SOZIALES SCHAUFENSTER

Interview mit Christoph Högl vom Coronahilfswerk

„Wir müssen die Kröte Corona und ihre Folgen schlucken, nicht nur abbusseln.“

Im März als lokale Nachbarschaftshilfe in Regensburg gestartet, ist das Corona-Hilfswerk mittlerweile zu einem deutschlandweiten Netzwerk geworden, über das sich tausende Helfer in weit über 100 Gruppen organisieren – komplett ehrenamtlich. Ein Gespräch mit Mitbegründer Christoph Högl über die Entwicklung dieses Netzwerks, negative und positive Erfahrungen zur Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen, unseriöse Angebote und Kuhhandel, und warum es mittlerweile einen eigenen Forschungszweig in Zusammenarbeit mit der Universität in Berkeley gibt.

Christoph Högl bei der Übergabe von Essenskörben bei der Versorgung einer Regensburger Flüchtlingsunterkunft, die im Frühjahr unter Quarantäne stand. Foto: Archiv/bm

Mittlerweile ist es neun Monate her, seit sich die Corona-Hilfe Regensburg gegründet hat. Ihr seid seitdem ein bundesweites Netzwerk geworden. Wie lief diese Entwicklung?

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Sehr sprunghaft. Der erste Impuls war ja damals, älteren, vulnerablen Menschen den Weg zum Einkauf zu ersparen, damit sie ihre Gesundheit schonen und sich nicht anstecken und so indirekt auch zur Entlastung des Gesundheitssystems beitragen. Diese Grundidee verfolgen wir immer noch und sie bildet auch das Rückgrat des Corona-Hilfswerks. Das ist sozusagen unsere Hauptdienstleistung. Gut die Hälfte aller Hilfesuchenden wendet sich deshalb an uns: Einkaufshilfe, Besorgungsgängen zur Post, Apotheke und dergleichen.

Etwa ein Viertel der Menschen, die sich bei uns melden, brauchen einen Wegweiser, wo sie weitere Hilfe bekommen können. Oder haben Fragen dazu, wie in ihrer Region bestimmte Dinge geregelt sind: Brauche ich eine Bescheinigung für den Arbeitgeber bei Selbstquarantäne? Wo gibt es welche Finanzhilfen? Wo gibt es Hilfsgruppen für dieses und jenes?

Und das letzte Viertel wendet sich an uns mit Fragen, die eigentlich Politik, Gesundheitsamt oder andere Stellen beantworten müssten und sollten: Warum dauert das mit meinem Test so lange? Wo kann ich mich testen lassen? Warum sind die Testzentren nur zu (für mich) ungünstigen Zeiten geöffnet? In der Schule/Klasse meines Kindes sind Fälle aufgetreten, was kann/muss/soll ich tun, nach welchen Kriterien wird entschieden und warum erfahre ich davon nur im Elternchat und nicht „offiziell“?


„Es gibt auch Hilfesuchende, die sich einfach mal auskotzen wollen.“


Wie viele Helfer sind über euch organisiert. Wie viele Gruppen gibt es?

Es sind mittlerweile über 50.000 Helfer bundesweit und etwa 150 Orts- und Special Interest-Gruppen. Die laufen aber nicht alle unter dem Label Corona-Hilfswerk. Das sind Leute von den Wohlfahrtsverbänden, etwa Johanniter/Malteser/Rotes Kreuz, der Freiwilligen Feuerwehr, Stammtischen, Pfadfindern, Vereinen, auch von Bezirken, Städten und Gemeinden finanzierte Stellen und, und, und. Die sind über uns vernetzt. Wir sind mehr oder weniger ein Dachverband, der Informationen zentral zur Verfügung stellt und eine Infrastruktur zur Organisation eines Ticketsystems zur Verfügung stellt, das Helfer und Hilfesuchende zusammenbringt.

Eine typische kleine Ortsgruppe hat zwei oder drei Leute (in Großstädtischen zehn bis 30), die sich um die Verteilung der Aufgaben kümmern. Und je nach Dorf, Stadt oder Landkreis sind es dann zwischen zehn und 500 Helfern. In Berlin sind es ein paar tausend, in Regensburg sind wir knapp unter 800. Da kümmern wir uns aktuell um rund 260 Menschen. Es waren auch im Sommer nie weniger als 120.

