SOZIALES SCHAUFENSTER

E-Bike-Unternehmer vor Gericht

Der Appetit eines T-Rex

Wegen Insolvenzverschleppung und 96 Betrugsfällen mit einer Gesamtschadenshöhe von fast 1,5 Millionen Euro muss sich seit Dienstag ein Regensburger E-Bike-Unternehmer vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Trotz Pleite soll er über mehrere Jahre Liquidität vorgetäuscht und massenhaft Kunden und Lieferanten geprellt haben. Die 6. Strafkammer unter Vorsitz von Elke Escher hat für den Prozess 16 Verhandlungstage angesetzt.

Wegen Insolvenzverschleppung und Betrug auf der Anklagebank: Unternehmer Manuel O. Foto: om

Große Erfolgsstory made in Regensburg

Im August 2012 hat sich ein Regensburger Bürgermeister persönlich, begleitet von drei Stadträten, ein E-Bike „direkt beim neuen Firmensitz der Fahrradpioniere“ werbewirksam abgeholt und ist, flankiert von Pressemitteilung und schönen Fotos, „auf einen Sattel“ aufgesprungen, „auf dem unter anderem auch schon nationale und internationale Stars wie Orlando Bloom, Hannes Jaenicke, Lady Gaga und der amerikanische Entertainer Jay Leno Platz genommen haben.“

Er freue sich, wird der Bürgermeister zitiert, „dass heimische Firmen wie PG Bikes mitziehen und dabei helfen, eine bessere, umweltfreundlichere Welt zu schaffen und gleichzeitig Regensburg auch international vertreten.“ Große Erfolgsstory made in Regensburg, anno 2012. Die Rede ist von einem hiesigen E-Bike-Hersteller, dessen mittlerweile fast leere Website auch im Jahre 2019 noch euphorisch in großen Lettern verkündet: „Take excellence to a new level.“

Wenn es nach der Regensburger Staatsanwaltschaft geht, war das Unternehmen allenfalls exzellent betrügerisch unterwegs. Geschäftsführer Manuel O. soll bereits ein Jahr vor der Bike-Übergabe an den Bürgermeister gewusst haben, „dass die GmbH nicht mehr in der Lage war, ihre fälligen Verbindlichkeiten im Wesentlichen zu begleichen.“ Sprich sie war pleite. 96 Fälle des Betrugs und eine vorsätzliche Insolvenzverschleppung sind derzeit vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Regensburg angeklagt. Auf der Anklagebank sitzt der 38-jährige Manuel O.

E-Bike-Firma hat nur rote Zahlen geschrieben

Auf der Website eines Regensburger Gastronomieunternehmens wiederum, bei dem O. aktuell als Geschäftsführer fungiert und als „Impresario“ für „Marketing, Vertrieb und Webshop“ verantwortlich zeichnet, heißt es über ihn:

„Das Unternehmertum liegt ihm einfach im Blut. Seit 18 Jahren ist er Feuer und Flamme, wenn es um das Kreieren und den Aufbau international bekannter Marken geht. Und weil er ein leidenschaftlicher Macher ist, ist er auch ein leidenschaftlicher Genießer – mit dem feinen Gaumen eines echten Kenners und mit dem Appetit eines T-Rex.“

Einen großen Appetit soll O. laut Anklage auch bei seinem Bike-Geschäft gehabt haben. Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 soll die Fahrradfirma nur rote Zahlen geschrieben haben und spätestens seit September 2011 zahlungsunfähig gewesen sein. In der Folge habe es der Angeklagte unterlassen, einen Insolvenzantrag zu stellen, beziehungsweise kam dieser Verpflichtung erst im April 2013 nach. Bei der Eröffnung des Insolvenzverfahrens habe es Verbindlichkeiten in Höhe von fast 4,3 Millionen Euro gegeben.

