SOZIALES SCHAUFENSTER

Mordprozess Maria Baumer

„Mordgift“, „Kalk“ und Kinderpornographie

Obwohl jemand versucht hat, Daten vom Computer von Christian F. unwiderruflich zu löschen, ist es IT-Spezialisten gelungen, Suchbegriffe zu rekonstruieren, die bei Google und in einem Filesharing-Programm verwendet wurden. Den Angeklagten im Mordprozess um Maria Baumer belasten diese Indizien schwer.

„Der perfekte Mord“, „perfektes Mordgift“, „Insulin letale Dosis“, „Lorazepam letale Dosis“, „Judo Würgegriff“ „Guillotine-Griff“, „Kalk“. Der Sachverständige im Sitzungssaal 104 redet schnell. Man bekommt nur schwer alle Begriffe mit, die er der Kammer unter Vorsitz von Richter Dr. Michael Hammer vorliest. Es sind Google-Suchen, die der Experte für forensische Datenanalyse auf einem Rechner von Christian F. rekonstruieren konnte. Gemeinsam mit seiner Kollegin hat der Münchner IT-Spezialist eine ganze Reihe von Geräten, Handys, Laptops, PCs und Notebooks, Speicherkarten und USB-Sticks überprüft, die von den Ermittlern sichergestellt wurden. Sie gehören Christian F. und der 2013 tot aufgefundenen Maria Baumer, seiner früheren Verlobten, die er umgebracht haben soll.

In Verbindung mit Spuren der Wirkstoffe Lorazepam und Tramadol, die in Haaren der 26jährigen nachgewiesen werden konnten, sind insbesondere jene Suchbegriffe ein wichtiges Indiz für die Ankläger, die Christian F. des Mordes an seiner früheren Verlobten überführen wollen.

„…wie wenn Sie ein Dokument schreddern und es gleichzeitig scannen.“

Die wirkliche Todesursache lässt sich angesichts des Zustands der sterblichen Überreste Baumers nicht mehr feststellen. Die im Wald verscharrte Leiche war zuvor mit einer Mischung aus Branntkalk und Anhydrit bestreut worden – in Verbindung mit Feuchtigkeit entstand so eine stark ätzende Lauge, die den Verwesungsprozess beschleunigte. Körperteile verschwanden nach Einschätzung von Sachverständigen auch durch Tierfraß. Unter anderem fehlt Maria Baumers Zungenbein, das einen Hinweis darauf hätte geben können, ob sie ge- oder erwürgt wurde.

Auf dem besagten Rechner von Christian F. hatte den Sachverständigen zufolge jemand eine kostenpflichtige Software laufen lassen, um Daten unwiderruflich zu löschen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte damit seine Spuren verwischen wollte. Doch das gelang nicht. Im Löschprogramm blieb ein Häkchen aktiviert, so dass sogenannte Log-Dateien angelegt wurden. Diese machen es für die Forensiker möglich, Daten wiederherzustellen und eine zeitliche Eingrenzung vorzunehmen. Ihnen sei nicht ganz klar, welchen Sinn diese Funktion in einem Löschprogramm habe, sagen die beiden IT-Spezialistinnen am Mittwoch vor der zweiten Strafkammer. „Das ist, wie wenn Sie ein Dokument schreddern und es gleichzeitig scannen.“

„pre-teen boys nude“

Neben den verdächtigen Google-Suchen fand sich weiteres Material, das den Angeklagten belastet. Über ein Filesharing-Programm auf seinem PC wurde demnach nach kinderpornographischen Fotos und Videos gesucht. „pre-teen boys“ und „pre-teen boys nude“ seien dort noch in der Suchleiste geöffnet gewesen. Den Namen einer früheren Patientin, Valerie S., verwendete Christian F. den Sachverständigen zufolge als Passwort, in Verbindung mit ihrem Geburtsjahr. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft wollte der Krankenpfleger eine Beziehung mit Valerie S. eingehen. Deshalb habe er seine Verlobte ermordet.

