SOZIALES SCHAUFENSTER

Elektra im Theater am Bismarckplatz

Rache ist Blutwurst

Diese Oper ist eine Oper für Leute, die Opern hassen. Weil Opern zu lang sind (Elektra: nur eine Stunde vierzig ohne Pause). Weil in der Oper meistens Leute auf der Bühne stehen und stundenlang sterben, ohne dabei mit dem Singen aufzuhören (Elektra: Mutter und Liebhaber tot in unter zehn Minuten). Weil man bei Opern nie was versteht (Elektra: deutsches Libretto und zumindest leidlich funktionierende Übertitelungsanlage). Weil Opernmusik meistens in ellenlangen Arien vor sich hinplätschert (Elektra: garantiert kein Plätschern. Eher so „was haben die denn im Orchestergraben heute bloß geschnupft?“). Elektra ist die experimentelle kleine Schwester von den alten Bekannten im Opernkanon (Klare Inszenierung: Kay Metzger). Und die Musik. Die Musik! Die seltsame Bromance zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal – der eine schrieb extra keine Arientexte, der andere komponierte einfach brachial drüber hinweg – resultiert in einem Klangerlebnis, das streckenweise den Eindruck macht, als würden Orchester (musikalische Leitung: Tetsuro Ban) und Sänger_innen zwei völlig verschiedene Musikstücke darbieten, und jede Fraktion stünde im Wettstreit mit der anderen, wer über den jeweils anderen triumphiert.

Muttermord: Warum nicht mal selber machen?

Aber der Reihe nach. Zunächst einmal wäre die Geschichte noch um einiges straffer, hätte sich Elektra zur Erkenntnis durchringen können, dass sie ihre Mutter Klytämnestra und deren Lover Aegisth auch genauso gut mit Gift/Kohlenmonoxyd/Glassplitter im Müsli um die Ecke bringen kann. Scheiß auf das Warten auf den zum Terrorkämpfer ausgebildeten Bruder Orest, scheiß auf die weggetretene Schwester Chrysothemis, die eigentlich nur mal raus will, mit Jungs knutschen und sich von denen schwängern lassen – einfach mal selber machen, dann dauert das Zaudern und Zagen auch nur halb so lange. Aber das kann man dem Komponisten-Dreamteam kaum zum Vorwurf machen, ist ja schließlich größtenteils historische Vorlage gemischt mit ein bisschen Frauenbild zur Opern-Entstehungszeit. Also, aus Gründen, die sie vor sich herschiebt, ist die Powerfrau Elektra zum hilflosen Warten verdammt und geht in der Rolle der gedemütigten Frau auf. Ihre Welt ist ein totalitäres System, es gibt keine Gerechtigkeit und keine Richter. Es gibt nur die Möglichkeit zur Selbstjustiz und den Gedanken an die Rache.

Warten auf den Racheengel

Elektra ist seltsam impotent in diesem Kosmos, da sie die Selbstjustiz, die ihr ganzer Lebensinhalt geworden ist, nicht einmal selbst ausführen kann. Also wartet sie auf die Ankunft ihres Racheengels und vertreibt sich die Zeit mit dem Terrorisieren der Belegschaft und ihrer Verwandtschaft, da alle geflissentlich zu vergessen versuchen, dass hier ein ungesühnter Mord geschah und die Mörder mitten unter ihnen sind. Konsequent zu Ende gedacht ist dabei der monochromatische Bühnenentwurf von Michael Heinrich, der die 30er-Jahre-Nazivilla-Optik aus Indiana Jones-Filmen aufgreift, und der von den weiß angemalten Zombiegesichtern und den starken Schwarz-Weiß-Kontrasten der Kostüme gespiegelt wird.

Ein politisches Unrechtssystem im Kleinen

Hier gibt es nur noch lebende Tote. Einzig die Vergangenheit ist in dieser Inszenierung bunt und lebendiger als die Gegenwart: die unschuldige Zeit, als Elektras Vater noch lebte, bevor er von der Mutter und deren Liebhaber mit dem Beil hingerichtet wurde, als er grade ein Bad nehmen wollte. Im schwächsten Moment nackt gemeuchelt – das gilt es für Elektra zu rächen. Nicht umsonst trägt Aegisth bei Ausübung seines Mordes ein an SA-Uniformen erinnerndes Kostüm. Es ist ein politisches Unrechtssystem im Kleinen, das in diesem Hause herrscht: Die Mutter (wirklich hervorragend: Manuela Bress), von Alpträumen geplagt, und von ihren Dienstmägden aufgestachelt, fürchtet die Rache ihrer Kinder und sperrt sie deshalb ins Haus. Die Töchter, Gefangene ihrer eigenen Familie, sind täglich mit den Mördern ihres Vaters konfrontiert und verarbeiten das entweder durch deprimierte Aufmüpfigkeit (Sabine Hogrefe als stimmgewaltige Elektra) oder mit flächendeckendem Augenverschließen (Allison Oakes als Chrysothemis).

Alle hier warten auf den Tod

Der Sohn, als Kind in die Ferne geschickt und dort zum Untergrundkämpfer ausgebildet, leidet unter dem Verlust seiner Kindheit und will eigentlich nur mal in den Arm genommen werden (wie immer in Bestform: Seymur Karimov). Alle hier warten auf den Tod: den der anderen oder den eigenen – das spielt irgendwie auch schon keine Rolle mehr. Als der arme Orest dann in seiner Funktion als Rächer endlich auftritt, feuert ihn Elektra mitreißend an und schickt den zitternden Jungen sogleich zum Meucheln. Dann fällt ihr ein, dass sie ihm ja noch das Beil geben wollte, durch das ihr Vater seinerzeit starb. Rache ist Blutwurst, und offenbar nur echt mit dem richtigen Werkzeug. Nichtsdestotrotz kriegt Orest die beiden Sünder auch ohne Beil tot und beraubt sich und Elektra damit effektiv des einzigen Lebensinhaltes, den beide je gekannt haben. Rache ist Blutwurst und danach kommt… nichts.

Zombie-Dasein oder geistige Umnachtung

Nicht die erhoffte Erlösung, nicht einmal ein Aufbruch ins Leben. Selbst die freiheitsliebende Chrysothemis ist gefangen in der Spirale des Hasses, die sie bis zum Ende versucht hat zu ignorieren. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, und so gibt es für Elektra und ihre Geschwister in allerletzter Konsequenz gar kein Leben mehr, sondern nur noch der Weg vom Zombie-Dasein in die geistige Umnachtung. Elektra. Tragödie in einem Aufzug. Dichtung von Hugo von Hofmannsthal, Musik von Richard Strauss. Theater am Bismarckplatz, Karten im Vorverkauf hier. Fotos: Juliane Zitzelsperger

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Buchbesprechung: Brief an mein Leben

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