SOZIALES SCHAUFENSTER

Kolumne

HEIMKOMMEN #7:  Abgsagt is!

Heimatstolz. Heimatsound. Sogar Heimatministerium. Kaum ein Begriff wurde in den vergangenen Jahren so sehr missbraucht wie das Dahoam. Flo Neumaier ist Nachwuchsautor, Humorazubi beim Fernsehen und Regensburger a.D. – Für regensburg-digital schreibt er regelmäßig über seine Besuche, sein Heimweh, sein Regensburg. Heute geht’s um die abgesagte Herbstdult.

Was ist ein Grund zum Heimkommen? Für viele wohl die Regensburger Dult. Dass die Maidult in diesem Jahr nicht stattfinden kann, war klar. Jetzt ist auch die Herbstdult offiziell abgesagt. Ich finde: Kein Grund zur Trauer. Volksfeste. Kein junger Bayer kommt daran vorbei. Ich hatte erst Startschwierigkeiten. Dann einen rechten Rausch. Aber von vorn.

Sozialisiert bin ich mit dem Straubinger Volksfest unter Nicht-Kennern auch Gäubodenfest genannt. Die Regensburger Dult kam später dazu. In der Schulzeit. Wenn alle möglichen Unsicherheiten und das mal vorsichtigere, mal schnellere Herantasten bzw. Hineinrasen in die Welt des Alkohols das Leben sowieso unnötig kompliziert machen. Für mich war es die falsche Veranstaltung, zur falschen Zeit.

Beim ersten Mal gab’s noch gar kein Bier im Zelt, sondern nur ein paar paranoid gekippte Halbe an der Donau. Bloß nicht erwischen lassen und dann bei den Securities einen möglichst nüchternen Eindruck machen. Besoffen werden, dann nüchtern spielen. Besoffen sein, es aber keine Sekunde genießen. Jugend halt.

Unangenehm? Mehr davon!

Uriniert wird allerorten. Jeder Regensburger kennt den Duft der Dult-Donau, jede Welle gekrönt von einem blassgelben Häubchen. Klar. Irgendwo muss er ja auch hin. Der Schaum, der die Hälfte meiner Zwölf-Euro-Mass ausmacht.

Die ist noch immer nicht da. Da beginnt vorne im Zelt die Schlagerkapelle mit Hulapalu und in der ersten Reihe choreographiert das Mallepublikum grölend den traditionellen Bierbankwipper. Dass das nicht nur akustisch, sondern auch rein statisch eine Zumutung ist – für Mensch und Material – versteht sich.

Kurzum: Volksfeste sind das abstoßende Missverständnis bayerischer Traditionsdarsteller, aufgeladen mit sozialen Komplexen jeder Couleur, vermischt mit finanziellem Kahlschlag und – immer schon – fragwürdigen hygienischen Bedingungen.

So. Und jetzt? Jetzt sollte ich vermutlich noch dazusagen, warum ich Volksfeste so sehr liebe. Warum die Absage der Wiesn und natürlich der Herbstdult mir ein bisserl das Herz zerreißt.

Mittelalte Menschen in meinem Bekanntenkreis betonen gerne und oft, dass zu ihrer Zeit niemand Tracht getragen hat. Fun Fact: Zu meiner Zeit auch nicht. In meiner Schulzeit waren die Jungs mit Lederhose noch eine Seltenheit und mir auch ein bisserl suspekt. Die wollten immer zu viel. Oft genug ham sie’s auch bekommen.

Ich kann Uniformierung bis heute nicht ausstehen. Trotzdem habe ich mir nach langem Hin und Her auch so ein Ding zugelegt. Als ganz, ganz kleines Kind hatte ich schon eine. Damals unfreiwillig. Jetzt nicht mehr. Warum? Es geht um das Ritual. Wenn ich auf eine Hochzeit gehe, trage ich einen Anzug, aufm Volksfest eben die Lederhose.

Man zieht etwas an, um eine bestimmte Wirkung zu erzeugen. In sich, aber auch in anderen. Anzug = feierlich. Lederhosen = ausgelassen. So in etwa könnte die Gleichung aussehen.

Und Ausgelassenheit ist das Stichwort. Ich schaue mir gern Leute an, die in Tracht im RVV-Bus sitzen, die voller Vorfreude in Richtung Dultplatz pilgern. Vielleicht möchte ich dieses Gefühl zurückgeben. Ich liebe es, abends im Bierzelt zu sitzen und mir die Bierbankwipper in der erste Reihe anzuschauen. Ich muss ja nicht mitmachen, um mich an ihrer Freude zu freuen. Und ich liebe gute Gespräche bei einer guten Mass inmitten all dieses Trubels. Ja. Manchmal bestelle ich auch eine zu viel.

Volksfeste stehen für alles, was wir in dieser Pandemie vermissen und kein Sommer in der Stadt, keine dezentrale Dult, kein Drive-In-Konzept kann das auch nur ansatzweise ersetzen. Trotzdem ist es vernünftiger. Und vernünftig müssen wir sein, so schwer es mir auch fällt.

Aktuell steht auf dem Dultplatz das Regensburger Impfzentrum, passenderweise auch in einem Zelt. Ich war noch nicht dran. Das ist ok. Ich hoffe, dass ich bald dran bin. Aber ein Herzensmensch hat mir erzählt, wie ausgelassen die Stimmung dort teilweise ist. Wie viel Erleichterung und Hoffnung sich hier bündelt. Das ist das Zelt, auf das es dieses Jahr ankommt. Und genau darauf sollten wir uns freuen: Auf das richtige Zelt, zur richtigen Zeit.

Insofern: Kein Grund zur Trauer. Aber natürlich trotzdem verdammt schade.

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Kommentare (1)

  • Mr. T.

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    Zu Beginn der Lektüre hab ich mir gedacht, dass da einer einen der unzähligen Oktoberfest-Rants der letzten dreißig Jahre auf die Dult umgeschrieben hat. Doch dann wurde der Text ein bisserl suspekt.
    Auch ich hab mir im Erwachsenenalter mal wieder eine kurze Krachlederne zugelegt, aber eigentlich nur aus Ironie. Im Nachhinein so eine Art Hipster-Ding …
    Trotzem stört mich die Absage von Volksfesten am wenigsten, auch wenn ich sie gelegentlich besucht habe. Zum Glück wird sich die Situation nicht so ergeben, dass solche Veranstaltungen die ersten sein werden, die man wieder besuchen kann – und dann auch muss, wenn man mal wieder ausgehen will.

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drin