SOZIALES SCHAUFENSTER

Corona-Rettungsschirm rettet nicht wirklich

„Es brodelt und kocht in der Kulturszene“

Der Kulturszene und ihren vielen freiberuflich Tätigen soll finanziell geholfen werden. Da war man sich in der bayerischen Staatskanzlei einig, als Anfang Mai der „kulturelle Rettungsschirm“ offiziell verkündet wurde. Doch hört man sich bei den Künstlerinnen und Schauspielern um, dann herrscht weiterhin Unmut und immer mehr Unverständnis.

Der Blick in eine ungewisse Zukunft. Der Regensburger Schauspieler János Kapitany als der Asperger Autist: “Ever Montgomery” in dem Stück des Akademietheaters “Die Tanzstunde”. Foto: Werner Hofbauer

Bis zu 1.000 Euro können freiberufliche Kulturschaffende und auch Journalisten über den bayerischen „kulturellen Rettungsschirm“ über drei Monate hinweg mittlerweile beantragen. Die Hilfe ist dabei bis einschließlich September begrenzt. Anders als die ersten Corona-Hilfen für Unternehmer und Solo-Selbstständige – diese waren lediglich für fortlaufende Unternehmenskosten wie Mieten gedacht – sollen nun coronabedingte Verdienstausfälle kompensiert werden. Insgesamt 200 Millionen Euro nimmt der Freistaat für den Rettungsschirm in die Hand und möchte neben Künstlern auch Ensembles und Spielstätten unterstützen. Für den Regensburger Schauspieler János Kapitany und viele seiner Kollegen bedeutet die Finanzspritze zwar eine wichtige Hilfe. Dennoch macht der in Burglengenfeld lebende Vater einer kleinen Tochter am Telefon deutlich: „Es kocht und brodelt ordentlich in der freien Szene.“

Seit März ist der Schauspieler nun zu Hause. Und daran wird sich so schnell nichts ändern. „Sämtliche Engagements und Auftritte wurden bis auf weiteres gestrichen. Das bedeutet für dieses Jahr ganz konkret mehrere tausend Euro zu verlieren.“ In einer Branche, in der laut der Künstlersozialkasse ein Großteil mit maximal 18.000 Euro im Jahr auskommen muss, wisse derzeit „niemand so recht wie es überhaupt weitergehen kann“.

Private Häuser rechnen sich erst ab 70 Prozent Auslastung

Ähnlich wie viele seiner Kollegen werde auch er sich in den kommenden Wochen Gedanken über neue berufliche Möglichkeiten machen. Denn Kapitany ist sich sicher, dass es gerade für die privaten Kulturstätten noch sehr schwierig werden wird. Er befürchtet einen massiven Einbruch der Kulturszene. „Die nun vereinbarten Regelungen zur Wiedereröffnung von Kulturbetrieben ist vor allem für die großen Häuser, die städtisch oder staatlich finanziert werden sinnvoll.“

Da private Häuser sich meist erst ab einer Auslastung von 70 bis 80 Prozent überhaupt tragen können, werde es hier wohl noch dauern bis Konzepte ausgearbeitet sind. Und damit stünden dann eben auch zahlreiche Autoren, Musiker und Schauspieler weiterhin vor ungewissen Monaten. „Wir haben de facto ein Berufsverbot und sind eben nicht arbeitslos“, macht Kapitany am Telefon mehrfach deutlich. Für die von der Politik verordneten Schließungen und Maßnahmen habe er und auch viele seiner Kolleginnen ganz klar Verständnis. Auch das bekräftigt er immer wieder. „Schließlich gehen die Gesundheit und ein solidarisches Miteinander vor.“

Von der Bühne zum Arbeitsamt

In den vergangenen Jahren war Kapitany vor allem als freiberuflicher Schauspieler etwa am Regensburger Turmtheater tätig. Stets habe er versucht langfristig vorzuplanen. „Ich akquirierte meine Projekte und Stückverträge mit dem Ziel, mindestens ein Jahr lang im Voraus ausgebucht zu sein. Somit wirkte ich einer möglichen zwischenzeitlichen Arbeitslosigkeit mit großem Aufwand immer entgegen.“ Das sei durch den Lockdown jedoch mittelfristig gesehen passé.

