19. Regensburger Kurzfilmwoche

Nichts als Müll und Staub

Ein Blick ins Sonderprogramm der diesjährigen Kurzfilmwoche: Mariam Mana hat für die 19. Auflage des Regensburger Festivals einige afghanische Filme unter dem Leitmotiv „Cinema Mi Amor“ zusammengefasst. Persönlich kann die Kulturmanagerin ihre Auswahl nicht erläutern.
Durfte nicht nach Deutschland einreisen und kommunizierte per Videobotschaft: Kuratorin Mariam Mana.

Durfte nicht nach Deutschland einreisen und kommunizierte per Videobotschaft: Kuratorin Mariam Mana.

Es ist ein Bild von Afghanistan, wie es die Medien gerade hierzulande nur selten vermitteln; die fünf Kurzfilme, die Mariam Mana zusammengestellt hat, weil sie die derzeitige Situation in ihrem Heimatland besonders gut vermitteln, zeugen vor allem vom Versagen, vom Misserfolg und der Sinnlosigkeit. Nicht der Menschen in Afghanistan, sondern jener „Fremder“, die sie in ihrem Land dulden müssen, um all die Trümmer wiederaufzubauen. Umso interessanter ist das Fenster „Cinema Mi Amor“ der diesjährigen Kurzfilmwoche, welches von Mana kuratiert wurde. Eigentlich war geplant, dass die Afghanin dem Regensburger Publikum persönlich zur Verfügung stehen und mit ihm über all die vielfältigen Implikationen der Bilder diskutieren würde, die Filme mit Titeln wie „Kabul: Mission Impossible“ oder „Shelter. Dedicated to the children of war“ enthalten. Doch es sollte nicht sein: Auch auf das unermüdliche Bemühen der Organisatoren und sogar des Goethe-Instituts hin weigerte sich die deutsche Botschaft in Kabul, ein Visum zu erteilen. Mana darf nicht einreisen in ein Land, das maßgeblich am Schicksal ihres eigenen beteiligt ist, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, Freiheit und Demokratie mithilfe tausender Soldaten und ziviler Aufbauhelfer nach Afghanistan zu tragen. Bittere Ironie?

„Der Gegner lässt uns nicht in Ruhe.“

Jedem der fünf Kurzfilme liegt eigentlich nur ein einziges Motiv zugrunde: Der unbändige Wunsch der Afghanen, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu dürfen. Was in Teilen, etwa bei der afghanischen Polizei, gelingt, stößt dennoch schnell an seine Grenzen: Die Bevölkerung, die schwer bewaffnete Soldaten mit fremdländischen Schulterabzeichen gewohnt ist, hat keinen Respekt vor den eigenen Mitbürgern in Uniform. Kaum jemand hat auch nur ein „Dankeschön“ übrig für den harten Job, den junge Männer machen, weil sie für Sicherheit sorgen möchten in einem Land, das diese so notwendig hat. In ihren Pausen bringen sich die Beamten in winzigen Wohncontainern Rechnen bei, schauen zum Zeitvertreib Facebook-Videos eines singenden Osama Bin Laden auf ihren Handys an. Was der Dokumentarstreifen „Check Point“ zum Ausdruck bringt, sind die innere Leere und der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen, den afghanische Polizisten jeden Tag aufechten. Erfolgreich? Einer der jungen Männer fasst das so zusammen: „Wir müssen auf eigene Faust versuchen, unser Land friedlich zu machen. Der Gegner lässt uns nicht in Ruhe.“

Die Kinder des Krieges

Ein Kampf gegen Windmühlen: Die Straßen von Kabul sind "nichts als Müll und Staub.

Ein Kampf gegen Windmühlen: Die Straßen von Kabul sind „nichts als Müll und Staub.

