SOZIALES SCHAUFENSTER

Kommentar

Eine Studie und blinde Flecken

Mit den 250.000 Euro für die Studie zum Kriegsende in Regensburg hätten viele blinde Flecken in der NS-Vergangenheit der Stadt beseitigt werden können.

Kommentar von Waltraud Bierwirth

Ja, es war schändlich, dass die Stadt Regensburg den ehemaligen SS-Oberbürgermeister und Nazi-Täter Schottenheim für sein Wirken in der NS-Zeit klammheimlich aus dem städtischen Etat mit einer Rente alimentierte. Die Nazi-Täter in den Ämtern hielten nach dem „Zusammenbruch“, wie sie es nannten, eng zusammen. Sie schoben sich wechselseitig die „Persilscheine“ zu und feierten sich als die „Retter der Stadt“. In Regensburg feierten vermutlich nur die wenigen Nazi-Gegner den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung vom Faschismus.

Der mit Auskommen und Ansehen belohnte Nazi Schottenheim schrieb 1947 auf, wie er zwei Jahre zuvor die Stadt rettete. Die Legende vom „Retter Schottenheim“, gestützt durch seine alten Freunde mit dem neuen CSU-Parteibuch, verwurzelte sich. Erst nach und nach, im Rhythmus von einem halben Dutzend Jahren, erschienen neue Berichte von neuen Rettern zum „Kriegsende in Regensburg“. Von städtischen Archivaren und deren Freunde protegiert. So ging das weiter, bis vor fünf Jahren der Stadtrat die gewaltige Summe von 250.000 Euro bereitstellte, um das Kriegsende in Regensburg weltweit wissenschaftlich erforschen zu lassen.

Diese globalen Recherchen (Moskau, Washington, Prag, Warschau, London) übernahmen, befürwortet vom damaligen Archivleiter Wanderwitz, die beiden heimatkundlichen Forscher Rainer Ehm und Roman Smolorz. Auf über 400 Seiten schrieben sie auf, was sich im April 1945 (zur Besprechung der Studie) in Regensburg militärisch und politisch so abspielte. Das Kerngeschehen, wer machte was, um eine zerstörte Stadt zu verhindern, deckt sich mit der Beschreibung von Nazi-Schottenheim. Ein fataler „Zufall“, aber so sei eben Wissenschaft!

Selbstverständlich ist dieses Ergebnis, gedeckt durch die zwei Uni-Professoren Bernhard Löffler und Mark Spoerer, unbefriedigend. Denn Aufschluss über das verbrecherische Handeln von Regensburger Nazis in hohen Ämtern und Funktionen gibt diese mitunter peinliche Studie nicht. Dafür wird Legende um Legende rezipiert, die manchem rechten Bürger Wasser auf die Mühle ist.

Für diesen Bürger, der seit Jahr und Tag in Vierteln lebt, wo die AfD viele Wähler hat und Siedlungsgründer Schottenheim immer noch verehrt wird, wäre die Gesamtschau nötig: Schottenheim als Anhänger der NS-Rassenlehre und Eugeniker, der unschuldigen Menschen die Zwangssterilisation aufzwang, in der Pogromnacht 1938 freudig die Synagoge brennen sah und der Feuerwehr das Löschen verwehrte. So steht es in den Akten zum Synagogenbrandprozess.

Für 250.000 Euro könnten viele blinde Flecken in der NS-Vergangenheit der Stadt beseitigt werden. Zum Beispiel das Wirken des NS-Kulturwarts und SA-Rottenführers Walter Boll und seine gewissen „Kulturhandlungen“. Mit viel Ehrgeiz hat dieser Museumsdirektor und Denkmalpfleger für sein künftiges Ostmarkmuseum jüdische Kunsthändler und Galeristen für sehr kleines Geld um wertvolle Gemälde und Skulpturen gebracht. Einiges, was in den Regensburger Museen an den Wänden hängt, ist vermutlich geraubte Kunst. Der nach dem Krieg verhaftete und im Gefängnis Amberg inhaftierte Kulturwart Boll, hat die Spuren seiner NS-Vergangenheit gründlich beseitigt. Selbst die Fotos – er Höchstselbst in SA-Uniform – sind eliminiert. Einiges hat er übersehen. Deshalb ist ein Forschungsprojekt in Sachen Boll dringend nötig.

Die Besucher des Kunstmuseums im Stadtpark sollten wissen, warum die einstigen Museumsgründer, die NSDAP-Mitglieder Walter Boll und Ernst Schremmer, das Modell der Stiftung wählten, um den Bilderbestand des Adalbert-Stifter-Vereins und der Künstlergilde Eßlingen ins Haus zu schaffen. Es ist ein gängiges Modell, Raubkunst zu legalisieren. Besonders, wenn Kunst in den Kriegsjahren in ausgelagerten Depots vor eventuellen Schäden geschützt wurde.

Die Aufzählung der „blinden Flecken“ lässt sich mühelos fortzusetzen: Unerforscht und ungesühnt blieb bis heute das mörderische Wirken der Gestapo Regensburg unter den russischen Kriegsgefangenen in den Lagern in der Oberpfalz und Niederbayern. Regensburger Gestapobeamte selektierten hunderte vermeintliche Polit-Kommissare. Diejenigen, die die Folter überlebten, wurden im KZ-Flossenbürg ermordet.

Und dann gibt es noch die Legenden um den „genialen Konstrukteur“ und „Pionier der modernen Luftfahrt“ Willy Messerschmitt. Bis heute gibt es keine kritische Biographie über ihn. Dafür füllen sich aber die Säle, wenn in Wort, Bildern und Filmsequenzen gezeigt wird, wie die Messerschmitt-Flieger in Regensburg abhoben. Von den tausenden Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, die Willy Messerschmitt „dereinst selber dringend anforderte“ und zu tausenden starben, ist bei diesen Veranstaltungen keine Rede.

Waltraud Bierwirth ist Journalistin und Autorin. Verfasst hat sie unter anderem „’Die Firma ist entjudet‘ Schandzeit in Regensburg 1933 – 1945″, (zusammen mit Klaus Himmelstein) „Das Novemberpogrom und der lange Weg zu einer neuen Synagoge“ und (zusammen mit mehreren Mitautoren) „Der Fall Maldaque“.

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Kommentare (4)

  • Mathilde Vietze

    |

    Also, dem Herrn Schottenheim hätte die Stadt wahrlich keine Rente
    geben müssen; der hat doch nach dem Krieg als Arzt gearbeitet und
    da hat er bestimmt so gut verdient, daß er nicht am Hungertuch
    nagen mußte.

  • joey

    |

    als die Autorin rechts für rechtsradikal verwendet hat, habe ich aufgehört zu lesen.

  • Piedro

    |

    @joey
    Dann ist es ja gut, dass sie das nicht getan hat. Lesenswert bis zum letzten Absatz.

  • R.G.

    |

    Herzlichen Dank an die Autorin für die Wahl einer Sprache, die verstanden sein will.

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