SOZIALES SCHAUFENSTER

Niederlage Deutschlands? Kriegsende?

Befreiung aller Menschen in Deutschland

Anlässlich des Kriegsendes am 8. Mai zeichnet Hans Simon-Pelanda die kampflose Übergabe Regensburgs an die US-Truppen am 27. April 1945 nach und lässt Zbigniew Kolakowski zu Wort kommen, einen der wenigen Überlebenden des KZ-Außenlagers Colosseum in Stadtamhof. Simon-Pelanda war langjähriger Vorsitzender und ist nun Ehrenvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges Konzentrationslager Flossenbürg e. V. Der Text erschien zunächst in der aktuellen Online-Ausgabe des Regensburger Sozialmagazins Donaustrudl

Wehrmachtsmajor Othmar Matzke (re.) bei der kampflosen Übergabe Regensburgs an die US-Truppen. Foto: Stadt Regensburg

Von Hans Simon-Pelanda

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Woran mag es gelegen haben, dass auch in Regensburg viele den April bzw. Mai 1945 als die Niederlage nicht nur der Wehrmacht und der SS, also des Militärs des 3. Reiches, sondern gleich ganz Deutschlands empfunden haben? Auf Filmaufnahmen – auch wenn diese nicht original, sondern teilweise nachgestellt waren – vom Einmarsch der amerikanischen Befreier in Regensburg sieht man keine jubelnde Bevölkerung, keine Begrüßungsszenen einzelner GIs mit Blumen. Und bis in unsere Tage wird dafür das Wort „Befreiung“ vermieden; 2014 vergab die Stadt eine 250.000 Euro teure Studie zum „Ende des 2. Weltkrieges im Raum Regensburg“. Die Veröffentlichung der Ergebnisse nennt folgerichtig auch schlicht „April 1945“ und „Kriegsende“ im Titel.

Der Regensburger Diözesanbischof Michael Buchberger bekam 1945 die bis dorthin von ihm hofierte „Volksgemeinschaft“ als seine Schäflein zurück, um sie sogleich in Schutz zu nehmen. Er fand, sie seien ein „ein armes Volk“ geworden, dessen „gerechter Verteidigungskrieg“ (so noch 1939) nun wegen der Untaten einiger Schuldiger eben diesem, dem armen Opfer-‘Volk‘ als Verbrechen zur Last gelegt werde. Mitleid heischende Sentenzen dieser Färbung wurden von fast allen gesellschaftlich relevanten Gruppen der Stadt in den ersten Monaten nach der Befreiung geäußert.

Tage vor der Befreiung

Dabei wurde noch am 22. April 1945 Gauleiter Ruckdeschel bei seiner letzten Rede vor großem Publikum im Velodrom – im Radio übertragen – mit begeistertem Beifall für seine Forderung nach der Verteidigung Regensburgs „bis zum Äußerstem“ bejubelt.

Als am 23. April 1945 früh die Wehrmacht mit der von ihm angeordneten Sprengung der Brücken über die Donau begann, wagten sich endlich doch mehrere hundert, vor allem Regensburgerinnen, auf den Platz vor dem Neuen Rathaus und der NSDAP-Kreisleitung und forderten die kampflose Übergabe, um die Zerstörung der Stadt abzuwenden. Der herbei geeilte Domprediger suchte die Menge zu beruhigen und wollte nur Bitten an die braunen Machthaber vorgetragen wissen, was Gestapo und andere Polizeieinheiten nicht davon abhielt, gerade ihn und mehr als zehn andere Kundgebungsteilnehmer festzunehmen. Sie wurden aber nicht – wie von Ruckdeschel verlangt – sofort, noch während der Kundgebung zur Abschreckung vor den Versammelten erhängt, sondern vor ein Standgericht gestellt, von dem der Gauleiter, der ganz tapfer bereits das Weite gesucht hatte, jetzt aber Todesurteile erwartete.