Doch von irgendwas müsse man eben leben. Und genau da besteht laut dem Künstler nach wie vor ein großes Problem. So war das erste Soforthilfe-Paket, das die Politik Ende März auf den Weg gebracht hatte, lediglich für Liquiditätsengpässe gedacht. „Damit bestand für uns kein Anspruch. Denn wir haben keine Frmenausgaben.” Dennoch schmelze auch bei ihm das Konto derzeit allmählich dahin. “Da ich zusätzlich eine geringfügige sozialversicherungspflichtige Anstellung beim Dehnberger Hoftheater hatte, die mir nun gekündigt wurde, habe ich immerhin Anspruch auf Arbeitslosengeld I.“ Das falle jedoch eher überschaubar aus und könne die entstandene Lücke nicht schließen.

Fehlendes Verständnis und widersprüchliche Aussagen

Viele seiner Kollegen mussten direkt Hartz IV beantragen, da ALG I Freiberuflern nicht zusteht. Daraus ergab sich jedoch ein weiteres Problem. Der nun neu aufgesetzte bayerische „kulturelle Rettungsschirm“ konnte in den ersten Tagen lediglich beantragt werden, wenn zuvor keine anderen Fördergelder bezogen und auch keine Anträge auf Grundsicherung gestellt wurden.

“Man bekommt langsam parasitäre Gefühle.” Foto: Dehnberger Hof Theater

Hier hat die Regierung nach viel Kritik mittlerweile nachgebessert. „Dennoch habe ich den Eindruck, dass die angekündigten Subventionen in Interviews immer im kompletten Widerspruch zu deren Ausführungen in der Realität stehen.“ Es zeige sich derzeit deutlich, wie wenig die Politik von der Lebenssituation und den Arbeitsbedingungen in der Kunstszene wisse.

“Parasitäre Gefühle”

Ganz generell hätte er sich von Beginn an „mehr Realismus“ gewünscht statt „wiederholt getätigten Parolen wie ‘Wir lassen niemanden allein’“. Ginge es nach ihm, hätte die Politik ehrlich äußern können: „Die Scheiße ist echt am Dampfen. Geht als erstes zur Arbeitsagentur. Im zweiten Schritt erarbeiten wir ein gut durchdachtes Hilfsprogramm, das künstlerischen Betrieben und Solo-Selbstständigen gleichermaßen zu Gute kommt.“ Mittlerweile habe man aber „eher parasitäre Gefühle, man wolle vom Staat ungerechtfertigte Gelder einfordern“, so der Regensburger.

Eine Ansicht, die auch viele Kolleginnen und Kollegen zu teilen scheinen. „Das mit den Fördergeldern klingt ja zunächst schon schön. Aber da wir vermutlich bis zum Ende des Jahres so gut wie keine Einnahmen haben werden, sind auch die jetzt insgesamt maximal 3.000 Euro des Kulturschirms keine langfristige Hilfe“, mahnt eine Künstlerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. So warte am Ende dann „irgendwann der Hartz IV-Antrag oder ein Berufswechsel“, lautet das resignierende Fazit.

De  facto nicht arbeitslos

„Vielleicht hätte man ja mit einem schnellen unbürokratischen Konzept eine Art Kurzarbeitergeld für Freiberufler aufziehen können“, überlegt Kapitany dann während des Telefonats. Da hätte es lediglich einen Nachweis über den Verdienstausfall gebraucht und das hätte vielen Menschen schnell geholfen. Denn schließlich seien die Kulturschaffenden eben „de facto nicht arbeitslos“.

Etwas Gutes habe die Coronazeit für ihn persönlich aber dennoch gehabt. „Ich konnte mich auch einfach mal mit mir selber beschäftigen, die Wohnung in Schuss bringen und viel Zeit mit meiner Tochter verbringen.“ Ihre ersten Schritte und das erste mal „Papa“ zu hören hätten die finanziell enge Lage und das schrumpfende Polster auf dem Konto da auch immer wieder vergessen gemacht.