Ein Kampf gegen Windmühlen – auch für die Aufgabe der „afghanischen Müllabfuhr“ trifft das zu. Junge Männer sind das, die für einen geringen Tagelohn in orangen Anzügen die vermüllten und vermisteten Straßen von Kabul sauberzuhalten versuchen. Abwasserkanäle, die nichts weiter sind als eine stinkende Schlammgrube, werden mit primitiven, teils selbstgebauten Schaufeln ausgehoben. „Hier gibt es nichts außer Müll und Staub. Wenn wir alle so arbeiten würden, könnten wir Afghanistan ohne die Fremden wieder aufbauen“, lobt ein älterer Herr die Leistung der Arbeiter. Die Abneigung gegen die „Fremden“, die geradezu als Besatzer wahrgenommen werden – sie scheint in der afghanischen Bevölkerung überall verbreitet. Einen harten Kontrapunkt setzt der von Mana ausgewählte Trickfilm „Shelter“. Hier erinnert nichts an den naturalistischen Charakter der Dokumentationen. Und doch ist die Aussage des kürzesten der fünf Kurzfilme unmissverständlich: Der Krieg in Afghanistan hat vor allem diejenigen getroffen, deren Befreiung er gegolten hat. Eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen sind nun die Kinder des Krieges, seelisch und teils auch körperlich gezeichnet. Die Frage drängt sich auf: Wie sollen diese Menschen jemals Vertrauen in die Demokratie gewinnen, einen Begriff, mit dem sie die schlimmsten Erinnerungen ihres Lebens verbinden?
Die Kinder des Krieges: Der Trickfilm "Shelter".

Die Kinder des Krieges: Der Trickfilm „Shelter“.

Dass in Afghanistan trotz allem das Leben weitergeht, zeigt der Spielfilm „You Don’t Belong in This Land“. Technisch zwar vergleichsweise primitiv, beweist dieser Film über die Geschichte eines Afghanen, der im benachbarten Iran versucht, Arbeit zu finden, dass auch der Prozess der künstlerischen Verarbeitung des noch jungen 21. Jahrhunderts längst eingesetzt hat. Ironischerweise erinnert der Film verblüffend an das zeitgenössische amerikanische Hollywood-Kino.

„Unser Land funktioniert ohne Regierung.“

Ohne Frage, der Kulturmanagerin ist es gelungen, mit ihrem „Cinema Mi Amor“-Fenster dem Publikum der Kurzfilmwoche neue Blickwinkel auf die Realität in Afghanistan zu vermitteln. Es ist ein weiterer Schritt in die – in diesem Fall mediale – Selbstbestimmung, die sich die Menschen im Land herbeisehnen wie kaum etwas anderes. „Death To The Camera“, jener Dokumentarfilm, der das Programm an diesem Abend beschließt, unterstreicht diesen Anspruch nochmals. Nicht umsonst gewann der Film erst kürzlich einen Preis beim Kurzfilm-Festival in Winterthur. Hier wird die Kamera ganz unverhohlen auf afghanische Frauen gerichtet, die auf einem Feld hart arbeiten müssen, um sich auch nur die notwendigsten Dinge im Leben leisten zu können. Statt dieses Schicksal einfach hinzunehmen, beweisen sie einen überraschend erfrischenden Sinn für schwarzen Humor. Ein Mann beschimpft eine der Frauen als Prostituierte, weil sie sich von der Kamera filmen lässt. Ihre Reaktion? Sie stellt ihn zur Rede, fragt anschließend die versammelten Afghaninnen, ob denn nun jede von ihnen eine Prostituierte sei, die sich filmen lässt. Irgendwann kommt das Gespräch auch auf Hamid Karzai. „Karzai, Karzai, Karzai“, kichert eine der Frauen. „Ich hoffe, dieser Film verbessert unsere Situation. Ich hab kein Stückchen von diesen ganzen internationalen Hilfen gesehen.“ Und schließlich, ganz trocken: „Wir haben hier keine Regierung. Unser Land funktioniert ohne.“ Mariam Manas „Cinema Mi Amor“-Fenster wird noch einmal am 19. März um 22 Uhr in der Filmgalerie gezeigt.
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