F.s frühere Chefin am Bezirksklinikum hatte am letzten Prozesstag eine bedenkliche Nähe des 35jährigen zu der Frau geschildert. 2016 war Christian F. wegen gefährlicher Körperverletzung an Valerie S. verurteilt worden. Er habe diese nicht nur intensiv betreut, sondern auch privat besucht. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er ihr bei einem Besuch zuhause Lorazepam in ein Getränk gemischt hatte, um sie, wie F. einräumte, zu „enthemmen“. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs wurde damals trotz DNA-Spuren von F. im Slip von Valerie S. fallengelassen. Verurteilt wurde Christian F. im selben Prozess auch wegen sexuellen Missbrauchs an mehreren minderjährigen Domspatzen-Schülern. Die Taten hatte er teils auf Video festgehalten. Valerie S. soll Ende Juli als Zeugin vernommen werden. Dann werden auch die beiden Sachverständigen noch einmal genauer zu diesem Thema aussagen.

„Die Anrufliste war leer.“

Eine Feststellung der beiden, die am Mittwoch noch von Interesse ist, betrifft einen Brief von Maria Baumer. Die 26jährige hatte mehrere solcher Briefe an einen engen Freund geschrieben, der vor Jahren tödlich verunglückt war, um das Geschehene zu verarbeiten. Besagter Brief stammt vom 26. Mai 2012, dem Tag ihres Verschwindens. Doch die Ermittler vermuten, dass hier jemand eine falsche Spur legen wollte und stützen sich dabei auf die Erkenntnisse der beiden IT-Spezialisten. Demzufolge wurde dieser Brief mehrfach vom Computer der 26jährigen gelöscht und findet sich – im Gegensatz zu allen anderen Briefen – lediglich auf einem USB-Stick.

Auch Christian F.s Behauptung, seine frühere Verlobte habe ihn nach ihrem Verschwinden noch zwei Mal auf dem Festnetztelefon in der gemeinsamen Wohnung angerufen, scheint auf wackeligen Beinen zu stehen. Wie der frühere Freund von Maria Baumer Zwillingsschwester am Mittwoch aussagt, habe er sich einige Tage später auf der Fritzbox des Telefonanschlusses eingeloggt, um zu überprüfen, woher die Anrufe kamen. „Da hab ich auf die Anrufliste geklickt und die Liste war leer.“

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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Kommentare (18)

  • Harry

    |

    Tippfehler im 2. Absatz: “in Haaren der 226jährigen”

  • R.G.

    |

    Herr Aigner, freundlichen Dank, dass Sie den tag der trockenen Daten in populär verständliche Sprache übersetzten.

    Ich schließe ein sehr persönliches Anliegen an, kennt jemand von den Lesern ehemalige Zöglinge oder Betreuer aus (kirchlichen) Internaten, die zur Erreichung ihrer Ziele mit Gift hantierten bzw. davon phantasierten, oder Opfer von solchen Personen?
    Mein Anliegen wäre, Ärzte mitttels Falgeschichten zu sensibilisieren, diese Möglichkeiten in der Diagnosefindung zu berücksichtigen.

  • Do Ra

    |

    Feminists: Men who commits femicid or rape aren’t monsters. They are products of a patriarchal society that treats women like shit. They aren’t a rarity and aren’t born to behave like that.
    This guy: Hold my drink

  • XYZ

    |

    Empfehle dazu ‘Allmystery, Kriminalfälle, Maria Baumer’ im Internet, sehr interessante Kommentare, z.B. zu den zwei Spaten.

  • XYZ

    |

    Zu Maria Baumer gibt es auf Allmystery inzwischen tausende Einträge, zuletzt auf Seite 302 ein Analyst um 17.31: “Der Wunsch von CF mit betäubten Menschen sexuell zu verkehren ist schon sehr evident” – falls strafrechtlich nicht verantwortlich käme eine Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus in Frage, aber bitte bloss nicht das unrühmliche BKH R.

  • XYZ

    |

    Na ja, wohl eher hundertfache Einträge bei Allmystery, habe da die angeblich in die Donau gefallene Malina mitgerechnet – sei’s drum – es bleibt: niemand hat was bemerkt.

  • highwayfloh

    |

    Hmh,

    die Indizienkette liest sich erst mal schlüssig und schwerwiegend. Aber egal wer welchen Suchbegriff in der Suchmaschine eingiebt, ist noch lange nicht schuldig. Die genannten Suchbegriffe können – entgegen der Wahrnehmung und Interpretation der Ermittler und der Staatanwaltschaft – auch aus anderen Gründen erfolgt sein. Dass jemand seine Festplatte mehrfach löscht, passt zwar auch ins Gesamtbild der Indizienkette, ist aber ebenso für sich betrachtet, nichts ungewöhnliches. Wer sich mit IT halbwegs auskennt, wirft alte Festplatten nicht einfach in den Container vom Recyclinghof, sondern löscht die Daten eben mehrfach – wird von IT-Experten auch ausdrücklich empfohlen – und darüber hinaus: physikalische Zerstörung!

