SOZIALES SCHAUFENSTER

Skandal-Tierarzt hat große Pläne

Pürkelgut: Hoffnung oder nächstes Waterloo?

Der Skandal-Tierarzt Roland Fechter will laut Medienberichten das Schloss Pürkelgut im Stadtosten von Regensburg kaufen. Der dortige Bürgerverein fordert nun die Stadt auf, selbst in die Verhandlungen einzusteigen und sich insbesondere die dortigen Grünflächen zu sichern.

Wird das Schloss Pürkelgut der neue Sitz von „Autobahntierarzt“ Roland Fechter? Foto: Wikipedia/ Johanning

Die Geschichte der geplatzten Hoffnungen rund um das 40 Hektar großen Areal am Schloss Pürkelgut ist alt. Fast 70 Jahre ist es her, als der Stadtrat den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtosten von Regensburg dort einen weitläufigen Park mit zahlreichen Freizeitmöglichkeiten in Aussicht stellte. Von Ruhebänken, Kinderspielplätzen, ja von Tennisplätzen und einem Schwimmbad war damals, 1954, in Plänen des Stadtgartenamtes die Rede. Allfällig wurde im Stadtrat bemängelt, dass es dem Stadtosten an Flächen mit Erholungswert fehle, dass dafür nur noch das Pürkelgut in Frage komme, dass eine Umsetzung aber bislang an den Eigentumsverhältnissen scheitere.

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Stadt wollte das Areal mehrfach kaufen

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte das 1728 erbaute Wasserschloss inklusive der anliegenden Ländereien dem Haus Thurn & Taxis. 2015 unternahm die Stadt Regensburg erneut mehrere Versuche, um sich die 40 Hektar große Fläche für eine Landesgartenschau zu sichern. Der damalige Umweltbürgermeister Jürgen Huber hatte dafür schon ein fertiges Konzept in der Schublade.

Zunächst liefen die Kaufverhandlungen im Rahmen eines „Letter of Intent“, in dem verschiedenste Dinge miteinander verknüpft wurden: Die Stadt hätte demnach zwei Drittel des Pürkelgut-Areals inklusive Schloss gekauft – zu einem damals kolportierten Preis von 8,6 Millionen Euro. Im Gegenzug hätte man dem Fürstenhaus Baurecht auf dem verbliebenem Drittel eingeräumt sowie Wohnbaurecht auf einer Fläche in Kumpfmühl. Eine verfallene Baugenehmigung für eine Tiefgarage im Schlosspark sollte zudem erneuert werden. Im Gegenzug sollte Thurn & Taxis eine Fläche zum Bau eines Logistikzentrums für BMW zur Verfügung stellen.

Als diese Pläne scheiterten (BMW zog nach erfolglosen Verhandlungen mit Thurn & Taxis einen Standort in Wallersdorf vor), verhandelte die Stadt abseits all dessen weiter, um das Areal zu erwerben. Doch bei den Preisvorstellungen wurde man sich offenbar nicht einig. Knackpunkt war insbesondere das völlig marode Wasserschloss, dessen Sanierungskosten auf Beträge zwischen 25 und 40 Millionen Euro geschätzt werden. Dieses Schloss nehme man nicht mal geschenkt, ließ Koalitionsmitglied Horst Meierhofer (FDP) damals verlauten.

2016 schlug das IZ zu

Am 20. April 2016 vermeldete schließlich das „Immobilien Zentrum Regensburg“ (IZ), dass man sich Schloss und Areal gesichert habe. „In enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege werden wir ein tragfähiges Konzept entwickeln, das der Bedeutung des Gebäudes gerecht wird und es gewissermaßen wachküssen und vor dem Verfall retten“, versprach IZ-Boss Thomas Dietlmeier damals. Doch auch daraus wurde nichts. Ein entsprechendes Konzept wurde dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege niemals vorgelegt.

Seitdem verfällt das Schloss weiter vor sich hin – so wie schon in den zurückliegenden Jahrzehnten. Auf dem zugehörigen Gelände finden seit Jahren Festivals und Konzerte statt, seit letztem Jahr hat dort der Veranstaltungsservice Peter Kittel seinen Sitz und hat einen Teil der Fläche gepachtet, über den eine wichtige Feuerwehrzufahrt für Veranstaltungen führt. Zuletzt wurde das Pürkelgut von Bürgermeisterin Astrid Freudenstein als „Partywiese“ für junge Leute ins Spiel gebracht.

