SOZIALES SCHAUFENSTER

Fünf Jahre nach der Tat

Letzter Mühlbacher-Räuber verurteilt

Im August 2015 raubten vier Litauer in einer spektakulären Aktion in einem Regensburger Juweliergeschäft Uhren im Wert von rund 390.000 Euro. Am Donnerstag wurde nun auch der vierte und somit letzte Täter wegen schweren Raubes in Tateinheit mit Körperverletzung verurteilt.

Schon zu Beginn verständigten sich die Verfahrensbeteiligten darauf, dass im Falle eines Geständnisses ein Strafrahmen von sechs bis sechs einhalb Jahren angewendet werden soll. Foto: bm

Als Annette Mühlbacher gegen viertel nach zehn am Vormittag des 3. August 2015 den jungen Mann vor ihrem Juweliergeschäft sah, öffnete sie ihm sofort die Sicherheitstür. Schon ein paar Tage vorher war er hier gewesen und hatte sich wegen eines Verlobungsrings von ihr und einer Mitarbeiterin beraten lassen. Doch dann ging alles sehr schnell. Hinter einem Transporter, der vor dem Laden in der Ludwigstraße geparkt war, stürmten drei weitere Männer hervor. Während der nun gar nicht mehr so freundliche junge Mann ihnen die Türe aufhielt, drängten diese in das Geschäft. Einer sprühte Reizgas in Richtung von Annette Mühlbacher, die sich sofort hinter einem Tresen duckte und daher nicht die volle Ladung abbekam.

Mit langstieligen Äxten schlugen drei der Männer dann die Vitrinen ein und stopften hektisch die darin liegenden Uhren in mitgebrachte Rucksäcke, während der vierte weiterhin den Eingang bewachte. Keine zwei Minuten dauerte das Ganze. Dann rannten die vier aus dem Laden, sprühten erneut Reizgas gegen eine Passantin, die auf das Geschehen aufmerksam wurde und daher vor der Türe stehen geblieben war, sprangen auf bereitstehende Fahrräder und flüchteten schließlich ab dem Arnulfsplatz in verschiedene Richtungen.

Ich habe zuerst noch versucht einer Person das Rad abzunehmen, um die zu verfolgen und rief wohl: ‚die haben uns überfallen‘“, erzählt Andreas Mühlbacher. „Aber als ich realisiert habe, was ich da gerade mache, habe ich dann abgelassen und bin zurück ins Geschäft.“ Er war gerade im Büro als der Raub geschah. Einen Schrei und Krach habe er gehört, weshalb er den Bildschirm anmachte, um zusammen mit seinem Bruder über die Überwachungskameras aus dem vorderen Ladenbereich festzustellen, was denn eigentlich los sei. „Niemand von uns wollte den Helden spielen. Deshalb haben wir erst einmal abgewartet“, so Mühlbacher. Als die Täter die Flucht ergriffen, sei er aber dann nachgelaufen. Doch erwischen konnte er sie nicht mehr.

Tat wirkt bei Geschädigten bis heute nach

Die geraubten Uhren im Wert von 390.000 Euro wurden von der Versicherung größtenteils ersetzt. Geblieben sei ihm vor allem der Sachschaden an den Vitrinen – 33.000 Euro. Und, was wohl am schwersten wiegt: Bis heute leidet seine Frau Annette an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Da reichen oft schon klirrendes Glas oder vermummt wirkende junge Männer aus, um bei ihr die Erinnerungen an den Überfall und die damit verbundenen Ängste zu wecken. „Gerade jetzt, wo alle mit Masken herumlaufen, ist das gar nicht so leicht“, zeigt Richter Oliver Wagner sein Verständnis.

Die Hintermänner – mutmaßlich aus Tschetschenien – wird man wohl nie zu fassen bekommen. Doch nun wurde auch der letzte der vier Täter, die nach übereinstimmenden Aussagen auf Anweisung gehandelt hatten, vom Landgericht Regensburg zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine drei Komplizen sitzen bereits seit 2016 beziehungsweise 2017 im Gefängnis. Doch Artur G. (39) konnte erst jetzt in Deutschland vor Gericht gestellt werden. Er war kurz nach der Tat wegen eines anderen Raubdelikts in seinem Heimatland Litauen festgenommen und dort verurteilt worden.

Welche Rolle spielte der Angeklagte?

Erst jetzt, fünf Jahre nach dem spektakulären Überfall, konnte die Tat von der Achten Strafkammer unter Vorsitz von Oliver Wagner im Rahmen eines dreitägigen Prozesses erneut akribisch rekonstruiert und die Frage geklärt werden, welche Rolle Artur G. bei alldem spielte.

