaligen Kreisleiterbunker Regensburgs

Alle vier Gruppierungen hätten, so Ehm und Smolorz, „nach Kriegsende eine Beteiligung an der Demonstration für die kampflose Übergabe der Stadt Regensburg vom 23. April 1945“ beansprucht. Ob und wie diese Gruppierungen nun tatsächlich und nachhaltig ins Geschehen eingegriffen haben (die Autoren nennen als Aktionen Feindsender hören, Flugblätter verteilen, Informationen weitergeben, Nachkrieg planen und Netzwerke unterhalten), bleibt zumeist unklar und spekulativ. Die von Smolorz im Text erwähnten Beispiele beruhen oftmals auf Angaben, die nach dem Kriegsende, meist im Zuge der Entnazifizierungsverfahren vorgetragen wurden. Wichtige Details und Informationen schöpft Smolorz aus den „Materialien Hilmer“, die der ehemalige Archivmitarbeiter Ludwig Hilmer im Stadtarchiv sammelte und bereits 1995 in seine Dissertation einfließen ließ. Was Hilmer damals anderslautend zur sogenannten „Organisation Bauernhaus“ geschrieben hat, ignoriert Smolorz.

Längst bekannt und ebenso dünn, teils spekulativ und ihrer Bewertung mehr als fraglich erscheinen die Studienergebnisse, die Roman Smolorz unter der Überschrift Die Demonstration der Regensburger Bürgerschaft am 23. April 1945 vorträgt:

„Nach der Prüfung aller Quellen ist zweifelsfrei festzustellen, dass die Demonstration ein Akt des kollektiven Widerstands gegen den von den Machthabern propagierten Durchhaltewillen war.“ (S. 230)

Regensburg zeige „sich somit nicht als ein Ort der bloßen Begeisterung für den Nationalsozialismus, nicht als Stadt einer uneingeschränkten Anpassung und Nachfolgebereitschaft“, wie ein US-Offizier Ende 1945 fälschlicherweise meinte. Ohne die Begeisterung für und die Anpassung an das NS-Regime irgendwie darzustellen, resümiert Smolorz, dass die Stadt „einen Geist des Widerstands gegen die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 nicht ganz verloren“ habe. Erst recht wenn man auf den frühen Widerstand der „Sozialdemokraten und Gewerkschaftler, auf die ‚Neupfarrplatzgruppe‘, auf Zeugen Jehovas etc.“ blicke (was die Studie aber nur in eben dieser drei Zeilen langen Bemerkung tut. (S. 232)

Mit seiner pauschalisierende Rede von der Regensburger Bürgerschaft und deren angeblichem kollektiven Widerstand sucht Smolorz offenbar zwanghaft Anschluss an eine Regensburger Tradition, die den „widerständigen“ Charakter der Stadt immer wieder bemüht – eine Tradition, die das 2017 erschienene Konzept für eine Gedenk- und Erinnerungskultur der Stadt Regensburg – erstellt u.a. von Prof. Spoerer – explizit problematisiert ( Skriebeleit, Spoerer, Wolter, 2017, S. 9; hier zum Konzept).

Bei der Vorstellung der Studie April 1945: Konrad Zrenner, Verleger F. Pustet, Kultreferent Unger, Archivleiter Baibl, R. Smolorz, M. Spoerer, R. Ehm, B. Löffler (v.r.). Foto: Stadt Regensburg/S. Effenhauser

Laut Smolorz lassen sich „unter den zahlreichen in Regensburger Betrieben eingesetzten Zwangsarbeitern“ ebenfalls Widerstandsgruppen ausmachen, denen es neben „Flucht und Sabotage“ um „Informationsweitergaben an amerikanische Geheimdienstagenten“ gegangen sei. Unter der unpassenden Kapitelüberschrift Potentieller Unruheherd: Kriegsgefangene und zivile ausländische Arbeiter werden zwar eine Vielzahl von Zahlen und interessanten Details, aber fast keine konkreten Handlungen für Regensburg genannt. Der Schlusssatz dieses Unterpunkts verdeutlicht die abermals dünnen Ergebnisse und eine zumindest fragwürdige Perspektive, die der Bearbeiter dieses Kapitel, Roman Smolorz, eingenommen hat:

„Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die nationalsozialistischen Behörden mit einer äußerst labilen inneren Sicherheitslage konfrontiert sahen, was man offiziell jedoch nicht zu erkennen gab.“ (S. 209)

Das Resümee zu Amerikanische Geheimdiensttätigkeit in und um Regensburg liefert mehrere interessante und bislang allenfalls gerüchteweise bekannte (von Roman Smolorz bereits 2003 in seinem Buch zu Zwangsarbeit) veröffentlichte Details und Zusammenhänge – auch wenn ein direkter Bezug zu Regensburg selten ersichtlich ist. Laut Rainer Ehm belegen gesichtete amerikanische Akten, dass „die Donaulinie, neben dem Alpenvorland, als ein Schwerpunktraum alliierter Spähereinsätze“ gelten kann. Ehm zeichnet dabei den Einsatz von „vier Zweimannteams des Office of Strategie Services (OSS, amerikanischer Auslandsgeheimdienst)“ nach. Diese hatten, so Ehm, unter anderem den „Auftrag, die durch die Region und die Stadt führenden Hauptverkehrswege zu beobachten sowie die Lage und Stimmung der Bevölkerung in der Stadt zu erkunden“. Zu diesem Zweck seien OSS-Späher zwischen Ende März und Mitte April 1945 „bei Viehhausen, Abensberg, westlich von Landshut und bei Windberg“ mit Fallschirmen abgesprungen. Ein fünftes Team sei irrtümlicherweise am 8. April nahe Regensburg mitten in Tegernheim gelandet. Nur zwei der Teams konnten, so Ehm, „regelmäßig Nachrichten durchgeben – so etwa das militärische Verkehrsaufkommen auf der Reichsstraße 15 von Regensburg nach Landshut in der Nacht vom 26. auf den 27. April, der Nacht des Abzugs der Wehrmacht-Kampfgruppe aus der Stadt.“ (Wie die Späher die Abziehenden als „Wehrmacht-Kampfgruppe“ identifiziert haben wollen, teilen die Autoren nicht mit). Die Teams haben sich aus Freiwilligen „der Exilarmeen Polens, Belgiens und Frankreichs“ rekrutiert und sich mit falschen Papieren als Fremdarbeiter ausgegeben. (S. 394)