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Kommentare (13)

  • Mr. T.

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    Den letzten Absatz hättet Ihr Euch sparen können. Der lindert nur das schlechte Gewissen unserer paternalistischen Politiker – falls sie denn eins haben.

  • Yvonne

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    Meiner Meinung nach, wäre es ein wesentlch zielführenderes Programm, ein Grundeinkommen für Künstler und Solo-Selbständige bis Dezember einzuführen. Wobei auch berücksichtigt werden muss, wo man wohnt. Ein Münchener Künstler müsste etwas mehr bekommen können, in sonstigen vergleichbaren Städten, wären ungefähr 1.200 € realistisch. Das wäre schnelle Hilfe (Ankündigung war 21. April aus dem Munde von Minister Söder), die auch ankommt und den Bürokratiewahnsinn aushebelt. Corona ist eine Sondersituation, und Hartz 4 niemals angemessen für die Berufsgruppe, die unverschuldet ins Aus gestellt wurde und jetzt eine Grundsicherung beantragen soll, die auch die so nötige, vom Staat empfohlene Alterssicherung angreifen will. Hint und vorne keine Logik drin bis jetzt! Nachsitzen, evtl. Künstlerverbände bei Programmentwürfen mit ins Boot holen. Die kennen die Realität.

  • Irene Gronegger

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    Es gibt eine neue Online-Petition zu diesem Problem, die solide formuliert ist und den Fokus auf Kultur hat, aber auch darüber hinaus geht:
    http://corona-hilfen-nachbessern.de/
    Man kann der Sache mehr Nachdruck verleihen, indem man Abgeordneten individuell formulierte Schreiben und Grüße aus dem Wahlkreis zukommen lässt.

  • Anette Wehnert

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    Ich bin in Gedanken bei euch und hoffe, dass ihr bald wieder spielen könnt.

  • Untertan Giesinger

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    Im Rahmen der sogenannten Lockerungsmaßnahmen, wurde wieder der Besuch von Museen erlaubt. Wollte Sö**r damit sein Regensburger CSU -“Museum”, sowie dessen Direktor und Personal gleich wieder auf die Beine stellen?

    Ganz ehrlich: Auch auf den Besuch eines richtigen Museums* kann ich zur Not warten.

    Es hängen und stehen dort i.d.R. (Kunst)werke herum, die nicht vergammeln oder ablaufen, sondern haltbar sind, (außer Fettecken usw.). Soll heißen, der Besuch ist aufschiebbar.

    Nicht aufschiebbar ist der Besuch von LIVE-Veranstaltungen aller Art!
    Wer weiß, vielleicht bekomme ich oder einer meiner Künstler demnächst einen Herzinfarkt?
    Das wäre dann nämlich verlorene Lebenszeit!
    Für mich bedeutet die Zeit seit Mitte März nämlich schon jetzt den Zwangsverzicht auf Lebensqualität und somit sinnvolle Lebenszeit!

    ————–
    * Zum gegenteiligen Begriff eines “richtigen Museums”:

    “Das lächerlichste Museum aller Zeiten”.

  • Gerda Huber

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    Die Künstler, Musiker etc. tun mir leid; das ist eine üble Situation. Viele Pleiten und Existenzvernichtung dürften die Folgen sein.
    Meiner Meinung nach sollte man lockerer mit den Auftrittsmglichkeiten umgehen; wie man sieht führen selbst massive Demos (25.000 in Berlin gegen Rassismus, die 10.000e gegen die Coronamassnahmen in Stuttgart etc) nicht zu einer wahrnehmbaren Erhöhung der Infektionszahlen und schon gar nicht zu Todesfällen. Es müssen ja keine Großveranstaltungen mit 1000en von Zuschauern dicht gedrängt in engen Räumen sein, aber z.B. 100 bis 150 Zuschauer in der ALTEN MÄLZE bei guter Belüftung – why not?
    Das Schreien nach staatlicher Unterstützung kann nicht die Lösung sein, irgendwer muß das bezahlen und es muß irgend wo weg genommen werden (ok, bei den Rüstungsausgaben, soll Trump doch toben).