Dazu kommen noch Leute, die wir telefonisch versorgen und betreuen. Erinnerungsservice, damit ältere Menschen ihre Medikamente nicht vergessen, oder regelmäßig den Zuckerwert abfragen und einfach, wie es den Betroffenen geht. Da gibt es zwei Leute, die seit Mai durchgehend nichts anderes machen. Die rufen jeden Tag 40 bis 50 Leute an und fragen nach dem aktuellen Status.

Es gibt auch Leute, die sich einfach mal auskotzen wollen. Es gibt mehrere Gruppen, die sind nur zum Ratschen da. Den normalen Plausch, den man sonst am Gartenzaun führen würde.

Wo wir können, versuchen wir Strukturen bestehender Gruppen einzubinden, mit Technik und Know-How zu unterstützen und zu vernetzen und die Leute an Gruppen zu vermitteln, die es eh schon gibt. ADHS-Kindergruppen, Selbsthilfe für Menschen mit psychischen Problemen – es gibt ja ganz viele Gruppen, aber die haben eben auch nicht gewusst, wie es weitergeht. Denen haben wir die Hand gereicht und digitale Gesprächsräume eingerichtet – in Regensburg wären das zum Beispiel die Selbsthilfegruppen, die über die Kontaktstelle KISS oder KoBE (Koordinierungszentrum Bürgerschaftliches Engagement) vernetzt sind. Wir wollen nicht alles machen. Wir legen auch keinen Wert darauf, dass wir da jedes Mal drunter stehen. Uns geht es darum, dass Leute, die einen Bedarf haben, dann auch etwas finden.

Für Kinder haben wir haben zum Beispiel über den Sommer hinweg durch Regensburg Fotoschnitzeljagden gemacht. Kontaktlos. Man musste bestimmte Motive wiederfinden, ablaufen und fotografieren. Das war ein Riesenspaß für Kinder und Jugendliche. Wir haben gemeinsames Lesen und Kopfrechnen im Live-Chat gemacht. Gemeinsames Musizieren, jeder vor seinem PC. Wir haben kleine Theater- und Lesestückchen verteilt gelesen. Es gab und gibt alles mögliche für groß und klein.


„Manche Gesundheitsämter sind dankbar, andere empfindlich…“


Arbeitet ihr auch mit offiziellen Stellen zusammen?

Das kommt ganz darauf an. Einige sind sehr offen und auch dankbar, wenn wir unsere Hilfe anbieten. Zum Beispiel die Regierung der Oberpfalz. Die fragen an, wo und welche Ressourcen wir in einzelnen Städten haben, um sie zu unterstützen, wenn es etwa wieder in einer Flüchtlingsunterkunft zu Ausbrüchen kommt. Und zwar bevor etwas passiert. Da musste ich das Bild von der Asylverwaltung, das ich noch im Frühjahr hatte, deutlich revidieren. Dort gibt es wirklich sehr engagierte Leute, die auch mit den Bewohnern der Unterkünfte tatsächlich intensiv kommunizieren. Und diese Erfahrung haben wir auch in anderen Regierungsbezirken gemacht.

In manchen Regionen sind auch die Gesundheitsämter dankbar, dass wir für sie die Folge-/Erstinformation teilweise übernehmen – also Fragen zur Quarantäne und dergleichen. Wir dürfen die allgemeinen Infos an die Leute verteilen, mit Linklisten, Arztlisten, Ansprechpartnern für verschiedene Belange. Wir bieten Übersetzungen in zahlreiche Sprachen – rumänisch, türkisch, arabisch, russisch… – da hat man im Gesundheitsamt kaum Ressourcen, um Bescheide klar zu vermitteln oder gar zu übersetzen. Das machen dann wir.

Andere sind da sehr empfindlich und verweisen darauf, dass das eine hoheitliche Aufgabe sei und da niemand anders mitreden dürfe.

Wie läuft die Zusammenarbeit in Regensburg – zum Beispiel mit dem Gesundheitsamt?

Die ist praktisch nicht existent. Das hat man schon gesehen bei den Ausbrüchen in den Flüchtlingsunterkünften in Regensburg. Das lief ausschließlich über Bande – über die Regierung der Oberpfalz. Und anscheinend läuft auch die Kommunikation zwischen Gesundheitsamt und Regierung nicht immer optimal. Aktuell gibt/gab es einen Ausbruch in der Unterkunft in der Bajuwarenstraße, den sie nicht richtig in den Griff bekommen.