In der mit Regensburg als Ballungsraum etwa 10.000 britischer Kriegsgefangener überschriebenen Zusammenfassung weist Ehm (zu Recht) auf ein in Regensburg nach 1945 völlig vergessenes bzw. verdrängtes Thema hin. Diese Gefangenen haben, so Ehm, beispielsweise unter schlimmsten Bedingungen „an der laufenden Reparatur der Regensburger Bahnanlagen gearbeitet“ und seien seit Ende 1944, aus dem Norden kommend, vielfach in Regensburg gelandet. Eine dieser Marschkolonnen geriet auf ihrem Weg nach Regensburg am „16. April 1945 auf der Mariaorter Eisenbahnbrücke in einen amerikanischen Bombenangriff“. Dabei wurden „20 Briten und Neuseeländer“ getötet und vor Ort in einem Massengrab bestattet. (S. 395)

Nachdem für kurze Zeit die US-Streitkräfte die Sprenglücken der Steinernen Brücke mit zwei selbsttragenden Bailey-Bridges überwunden hatten, entstand bereits im Mai 1945 eine erste Hilfskonstruktion, in welche die Reste der gesprengten Pfeiler einbezogen waren. Foto: Lang, Bilddokumentation der Stadt Regensburg

Am Thema Konzentration chemischer Kampfstoffe in und um Regensburg forscht und publiziert Rainer Ehm seit vielen Jahren. Gemeint sind die zwei extrem gefährlichen sogenannten Spitzenkampfstoffe Tabun und Sarin, die gegen Kriegsende auch in der Luftwaffen-Munitionsanstalt (Muna) Schierling gelagert wurden. Gegen diese als Nervengifte wirkenden Chemikalien gab es damals „kaum Schutzmöglichkeiten“, so Ehm, bei einer Detonation wäre auch das Schierlinger Umland und die Stadt Regensburg in Gefahr gewesen. Diese Kampfstoffe kamen zwar nie zum Einsatz, wurden aber vermutlich „um den 15. April auch in Regensburg“ auf Schiffe geladen.

Da die US-Streitkräfte von diesen für alle gefährlichen Kampfstoffen wussten, hätten sie, so Ehm, nach einer entsprechenden Meldung durch deutsche Parlamentäre am 26. April einen „den ganzen Tag währenden ‚nichterklärten Waffenstillstand‘“ gewährt. Ohne alle Details restlos klären zu können, geht Ehm davon aus, dass die deutsche 1. Armee im Auftrag des Oberkommandos Süd am frühen Morgen des 27. Aprils „eine hochrangige Offiziersdelegation zu den Amerikanern entsandte, um die Schierlinger Bestände zu übergeben“ (S.396). Einen direkten Zusammenhang zwischen der Übergabe der chemischen Kampfstoffen aus der Muna Schierling und dem spektakulären Abzug der Regensburger Kampfgruppe vom 27. April (was sich Bürger auf seine Fahnen schrieb) konnte Ehm offenbar nicht belegen, obwohl er seit den 1990er Jahren danach sucht.

Anders als Robert Bürger (und im Anschluss an ihn der Stadtheimatpfleger Werner Chrobak) meint, gab es keine Pläne der US-Army zur Einnahme Regensburgs. Regensburg sei „nicht im Mittelpunkt des amerikanischen Vormarschs“ gestanden, so Ehm, „sondern war lediglich ein Hindernis auf dem Weg zu einem größeren Ziel“. Ehm kann das Vorgehen der amerikanischen Streitkräfte und den Rückzug der deutschen im Detail nachzeichnen und alte falsche Darstellungen korrigieren. „Der Versuch der Amerikaner, sich der Regensburger Brücken durch einen schnellen Stoßtrupp aus dem Raum Burglengenfeld zu bemächtigen“, sei „durch deren übereilte Sprengungen, die allerdings auch die deutschen Verteidigungsplanungen konterkarierten“, gescheitert. Es ist Ehm ein besonders Anliegen, ins Reich der Legenden zu verweisen, „dass ein Gefecht, das fanatisierte jugendliche Soldaten einer SS-Division bei Kapfelberg den mit Sturmbooten übersetzenden Amerikanern lieferten, deren Vormarsch auf Regensburg zeitweise aufgehalten und eine Einschließung der Stadt am 26. April verhindert habe.“ (S. 397) Laut Ehm geht diese Legende primär auf Robert Bürger zurück und werde seit Jahren vom dem ehemaligen bayrischen Schulrektor und Reserveoffizier a.D. Werner Sturm wiederholt.

In Untersuchung des Rückzugs der Wehrmacht aus Regensburg in der Nacht zum 27. April, eine zentrale Fragestellung der Studie, kommt Ehm zu dem Ergebnis, dass es für die militärische Führung im Südraum bereits am 26. April absehbar gewesen sein dürfte, „dass eine ‚Donaulinie‘ nicht zu halten war“. Entsprechend hätten sich „in der Nacht zum 27. April auch große Teile der in Regensburg stationierten und durchaus mobil ausgerüsteten Wehrmachtseinheiten nach Südosten in Richtung Isartal“ zurückgezogen. Dieser Rückzug sei unter anderem „durch Aufzeichnungen der OSS-Agenten an der Reichsstraße nach Landshut und der Befragung deutscher Kriegsgefangener und Zivilisten durch die Amerikaner“ belegt. Ob es sich bei diesen „Wehrmachtseinheiten“ um die Regensburger „Kampftruppe“ (so Bürger), oder um desertierende bzw. flüchtende Einheiten oder befehlsgemäße Rückzugsbewegungen handelt, kann Ehm offenbar nicht genau sagen.

