SOZIALES SCHAUFENSTER

"Anstrengend und chaotisch"

Verwirrende Lage an den Regensburger Schulen

Wie geht es weiter mit den Schulen? Das war in den vergangenen Wochen nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Eltern eine wichtige Frage. Klar ist, dass seit diesem Montag in Bayern zumindest die Abschlussklassen in den Präsenzunterricht zurückgekehrt sind. Doch viele Fragen sind noch nicht geklärt. Wie die Umsetzung in der Praxis verlaufen wird, dürfte dabei auch Einfluss auf diejenigen Schüler haben, die weiterhin zu Hause bleiben müssen.

Während die Abschlussklassen ab sofort wieder in den Klassezimmern sitzen, bleiben an den Grundschulen und Tagesbetreuungen die Tische weiterhin leer.

Tagelang wurden in den Schulen eifrig Stühle gerückt, Abstände ausgemessen und Seifenspender gefüllt. Maximal neun Schüler dürfen vorerst an den Förderschulen in einer Klasse sein, in den übrigen Schulen höchstens 15. Zudem soll jedem Kind ein Einzeltisch gegeben werden, um den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten zu können. So hat es das Kultusministerium in einer offiziellen Weisung an die Schulen mitgeteilt.

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„Auch Toilettengänge werden bis auf weiteres nur alleine möglich sein und die Pausen gemeinsam mit der Lehrkraft in den Klassenräumen stattfinden“, bestätigt die Ministerialbeauftragte für die Realschulen in der Oberpfalz Mathilde Eichhammer auf Nachfrage. Eine konkrete Maskenpflicht gäbe es zwar nicht. „Allen Schülern soll aber eine Maske zur Verfügung gestellt werden, wenn sie keine haben“, damit sie diese dann auch nach Möglichkeit auf dem Schulweg und außerhalb der Klassenräume tragen. Doch dies hängt letztlich auch von den einzelnen Schulen ab.

Seit einigen Tagen ist auch bekannt, dass Lehrerinnen nun als systemrelevante Berufsgruppe gelten. Dadurch können Lehrkräfte auf eine Notfallbetreuung für ihre Kinder zurückgreifen. Personen über 60 Jahre oder mit einer Vorerkrankung sollen vorerst nicht in den Präsenzunterricht zurückkehren.

“Schon jetzt einiges an Arbeit gekostet”

Zwar klingen die Beschlüsse des Kultusministeriums der Situation angemessen, doch manche Lehrkraft hegt Zweifel, ob das tatsächlich praktisch umsetzbar ist. „Schon die wenigen Schüler, die an den Realschulen und Gymnasien zurückkehren haben uns vergangene Woche einiges an Arbeit gekostet“, berichtet eine Regensburger Realschullehrerin.

Aktuell könne die räumliche Trennung der Schüler noch recht gut geleistet werden, da die Klassen über die kompletten Schulhäuser verteilt werden. „Wie das dann aber ab dem 11. Mai aussehen wird, wenn weitere Klassen zurückkehren sollen, das muss sich erst noch zeigen“, so die Pädagogin weiter. Denn so ein Schulhaus habe eben nur begrenzt Platz. In Sachsen, wo seit letzter Woche schon wieder vereinzelt Unterricht stattfindet, wurden teilweise die Gänge und Treppenhäuser zu Einbahnstraßen umfunktioniert, um das Abstandhalten zu erleichtern.

Unterricht im Schichtbetrieb

Doch das Stühlerücken sei nicht die einzige Herausforderung gewesen. Sorgen bereitet den Ausbildern die Umsetzung der Lehre. Da sei vieles noch nicht geregelt, gibt die Studienrätin an. Zwar seien ja noch siebeneinhalb Wochen bis zu den ersten Prüfungen an den Realschulen, wie die Ministerialbeauftragte klarstellt. „Wir haben also noch genügend Zeit, den wichtigen Stoff zu wiederholen und fehlende Inhalte durchzunehmen.“ Dass am Ende dennoch an manchen Stellen gekürzt werden könnte, schließt Eichhammer aber nicht aus.

„Wir werden nun im Schichtbetrieb anfangen. Also zum Beispiel zwei Stunden die eine Hälfte der Klasse unterrichten und im Anschluss den gleichen Inhalt mit der zweiten Hälfte durchnehmen“, so ein weiterer Lehrer. In den Schulen soll dabei nur die Prüfungsvorbereitung stattfinden. „Sämtliche Nebenfächer sollen weiterhin online zu Hause behandelt werden.“ Doch schon das könnte schnell an Grenzen gelangen. Sollten ab dem 11. Mai weitere Klassen in die Schulen zurückkehren, sei der Schichtbetrieb auf Grund der Arbeitszeit nicht mehr umsetzbar. „Dann verdoppelt sich die Stundenzahl auf einen Schlag“, betonen beide Lehrer.