Verschiedene andere Stellen sind aber sehr kooperativ. Da gibt es zum Beispiel Anfragen zu Möglichkeiten bei der Gastro, um Unterkünfte zu versorgen und wir klären das mit dem Hotel- und Gaststättenverband oder anderen Dienstleistern ab, der geeignete Betriebe sucht. Vom Gesundheitsamt dagegen erfahren wir nichts und die wollen sich auch, so unsere Einschätzung, nicht helfen lassen – verwaltungsrechtlich sicher ok, nur eben nicht immer wirklich zielführend.

Wir haben regelmäßig Kontakt zu Stadträten und Bürgermeistern quer durch die Republik und stellen böse Fragen. „Machen Sie keinen Wirbel“, heißt es da oft nur. Dabei versuchen wir nur Wissen und Unterstützung anzubieten. Zum Beispiel, dass es im Vorfeld gut wäre, sich Gedanken über Raumklima und Lüftungskonzepte in den Schulen zu machen. Das haben wir schon im Mai angesprochen. Da hat es dann nur geheißen: „Wir werden schon sehen, ob das im Herbst überhaupt noch relevant ist.“


„Wir sagen da nicht irgendetwas aus Lust und Laune.“


Die Kommunen werden sich eben eher auf Fachleute verlassen wollen als auf eine ehrenamtliche Hilfsorganisation. Verständlich, oder nicht?

Moment. Wir bieten da ja nicht unser Wissen an oder das, was wir glauben, sondern Erkenntnisse von Fachleuten. Wir haben beim Corona-Hilfswerk nämlich auch einen eigenen Forschungszweig, der sehr vielversprechend ist. Wir haben ein Team von zehn bis 15 engagierten Leuten, die jeden Tag täglich bis zu 6.000 Studien/Fachinformationen mit Hilfe von Algorithmen nach Stichwörtern und neuen Erkenntnissen durchsuchen. Daraus wird dann eine Shortlist mit circa 50 Dokumenten mit Neuem generiert, die dann händisch überprüft werden. Täglich bleiben so etwa acht bis zehn Studien übrig, die wir dann Experten/Fachgruppen/-gesellschaften im jeweiligen Gebiet zur Stellungnahme unterbreiten.

Dazu arbeiten wir unter anderem mit der Universität Berkeley zusammen. Dort haben wir die Möglichkeit bekommen, an diversen Forschungsprojekten teilzuhaben. Dadurch haben wir zum Beispiel auch Zugang zu Forschungsdatenbanken, Pre-Print-Services, Fachverlagen und -gesellschaften. Ein Großteil der Studienauswertungssoftware wird dort auch für uns entwickelt und gewartet.

Wird dieses Wissen dann von irgendjemandem bei euch abgerufen?

Die Ergebnisse geben wir weiter an unsere Ortsgruppen, die dann auf entsprechende Anfragen reagieren können. Und das sind nicht unbedingt wenige.

Wir bekommen echte Brennpunktanfragen aus Alten- und Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, aus denen regelmäßig Frustration und Verzweiflung oder auch nur der Wunsch nach einem schnellen Link zur aktuellen Studienlage mitschwingt.

Zum Beispiel, einfach mal zitiert: „Wie wirkt sich Covid-19 auf COPD Gold 3 aus?“ „Welcher pO2/pCO2 wird bei welcher Flussrate toleriert?“ „Wie wirkt Dexamethason auf Patienten mit Linksschenkelblock?“ „Welche Katecholamine verträgt mein Epileptiker wohl besser?“

Solche Fragen kommen und wir können dazu die aktuelle Studienlage weitergeben. Wir versuchen hier Zeit zu sparen, die Datenflut zu sortierten und die Infos aktuell und an der Quelle direkt weiterzugeben. Von Fachkundigem zu Fachkundigem – wir sammeln und vermitteln hier nur.

Da sind dann auch so lapidare Ergebnisse dabei, welche Regeln für das Lüften besonders wirksam oder gar vorgeschrieben sind, die in der Masse aber nicht ansatzweise eingehalten werden (können). Da gibt es die gar nicht neue Erkenntnis, dass das offene Fenster bei Windstille eher ein Schlachthofklima – Kaltluftsee – schafft, das Ansteckung eher befördert als dass es etwas nutzen würde. Da gibt es technische Regelwerke, die weder neu noch ein Geheimnis sind: Vom Umweltbundesamt und dem Landesamt für Gesundheit. Da wird klipp und klar gesagt, was alles geht und was nicht geht. Da gibt es Studien zu UV-C-Luftfiltern. Und, und, und. Doch all das scheint in die Entscheidung zu Schulöffnungen nicht einzufließen.