Freudige Nachricht Colonel Dunkleys an seine vor der Stadt wartenden Truppen nach der Kapitulaiton der Restgarnison. Foto: R. Ehm/NARA, 407/427/9573

„An der Darstellung des Zeitzeugen Robert Bürger“ hegt Ehm indes Zweifel, „zumal sich einige Angaben aus seiner Hauptquelle nicht bestätigen lassen“ würden. Jedoch sei „die vollständige Verneinung dieses Abzugs durch die Autoren Eiser und Schießl in ihrer Breite ebenfalls nicht belegbar“. Dass die Hauptquelle Bürgers (eine angeblich von ihm persönlich vorgenommene Abschrift des kurz darauf vernichteten Kriegstagebuchs, die nur in diversen Kopien vorliegt und in geschwärzten und geweißten Varianten zu unterschiedlichen Zeitpunkten an verschiedenen Orten mit vorläufiger Geheimhaltungspflicht von Bürger erstmals in den 1970-ern hinterlegt wurde) mehr als fraglich, manipuliert und somit quellenkritisch betrachtet wertlos ist, scheint Ehm gar nicht zu erwogen zu haben, jedenfalls gibt es hierzu keine Ausführungen. (S. 398)

Eine weitere Kernfrage der Studie und ein Hauptanliegen Ehms ist die Klärung, wem das Verdienst der kampflosen Übergabe der Stadt Regensburg zukommt. Das Ergebnis: Weder Matzke noch Bürger. Die in jüngerer Zeit aufgekommenen Interpretationen (gemeint ist die Arbeit Eiser und Schießl) hätten „zu einer teils mit großer medialer Schärfe ausgefochtenen lokalen Debatte geführt – und letztendlich auch zur Erarbeitung dieser Studie beigetragen“, so Ehm. Obwohl die eigentlichen Vorgänge „nicht zur Gänze aufgeklärt werden konnten“, geht er davon aus, dass es im Fall von Regensburg eine „zivile Übergabe“ der Stadt und eine „militärische Kapitulation einer Restgarnison“ gegeben habe. Diese zwei Vorgänge seien andernorts bzw. üblicherweise „in einem Schritt vollzogen“ worden, aber eigentlich „zwei getrennte Handlungsstränge“.

Laut Ehm erscheint folgender Ablauf als gesichert: „Der vormalige ‚I a‘ des Kampfkommandanten, Major Othmar Matzke, hatte in den frühen Stunden des 27. April 1945 Oberbürgermeister Otto Schottenheim davon in Kenntnis gesetzt, dass die Kampfgruppe sowie die Kreisleitung der NSDAP in der Nacht die Stadt verlassen hatten“. Daraufhin habe man sich „auf einen Parlamentär, Schottenheims Schwager, Generalmajor a.D. Hermann Leythäuser“ geeinigt. Matzke sei dabei aber „von einer militärischen Kapitulation“ ausgegangen, „Schottenheim von einer Übergabe der zivilen Stadt.“ (S. 398)

Major Matzke (re.) im ersten Gespräch mit Colonel Dunkley am 27. April. Foto: Günter Schießl, Veranstaltung vom April 1995 im ehemaligen Kreisleiterbunker Regensburgs

Laut Ehm ist gemäß den eingesehenen Quellen der US-Army nun belegt, dass „Leythäuser gegen 10:20 Uhr vor Colonel Carl E. Lundquist, Kommandeur des 14th Infantry Regiments der 71 st Infantry Division, in dessen Gefechtsstand in Sarching eine Übergabeerklärung namens der Stadt“ unterschrieb, die um 14 Uhr in Kraft getreten ist. Als daraufhin eine andere US-Division als erste in die Stadt einmarschierte, verlangte deren Kommandeur vom dort angetroffenen Wehrmachtsmajor Othmar Matzke auch eine militärische Kapitulation. Matzke, „offenbar nur unzureichend über das informiert, womit Schottenheim seinen Schwager beauftragt hatte“, habe sich dann gegenüber den Amerikanern darauf berufen „dass ein General die Stadt übergeben solle“. Daraufhin habe man, so Ehm, wiederum Generalmajor a.D. Leythäuser herbei geholt. Als dieser „am Petersweg eintraf, vollzog er, gleichsam als von Major Matzke beauftragter Soldat, die formelle Kapitulation der Wehrmachts-Garnison. Zwischenzeitlich zeigten die Uhren nach 14:00 Uhr.“ (S. 321). Erst danach seien „Oberbürgermeister Schottenheim und Bürgermeister Herrmann aus dem Rathaus zur Kommandantur am Petersweg gebracht“ (S. 399) worden, so Ehm, ohne dass sie irgendeine Erklärung abgegeben hätten. Die Frage, wem das „Verdienst“ der Übergabe zukomme, beantworten Ehm/Smolorz gar nicht mehr.