„Autobahntierarzt“ will das Schloss kaufen

Mittlerweile gehört das Schloss laut eigener Auskunft Dietlmeier und dessen IZ-Kollegen Ulrich Berger privat. Und nun soll, das vermeldete vergangene Woche die Mittelbayerische Zeitung, das Schloss an den vorbestraften Tierarzt Roland Fechter gehen – entweder via Verkauf oder in Erbpacht. Bereits seit zwei Jahren werde darüber handelt, heißt es.

Fechter war Anfang der 2000er Jahre Schlüsselfigur des bis dahin größten Schweinemastskandals in Deutschland und wurde in diesem Zusammenhang, aber auch wegen gewerbs- und bandenmäßigen Zigarettenschmuggels zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Verbunden war das Urteil mit einer Geldstrafe von 300.000 Euro. Zudem wurde Fechter mit einem Berufsverbot belegt. Mit dem illegalen Verkauf von Hormonen, Leistungsförderern, Impfstoffen und Antibiotika an Landwirte und Leistungssportler soll er Millionen verdient haben. Fechters Praxisräume in Straubing wurden (laut Medienberichten über dessen Mutter) zeitweilig an die NPD vermietet, die dort ihr Bayern-Büro einrichtete.

Absitzen musste der „Autobahntierarzt“ (so genannt, weil seine illegalen Geschäfte häufig auf Autobahnraststätten vonstatten gingen) nur einen geringen Teil seiner Strafe. Bereits zwischen 2006 und 2008 war er in Sachsen wieder als „Berater/Betriebsablaufkoordinator“ in verschiedenen Schweinemastanlagen tätig, in denen es erneut zu Unregelmäßigkeiten mit Medikamenten kam, die jedoch strafrechtlich folgenlos blieben. Erst seit 2014 hat der 55jährige seine Approbation als Tierarzt zurück. Wenige Jahre zuvor waren ihm vom Verwaltungsgericht Regensburg noch „schwerwiegende Charaktermängel“ attestiert worden, zu deren Wandel noch ein längerer Reifeprozess nötig sei.

Fechter hatte schon öfter große Pläne

Aktuell verkündet Fechter gegenüber der MZ große Pläne, die er mit dem Schloss vorhat. Tierarztpraxis, Apotheke, ein kleines Museum und eine öffentliche Grünfläche rund um das Schloss. Erfahrung im Immobiliengeschäft bringt Fechter mit. Er war mehrere Jahre Geschäftsführer der familieneigenen FeBau & ACM GmbH, die sich mit dem Erwerb und Vermietung von Immobilien aller Art befasst. Auch große Pläne sind dem Tierarzt und Unternehmer nicht fremd. Im Januar 2015 etwa trat er mit dem Vorhaben an die Öffentlichkeit, im niederbayerischen Viechtach eine „Bayerwald Tierklinik“ zu errichten. Doch diese Pläne scheinen anschließend nicht weiterverfolgt worden zu sein.

Nun will er also Schloss Pürkelgut wieder zum Leben erwecken und in Regensburg sesshaft werden – das 400 Quadratmeter große Obergeschoss will Fechter laut MZ als Wohnung ausbauen. Vor dem Hintergrund, dass allein die Sanierung des Gebäudes einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag kosten dürfte.