    Wir haben nicht mehr die Zeit, von 500,– € für eine 1 MB Festplatte, das darf man nicht vergessen. Die Zeiten wo man sich zu dieser Zeit über E-Bay gebrauchte Festplatten “günstig” besorgt hat, sind ein für alle mal vorbei.

    Dies sind zwei Punkte in dem Kontext, die mir aufgefallen sind und meine Ansicht ist rein sachlich und nicht als “rechtliche” persönliche Bewertung zu sehen.

  • G.S.

    |

    @XYZ
    Die Seite von …allmystery…. Ist wirklich sehr sehr gut. Eine derartige Ansammlung von vielen Meinungen und Geschichten zum Fall Maria Baumer.
    Wow….
    https://www.allmystery.de/themen/km95586-302

  • XYZ

    |

    Zu G.S. 07.29:
    Die Rechtsform und Moderation bei allmystery ist mir allerdings seinerseits ein Mysterium und wohl mit Vorsicht zu geniessen. Immerhin wurden für das für User offene Kriminal-forum Regeln aufgestellt, als da wären keine unbewiesenen Spekulationen sondern nur Bewertung von Tatsachen anhand allgemein zugänglicher Quellen wie etwa newsblogs. Einige User scheinen mir aber überregional vom Fach zu sein, nicht nur aus Regensburg.

  • R.G.

    |

    @XYZ
    Das große Kriminalforum hatte (hat?) seinen Sitz weit entfernt, daher käme dortiges Recht zur Anwendung.
    Europäische Maßstäbe waren das angeblich nicht.

  • Dieter

    |

    Allmystery bietet, bis auf wenige Ausnahmen, keine neuen Erkenntnisse oder Details, sondern ist eine Plattform fürs Fabulieren. Ähnlich verhält es sich leider auch hier mit vielen Kommentaren – das fand ich beim Wolbergsprozess deutlich gehaltvoller.

    Hier ein potentiell interessantes Detail, dass man auf der FB-Seite “Erinnerung an Maria Baumer” findet. Ob es irgendeinen Wahrheitsgehalt hat, konnte ich allerdings nicht feststellen:

    “Am 08.September 2013 wurden Marias sterblichen Überreste. verscharrt in einem Waldstück nahe ihrem zuletzt bekannten Aufenthaltsort, von einer buddhistischen Pilzsammlergruppe gefunden. Ob das Zufall war, weiß man nicht. Fakt ist, dass diese Pilzsammler der Regensburger Buddhismusgruppe angehörten, die von einer Schwester von Marias Verlobten geleitet wurde.”

  • liltroll

    |

    @Dieter
    Über die Schwammerlsucher (ja sowieso der Krimi-Klassiker schlechthin…) denke ich auch schon länger nach.
    Hier mal eine Zusammenstellung von per Online-Recherche nachprüfbaren Fakten:

    – Die Gruppe traf sich aus Kelheim und Cham kommend (also jeweils ca. 45 km Fahrt) im Kreuther Forst. Angeblich war der Mann der Teilnehmerin aus Cham nicht begeistert, dass seine Frau nach Bernhardswald fährt, weil die Familie an diesem Tag Gäste hatte. (MZ)

    – Die Gruppe wollte angeblich auf die ausgelobte Belohnung verzichten und stattdessen eine Gedenkfeier (o.ä.) in ihrem buddhistischen Tempel abhalten (bin mir nicht mehr ganz sicher, glaube aber MZ 2013 – viele Artikel zum Fall Maria Baumer sind leider inzwischen kostenpflichtig)

    – Ein Artikel in http://www.onetz.de vom 24.9.2010 berichtet über einen Besuch im buddhistischen Zentrum in Regensburg in dem die Schwester (?) des Angeklagten erwähnt wird. Auch ein ehemaliger Domspatz wird dort erwähnt.
    https://www.onetz.de/deutschland-und-die-welt-r/archiv/zu-besuch-im-buddhistischen-zentrum-seit-30-jahren-in-regensburg-erleuchtung-in-der-domstadt-d823075.html
    Frage: wie viele Buddhisten gibt es in und um Regensburg? Kennt man sich da?

