Ein vergessener Gedenkstein

Erinnern an den „Russenfriedhof“

Wofür der zwei Meter hohe Stein an der Ecke Straubinger-/Siemensstraße steht, wissen in Regensburg wohl nur die wenigsten. Vergangene Woche erinnerte die ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg bei dem vergessenen Denkmal an die sowjetischen Kriegsgefangenen. Über 600 von ihnen wurden dort ab 1942 ohne Grabstein verscharrt.

Erinnern an die sowjetischen Kriegsgefangenen. Vorn im Bild: Ernst Grube, Verfolgter des NS-Regimes (2.v.l.) neben Hans Simon-Pelanda, Ehrenvorsitzender ArGe ehem. KZ Flossenbürg und Herbert Schmid, Vorsitzender ArGe ehem. KZ Flossenbürg. Foto: Bothner

Von Hans Simon-Pelanda

Die größte der „vergessenen“ Opfergruppen der Nazi-Barbarei ist die der zwei bis drei Millionen ermordeter oder aufgrund der Behandlung in deutschen Lagern ums Leben gekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen. 1944 hatte im Deutschen Reich die Zahl von Zwangsarbeiterinnen (etwa 25 Prozent) und Zwangsarbeitern – Kriegsgefangene, sogenannte Zivilarbeiter mit (wertlosen) Anwerbeverträgen sowie aus verschiedenen Gründen und Anlässen zur Arbeit für Deutschland gezwungene Menschen aus den überfallenen Ländern – mit über sieben Millionen ihren Höchststand erreicht.

Kurz nach dem Überfall auf Polen trafen die ersten Kriegsgefangenen und bald auch sogenannte Zivil- (später: Ost-) Arbeiter beiderlei Geschlechts zur Fronarbeit im Deutschen Reich ein; teilweise wurden sie in den besetzten Ländern auch vor Ort zu Hilfsdiensten für die deutschen Besatzungstruppen eingesetzt.

So kamen auch nach Regensburg mit seinen kriegswichtigen Betrieben – vor allem Messerschmitt, Holzverzuckerung, Hafen, Bayerischer Lloyd, Heeresnebenzeugamt – bald immer mehr Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, so dass bereits vor Beginn des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion mehrere tausend von ihnen in Lagern über die ganze Stadt verstreut schufteten. Entweder konnten die mit diesen Billigstarbeitskräften „versorgten“ Betriebe jene selbst unterbringen oder es wurden öffentliche (z.B. Schulen) und private Räume in Lokalen als Lager beschlagnahmt.

Das größte Lager stand am Hohen Kreuz

Kriegsgefangene, vor allem die auf der untersten Stufe in der rassistischen Nazi-Hierarchie stehenden sowjetischen, wurden in Lagern hinter Stacheldraht gefangen gehalten. Neben den verschiedenen Unterkünften für Zwangsarbeiter der Messerschmitt GmbH war das größte Gefangenenlager am Hohem Kreuz eigens für Soldaten der Roten Armee errichtet worden: Holzbaracken hinter Stacheldraht, unter Bewachung von zunächst deutschen Soldaten und Polizisten. Diese Gefangenen wurden – teilweise gegen internationales Recht – von der Wehrmacht hauptsächlich im nebenan gelegenen Heeresnebenzeugamt eingesetzt.

Obwohl Berichte über Zustände und Arbeitsbedingungen in diesem Lager weitgehend noch unbekannt sind, gingen die deutschen Dienststellen und Betriebe zum großen Teil so menschenverachtend und rücksichtslos gegen Leib und Leben vor, dass schon bald viele (gewaltsam) zu Tode kamen. Im Oktober 1941 reagierte das Reichsinnenministerium auf die offenbar hohe Zahl toter sowjetischer Soldaten in deutscher Gefangenschaft mit einer Verordnung. In Regensburg verfügte die Stadt auf dieser Grundlage in bestem Beamtendeutsch am 17. November 1941:

„Die Russen werden künftig ohne Sarg, nur in Ölpapier gewickelt, beerdigt.“

Das Messerschmittwerk sagte die Lieferung des Papiers zu. Bereits im November/Dezember 1941 legten Militärverwaltung und Stadt neben dem Lager beim Heeresnebenzeugamt einen eigenen, auch offiziell „Russenfriedhof“ genannten Platz zur Bestattung der vielen Toten fest.. Im Dezember 1941 hatte die Friedhofsverwaltung mitgeteilt, dass auf dem Friedhof kein Platz mehr für die – offenbar zu zahlreichen – toten Sowjetsoldaten bereitgestellt werden könne.