Bürgerverein: Stadt soll kaufen

Für den Bürgerverein Süd-Ost (BÜSO) sind die nun bekannt gewordenen Pläne, Anlass, um die Stadt erneut aufzufordern, das Pürkelgut-Areal selbst zu erwerben. Das Konzept zur Landesgartenschau 2015/16 sei ein guter Ansatz gewesen, sagt BÜSO-Vorstand Hans Brandl. Wenn sich nun die Möglichkeit ergebe, das Areal doch noch zu erwerben, weil die jetzigen Eigentümer das Interesse an diesem Gelände verloren hätten, dann sei es „unumgänglich, dieses für die Stadtbevölkerung, für die Natur und die Freiräume Regensburgs so wichtige Gebiet“ auch zu kaufen. „Die Stadt würde damit etwas Werthaltiges zum Nutzen aller Bürgerinnen und Bürger kaufen – insbesondere denen im Stadtosten. Man muss in Vorleistung gehen für künftige Generationen und nicht sagen, dass sich alles rechnen muss.“

Dass beim IZ tatsächlich Interesse besteht, das gesamte Areal zu verkaufen, ist allerdings keineswegs ausgemacht. Mit Roland Fechter verhandeln Berger und Dietlmeier nach bislang bekannte Informationen lediglich über den Kauf des bzw. eine Erbpachtlösung für das Schloss nebst 2.500 Quadratmetern Grünfläche. Und ohnehin bleibt völlig unklar, ob es am Ende tatsächlich etwas wird mit all den nun gemachten Versprechungen und Plänen des Skandal-Tierarztes.

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Kommentare (19)

  • Mr. T.

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    In dunkeldeutschen Regionen wird oft das Gerücht gestreut, dass extremrechte Subjekte an einem Objekt interessiert sind, um die Kommunen aufzuscheuchen, um eigentlich schwer verkäufliche Objekte teuer zu übernehmen. Nicht dass hier ein ähnlicher Schmu mit anderen fragwüdigen Subjekten getrieben wird, um die Stadt zum Handeln zu bewegen.

  • ledara

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    Mich macht das wahnsinnig wütend. Da hat man dieses wundervolle Kleinod vor den Toren der Stadt, man sieht in St. Emmeram das Epitaph des Vorbesitzers – Das Wappen mit der Hand mit dem Ring am Daumen, genauso wie im “Festsaal” des Schlosses über dem Kamin, das Bankgebäde des Löschenkohl am Neupfarrplatz (eine Art Banker, er ist wegen Schulden getürmt, Löschenkohl hat das Schloss gebaut), und es bröselt vor sich hin, um die Jahrtausendwende hat man zumindest das Dach gemacht.

    Niemand anderes sollte doch so ein Schloss kaufen dürfen, der es auch unterhalten und renovieren kann.

    Das Denkmalamt wäre doch die Traumlösung gewesen.

    Man wird einfach wütend, wenn man hört “nicht einmal geschenkt” – ja sicher wird die Renovierung richtig teuer, aber es ist ein einmaliges Kleinod, das kann man nicht nachbauen, es ist unersetzlich.

    Ich hoffe, dass man das jetzt endlich in Angriff nimmt. Zu Mörikes Zeiten war es ein Ausflugslokal mit Schwänen im Burggraben, Napoleon soll hier übernachtet haben, ich glaube aber nicht im Schloß selbst.

    In “Burgen und Schlösser in und um Rgbg” ist ein schöner und lesenswerter Beitrag von Michael Schmid. Vielleicht erkennt man ja, was man an diesem wunderschönen Wasserschloss hat und handelt endlich danach. Das wäre sehr schön

  • Madame

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    Ausser Spesen nichts gewesen. Typisch für weltkulturerbe regensburg

  • FRA

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    Danke Fürstenhaus, wir Regensburger lieben euch

  • ladara

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    Kommentar gelöscht. Bitte sachlich.

  • ladara

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    Drin in dem Schloß war ich leider noch nie, aber, wenn man vor dem Haupteingang steht – man muß waten, man frägt die Gartenbesitzer, ob es ok ist – sieht man sogar noch die hölzernen Rollen der Zugbrücke, es ist einfach sehr beeindruckend.

    Das darf nicht kaputt gehen. Das ganze Ding sieht ja wie ein Rohbau aus. Man muss dazu sagen, Löschenkohl war ein Bürgerlicher. Seit der Säkularisation hatten es die T&T.

  • joey

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    die “Tierarztpraxis” ist doch kompletter Blödsinn. Was wirft denn sowas ab, um damit ein Schloß wirtschaftlich zu machen?