Abschließend noch gebotene Anmerkungen zu den Ergebnissen, die unter dem Titel Regensburg als Kristallisationspunkt geheimdienstlicher Aktivitäten vorgestellt werden. Dies ist ein riesiges Forschungsfeld, das im Stadtratsbeschluss, mit dem die Studie bewilligt wurde, eine wichtige Rolle spielt und von Roman Smolorz seit etwa 15 Jahren bearbeitet wird. In der Beschlussvorlage von 2014 führte Wanderwitz an, dass anhand der bestehenden Studien von Smolorz, „die intensiv durch das Stadtarchiv gefördert worden sind“, deutlich erkennbar sei, „dass Regensburg in jener Umbruchszeit von 1944 bis 1946 mehr Bedeutung zukam als vielen anderen bayerischen Städten“. Hier hätten „alle Geheimdienste der Alliierten, bzw. der ehemaligen Alliierten“ operiert und sich „antikommunistische Gruppen aus dem osteuropäischen Raum“ gesammelt. Die Rolle der „alliierten Geheimdienste vor der Kapitulation im April 1945 in Regensburg“ stelle allerdings ein „Desiderat der Forschung bis heute“ dar.

Anders als in der Beschlussvorlage in Aussicht gestellt, kann Smolorz in April 1945 keine relevanten neuen Erkenntnisse oder für die Regensburger Stadtgeschichte relevante Details und Zusammenhänge liefern. Was er bietet, kommt über eine knapp und oberflächlich gehaltene Zusammenfassung der längst bestehenden Studie „Displaced Persons – Autoritäten und Anführer im ausgehenden Kalten Krieg im östlichen Bayern“ kaum hinaus. Die Arbeit zu den Displaced Persons wird vom Regensburger Stadtarchiv herausgegeben, hat mittlerweile zwei Auflagen (von 2006 und 2009) und 165 Seiten. Erstellt hat sie Smolorz als langjähriger Archivmitarbeiter – „intensiv gefördert“ durch Dr. Wanderwitz. Eine Rezension dieser Arbeit von 2012 vermisst, „analytische Tiefe“ und beklagt, dass kein „echter wissenschaftlicher Diskurs aufgenommen (werde), der die Einzelbefunde kontextualisiert und problematisiert“ – generell wird einen „Mangel an Systematik“ konstatiert. Smolorz´ Arbeit habe den „Charakter einer wissenschaftlichen Materialsammlung, die nur ansatzweise zum systematischen Aufriss und kaum zur Analyse vorstößt.“ (Hier zu der Rezension von Prof. Martin Hille)

Seine eigenen Verstrickungen in die Legendenbildung rund um das Kriegsende in Regensburg wollte Dr. Heinrich Wanderwitz offenbar nicht aufgearbeitet sehen – er hatte Erfolg. Foto: Archiv

Was für das ursprüngliche Werk (von 2006/2009) gilt, gilt freilich auch für die von Smolorz in April 1945 dargebotenen zusammenfassenden Auszüge. Das beklagte „Desiderat der Forschung“ konnte also nicht beseitigt werden. Ob dies je vorgesehen war, oder es sich nicht eher um eine taktische Begründung gegenüber dem Stadtrat handelte, sei dahingestellt.

An einem von Smolorz seit Jahren immer wieder präsentierten Beispiel, der sogenannten Heilig-Kreuz-Brigade, möchte ich noch auf seine von antikommunistisch-ideologischen Tendenzen geprägte Arbeitsweise eingehen. Als der national-konservative polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki im Februar 2018 (als die April-Studie noch nicht beendet war) nahe München am Grab von Soldaten der Heilig-Kreuz-Brigade Blumen niederlegte, führte dies zu internationalen Protesten, darunter in liberalen polnischen Zeitungen. Verständlicherweise, gilt die Heilig-Kreuz-Brigade doch als faschistischer, polnisch-antikommunistischer und offen antisemitisch agierender Militärverband, der immer gegen die Rote Armee, regelmäßig gegen Juden bzw. jüdische Partisanen und anfangs gegen die Wehrmacht kämpfte und in den 1940er Jahren ein wichtige Einheit der sog. Nationalen Streitkräfte (NSZ) war. In Absprache mit den US-Streitkräften und der Wehrmacht zog sich die Heilig-Kreuz-Brigade Anfang Mai 1945 über Böhmen nach Bayern zurück und löste bei diesem Rückzug auch das Flossenbürger KZ-Außenlager Holleischen bei Pilsen auf.

Roman Smolorz betont in seinen Arbeiten zu der Heilig-Kreuz-Brigade immer deren „aufrichtigen“ Antikommunismus, interessiert sich aber nicht für deren Antisemitismus. In der vorliegenden Studie April 1945 schreibt Smolorz diesbezüglich, „eine polnische Partisanen-Brigade“ habe in Böhmen den Deutschen ihre Zusammenarbeit aufgekündigt, und das Außenlager Holleischen „von den SS-Wachen“ befreit. (S. 380) Dass die Heilig-Kreuz-Brigade so lange es ging Juden verfolgte und lynchte, erfährt man bei Smolorz nicht, sie tritt bei ihm unter den positiv konnotierten Bezeichnungen „Partisanen“ und „Befreier“ eines KZs auf. Stattdessen schildert er detailliert, wie sich nach dem Krieg einige Befehlshaber der Brigade jahrelang in Regensburg aufhielten, mit diversen Geheimdiensten agierten und einer von ihnen dort eine polnische Kompanie des „Labor Services der US-Army“ befehligte, die Insassen des Regensburger Internierungslagers bewachten. Für Smolorz ist klar:

„Bei den Polen in Regensburg, die zahlreiche befreite Landsleute aus den Konzentrationslagern in Flossenbürg und Mauthausen sowie Kriegsgefangene aus Murnau und befreite Zwangsarbeiter um sich scharten, handelte es sich offensichtlich um Antikommunisten, die alle Möglichkeiten in Anspruch nahmen, sich dem Zugriff der Roten Armee in der Heimat zu entziehen“. Mancher habe sich aus „demselben Grund während des Kriegs als Partisan nicht gescheut, mit den Nationalsozialisten eine kurze Zusammenarbeit aufzunehmen, um sich vor der Vernichtung zu retten.“ (S. 382)

Im Vorgehen von Smolorz werden jüdische oder kommunistische Überlebende mit polnischem Hintergrund in Regensburg ausgeblendet, ebenso der Antisemitismus der Heilig-Kreuz-Brigade. Was dieser Antisemitismus mit der Regensburger (Nachkriegs-)Gesellschaft zu tun hatte, das interessiert Smolorz überhaupt nicht, obwohl es eine interessante Fragestellung für die Studie gewesen wäre. Ebenso wenig kommt zur Sprache, dass überlebende Zwangsarbeiter aus Holleischen (tschechisch: Holýšov), die im Mai 1945 von der Heilig-Kreuz-Brigade „befreit“ wurden, mehrfach in Regensburg von ihrem damaligen Elend erzählten. So etwa Maria Cheejlavova, die 2008 auf eine Einladung der VVN hin nach Regensburg kam.