Tatsächlich sahen die ersten Passanten am nächsten Morgen, 24. April 1945, den Domprediger Johann Maier und den Rentner Josef Zirkl auf dem zentralen Moltkeplatz (heute: Dachauplatz) „zur Abschreckung“ an einem provisorischen Galgen, an dessen Fuß von den Schergen der bereits am Abend zuvor in Kreisleitung ermordete Michael Lottner ‚abgelegt‘ worden war.

Kein Bischof, den die Haushälterin seines Dompredigers im Luftschutzbunker um Hilfe angefleht hatte, keine Persönlichkeit der Stadt, hatte sich für sie eingesetzt: Man hatte sie wegen „Wehrkraftzersetzung“ hinrichten lassen.

In der Nacht vom 26./27. April 1945 verließen – oder flüchteten? – die meisten Einheiten der Wehrmacht, mit ihnen Partei-Bonzen und SS-Formationen die Stadt, so dass es für die US-Truppen keinen Grund mehr gab, ihre Bombergeschwader als ‚Vorhut‘ loszuschicken. Oberbürgermeister und SS-Brigadeführer Schottenheim und der verbliebene Wehrmachtsoffizier Matzke entsandten Parlamentäre, um zu kapitulieren.

Am 27. April 1945 rücken die ersten Einheiten der US-Truppen kampflos in die Stadt ein – befreit aber fühlten sich wohl die wenigsten Regensburgerinnen und Regensburger, gezeigt hat es kaum jemand.

Und Befreite?

Das „Colosseum“ um 1940. Foto: Stadt Regensburg

Tausende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, dazu die Regensburger aus den KZs, die Nazigegner aus den Gefängnissen und das zurück gelassene Dutzend schwerstkranker KZ-Gefangener aus dem Colosseum bekamen von ihrer Befreiung vermutlich zunächst gar nichts mit: verletzt, halb verhungert und geschwächt blieben sie noch in Lagern oder abgelegenen Arbeitsstätten, von denen sich ihre deutschen Bewacher davon gemacht hatten. Da niemand von der deutschen Bevölkerung, nun über Nacht alle zu ‚Opfern‘ geworden, es für nötig gehalten hatte, sie zu informieren, erfuhren sie erst in den Folgetagen von ihrer Befreiung.

Zu Beginn dieser entscheidenden Tage vor der Befreiung, am 22. April 1945, als Gauleiter Ruckdeschel seine Volksgenossen noch auf den Endkampf und -sieg einschwor, kehrten die KZ-Gefangenen aus dem Colosseum schon früher als üblich von der Zwangsarbeit im Bahngelände zurück – verunsichert, voller Sorge, denn solche Änderungen ihres brutalen und meist überlangen Arbeitstages bedeuteten meist nichts Gutes, versetzten viele in Panik: Was folgte jetzt? Sollten sie doch liquidiert werden?

Der junge Zbigniew Kolakowski, während des Warschauer Aufstands als gerade 19-jähriger am 29. Juli 1944 verhaftet und nach Deutschland verschleppt, wusste aus seinem Aufenthalt im Flossenbürger KZ-Außenlager Dresden, dass Betriebsamkeit, Eile, Chaos bei den deutschen Bewachern aus Wehrmacht und SS die Gefangenen in höchste Lebensgefahr bringen konnten.

Als einer der wenigen Überlebenden des KZ-Außenkommandos „Colosseum“ in Stadtamhof hatte er mehrmals die Gelegenheit genutzt, seine Erinnerungen an diese Tage in Regensburg Interessierten zu erzählen.

Zbigniew Kolakowski 2015 bei einem Besuch in Regensburg – am 1. Februar 2016 verstarb er. Foto: Werner

„Wir gingen trotz des näher rückenden Lärms der Front noch einmal zur Arbeit, kehrten aber schon ein paar Stunden später ‚nach Hause‘ zurück. Abends fing die SS-Wachmannschaft an, ihre Sachen – Ausrüstung, Beute, Diebesgut – zu packen. Von uns Gefangenen musste der Proviant auf einen großen Handkarren vom Bahnhof verladen werden. Das verstanden wir gleich als Zeichen: Die Arbeit hier war beendet – aber was würde die Zukunft bringen? Was haben sie mit uns vor?