    – In der Berichterstattung zum ersten Prozesstag sagte einer der Schwammerlsucher, der als Zeuge ausgesagt hatte in mehreren Interviews, dass seine Gruppe von der eigentlich ausgelobten Belohnung (dem Tonfall zu entnehmen: leider) nichts mehr gehört hätte. (vgl. oben)

    – Nach dem Schwammerlsuchen sei ein Grillfest bei einem Verwandten von einem der Teilnehmer (Interview nach 1. Prozesstag) in Bernhardswald geplant gewesen. Gäste in Cham

    – Am 14. September 2013, also genau eine Woche nach dem Auffinden von Marias Leiche fand der MZ Landkreislauf statt – die Strecke führte offenbar sehr nahe am Auffindeort der Leiche vorbei. Am Reiterhof des Bruders wohl übrigens auch, wenn man sich die Streckenkarte anschaut.
    https://www.armin-wolf.com/landkreislauf2013.php
    Wär schon blöd gewesen, wenn man sie da gefunden hätte!

    – C.F. war mit mehreren Familienmitgliedern in einem der Vorjahre auch beim Landkreislauf dabei.
    https://www.yumpu.com/de/document/view/47833028/finale-starterliste-landkreislauf-regensburg – hat jetzt zwar nichts direkt mit dem Thema zu tun, war einfach nur ein Zufallsfund beim googeln. :-)

    Hmmmm…?

  • liltroll

    |

    Muss mich korrigieren: habe versehentlich zweimal “erster Prozesstag” geschrieben. Da wurde aber nur die Anklage verlesen. Die Aussagen des Schwammerlsucher-Zeugen beziehen sich jeweils auf den zweiten Prozesstag = erster Tag mit Zeugenaussagen.

  • XYZ

    |

    Zu liltroll heute:
    Soweit ich das übersehe handelt es dabei um die tibetische Variante des Buddhismus, bei Traditionen der vorherigen animistischen Bön-Religion übernommen wurden, vom Dalai Lama anerkannt. Der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner bestieg den Hl.Berg Kailash nicht mehr trotz Erlaubnis der chin. Regierung, hatte wohl ein ungutes Gefühl.

  • XYZ

    |

    Nochmals zu liltroll gestern 17.11:
    Am zweiten Prozesstag wurde nur zu den äusseren Umständen gefragt und ausgesagt, “keine weiteren Fragen” – wer alles zu der Gruppe gehörte und fast genau ein Jahr später beim Pilzesammeln – mutet etwas merkwürdig an wie so manches andere, aber danke.

  • Dieter

    |

    Danke für die Infos.
    Hier ein weiteres kurioses Detail: Der Leichenfund war genau auf den Tag ein Jahr nach der geplanten Hochzeit.
    Ganz schön viele Zufälle was die Pilzesammler betrifft.

  • R.G.

    |

    @Dieter
    Sprechen wir katholisch.
    Als Maria wahrscheinlich frisch tot war, feierte die Kirche Pfingsten, die Erleuchtung durch den Heiligen Geist.
    Als Marias Gebeine gerade noch rechtzeitig gefunden wurden, bevor Tiere die allerletzten Reste von ihr gefressen hätten, feierte die Katholische Kirche Mariä Geburt.
    Gefunden wurden Marias Relikte von etwas entfernt wohnenden, ortsunkundigen Schwammerlsuchern, die ihren Tipp auf das gute Pilzplatzerl von Bekannten aus Bernhardswald erhalten haben sollen.(Diesen Menschen gebührt jedenfalls Dank!)

    Maria war zuletzt am Reiterhof von Vewandten des Verlobten gesehen worden.
    Ein Verwandter aus der Stadt ging, als ein Spaten baugleich mit dem vom Tatverdächtigen gekauften im Haus erfolglos gesucht worden war, mit einem Rucksack ins Haus.
    Ein Verwandter meldete nachher den Fund eines auf den ersten Blick baugleichen, jedoch zerbrochenen Spatens.

    Von der Erzählstruktur her fällt auf, dass Maria zuletzt auf einem Reiterhof sehr nahe am Wanderweg, den man seit wenigen Jahren zum Jakobsweg zählte (Jakobweg-Zubringer), zuletzt beim Grillfest gesehen, und vom Verlobten glaubhaft behauptet worden war, Maria wäre auf den Jakobsweg gegangen.

    Die verscharrt Aufgefundene hatte laut Aussagen ihrer Familie mit einem Wallfahrtsort in Spanien nichts am Hut, dagegen soll der Verlobte vorher in einem spanischsprachigen Land in einem Kinderheim der Schönstatt Bewegung gearbeitet haben.

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