IV. Lücken und Mängel der Studie

Die Studie April 1945 vermeidet es penibel, auf die tiefen Verstrickungen des Stadtarchivars Wanderwitz, der die Studie auf den Weg gebracht hat (hier die Recherchen von regensburg-digital, die dies aufgedeckt haben) einzugehen. Wanderwitz – von 1984 bis 2015 Stadtarchivar – war seine gesamte Dienstzeit mit der Thematik Regensburger Kriegsende befasst. Schon im Februar 1985 befragte er, zusammen mit dem Leiter der bischöflichen Zentralbibliothek Dr. Werner Chrobak, den bereits erwähnte Wehrmachtsmajor Othmar Matzke zum Thema. Die daraus resultierende 90seitige Verschriftlichung des Interviews galt Monate lang als verschollen, bis sie angeblich auf dem Schreibtisch des Archivleiters wiedergefunden wurde. Als Matzke im Jahre 1992 in Regensburg weilte, weigerte Wanderwitz sich, dessen Argumente bezüglich der Bürgerschen Version vom Kriegsende anzuhören und verschleppte eine bald darauf eingehende Anfrage Matzkes an die zwischenzeitliche Oberbürgermeisterin Christa Meier. In einem diesbezüglichen internen Schreiben stufte Wanderwitz das Verhalten von Matzke nicht als Verdienst sondern als militärische Pflichtverletzung ein und regte bei OB Meier an, „an Major Matzke einen nichtssagenden Brief zu senden“, die städtische Rente für Schottenheim (angeordnet von OB Hans Herrmann wegen „der Verdienste für die Stadt“) aber strikt zu verschweigen.

Im März 1997, kurz vor seinem 83. Geburtstag, schrieb Othmar Matzke erneut nach Regensburg – dieses Mal an Oberbürgermeister Hans Schaidinger. Er bat die Stadt konkret um eine monatliche Rente und, für die Zeit nach seinem Tod, um einen Platz für seine Urne. Schaidinger leitete die Bitte Matzkes an den fachlich zuständigen Archivar Heinrich Wanderwitz weiter, der den Brief wenige Tage später unbearbeitet in den Archivbestand aufnehmen ließ. Am 16. Januar 1999 verstarb Othmar Matzke in Mautern an der Donau, ohne von der Regensburger Stadtverwaltung noch eine Antwort bekommen zu haben.

Die von Stadtarchivar Wanderwitz eingefädelte und Ehm/Smolorz bearbeitete Studie hat all diese Vorgänge, die beispielhaft für das parteiische und verschleppende Wirken der Stadtverwaltung stehen, weder erwähnt geschweige denn bearbeitet. Eine wissenschaftliche, nicht interessensgeleitete Studie, die auch die Rolle Othmar Matzkes zum Kriegsende vorbehaltlos darstellen wollte, wäre sicherlich anders vorgegangen.

Besonders gravierend ist, dass die Studie April 1945 die Rolle und Verantwortung des damaligen Diözesanbischofs Michael Buchberger und seiner Geistlichen völlig ausblendet. Buchberger wird im städtischen Diskurs allenfalls, oder besser: unter vorgehaltener Hand, ein „Versagen“ angekreidet, weil er das standrechtliche Verfahren bzw. die Hinrichtung seines Dompredigers Maier protestlos hingenommen habe. Dass Buchberger wie kaum ein anderer Bischof darüber hinaus die Zusammenarbeit mit dem NS-Regime gesucht und teils auch kollaboriert hatte (ausführlich dazu), gleich nach dem Krieg aber das NS-Opfer Johann Maier schamlos instrumentalisierte, darüber verschwenden Ehm und Smolorz kein Wort.

Bischof Buchberger, der unter anderem Sozialdemokraten, Juden und Freimauerer als Bedrohung der Kirche herbei schrieb – bei der Gedenkfeier für Domprediger Johann Maier am Dachauplatz 1950. Foto: Stadt Regensburg.

Ebenso wenig darüber, dass Buchberger selber antisemitische Traktate und hetzerische Beiträge des Bistumsblatt verantwortete und rassenhygienische Abhandlungen des Antisemiten und Geistlichen Prof. Dr. Josef Engert (hier zu Engert) gewähren ließ. Eine vorbehaltlose und nicht interessensgeleitete Studie wäre nicht umhin gekommen, diese im offiziösen Diskurs tabuisierten und bislang kaum erforschten Zusammenhänge aufzuarbeiten.

In direktem Zusammenhang damit steht, dass die Studie die Rolle der katholischen Kirche zur Zeit der amerikanischen Militärregierung – insbesondere bei der Entnazifizierung (S. 348), im Umgang mit NS-Tätern und Kriegsverbrechern und beim Wiederaufbau der Kommunalverwaltung – entweder gar nicht oder verzerrt darstellt und entsprechende Grundlagenforschung ignoriert (so etwa: Bernhard Lehmann, Katholische Kirche und Besatzungsmacht in Bayern 1945 – 1949 von 1994). Beispielhaft und bezeichnend für das Vorgehen hierbei ist etwa, dass Roman Smolorz die sogenannte Weiße Liste (Hg. von Henric Wuermeling, 2015) der amerikanischen Geheimdienste von Dezember 1944 – „auf der jene Personen gestanden haben, die aus amerikanischer Perspektive nicht als belastete Nationalsozialisten standen“ (S. 348) – als „kein zuverlässiges Hilfsmittel“ abqualifiziert, weil sie Hans Herrmann empfohlen und nichts von seiner Parteimitgliedschaft gewusst habe.