  • Jakob Friedl

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    @Mr. T.: Ich halte es auch für wahrscheinlich, dass der dubiose Kaufinteressent nur als Köder des noch dubioseren IZ fungiert, um den Preis für einen Weiterverkauf an die Stadt in immer unverschämtere Höhen zu treiben.
    Der private Kaufinteressent würde das Schloss mit einer hohen öffentlichen Förderung sanieren, kommerziell und zum eigenen Prestige betreiben und nach den Abschreibungsfristen vielleicht selbst später weiter veräußern oder an das IZ zurückgeben. Besser wäre es, die dem Gemeinwohl verpflichtete Stadt würde hier denkmalpflegerisch tätig werden und vom Staat entsprechend mit Steuergeldern unterstützt den Bestand entwickeln und halten.
    Der bald ein Jahrhundert währende vom Fürstenhaus bevorzugte Verfall vor den Augen der Stadt Regensburg ist ebenso skandalös, wie der Vorkauf der Gebäude mit Gewinnen aus den von der Stadtverwaltung ermöglichten rein profitorientierten und für die Kommune in verschiedener Hinsicht immer unvorteilhaften Geschäften des IZ-Unternehmens. Das IZ hat in der Vergangenheit jede eigentlich nicht genehmigungsfähige Extrawurst bekommen, nach der es verlangte. Durch eine geschickte Grundstücksbevorratungspolitik hat sich die Firmengruppe in die Lage versetzt, nicht nur von neu geschaffener sozialer Infrastruktur der Stadt zu profitieren, sondern die Stadt nun auch bei der Entwicklung der PLK zu blockieren und zu einem Entgegenkommen im ausgelagerten Bebauungsplan auf den eigenen angrenzenden Arealen zu nötigen um beispielsweise minderwertige Werkswohnungen an den Bahngleisen errichten zu dürfen anstelle eines eigentlich dort vorgesehenen Gewerbehofes für das Quartier. Es ist anzunehmen, dass die Stadtverwaltung am benachbarten Pürkelgut vom IZ mit extremen Preisvorstellungen konfrontiert wird.

    Ist das utopisch oder gerecht:
    Wäre es nicht eine schöne und gerechtere Vorstellung, wenn die Stadt in Zukunft Baugesuche des IZ für lärmbelastete, mit einem sozialen Deckmantel kaschierte Mietkasernen, bzw. Beherbergungsstätten ablehnt, zumal Wohnen nach ihrer eigenen Auffassung hier eigentlich sowieso nicht genehmigungsfähig ist – schon gar nicht unfreiwilliges. Wäre es nicht denkbar alle Möglichkeiten von Enteignung zu prüfen und ist es nicht Aufgabe der Stadt dazu die städtebaulichen Pläne in ihrem Sinne weiter zu konkretisieren? Wäre es nicht klüger sich gar nicht erst auf faule Kompromisse mit dem IZ einzulassen, die lediglich der Firmengruppe zu weiteren Vorteilen gereichen, sondern kommunale Interessen zu definieren und durchzusetzen?

    Das Pürkelgut mit seinen Freiflächen und Gebäuden ist ein wichtiger historischer Ankerpunkt und sollte, wie schon seit Generationen angedacht und leider nie verwirklicht, ein naturnahes Freizeit-, Kultur- und Erholungsgebiet in kommunaler Trägerschaft für die Regensburger*innen werden.

    Übrigens: 1955 war am Pürkelgut der damals so genannte Ostpark geplant und die Stadtverwaltung beauftragt sich um den Erwerb der Flächen und Gebäude zu bemühen.
    Hier eine kleine Zusammenstellung aus dem städtischen Archiv: https://ribisl.org/ostpark-auf-dem-puerkelgut/

  • Soisses

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    Es ist einfach nur zum Heulen!
    Wie kann man ein solches Kleinod derart vor die Hunde gehen lassen und die Agonie zu einem traurigen Höhepunkt bringen, indem man es dubiosen Spekulanten zum Fraß vorwirft. Ich hoffe entgegen aller Erfahrung, dass die Stadt uns Schloss und Park rettet und wiederherstellt, bevor es es endgültig zu spät sein wird. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

  • Andrea Mink

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    Ich habe mal recherchiert, das man in der 70ziger und frühen 80ziger Jahren Regensburg in der Presse “Klein-Chicago” nannte. Offensichtlich stimmt das mit Little Chicago in der Oberpfalz immer noch…
    Eine konstruktiv gemeinte Idee hätte ich tatsächlich. Wie wäre es mit einem Crowdfunding, um das lädierte Kleinod Schloss Pürkelgut nicht den bösen Buben zu überlassen.