Um es kurz zu machen: Wir sagen da nicht irgendetwas aus Lust und Laune. Wir beziehen uns auf bekannte und geprüfte Forschungsdaten. Es stößt uns vor den Kopf, wenn darauf nicht zurückgegriffen wird. Oder wenn wir zum Beispiel von der Stadt Regensburg einfach abgefertigt werden.


„Vieles erfährt das Gesundheitsamt zu spät oder gar nicht…“


Bei so vielen Anfragen, Ortsgruppen und Leuten, die ihr unterstützt, habt ihr auch Zugriff auf sensible Daten und Informationen. Wie geht ihr damit um?

Wir erfassen nur statistische Informationen und keine genauen Daten. Wir wissen beispielsweise, dass gerade in einer bestimmten Region viele Informationen in einer bestimmten Sprache gebraucht werden, wie viele Leute gerade in Quarantäne sind und dergleichen. Die Details aber liegen da, wo sie gebracht werden – bei den lokalen Organisationen. Aber natürlich lassen sich aus unserer Arbeit und die Erfahrungen in den Gruppen auch gewisse Erkenntnisse ableiten.

Zum Beispiel?

Die Gesundheitsämter reden zum Beispiel davon, dass sie etwa 75 Prozent der Infektionen nicht mehr nachvollziehen können. Unsere Erfahrung ist eine etwas andere. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Leute mit uns offener reden, weil sie keine negativen Konsequenzen befürchten müssen. Wir geben ja nichts weiter. Dann hört man: Wir sind in der Kantine zusammengesessen, wir waren alle miteinander in der Raucherpause, wir haben die Kinder miteinander spielen lassen – und wenig später war jemand von uns positiv.

Sicher ist nach unseren Daten, dass der private Bereich nach wie vor den Großteil, etwa 50 Prozent der Neuinfektionen, produziert. Zwei Drittel davon zu Hause und ein Drittel, wenn man sich mit Freunden im öffentlichen Raum trifft/begegnet. Da kann dann schon eine Umarmung reichen, wenn es ganz blöd läuft.

Andere Bereiche wie ÖPNV, Arbeitsplatz, Schule/Kita, Einkauf tragen einen untergeordneten, aber nicht zu vernachlässigenden Anteil am Infektionsgeschehen, jeweils zehn bis 15 Prozent. Man kann also nicht davon reden, dass die Schule ein komplett sicherer Ort ist. Und wenn man sich mal anschaut, wie voll die Schulbusse zum und vom Schulstandort sind, dann wundert es auch nicht, dass dort Ansteckungen passieren. In der Schule sind die Kinder und Jugendlichen streng getrennt und in den Bussen dann wild durcheinander nach dem Prinzip Sardine.

Wir haben auch den Vorteil, dass wir über unsere Arbeit viele Leute kennen, die in den Alten- und Pflegeheimen arbeiten. Über die bekommen wir dann viel früher mit, wenn es dort zu Ausbrüchen gekommen ist. Oft gibt es da ja gar keine offiziellen Informationen. Wir wissen in der Regel aber immer, wann es dort eine Reihentestung gibt, was dabei herauskommt und wenn – wie in einem Regensburger Heim – ein komplettes Stockwerk abgeriegelt wird.

Oft wenden sich auch Leute aus dem Pflegedienst an uns und fragen, wo sie sich am Wochenende testen lassen können, weil ihnen ein Kollege quasi unter der Hand gesagt hat, dass er positiv getestet wurde. Aber die Testzentren haben dann zu. Wir kennen dann den einen oder anderen Arzt, der dann zum Testen vorbei kommt, damit die am Montag wissen, ob sie arbeiten können oder unfreiwillig den Tod einschleppen.