Die SS befahl, dass jeder Gefangene seine Essschüssel und seine Decke mitzunehmen habe; außerdem erhielt jeder ein halbes Brot. Beunruhigt achteten wir auf jede Bewegung, jeden Befehl und jede Handlung der SS-ler und versuchten daraus schlau zu werden, Schlüsse für ein unser richtiges Verhalten zu ziehen.

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken: Was würden sie mit den Kranken und Marschunfähigen machen? Sollte ich versuchen, mich unter sie zu mischen, mich bei ihnen verstecken? Mir kam der tollkühne Gedanke, mich in einen Sarg mit einem Toten zu legen! Aber auch wenn ich mir wie ein umzingeltes Wildtier vorkam, blieb ich doch bei klarem Verstand. Die Kranken? Wahrscheinlich würden die wie alle Marschunfähige einfach umgebracht, ich war mir fast sicher. Bei ihnen würde ich in der Falle sitzen! Andererseits, würden sie ein Massaker so kurz vor dem sich abzeichnendem Ende mitten in der Stadt riskieren? Wild schossen immer neue, noch unsicherere Fluchtgedanken durch meinen Kopf, bis wir in Marschkolonne antreten mussten, 300 erschöpfte, aber trotzdem erschrockene, hellwache Männer aus vielen Ländern, zur Mitternachtsstunde.

Gegen 1 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. An der Spitze der Kolonne marschierte der Sadist und vielfache Mörder, SS-Oberscharführer Ludwig Plagge, bei ihm seine Geliebte mit einem eigenen Handwägelchen nur für ihre Koffer. Gezogen von Gefangenen als ‚menschliche Zugtiere‘ folgten das Gepäck der SS, dann der Proviantwagen und am Ende des Zuges die Feldküche. Für alle Wagen teilte die SS uns Gefangene als ‚Zugtiere‘ gleich mit Ersatz zum Wechseln ein. Die letzten Toten und auch die Kranken blieben im Colosseum zurück. Hoffentlich blieben sie am Leben bis zum Eintreffen der Befreier, nach der Besetzung der Stadt!

Letztmalig donnerten unsere Holzschuhe über die alte Steinbrücke, fast noch mehr Lärm veranstalteten die Helfershelfer der SS, die Kapos, die von Beginn an schlugen, traten und ein hohes Tempo aus uns herausprügeln wollten. Auf der Brücke machten sich im Dunkel Gestalten, Wehrmachtssoldaten erkannten wir, zu schaffen. Einige unter uns meinten zu wissen, dass wohl die Sprengung dieser uralten Brücke vorbereitet wurde. Nach der Befreiung und zurück in Polen hörte ich, dass Wehrmacht und SS nicht davor zurückgeschreckt waren, die ersten Bögen dieses Weltwunders tatsächlich in die Donau zu sprengen. Zunächst einmal hasteten wir bei großer Kälte entlang der Donau nach Südosten, einer ungewissen Zeit – oder doch dem Tod!? – entgegen…“  Der Text entstand als Bearbeitung einer Interlinearübersetzung schriftlicher Erinnerungen von Zbigniew Kolakowski, ergänzt durch einzelne mündliche Erzählungen und kürzere (Rede-)Texte. Anmerkung des Verfassers.

Zbigniew Kolakowski erreichte am 1. Mai (!) nach Gewaltmärschen als einer der wenigen aus dem Colosseum die Salzach bei Laufen, ganz in der Nähe von Salzburg. Erstmals in den 90-er Jahren und ab dann immer wieder kehrte er an seine letzte ‚KZ-Station‘ zurück, um jungen Menschen seinen Friedenswunsch zu überbringen.