  • Mr. B.

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    Zu Andrea Mink:

    Die bösen Buben werden es so oder so bekommen, wenn sie es haben wollen!
    Warum?
    Wir sind hier in Regensburg und da war das offensichtlich schon immer so!
    Der Bürger ist lästig, wenn er Vorschläge gegen die Macht des Geldes macht!

  • Jakob Friedl

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    @Andrea Mink: Auch ein Crowdfounding zur Überführung der an die PLK angrenzenden Areale in kommunales Eigentum würde die Stadt deutlich entlasten ;-) Das skrupellose IZ würde sich den Grund in Diamanten aufwiegen lassen und mit diesem Kapital dann noch schneller, schrottiger und flächenfressender rückständige Baugebiete im korruptionsanfälligen Landkreis klarmachen… Obwohl: Geld, das gewaschen werden will, steht dem IZ wohl sowieso in unbegrenzter Menge zur Verfügung.

  • Mr. B.

    |

    Zu Jakob Friedl: “…Das skrupellose IZ würde sich den Grund in Diamanten aufwiegen lassen und mit diesem Kapital dann noch schneller, schrottiger und flächenfressender rückständige Baugebiete im korruptionsanfälligen Landkreis klarmachen… Obwohl: Geld, das gewaschen werden will, steht dem IZ wohl sowieso in unbegrenzter Menge zur Verfügung.”

    Reden Sie hier Klartext? Ich bin stark beeindruckt!!!!!!!!

    Man stelle sich vor, im Regensburger Stadtrat würde es noch ein paar Gewählte vom Kaliber eines Herrn Friedl geben?

  • Jakob Friedl

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    Interessanter Artikel: https://www.blaetter.de/ausgabe/2021/august/boden-und-wohnungen-eldorado-der-kapitalverwertung

    “In Abhängigkeit der jeweiligen Formation der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist die Verwertung des Bodens deutlichen Veränderungen unterworfen. Sie reicht von der Ertragsoptimierung (Durchsetzung derjenigen Nutzungen, aus denen sich aus Grundstücken in bestimmter Lage die höchsten Profite erzielen lassen) über monopolistische Preistreiberei (Erzielen von Monopolrenten in zentralen Lagen auf der Basis überregionaler Verwertungsinteressen großer Unternehmen und Finanzmarktakteuere) bis zum sukzessiven Formwandel von Immobilien zu Finanzobjekten.” (vgl. Werner Heinz und Bernd Belina: Die kommunale Bodenfrage – Hintergrund und Lösungsstrategien, Berlin 2018; Stefan Krätke: Strukturwandel der Städte, Frankfurt am Main 1991)

    Daraus ebenfalls:
    “Die schlimmste Fessel bleibt das unsittliche Recht des privaten Eigentums an Boden. Ohne die Befreiung des Bodens aus dieser privaten Versklavung kann niemals ein gesunder entwicklungsfähiger und im Sinne der Allgemeinheit wirtschaftlicher Städtebau entstehen.”
    (Walter Gropius 1931 zitiert nach Thomas Flierl und Philipp Oswald (Hg.), Hannes Meyer und das Bauhaus im Streit der Deutungen!, Leipzig 2019)

  • Erna

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    „…unsittliche Recht des privaten Eigentums an Boden…“wurde zwar thematisiert aber nicht umgesetzt. Warum? Weil der Unsinn spätestens seid der DDR erkannt wurde.

  • Hthik

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    @Erna 22. August 2021 um 11:54

    Ich wusste gar nicht, dass die DDR, am 14.05.2019 noch existierte, denn da meldete der Tagespiegel

    “Zum Bau von Autobahnen und Bundesstraßen wird in weitaus größerem Stil enteignet als bisher bekannt war. Aktuell laufen insgesamt 200 Verfahren.”