Eine klare Linie fehlt bisher

Besonders erschwerend sei die ständig wechselnde Informationslage auf Seiten des Kultusminsteriums. „Die ganzen Regelungen, was die Schulen betrifft, ändern sich momentan innerhalb kürzester Zeit. Ich denk immer “Ah ok, jetzt ist mir grad klar, wie es funktionieren soll” und dann kommen wieder neue Anweisungen, die dann wiederum einen Tag später zurückgenommen oder wieder angepasst werden“, so die Lehrerin über die aus ihrer Sicht „durchaus verwirrende Lage. “Mal sehen wie das alles in der Praxis wird.“

Immerhin bei der Frage der Notenvergabe gäbe es für die Schülerinnen eine positive Nachricht. „Da soll es nun keine verpflichtenden Prüfungen mehr geben. Wir Lehrerinnen können aber bei Bedarf noch einzelne Noten vergeben, um zum Beispiel Schülern die Möglichkeit zu geben, sich noch zu verbessern.“

“Soweit wir das einschätzen können, funktioniert es gut”

Der große Rest der Kinder und Jugendlichen wird aber vorerst weiterhin zu Hause mit Lernmaterial versorgt werden. „Soweit wir das einschätzen können, scheint das in den allermeisten Fällen recht gut zu funktionieren“, bekräftigt die Ministerialbeauftragte und erklärt auf Nachfrage: „Da die Lehrer ihre Schüler ja bereits aus dem Präsenzunterricht kennen, haben die schon ein gewisses Gespür dafür, wo es Schwierigkeiten geben könnte und bei welchen Kindern auch ein paar mal öfter angerufen werden sollte.“

“Mindesmaß an Qualität nicht sichergestellt”

In vielen Fällen mag diese Einschätzung durchaus zutreffen. Dass im Juli, wenn das Schuljahr offiziell enden wird, aber nicht nur die Abschlussjahrgänge doch noch mit einem guten Gefühl aus den Schulen gehen können, sondern auch wirklich alle Kinder während der Zeit des Homeschoolings mitgenommen werden konnten, stellt eine Studie der Robert Bosch Stiftung mittlerweile in Frage. Dr. Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung der Robert Bosch Stiftung kritisiert:

„Neben positiven Einzelbeispielen engagierter Lehrer erleben wir momentan auch ein System, dem es an vielen Stellen nicht gelingt, ein Mindestmaß an Qualität flächendeckend sicherzustellen. Nach der Krise sollten Themen wie Unterrichtsqualität, Digitalisierung und Qualifizierung der Lehrkräfte ganz oben auf der Agenda stehen.“

Die Studie zeigt, dass Grundschulen besonders von den Auswirkungen der Schulschließungen betroffen sind. Hier sehen 82 Prozent der befragten Lehrkräfte die eigene Schule nicht ausreichend vorbereitet. Fast die Hälfte gibt an, nur zu wenigen Schülern regelmäßig Kontakt zu haben. „Die Schule ist neben der Familie die maßgebliche soziale Instanz im Leben unserer Kinder – daran ändert auch die derzeitige Situation nichts“, so Wolf. „Fast noch wichtiger als das Lernen ist dabei die Gestaltung von Beziehungen, gerade an den Grundschulen.“

Mangelnde technische Ausstattung in den Familien

Eine weitere Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft kommt zu ähnlichen Ergebnissen und macht auch das Problem der finanziellen Ausstattung in den Familien deutlich. Laut der IW-Studie haben lediglich knapp 15 Prozent der Zwölfjährigen und 27 Prozent der 14-Jährigen aus Hartz-IV-Haushalten einen eigenen Computer. Unter allen Zwölfjährigen sind es fast 28 Prozent, unter allen 14-Jährigen fast 42 Prozent.

Könnten viele Kinder derzeit immerhin auch auf die technischen Geräte ihrer Eltern oder Geschwister zurückgreifen, fehle es in manchen Familien aber ganz generell an der passenden Ausstattung oder an dem notwendigen Wissen, um damit umgehen zu können. Das führe in der Folge zu einem starken Gefälle innerhalb der Klassen und den gesellschaftlichen Schichten, heißt es in einer Einschätzung der Studie.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg

Wie schwierig die aktuelle Debatte über eine schrittweise Öffnung der Schulen in den Bundesländern ist und wie viel es dabei zu beachten und abzuwägen gilt, das zeigte eine Diskussionsrunde am Montagvormittag im Deutschlandfunk auf. Dort diskutierten Christine Aschenberg-Dugnus, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Prof. Alexander Kekulé, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie, und Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbands.