Was Smolorz dabei aber verschweigt ist, dass die Ersteller der Liste ausdrücklich gefordert haben, dass alle darin genannten Personen vor ihrer Verwendung noch eigens überprüft werden müssen. Tatsächlich aber blieb Hans Herrmann aufgrund einer aktuellen Forderung von Bischof Buchberger bis August 1945 im Amt. Blickt man in der Weiße Liste auf die 23 für Regensburg empfohlenen Personen, stammten 18 davon aus dem Umfeld der katholischen Kirche (Druckerei Habbel & Held) bzw. der ehemaligen BVP – diese Empfehlungen kamen aus Kirchenkreisen. All dies ignoriert Smolorz, ebenso die tatkräftige Unterstützung, die der SS-Förderers Hans Herrmann dem NS-Regime pflichtschuldig zukommen ließ.

Abschließend noch Anmerkungen zum Umgang Studie April 1945 mit der Glaubwürdigkeit Robert Bürgers. Ehm und Smolorz verwerfen Bürgers Legende nur teilweise, jedoch mit einer besserwisserischen Überheblichkeit gegenüber anderen: „Tatsächlich lässt sich vieles in der Darstellung von Bürger nicht bestätigen – teils jedoch nur mit anderen Belegen und Argumenten als den von Eiser und Schießl angeführten.“ Deren Beweisführung sei „mitunter nicht schlüssig und partiell schnell zu widerlegen“. (S. 31).

Darüber hinaus kritisieren Ehm und Smolorz bei Eiser/Schießl (zu Recht) die „sehr offensichtliche Tendenz“, die Angaben von Matzke nicht zu hinterfragen (S. 31). Sie monieren, dass Eiser/Schießl nicht nur eine „legitim(e) und zweckmäßig(e)“ Kritik an der Arbeit von Bürger vorgetragen haben, sondern auch die an der Integrität und Glaubwürdigkeit des ehemaligen Wehrmachtsmajor angezweifelt haben.

Die Studie April 1945 geht aber nicht darauf ein, dass auch andere Autoren Bürgers Integrität angezweifelt haben. So sprach etwa Sven Keller (der 2013 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Münchner Institut für Zeitgeschichte eine von der Stadt geförderte unabhängige Promotion anregte) in seiner Stellungnahme von einer „obskuren Quellenbasis“ Bürgers und davon, dass Eiser und Schießl „die Glaubwürdigkeit des vormaligen Offiziers aufs Schwerste erschüttert“ hätten. Bürger sei es in den 1950er-Jahren, so Keller, um „Nachruhm“, die „eigenen Versorgungsansprüche“ gegangen „und die Übernahme in die gerade neu entstehende Bundeswehr abzusichern“ (siehe: Streitsache: Kriegsende in Regensburg; Regensburger Almanach 2013). Mit dergleichen setzt sich das Duo Ehm/Smolorz in April 1945 nicht auseinander.

Robert Bürger als Kommandeur der Unteroffizierschule Sonthofen um 1965 – ein Ehrenmann? Foto: privat

Obwohl mit der Arbeit von Eiser/Schießl von 2012 (oder mit der Auswertung des Nachlasses von Otto Schottenheim) unverkennbar ist, dass Bürgers Vorgehen und Arbeiten auf Intrige, Täuschung und Manipulationen basieren, behandelt  die Autoren Ehm und Smolorz  Robert Bürger als seriösen Ehrenmann und sein Werk als ein wissenschaftliches, das allenfalls gewisse Irrtümer aufweise. Ein Blick in Bürgers „Quellen“, Entwürfe und Manuskripte zeigt aber, dass er, auf sich allein gestellt, gar nicht in der Lage war, eine Arbeit zu verfassen, die wissenschaftliche Mindeststandards erfüllt. Dass Bürger systematisch manipulierte und die ganze (wissenschaftliche) Community narrte, er seinen besagten Aufsatz in den Verhandlungen des Historischen Vereins Regensburg (1983) nur mit Hilfe des Stadtheimatpflegers und Leiters der Bischöflichen Zentralbibliothek, Werner Chrobak, veröffentlichen konnte – all diese Untiefen haben die Autoren Ehm und Smolorz leider nicht erforscht. In ihrer Bearbeitung der Rolle des Wehrmachtsmajor Othmar Matzkes wirken sie parteiisch und befangen.

Hätten die Bearbeiter von April 1945 ihren strukturelle Analyse geweitet, wäre etwa ein ganzes Geflecht von Interessenslagen und eine klerikal geprägte Stadtgesellschaft mit antisemitischen Akteuren zum Vorschein gekommen, die sich bis heute gerne damit schmückt, „dass die NSDAP in Regensburg bei den Wahlen 1932 und selbst noch im März 1933 vergleichsweise schlecht“ abgeschnitten habe (Skriebeleit, Spoerer, Wolter, 2017, S. 18). Oder  jene Kreise, die Bürgers so heldenhafte wie wundergläubige Darstellung des Kriegsendes benutzt haben, um den Kult um den als Märtyrer klassifizierten Domprediger Johann Maier zu unterfüttern; oder jene gesellschaftliche Sektoren, die die Legenden von der ehrenhaft und schuldlos gebliebenen und letztlich doch verdienstvoll gewordenen Wehrmacht nähren wollen.