    Man könnte auch mal, nach Stichwörten wie Enteignung und Tagebau suchen.

    Diese Beispiele habe ich natürlich böswillig wieder gerade so gewählt, dass sie dem Gemeinwohlziel Klimaschutz widersprechen.

  • Jakob Friedl

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    @Erna: …oder Dänemark :-)
    Für Sie zitiere ich nochmals gerne aus dem oben verlinkten Artikel von Werner Heinz “Boden und Wohnungen: Eldorado der Kapitalverwertung” (Blaetter für deutsche und internationale Politik / August 2021)

    “[…] Von einem Mitglied des “Münchner Aufrufs für eine andere Bodenpolitik” kommt schließlich der Vorschlag, die privatrechtliche Verfügungsgewalt über Grund und Boden zu reduzieren und – unter Verweis auf die Bodenpolitik Dänemarks – das private Bodeneigentum auf den Eigenbedarf zu begrenzen. (Bernadette-Julia Felsch, Wege zu einer gerechten Bodenordnung, München 2010, S.119ff) “Das im Erbfall über den Eigenbedarf hinausgehende Grundvermögen würde [….] gegen Entschädigung verstaatlicht und in Erbpacht zur Nutzung vergeben. […] Nicht mehr möglich wäre die Hortung von und das Spekulieren mit Grund und Boden und damit das Erzielen leistungsloser Einkünfte.”
    Für einen staatlichen Eingriff in die die private Bodenverwertung ist Dänemark kein Einzelbeispiel. In Singapur befindet sich nahezu der gesamte Grund und Boden in des Stadtstaates in öffentlicher Hand.
    Eine solche Bodenpolitik würde die kapitalistische Wirtschaftsform beseitigen argwöhnen Kritiker seither. Ihr Widerspruch traf bereits 1972 die im Kontext der bodenpolitischen, auf eine Aufspaltung des Bodenegentums in ein Verfügungs- und ein Nutzeigentum zielenden Vorschläge des damaligen Münchner Oberbürgermeisters und späteren Bundesbau- und Justitzministers Hans-Jochen Vogel. (Florian Hertweck, Hans-Jochen Vogels Projekt eines neuen Eigentumsrechts des städtischen Bodens, in”ARCH+ 231″, 4/2018, S.46-53; Hans-Jochen Vogel, Mehr Gerechtigkeit, Freiburg im Breisgau 2019, S.19) Diese Befürchtungen haben sich jedoch weder in Dänemark noch in Singapur bewahrheitet. […] Es handelt sich vielmehr um Staaten mit einer spezifischen Bodenordnung, die maßgebliche Vorteile für die Wohnungsversorgung der dortigen Bevölkerung bedeutet. […]”

    Meiner Meinung nach muß im Sinne einer Erweiterung des kommunalen Handlungs- und Planungsspielraums gründlich und auch im Rahmen von öffentlichen Debatten herausgearbeitet werden welche Handlungsmöglichkeiten die Stadt bereits hat um ihre Interessen zu wahren und durchzusetzen: z.B. Gegenüber dem IZ und T&T bzgl. des Pürkelguts und gegenüber dem IZ und der RMI Immobiliengesellschaft mbH bei den an die PLK angrenzenden Arealen mit den noch aufzustellenden B-Pläne 277-I und II.

  • Andreas

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    Warum will mir bloß nach Lesen des Artikels das Wort “Enteignung” nicht aus dem Kopf gehen?

  • BÜSO

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    Für den Bürgerverein Süd-Ost : Wenn sich nun nach ca. sechs Jahren ein Zeitfenster öffnet, weil die jetzigen Eigentümer ganz offensichtlich das Interesse an diesem Gelände verloren haben, dann ist es unumgänglich, dieses für die Stadtbevölkerung, für die Natur und die Freiräume Regensburgs so wichtige Gebiet zu erwerben. Wie schon Frau Gebhard neue Präsidentin der Bundesarchitektenkammer in der SZ vom 14./15. 08.2021 S 74 „Blick ins Grüne“ sagt: „Man muss in Vorleistung gehen für künftige Generationen und nicht sagen, dass sich alles rechnen muss.“ Wie wahr!

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