  • R.G.

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    @Giesinger
    Man kann Ihnen eine gewisse Kulturlosigkeit nicht absprechen, wenn Sie den Wert von Lederhosen-Exponaten nicht zu erkennen vermögen.
    Schließlich, schon die Geschichte von Adams und Evas Familie hat mit einem offenen Hosenstall einer Krachledernen begonnen…
    Konzerte und Theater kommen in der Bibel nicht vor, demnach ist das die wenigstwichtige Kultur.
    Vom christlichen Standpunkt her.

  • Mr. T.

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    Gerda Huber, die 100 bis 150 Zuschauer in der ALTEN MÄLZE bei guter Belüftung sind leider schwieriger als einmal quer durch die Donau schwimmen ohne naß zu werden.
    Für Open Air-Veranstaltungen sämtlicher Couleur wäre es jetzt erstmal an der Zeit. Dabei Lockerungen bei Genehmigung und Emissionsschutz im Gegenzug für die Hygieneauflagen. Ein halber Meter Abstand an der frischen Luft bringt mehr als drei Meter im Innenraum. Das war ja auch das Absurde, als man in der Gastronomie drinnen länger bedient wurde als draußen.

  • Christian Muggenthaler

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    Soweit ich das überblicken kann, sind die Regeln und konkreten Umsetzungen von Künstler*innen von Bundesland zu Bundesland ausgesprochen unterschiedlich. Ich weiß von Kolleg*innen, dass es beispielsweise in Baden-Württemberg oder Berlin sehr viel leichter ist, an Unterstützungen zu kommen. Das mag davon abhängen, welche Parteien wo an der Regierung sind. Hier schon genannte Petitionen scheinen auf jeden Fall sinnvoll, aber auch persönliche Schreiben an die örtlichen Abgeordneten im Landtag und im Bundestag. Je mehr, desto besser. Theaterproduktionen werden ja gerade durch die derzeit geltenden und bestimmt auch notwendigen Abstandsbestimmungen auch auf der Bühne für kleinere Theater und andere kulturelle Aktivitäten bis auf Weiteres zu einer wirklich krassen ökonomischen und künstlerischen Herausforderung. Hier braucht die notwendige Kreativität die notwendige finanzielle Unterstützung, deren Notwendigkeit laut werden sollte…

  • Julian86

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    Bayern ist ein “Kulturstaat” (Artikel 3 Bay. Verf.)

    Zurück zum Bänkel- und Minnegesang des Mittelalters?

    Wie Urban Priol, Hofgarten Aschaffenburg, 3.6., anregte?

    Die ersten 30 Minuten haben es in sich: Vom Söder, über Minister “Opflsoft”, Merkel und Scheuer und Seehofer, alle bekommen das Ihre. In diesem Corona-Rückblick. Auch der Bürger mit seinem “Stockholm-Syndrom”.

  • XYZ

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    Zu Mr.T 15.58:
    Die überfüllte und desorganisierte Alte Mälze – war da nicht mal die Stadt zuständig ? – ist mir in schlechter Erinnerung: die arme Malina schwamm dann in der Donau.

  • Mr. T.

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    XYZ, mir gings nicht um die Mälze im Speziellen, sondern eher um Draußen oder Drinnen.
    Ich wollte damit ausdrücken, dass der nächste Schritt, an den wir denken sollten, Open Air-Veranstaltungen sind, bevor wir uns den Kopf über Indoor-Konzerte zerbrechen. Keine Ahnung, wie gut oder schlecht die Mälze organisiert ist, es sind auf jeden Fall oft saugeile Konzerte dort. Und man muss auch dort kein TuT trinken wenns einem nicht schmeckt.

  • Untertan Giesinger

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    Unglaublich gut, ich habe es mir tatsächlich komplett angehört, @Julian 86.

    Bin sonst eigentlich nicht so ein großer Fan von Urban Priol.

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