Eine offizielle Mitteilung der Heimleitung an die Mitarbeiter ist nach unseren Erfahrungen die Ausnahme. Das läuft über die Beschäftigten und deren Kanäle. Und jetzt ist das der besonders gefährdete Pflegebereich. Da kann man sich dann vorstellen, wie es in anderen Beschäftigungsbereichen läuft mit der Weitergabe solcher Daten und Informationen. Das ist dann sehr diffus, wer sich wann wo infiziert hat. Und beim Gesundheitsamt kommen viele Informationen dann entweder zu spät oder gar nicht an.


Manche Corona-Stämme tragen Firmennamen


Warum?

Das hat nach unserer Erfahrung verschiedene Gründe. Wir haben zum Beispiel in Regensburg relativ hohe Pendler-Zahlen, sei es aus Schwandorf, Kelheim oder Straubing. Die Kommunikation und der Informationsaustausch zwischen den jeweiligen Gesundheitsämtern scheint nicht besonders gut zu klappen. Und wenn sich das mal drei, vier Tage verspätet, ist eine Infektionsweiterleitung schon durch.

Auch mit freiwilliger Selbstisolierung nach einem möglichen Kontakt klappt es häufig nicht. Zum einen haben diese Leute keine Bescheinigung für den Arbeitgeber, zum anderen wollen viele arbeiten. Sie brauchen ja das Geld. Dann werden solche Infektionsketten relativ lang verschleppt – bis dann tatsächlich ein positiver Test und ein Bescheid zur Quarantäne da ist. Meistens zu spät. Dann wird der Mitarbeiter krank geschrieben, aber die Kollegen am Band kriegen das ja nicht mit, dass da ein Fall war.

Auch die Information des Falls an das Gesundheitsamt ist relativ rudimentär. Da kommen nicht die Namen von Rudi, Kurt und Rashid, die neben dem Betroffenen gearbeitet haben, sondern nur der Arbeitgeber und die Abteilung. Auf diesen groben Informationen fußt dann die Risikoeinschätzung des Gesundheitsamts, das kommt dann zu dem Schluss, dass am Band Maske getragen wurde und das Risiko deshalb gering ist, aber die Raucherpause, wo alle beieinander gestanden sind, kommt gar nicht zur Sprache. Und dann wird es immer schwerer, das nachzuverfolgen.

Man könnte es molekularbiologisch machen, das wäre aber nur noch aus epidemiologischer Sicht interessant. Dann ließe sich feststellen, bei welchem der rund 20 Corona-Stämme man sich angesteckt hat, die in Regensburg mittlerweile kursieren.

Unter Betriebsärzten gibt es dann so flapsige Bezeichnungen von solchen Stämmen mit den jeweiligen Firmennamen, weil sich dieser Zweig zum Beispiel im Frühjahr vornehmlich in der Logistikkette dieses Unternehmens bis nach Regensburg verbreitet hat. Da gibt es mehrere größere Unternehmen, wo das nachvollzogen werden kann. Dazu gibt es ein von der Bundesregierung unterstütztes Projekt, über das die einzelnen Stämme seit Wuhan auf der Landkarte nachverfolgt werden können.

Wenn hier gut kooperiert wird, dann endet eben eine Welle wie die bei Webasto sehr schnell, wenn nicht, dann wird’s diffus und man kann der Entwicklung nur mit der Maßnahmengießkanne ansatzweise gerecht werden. So und nur so ist die aktuelle Situation nachzuvollziehen.

Für die Arbeit des Gesundheitsamtes bringen solche Erkenntnisse akut natürlich nichts, aber diese verschiedenen Stämme sind bedeutsam für die Entwicklung von Impfstoffen. Ein Molekularbiologe hat uns mal erklärt, dass die Wirksamkeit eines Impfstoffes mit zunehmenden Mutationen nachlassen kann. Das heißt: Wenn die Verbreitung verschiedener Stämme immer weiter geht und damit die Mutationen zunehmen, droht auch die Wirksamkeit des Impfstoffes nachzulassen und dann könnte es irgendwann so werden wie bei Influenza-Viren: Wir brauchen jedes Jahr eine Impfung, je nachdem, welcher Stamm gerade auftritt. Das wäre der Super-Gau. Beginnende Anzeichen und wie weit sich einzelne Stämme schon auseinander dividieren, hatten wir ja mit den Nerzfarmen in Dänemark.


„Kein Kuhandel ‘Geld’ gegen ‘Geräuschlosigkeit’“


Wir schweifen zunehmend ab. Kommen wir wieder zurück zum Corona-Hilfswerk. Wie finanziert ihr euch eigentlich?