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Kommentare (6)

  • Günther Herzig

    |

    Ich danke r-d für diesen Artikel. Was damals war, wissen nicht mehr viele. Ich hoffe es werden mehr durch diese Online-Veröffentlichung!

  • Haimo Herrmann

    |

    Dieser schockierende Tatsachenbericht beantwortet mir leider immer noch nicht die drängenden Frage, warum in Regensburg, ähnlich wie an vielen Orten der Welt, nicht endlich der letzte Rest des Gedenkens an die unrühmlichen Handlanger dieser Verbrecher beseitigt wird. Der Ältestenrat des Stadtrates verteidigte einstimmig die Ehrenbürgerwürde des Hitlerschleimers Dr. Th. Schrems sowie die Beibehaltung des Strassennamens der gleichnamigen Strasse quer durch alle Parteien. Daneben steht heute noch die Büste dieses wüsten Schlägers vor dem Domgymnasium rum. Auch die Deutsche Bischofskonferenz äussert sich bedauernd über das Verhalten vieler Bischöfe im 3. Reich, aber drastische Konsequenzen werden nicht gezogen.
    https://dbk.de/nc/presse/aktuelles/meldung/wort-der-deutschen-bischoefe-zum-ende-des-zweiten-weltkriegs-vor-75-jahren-veroeffentlicht/detail/
    Stattdessen gab man in Israel ein Konzert bei dem man das Risiko einging, jederzeit auf die braune Vergangenheit der Domchores durch Fragen von kritischen Journalisten angesprochen zu werden. Wie gesagt das Horst Wessel Lied gehörte seinerzeit zum Liedgut des Domchores.
    Haimo Herrmann
    Etterzhausen 1962-1964

  • R.G.

    |

    Mein Dankeschön für das Foto von Herrn Zbigniew Kolakowski.
    Wie er da steht, in seinen besten Kleidern, um Friedenswünsche zu überbringen, stellt er für mich ein Bild reiner Würde dar.

    Ich frage mich, ob man ihn bei seinen Besuchen einlud, zu privaten Essen außerhalb des Organisationsteams, zum Gratis Einkauf in ein Textilhaus, oder ihm sonst irgendwie eine ganz persönliche Freude machte.

    Österreich leistet sich beim KZ Außenlager Gusen ein vergleichbar beschämendes Versäumnis eines ehrlichen Gedenkens und Bedauerns wie Regensburg beim Colosseum, deshalb möchte Polen nun Anrecht auf den Kauf eines Landstücks in Gusen, um selbst Maßstäbe zu setzen, wie eine solche Stätte auszusehen habe.

    Regensburg sollte nicht mehr warten, bis es wegen seiner Unterlassungen in der Aufarbeitung international beschämt wird.

  • Bonnie

    |

    Danke für den Artikel.
    In der MZ suche ich vergebens nach entsprechenden Beiträgen an diesem Gedenktag.

  • Lenzerl

    |

    Danke für diesen Artikel! Und meine Verehrung für Herrn Kolakowski, der trotz seines eigenen menschenverachtenden Schicksals noch über die Sprengung der Steineren Brücke nachdachte. Was mich interessiert ist das Datum des Ausmarschs der der KZ-Häftlinge aus der Stadt und ihr weiterer Weg. Wenn bereits die Sprenung der Brücke vorbereitet wurde, muss es ja der Morgen des 23. April gewesen sein. Die eigentliche Sprenung erfolgte Nachmittags um 16 Uhr (Ehm/Smolorz, April 1945, S. 253). Gibt es Berichte über ihren Auszug aus der Stadt „entlang der Donau Richtung Südosten“?

  • highwayfloh

    |

    Mich stimmt es nachdenklich und traurig, wenn ich sehe, wie wenig sich die jetzigen Generationen mit diesem Thema auseinandersetzen. Twitter & Co sind angesagt und dass man das neueste Handy hat. Genau daraus entsteht auch der neue Aufschwung radikaler Kräfte aller Coleur, hier und jetzt in Deutschland. Genau dies finde ich äusserst beschämend!

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