Artur G. hat einen Sohn, der in Litauen als Polizist arbeitet. Foto: bm

Folgt man den Schilderungen des weitgehend geständigen Angeklagten sowie den Erläuterungen aus den früheren Prozessen, dann wurden zunächst seine drei Mittäter bereits im Juli 2015 mit der Aussicht auf einen lukrativen Job nach Regensburg gelockt und in einem Hotel in Bad Abbach untergebracht. Doch offenbar kam den jüngeren Männern immer wieder der Mut abhanden. Mehrfach verschoben sie die Tat. Die Hintermänner machten Druck und stellten ihnen den älteren Artur G. zur Seite. Seine damaligen Komplizen beschreiben G. als eine Art „Kapo“. In seiner Einlassung gab der 39-Jährige selbst eher das Bild eines klassischen Mittäters. Pflichtverteidigerin Sabine Schulte-Filthaut bezeichnet ihren Mandanten als einen „Befehlsempfänger“, als „Soldaten“, der als Fahrer engagiert worden sei.

Ein hartes Business

G. ist kein unbeschriebenes Blatt. Bis Anfang der 2000er Jahre sei er mit seinem Vater selbstständig gewesen, berichtet er. Dann sei er aufgrund wirtschaftlicher Probleme in die Kriminalität abgerutscht. Erst Autoaufbrüche, dann Autodiebstähle, Drogendelikte und illegaler Waffenbesitz stehen in seiner kriminellen Vita. Artur G. spricht davon, dass er die Waffe nur zu Selbstverteidigungszwecken besessen habe. Autos von ihm und seiner Familie seien von Konkurrenten in Brand gesteckt worden. Er habe sich und seine Angehörigen schützen wollen.

Im Juli 2015 sei er dann von den Hintermännern angerufen worden, ebenfalls mit dem Angebot für einen einträglichen Job. Ebenso wie seine Komplizen in den früheren Prozessen macht auch er keine genauen Angaben zu diesen unbekannten Auftraggebern. Von ihnen fehlt jede Spur.

Ein Joint zum Runterkommen

Bei der am Ende dann doch noch durchgezogenen Tat ging das Quartett dann sehr planvoll vor. Mit einem gestohlenen PKW, an dem sie zudem andere, ebenfalls gestohlene Kennzeichen angebracht hatten, fuhren sie nach Regensburg, parkten das Auto in der Nähe des Herzogsparks, westlich der Altstadt und stiegen auf Räder um. Um selbst etwas runterzukommen und den nötigen Mut zu bekommen, habe man vor dem Bruch noch Joints geraucht, erzählt G.

Nach dem Überfall liesen die Besitzer eine neue Sicherheitsschleuse einbauen. Foto: bm

Während sie bei ihrer Flucht Juwelier Mühlbacher abhängen konnten, kam ihnen ein Renter in die Quere, der gerade mit seinem Rad durch die Altstadt fuhr. „Ich habe ohne groß zu überlegen einen der Männer verfolgt“, erzählt der Senior vor Gericht. Wie die Staatsanwaltschaft aufgrund der Täterbeschreibung, mehrerer Beweisvideos aus den Geschäftsräumen und DNA-Spuren ermitteln konnte, handelte es sich hierbei um Artur G. Im Bereich der Kreuzschänke stoppte Artur G. sein Fahrrad und nebelte seinen Verfolger mit Reizgas ein, um ihn aufzuhalten. Bleibende Schäden habe er davon nicht zurückbehalten, versichert dieser. Und kurz nachdem der Nebel verflogen sei, habe er die Verfolgung wieder aufgenommen.

Litauisches Gefängnis statt Entlohnung

Eine Familie, die an einem Spielplatz im Park beim Naturkundemuseum unterwegs war, machte den Rentner dann darauf aufmerksam, dass vier Männer kurz zuvor ihre Räder in ein Gebüsch geworfen hätten. Wie sich später herausstellte, waren es die Täter, die dort wieder in das gestohlene Auto eingestiegen und nach Bad Abbach zurückfuhren. Dort hätten bereits die beiden Auftraggeber gewartet, um die Beute in Empfang zu nehmen, räumt G. ein.

Man habe vereinbart, dass sich die beiden Organisatoren etwa zwei Wochen später bei ihm melden würden, um die Entlohnung für die vier Täter zu erhalten – vor allem um Rauschmittel und ein Geldbetrag unbekannter Höhe sei es dabei gegangen. Dazu kam es allerdings nicht mehr, da Artur G. kurz nach seiner Rückkehr nach Litauen aufgrund eines Haftbefehls wegen vorheriger Delikte inhaftiert wurde.

Rechtsgespräch setzt schon zu Beginn den Rahmen

Die Geschichte, dass er nur „Befehlsempfänger“ gewesen sei, nimmt das Gericht Artur G. nicht ab. „Nach unserer Überzeugung war er nicht Soldat und auch nicht Organisator, sondern auf einer Zwischenebene als Mittelsmann angesiedelt“, entgegnet Richter Wagner dem Plädoyer der Verteidigerin. Allerdings rechnet man dem 39-Jährigen das Geständnis positiv an. Dadurch habe er sowohl Annette Mühlbacher eine Zeugenaussage erspart als auch erhebliche Kosten für die Übersetzung früherer Urteile vermieden.

Schon zu Beginn der Verhandlung hatte man sich in einem Rechtsgespräch zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Gericht auf ein Strafmaß im unteren Rahmen geeinigt. Am Ende stehen für Artur G. sechs Jahre Haft wegen schweren Raubes in Tateinheit mit dreifacher Körperverletzung und Sachbeschädigung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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