Obwohl die mit einer überreichlichen städtischen Finanzierung ausgestatteten Autoren Rainer Ehm und Roman Smolorz in April 1945 viele neue Details und Personen, bislang unbekannte Zusammenhänge und Abläufe darlegen können, haben sie die wohl einmalige Gelegenheit, die nationalsozialistische Geschichte der Rüstungs-, Dom- und Garnisonsstadt Regensburg, ihr Kriegsende und die ersten Nachkriegsjahre umfassend und vorbehaltlos darzustellen, leider vertan.

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Kommentare (11)

  • Nachdenklich

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    Kommentar gelöscht. Keine unbelegten Theorien/Unterstellungen.

  • XYZ

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    In der Reichsstadt Augsburg war es anders, Einmarsch der Amerikaner am 28.04.1945. Organisiert wurde der friedliche Einzug von allen Seiten der Bürger, die von den unmenschlichen Schrecken genug hatten. Überall hingen weisse Fahnen, auch vom zerstörten Renaissance-Rathaus, und dann zogen sie weiter zur Alpenfestung.

  • XYZ

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    Nach Berchtesgaden flüchteten sich einige Nazigrössen, so auch Gen.Feldmarschall Göring – Hitler war aber gar nicht mehr dort. 1945 befand sich in Augsburg das amerikanische headquarter und die crime commission und danach mehrere Divisionen.
    Das grosse ehemalige Reichswehr- Gelände wurde von der Stadt nach dem Abzug der Amerikaner – oder Bundeswehr – ohne grössere Probleme zu Wohnquartieren umfunktioniert.

  • Lenzerl

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    Sehr geehrter Herr Werner,
    Danke für Ihre Auseinandersetzung und Analyse zu dem neuen Buch zum Thema Kriegsende in Regensburg! Sie setzen sich wie immer als einer der wenigen Kenner der Materie vor Ort intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus, Kriegsende und Legendenbildung auseinander. Und Sie greifen mit Sicherheit auch eine ganze Reihe an Punkten auf, die in dem vorliegenden Band zu kurz kommen (Rolle von Erzbischof Buchberger etc.) – das vorliegende Material hätte meines Wissens nach für den doppelten Umfang gereicht! Ich kann auch Ihren Standpunkt nachvollziehen, der angesichts der von Ihnen wahrgenommenen Defizite die „überreiche Finanzierung“ des Werkes durch die Stadt Regensburg kritisiert. Dieser Standpunkt ist einfach jedoch Ihre Ansicht, die Sie selbstverständlich äußern dürfen und müssen. Was mir dabei aber gar nicht gefällt, ist jenseits der Sachargumente, die Art und Weise, wie Sie Rainer Ehm und Roman Smolorz immer wieder „Überheblichkeit“, „interessengeleitete Forschung“ und „Naivität“ unterstellen. Diese persönliche Abwertung hat in der wissenschaftlichen Diskussion, die Regensburg so dringend braucht, meiner Meinung nach nichts zu suchen und spiegelt einfach ihren eigenen interessengeleiteten Standpunkt. Das vorliegende neue Buch ist einfach der nächste Schritt auf dem immer noch langen Weg zur Erforschung des Kriegsendes und seiner nachfolgenden politisch-persönlichen Instrumentalisierung! Es wäre schön, wenn Sie dies bei aller gerechtfertigten Kritik an der einstigen Verschleppungstaktik von Stadtarchiv und Co. etwas mehr hätten würdigen können.

  • Sir Sonderling

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    Lenzerl, Du triffst den Nagel auf den Kopf.
    Trotz aller Faktensicherheit des lesenswerten Beitrags – angesichts der zahlreichen persönlichen Abwertungen möchte man fast meinen, dass Robert Werners Urteil über das besprochene Werk schon vor dessen Veröffentlichung fest stand.
    Diese Eindruck trübt meine Wertschätzung des Artikels.

    Auch in diesem Sinne, leider: Chance vertan.

  • R.G.

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    „Um das Regensburger Kriegsende und die Gründe für die kampflose Übergabe der Stadt an die US-Streitkräfte im April 1945 ranken sich viele Legenden. Nach dem Krieg schmückten sich etliche Akteure mit ihrer gewichtigen Beteiligung an den damaligen Vorgängen“
    Es wundert mich sehr, dass man sich nicht mit Zeitzeugenberichten auseinandersetzte, wie sie unterschiedlichen Archiven aufliegen.

    Was haben die Autoren unternommen, um an Neues heranzukommen, wo unterschiedliche Interpretationen über die tragende Rolle zur kampflosen Übergabe der Stadt vorliegen? Bat man in Seniorenverbänden um Schilderungen von aus der Stadt geschleusten Soldaten oder andere noch nicht bekannte Erfahrungen aus den Tagen gegen Kriegsende, die die eine oder andre These bestätigen könnten?
    Fragte man in Foren nach Kenntnis über die Geschehnisse um Regensburg 1945? In den Portalen waren jeweils einzelne hervorragend kenntnisreiche Mitglieder. Meine Anfragen wurden alle mit Quellenangaben bestens beantwortet, nachdem ich von Historikern keine hilfreichen Informationen erhalten hatte.

    Seit Inkrafttreten des neuen Datenschutzgesetzes sind die meisten freien Informationen aus dem Netz verschwunden. Unwiederbringliches Wissen.

  • joey

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    @ R.G.
    richtig, die Zeitzeugen sind eine wichtige Quelle, die leider auch vergänglich ist. Man sollte die letzten Gelegenheiten nutzen.
    Jahrzehnte lang wurde nichts erzählt, oft auch „weil es niemand hören wollte“. Alle Zeitgenossen hatten ja ähnliche Geschichten erlebt. Einige wollten sich sicher auch nicht juristisch belasten – was in letzter Zeit leider noch verschärft wurde. Leider darf man auch nicht alles glauben.