Tod in der Genickschussanlage in Flossenbürg

Die erste Bestattung auf dem „Russenfriedhof fand demnach am 2. Januar 1942 statt. Hatte man zunächst noch Tote unterschiedslos in Särgen bestattet, verwendete man solche bald nur noch für an Seuchen oder ansteckenden Krankheiten Verstorbene; allein dem Fleckfieber fielen hier aufgrund der unbeschreiblichen hygienischen Bedingungen bis Ende 1941 über 170 Sowjetsoldaten zum Opfer. Nicht nur in Regensburg selbst und Umgebung kamen sowjetische Kriegsgefangene ums Leben oder wurden gegen jedes internationale Recht umgebracht. Am 17. Januar 1942 meldet die Geheime Staatspolizei Regensburg nach München, dass das örtliche „Einsatzkommando (…) die russischen Arbeitskommandos überprüft und die (…) unbrauchbaren Elemente ausgesondert“ habe.

Die Gestapo teilt mit: „(…)unbrauchbare Elemente ausgesondert“.

Die versuchte Vernichtung des sowjetische Offizierscorps‘ unter dem (Deck-)Namen „Kommissarsbefehl“ wurde für die bayerische Ostmark hauptsächlich im KZ Flossenbürg in der Genickschussanlage „erledigt“. Dazu wurden die Festgenommenen in eigenen Transporten nach Flossenbürg gebracht, dort heimtückisch aus nächster Nähe von hinten erschossen und ihre Leichname in die Lager auf die dortigen Begräbnisstätten zurückgebracht. In Regensburg dürften fast 100 der über 600 auf dem „Russenfriedhof“ Begrabenen Exekutierte aus dem KZ gewesen sein.

Nach der Befreiung wurde das „Russenlager“ von den Amerikanern für SS-Angehörige ausgebaut. Der Friedhof in unmittelbarer Nähe dürfte als solcher bald überwuchert und nicht mehr zu erkennen gewesen sein, da die Nazibehörden verfügt hatten, dass für sowjetische Tote keinerlei Grabzeichen zu verwenden seien. So konnte 1952 ohne größere Umstände eine groß angelegte Umbettung der namentlich bekannten Toten auf den eigens angelegten separaten Friedhof für ‚ausländische Soldaten‘ in Neumarkt durchgeführt werden. In Regensburg deutete nichts mehr auf den Friedhof hin, dessen Gelände bald wieder „zivil“ genutzt wurde.

Ein Denkmal-„Deal“ in den 80ern

Der zwei Meter hohe Gedenkstein wurde 1988 aufgestellt. Foto: Oswald

1982/83 markierte die Entdeckung des KZ-Außenkommandos „Colosseum“ in Stadtamhof, verbunden mit der Forderung nach einer Gedenktafel für die KZ-Toten eine Veränderung der Erinnerungskultur für Regensburg. Die „Entdecker“ hatten durch eine Spende die Stadt zum Handeln gezwungen. Fast drei Jahre später wurde nach zähem Ringen vom Stadtrat die Errichtung von fünf Gedenkzeichen – am Colosseum, an der Jüdischen Gemeinde, in der ehemaligen Euthanasieanstalt Karthaus, am Gewerkschaftshaus und am „Russenfriedhof beschlossen – Orte und Ereignisse, die 1983 mit der Publikation „Regensburg 1933-1945. Eine andere Stadtführung“ dem allmählichen Vergessen entrissen worden waren.

Diese freiwillige Erweiterung der ursprünglich allein geforderten Tafel „Colosseum“ sollte ein zu „exklusives“ Gedenken und der „Gefahr“, dass Regensburg als „KZ-Stadt“ erscheine, entgegenwirken. Zu diesem „Deal“ gehörte auch, dass das Denkmal für die toten deutschen Soldaten, das es schon Jahrzehnte lang gab, durch eine neuerliche Tafel ergänzt werden musste. Bemerkenswert und für die Erinnerungsarbeit in Regensburg nicht untypisch: Ende der 80-er Jahre waren alle Gedenkmale fertiggestellt – bis auf die als erste geforderte Tafel am Colosseum für die KZ-Toten.