Zu 100 Prozent durch Sponsoren und Privatleute und Mitgliedsbeiträge. Für Leute, die aktiv mitarbeiten ist das ein Euro im Monat. Das Gros der Unterstützer sind Privatleute, denen wir mal geholfen haben, und die uns dann mal einen zwei- oder dreistelligen Betrag überweisen. Insgesamt hatten wir bisher Kosten im niedrigen fünfstelligen Bereich, davon 90 Prozent als Spenden in Geld- oder Sachleistung. Das ist vergleichsweise billig für die Menge an Hilfe, die wir leisten konnten. Bei der Stadt Regensburg haben wir mal einen Förderantrag eingereicht. Aber über den wurde bis jetzt noch nicht entschieden und ehrlich, wir rechnen auch mit nichts, da wir ja auch über die Stadtgrenzen hinaus tätig sind und eine „Abgrenzung“ schwer möglich ist.

Auch den von verschiedenen Verwaltungen angebotene Kuhhandel „Geld“ gegen „Geräuschlosigkeit“ lehnen wir ab, auch wenn wir mit ein paar Euro mehr sicher noch zielgerichteter, kleinteiliger und schneller sein könnten. Übrigens bekommt keiner unserer Helfer/Disponenten/Organisationsleute auch nur einen müden Cent, wenn‘s hoch kommt Fremdkostenersatz. Betriebswirtschaftlich ist das natürlich Mist, aber es zeigt, dass die Helfer und Mitstreiter engagiert, ambitioniert und wild entschlossen sind, das Problem zu lösen.

Wir gehen quasi jeden Tag all-in, denn wir müssen das Rennen gewinnen, jeder an seinem Platz und mit so viel Einsatz wie er geben kann. Jedes erledigte Ticket, jeder Anruf gibt uns die Kraft für die nächste Aufgabe, übrigens auch im Schichtbetrieb 24/7 und nicht nur zu „Öffnungszeiten“. Aktuell schaffen wir es im Schnitt binnen zwei Stunden nach Anruf/Email in sämtlichen abgedeckten Regionen einen Lösungsansatz anzubieten.

Eure Daten wecken doch sicher Begehrlichkeiten. Gab es da noch keine Angebote?

Natürlich gab und gibt es unlautere Angebote. Ein Finanzdienstleister aus Regensburg hat uns zum Beispiel angeboten, die Telefondienste und die notwendige Anlage zu sponsern, um im Gegenzug Namen und Adressen von den Leuten zu bekommen, die sich an uns wenden. Es ist natürlich eine relevante Information, wenn zum Beispiel Oma Meier mit Corona auf der Intensivstation gelandet ist. Das interessiert Immobilienmakler – vielleicht ist ja demnächst was frei, um es mal so zynisch auszudrücken. Da schaut jeder, wo er bleibt. Und solche Angebote gibt es immer wieder, gegen die wir uns erwehren müssen.

Es gibt aber auch diverse Hochschulen, die an uns mit der Bitte um Daten herantreten. Und wenn es möglich ist, geben wir anonymisierte Datensätze dann auch weiter. Umgekehrt leiten wir Anfragen zu Studien und Umfragen von Universitäten und Hochschulen auch an Betroffene weiter, die dann selbst entscheiden können, ob und wie sie mitwirken wollen.

Im Februar/März erwarten wir die ersten Begleitstudien zum Projekt. Da sind dann unter anderem Bereiche wie Soziale Arbeit, Organisationspsychologie, Psychologie, BWL/VWL, Erziehungswissenschaften/Pädagogik, Medizin-/Soziologie mit an Bord, die unser Handeln begleiten und mit anderen Hilfsformen vergleichen.


„Ich vermisse eine transparente Kommunikation.“


Sie haben am Anfang von vielen Anrufen gesprochen, die bei euch eingehen und die eigentlich die Sache von Gesundheitsämtern oder Politik wären. Was würdet ihr euch von der Politik, zum Beispiel von der Stadt Regensburg wünschen?

Ich vermisse eine klare Kommunikation, wo man jetzt während Corona hin will und wohin danach – über die Plattitüden („unter Inzidenz 50“, „Wirtschaft stärken“, „man wird sehen“) hinaus. Ich vermisse eine transparente nachhaltige Kommunikation.