    In meiner Erfahrungslinie habe ich oft Erleichterung bei Befragten gesehen: endlich diese Geschichte loswerden. Ein Jurist, der an der Nichtverurteilung von Kriegsverbrechern beteiligt war, hat mir mitgegeben: „ich konnte schlimmste Verbrechen nicht bestrafen – bitte tragt die Geschichte wenigstens weiter“.
    Das ist es, was wir tun können: die Erinnerung wach halten und solche Aufträge weiterreichen.

    Übrigens:
    Für Forschungswillige: es gibt ein US Archiv in Maryland, wo vieles schön gesammelt ist
    https://www.archives.gov/
    weiterhin gibt es gleich hier bei uns in der Nähe Flossenbürg, auch dort sind Archive erreichbar
    https://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/start/
    Wer sich für Militärangehörige Interessiert
    https://www.dd-wast.de/de/startseite.html (Personalakten) und https://www.mhmbw.de/ (Einheiten und ihre Taten)
    In der Regel werden personenbezogene Daten nur ausgegeben, wenn man ein begründetes Interesse nachweist. Dann forscht nach Euren Vorfahren. Ihr kriegt alles, wenn Ihr nur wollt. Gibt es einen Grund, etwas nicht wissen zu wollen?

  • XYZ

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    Dazu kann ich nur noch sagen: es hat den Untergang aller unmenschlichen Rassenvorstellungen am Tag der Wahrheit bedurft, und die psychisch gestörten und desortientierten und ungebildeten Täter entzogen sich ihrer Verantwortung.

  • XYZ

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    Bin zwar kein Zeitzeuge , damals noch ein kleines Kind, aber mein Vater und meine Mutter haben mir erzählt wie im gemeinsamen Haus in der Augsburger Fröhlichstrasse der jüdische RA mit Stern (nach KZ bald verstorbener OB) nicht mal mehr begrüsst werden durfte, dann enteignetes Polizei-Präsiduum – wie in München in der Romanstrasse ? Solche Traditionen sind fatal.

  • M. Infüzei

    |

    Ich erinnere, dass der Kollege Dr. Seven Keller, einer der Spezialisten für Kriegsende des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und derzeitiger Leiter des Obersalzberg-Dokuzentrums, im Oktober 2013 der Regensburger Stadtverwaltung empfahl, zur unabhängigen Erforschung des Kriegsendes ein Stipendium für eine Promotion auszuloben. So etwas hätte zwischen 40- und 50Tausend Euro gekostet und nach drei Jahren wäre alles Wesentliche erforscht gewesen.

    Hier kann ich nun lesen, und mit großer Verwunderung zur Kenntnis nehmen, dass die Stadtverwaltung tatsächlich einen Lokalhistoriker (der auch SPD-Funktionär ist) und einen Osteuropa-Historiker (der langjähriger Mitarbeiter des Stadtarchivs war) mit einer 250.000Euro schweren Studie beglückt hat und sich die Professoren Spoerer und Löffler dafür hergegeben haben, die Studie administrativ abzuwickeln und ihr den Titel „in Zusammenarbeit mit der Universität“ zu verleihen, ohne selber geforscht zu haben.

    Bezeichnend für die Qualität der Studie April 1945 finde ich es bspw., wenn Smolorz darin „neue“ Forschungsergebnisse präsentiert, die er aber bereits 2003, 2006 und 2009 veröffentlicht hat. Skandalös finde ich es, wenn die Heiligkreuz-Brigade als „Partisanen“ und „Befreier“ eines Konzentrationslagers qualifiziert werden, ohne auf ihre faschistische Ideologie und antisemtische Vernichtungspraxis einzugehen.

    Als der polnische Ministerpräsident Morawiecki (PIS) die Heiligkreuz-Brigade in München 2018 als ehrenwerte Soldaten ehrte, wurde dies vielerorts, auch in Polen, als ungeheuerliche Provokation zurückgewiesen. In Regensburg scheint man davon nichts wissen zu wollen und noch gar nicht gemerkt zu haben, wessen Geschäft Roman Smolorz mit seinem ideologisch aufgeladenen Faible für die Heiligkreuz-Brigade betreibt.

  • A.K.

    |

    Roman Smolorz behauptet von sich, zu Regensburg nur historische Ereignisse darzustellen und Geschichte zu schreiben. Die politischen Verwicklungen und Interesen Einzelner würden ihn nicht interessieren. Das sei Politik.

    Wenn man im Artikel nun liest, dass Smolorz über Jahre, bestens finanziert durch städtische Aufträge, die Heiligkreuz-Brigaden und die Nationalen Streitkräfte (NSZ) als antikommunistische Helden abhandelt, ohne deren Verbrechen und antisemitische Politik zu thematisieren, zeigt sich, dass Smolorz sehr wohl politische Interessen verfolgt (den von ihm vorgegebenen interessenslosen Historiker und Wissenschaftler gibt es m.E. eh nicht, nur wissenschaftliche und womöglich überzeugende Arbeitsweise).

    Die Rehabilitierung der Heiligkreuz-Brigade und der NSZ ist eines der zentralen Anliegen der rechtsextremen polnischen Parteien und der regierenden PiS. Smolorz scheint eben dies unterstützen zu wollen. Dass die Stadt Regensburg dergleichen finanziert, ist völlig unverständlich und unangebracht.

    Falls die diesbezüglichen Zusammenhänge und Entwicklungen in Polen näher interessieren: hier der Link zu einem Artikel von Eva Spanka und Andreas Kahrs, Die Bewegung marschiert Ruch Narodowy und Polens extreme Rechte, erschienen in: OSTEUROPA, 64. JG., 1/2014, S. 129–140
    https://www.zeitschrift-osteuropa.de/site/assets/files/3375/oe140108.pdf

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