„Die momentane Situation stellt natürlich auch die Kinder vor eine Stresssituation, wo sie nicht wissen wie sie damit umgehen sollen“, machte etwa Lassek deutlich. Es müsse aber eben darum gehen, das richtige Maß zwischen Gesundheitsschutz und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen finden. Alle drei setzen sich dafür ein, sowohl regional unterschiedliche Strategien, entsprechend den jeweiligen Rahmenbedingungen zu entwickeln, aber eben auch keine zu voreiligen Schritte zu unternehmen. „Schulen sind natürlich ein besonderer Verbreitungsort für Viren. Selbst wenn Kinder und Jugendliche selbst oft keine Symptome zeigen, können sie dennoch infiziert sein und weitere Personen anstecken“, so Kekulé. Daher seien die Schulschließungen insgesamt durchaus sinnvoll gewesen. Nun gehe es darum, den besten Weg für Schüler, Lehrer und Familien zu finden.

Holpriger Start in Regensburger, Schließung in NRW

Wie dieser am Ende aussehen wird muss auch in Regensburg die Praxis zeigen. Doch seit Montag müssen Lehrer und Schülerinnen sich nun erst einmal auf die neue Situation einstellen, herausfinden welchen Wissensstand die Abschlussklassen aktuell haben, wo angesetzt werden kann und wo noch einmal wiederholt werden muss. „Der heutige Start war doch anstrengender und chaotischer als erwartet. So richtig gut hat das mit dem Abstandhalten noch nicht geklappt. Aber das muss sich vielleicht auch alles erst einmal einspielen“, so die Hoffnung der beiden Pädagogen.

Unterdessen musste in Nordrhein-Westfallen die erste Schule bereits wieder schließen, da es einen konkreten Corona-Verdacht bei einem Schüler gibt.

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Kommentare (5)

  • Tröster

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    Allenthalben ist die Rede davon, dass “nur” die Abschlussklassen an den Schulen sind.
    An der FOS/BOS sind das aber rund 60% (!) der Schüler. Dort gibt es eben nur 11., 12. und 13. Klassen und die 12. und 13. machen eben jedes Jahr ihren Abschluss.
    Da werden nun zum einen die Räume knapp, weil ja die meisten Klassen geteilt werden müssen, und es wird auch bei den Lehrkräften eng. Etliche gehören zu Risikogruppen und fallen ganz aus. Die anderen arbeiten wegen der geteilten Klassen doppelt.
    Und: Mir hat noch niemand sagen können, was eigentlich passiert, wenn der erste Schüler bzw. Lehrer positiv getestet wird, womit nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit eigentlich zu rechnen ist. Im Prinzip müsste dann der Betrieb wieder eingestellt werden und einige hundert Menschen müssten in Quarantäne.
    Macht ja nichts. Hauptsache wir können irgendwie die Abschlussprüfungen durchziehen. Das und nur das zählt.

  • XYZ

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    Erinnert mich irgendwie an die einstige Dorfschule an die ich mal ging: zwei Klassen vom selben Lehrer getrennt unterrichtet, die anderen Schüler durften sich dann auf dem Sportplatz oder zugefrorenen Eisweiher unter Aufsicht des Hausmeisters austoben oder sassen still auf den hinteren Plätzen. Die Eltern machten ‘home schooling’, sofern sie dazu in der Lage waren.

  • Giesinger

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    Auf der MZ-Seite gibt es ein Video des Rektors einer Realschule, wie er seine Maßnahmen rühmt. Da steht nun auf einem Tischerl vor dem Klassenzimmer eine Flasche Desinfektionsmittel, die dann jedes Kind erst mal anpatschen, öffnen usw. muß. Für mich der Oberwitz. Aber die geregelte Gastronomie muß weiter geschlossen bleiben.

  • R.G.

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    Ganz praktisch gedacht entsteht die größte Gefahr bei Ankunft, Schulschluss und in den Pausen.
    Lehrer sollten unbedingt entlastet werden durch Flur- und Pausenaufsicht.

    Vor jeder (!) Klasse müsste in diesen Problemzeiten wenigstens ein Erwachsener als Kontrolle im Flur bzw. Begleiter durch das Schulhaus zur Verfügung stehen, sodass man je vier Schülerin etwa im 5 Minuten-Takt entlassen könnte.

  • DD

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    Meine Erkenntnis nach einer Woche Schule mit der Q 12: Wir können es nicht. Das mit dem Abstand-Halten funktioniert nicht, auch nicht mit den Großen. Schule war und ist schon immer eine “soziale” Anstalt, keiner kann (und will ?) seine Gewohnheiten ablegen. Man spielt in unbeobachtete Nischen Karten, man steht zu nah beisammen, man fährt gemeinsam Aufzug. So viele Aufsichten kann man gar nicht aufstellen, dass man das überwachen kann…Hoffe, die Zahlen sind wirklich so überschaubar, dass sich das Infektionsgeschehen dann noch kontrollieren lässt. Denn es hat sich tatsächlich noch NIEMAND geäußert, was passiert, wenn EINER an der Schule positiv getestet ist.

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