Uns tut es um Schausteller, Gastro, Soloselbständige und, und, und leid. Die hatten sich tolle Konzepte einfallen lassen und haben quasi die Bratwurst vor die Nase gehalten bekommen. Regensburg wollte mit guten Absichten am großen (Riesen-)Rad drehen, aber die kommunikative Wirkung auf Teile der Bevölkerung war eher „Corona ist jetzt eh vorbei“. Das jetzt einzufangen und Einschnitt nach Einschnitt von „oben“ durchzuverordnen stößt halt beim Regensburger Dickschädel auf mehr oder weniger offenen Widerstand, sowohl bei jung und alt. Im Moment nimmt der Durchschnittsbürger wahr, was gerade alles erlaubt ist, was nicht und wie man was eventuell noch umgehen kann,oder wo er Hilfen bekommt oder eben keine.

Die Stadt Regensburg setzt die Maßnahmen von Bund und Land mehr oder weniger stringent um. Aber Eigeninitiative und die Leute mitzunehmen, ihre Fähigkeiten einzubinden, fehlt in meinen Augen.

Im Raum Heinsberg, das ja schwer von der ersten Welle getroffen wurde, gibt es zum Beispiel regelmäßige, wöchentliche Podcasts der Bürgermeister – übrigens auch Ehrenamtlicher. Dort werden eingegangene Fragen beantwortet, aktuelle Probleme erläutert, die Lage wird eingeordnet. So etwas wäre doch auch für Regensburg mal ein Anfang – es muss ja nicht unbedingt die Oberbürgermeisterin sein, die so etwas macht. Gerne auch Round-Robin Stadtrat nach Stadtrat quer durch die Fraktionen. So würde auch Bürgernähe gehen und gute Veranstaltungstechniker und Medienprofis gibt’s ja auch genug, die das technisch sauber und mit einem kleinen finanziellen Hoffnungsschimmer über die Bühne bringen.

Aber man sollte die Bürgerinnen und Bürger, wo es geht, mitnehmen und einbeziehen, auch mit ihrem Ärger und Unverständnis. Dann ziehen sie zum allergrößten Teil auch bei unangenehmen und einschneidenden Maßnahmen mit. Wir müssen die Kröte Corona und ihre Folgen schlucken nicht nur abbusseln, sonst sitzt sie jahrelang ungebeten am Tisch.



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Kommentare (6)

  • O. Scheid

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    Für mich wieder ein Beleg für das Unwort des Jahres “Soziale Distanz”. So geht sozial. Respekt und vielen Dank!

  • Mr. T.

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    Wow, was für ein interessanter Artikel! Die Mädels und Jungs machen anscheinend eine bessere Arbeit als alle öffentlichen Stellen gemeinsam.
    Es ist ja immer interessant, aus welcher Motivation heraus solche Hilfen entstehen. In einer nordoberpfälzer Stadt hat eine aufstrebende Polithoffnung auch so eine Coronahilfe gegründet – kurz nach der OB-Wahl. Eingeschlafen ist sie dann wieder kurz nach der Stichwahl ?

  • R.G.

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    Im besten Fall werden die Organisatoren einen Preis verliehen bekommen.
    Ich halte Besseres für angemessen.
    Die Wertung der freiwilligen Mitarbeit als Praktikum, praktische Arbeit in einem Studierabschnitt, Zuerkennungs von Sonderpunkten für das Studium und andere Anerkennungen der bewiesenen Fähigkeiten als Vorteil für die Berufslaufbahn muss von der Politik beschlossen werden, gleich wichtig ist eine Kranken-Zusatzversicherung und ähnliches für Freiwillige Helfer mit Kundenkontakt und die mit ihnen Zusammentreffenden aus der Organisationszentrale.

  • Charlotte

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    Da kann man nur Danke sagen.

    Und liebe Oberbürgermeisterin, Bürgermeister und Stadträte: es ist nie zu spät! Die Kommunikation bezüglich Maßnahmen und vor allem die Motivation der Bürger, wirklich mitzumachen ist wirklich verbesserungsfähig. Hier vermisse ich wirklich Präsenz und Engagement.

  • Burkhard

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    Bravo!!

  • Ayşe Rippmannsberger-Dinçer

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    Ein Beispiel für nächsten Liebe und Ehrenamt die bundesweit Schule gemacht hat ein Riesen Freude für uns alle da sind wir alle Gewinner !!

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