„…als Mahnung für uns.“

1988 wurde am 19. Oktober wurde von Dr. Tatjana Burowina, sowjetische Botschaftssekretärin aus Berlin, und Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher ein Gedenkstein enthüllt. Das Denkmal, ein Flossenbürger Granit von zwei Metern Höhe mit zwei stützenden Bronzetafeln, entwarf und realisierte der Bildhauer Heinrich Glas. Der Oberbürgermeister weckte mit seinen Worten – „in der Erinnerung an eine dunkle Vergangenheit, als Mahnung für uns“ – den Anschein, dass diese Mahnung auch weiter erhalten und weitergegeben werden solle. Zusätzlich forderte Frau Burowina als Vertreterin der UdSSR:

„Trotz aller unterschiedlicher politischer Auffassungen dürfen wir das gemeinsame Ziel, den Frieden, nicht aufgeben.“

Der Stein steht (noch) am angestammten historischen Ort, Ecke Straubinger-/Siemensstraße, aber niemand erinnert sich an Standort, Anlass und Auftrag. Jährlich kommen – wie in diesem Jahr – am 8. Mai einige unentwegte Geschichtsbewusste aus Gewerkschaften, der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg, der VVN und andere zu einer kleinen Kranzniederlegung zusammen.

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Kommentare (5)

  • nodobr

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    Als Regensburger Nachkriegskind, aber seit 50 Jahren im Ldkr. Neumarkt wohnend, hab ich zum ersten Mal von diesem geschichtsträchtigem Ort gelesen. Daß wir als Kinder und Jugendliche nichts davon erfuhren wundert mich heute nicht mehr. Alles Verbrecherische über die Kriegsjahre wurde uns damals verschwiegen. Lieber wurden Ängste geschürt vor den bösen Russen im Osten.
    Heute hab ich das Denkmal besucht und glaubte den Geist der Nachkriegszeit noch immer zu spüren. Knietief das Gras auf der ganzen Wiese, kein Weg oder keine Schneise führt zu dem Gedenkstein. Soll wohl niemand neugierig werden. Absicht? Fast könnte man es vermuten. Riesengroß fast davor eine Werbetafel für die Regensburger Dult! Auffallend: Alle Grünstreifen auch in der Umgebung waren frisch gemäht! Würdevolles Gedenken sieht anders aus!

  • Hans

    |

    Ich finde es sehr wichtig, an sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland zu erinnern. Was ich in dem Beitrag nicht verstehe. Da reist eine sowjetische Botschaftsmitarbeiterin aus Berlin nach Bayern. Heute wäre das kein Problem. Aber 1988 war Berlin die Hauptstadt der DDR mit sowjetischer Botschaft Unter den Linden. Regensburg gehörte aber zur Bundesrepublik Deutschland. Also warum kam keine Botschaftsmitarbeiterin von Botschaft aus Bonn? Oder verwechsle ich das etwas?

  • Queen of Suburbia

    |

    Gut, dass es in Regensburg Leute gibt, die die Erinnerung an ALLE Opfer des Zweiten Weltkrieges aufrecht erhalten und nicht unterscheiden, wer dem gerade populären Freund- oder Feindbild entspricht.

    „27 Millionen. So viele Sowjetbürger starben als Opfer des deutschen Krieges zwischen 1941 und 1945. Es ist eine Zahl, die viele hierzulande bis heute nicht kennen. Oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen“ [aus https://www.zeit.de/2007/25/27-Millionen-Tote%5D.

    Deutschland steht tief in der Schuld Russlands und anderer Länder der ehemaligen Sowjetunion, ebenso wie in der Schuld der Juden, der Roma und Sinti, der Behinderten und vieler anderer, die im Zweiten Weltkrieg gnadenlos vertrieben, inhaftiert, misshandelt und ermordet wurden.

    Wer gelegentlich Beiträge auf den „nachdenkseiten“, „telepolis“ oder anderen empfehlenswerten Nachrichtenportalen liest, der/die weiß, wie auch heutzutage hartnäckig versucht wird, neue Feindbilder zu generieren bzw. alte wieder aufleben zu lassen (Russland/Putin ist dabei nur eines von vielen). Feinbildaufbau ist immer Kriegstreiberei und auch heute gibt es wieder zu viel zu viele, die aus der Vergangenheit nichts gelernt zu haben scheinen. Deshalb ist es so wichtig, an die Methoden der Täter und die Folgen für die Opfer zu erinnern und daran, welch ungeheuerlicher Brutalität unzählige Menschen – auch in Regensburg – ausgesetzt waren. Danke an die ArGe KZ Flossenbürg.

  • Bernd Neumann-Henneberg

    |

    Russische Kriegsgefangene mussten meine Familie, nachdem unser Haus ( Furthmayer Strasse 26 und 28) ausgebombt war aus den Kellern befreien. Das dauerte fast 2 Tage, da sie kaum Werkzeug bekamen. Das es Russen waren, konnte meine Mutter sehr gut verstehen, da sie russisch sprach.

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