Anklage: Kunden und Geschäftspartner um knapp 1,5 Millionen Euro geprellt

Was die Betrugsvorwürfe gegen den Angeklagten angeht, so soll es jeweils „unter Vorspiegelung seiner Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit“ zu Vertragsabschlüssen von Großaufträgen gekommen sein, bei denen zwei Vertragspartnern ein Schaden von einmal 180.000 Euro und einmal etwa 193.000 Euro entstanden sein soll. Von bestellten und in Vorkasse bezahlten 50 E-Bikes wurden dem ersten Kunden laut Anklage nur acht geliefert, dem zweiten Kunden wurden statt 60 lediglich zwei übergeben.

Daneben habe es zwischen Oktober 2011 und Februar 2013 94 weitere Vertragsabschlüsse mit Lieferanten gegeben, bei denen O.s Unternehmen die Rechnungen „entsprechend seiner vorgefassten Absicht nicht oder nur teilweise beglichen“ haben soll. Der Schaden dieser nicht bezahlten Rechnungen wird mit knapp 1,1 Millionen Euro beziffert. Insgesamt soll O. seine Kunden und Geschäftspartner um fast 1,5 Millionen geprellt haben.

Neben den konkreten Anklagepunkten ist in der Anklageschrift außerdem von zahlreichen Lastschriftrückgaben, Rückständen bei Sozialversicherungsbeiträgen und Lohnzahlungen (100.000 Euro) und neun Zwangsvollstreckungsaufträgen (Ende 2012 bis kurz vor dem Insolvenzantrag im April 2013) gegen das Radunternehmen die Rede. Im Geschäftsjahr 2011 sollen vom Angeklagten außerdem Markenrechte an Fahrradmarken als Kapitalerhöhung in die Firma eingebracht worden sein, um die negative Bilanz zu beschönigen. O. habe allerdings gewusst, dass diese Rechte „nicht werthaltig“ gewesen seien.

Zunächst keine Verständigung, Angeklagter schweigt zu den Vorwürfen

Der erste Verhandlungstag vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Elke Escher dauert am Dienstagvormittag nur knapp eine halbe Stunde. Nach Verlesung der Anklage ziehen sich Kammer, Staatsanwältin Lukas und O.s Verteidiger Michael Haizmann und Johannes Büttner kurz zum Rechtsgespräch zurück.

Wie Escher anschließend mitteilt, werde es zunächst keine Verständigung geben. Gegen O. liege eine weitere Anklage (bei einem anderen Gericht) vor, die für einen möglichen Deal mit einzubeziehen wäre. Aber „eine Verständigung zu einem späteren Zeitpunkt ist nicht aussichtslos,“ so die Vorsitzende Richterin. Im Rahmen einer Verständigung einigen sich die Verfahrensbeteiligten üblicherweise auf Rechtsfolgen, wie etwa dem zu erwartenden Strafmaß, im Falle eines Geständnisses.

Ein Geständnis gibt es am ersten Verhandlungstag nicht. Der „Impresario“ und „leidenschaftliche Macher […] mit dem Appetit eines T-Rex“ schweigt vorerst. Der Prozess wird am 10. Dezember fortgesetzt. Insgesamt hat die 6. Strafkammer 16 Verhandlungstage angesetzt.

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Kommentare (18)

  • Giesinger

    |

    “ Er freue sich, wird der Bürgermeister zitiert, „dass heimische Firmen wie PG Bikes mitziehen und dabei helfen, eine bessere, umweltfreundlichere Welt zu schaffen und gleichzeitig Regensburg auch international vertreten.“
    —————————————————————————————-
    Kann mir bitte jemand darlegen, was an E-Bikes umweltfreundlich sein soll? Angefangen bei der Produktion der Akku-Zutaten bis zu deren Entsorgung?

  • Empörer007

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    Kommentar gelöscht. Schalten Sie mal einen Gang runter bitte.

  • Sir Sonderling

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    Giesinger, Du hast mutmaßlich nicht den Hauch einer Ahnung. Wenn es anstatt eines Töfftöffs genutzt wird, ist das E-Bike mit Abstand das emissionsärmste motorisierte Fahrzeug. Mach bitte nicht den dümmlichen Fehler, einen kleinen E-Bike-Akku mit dem riesigen Energiespeicher eines E-Autos in eine Schublade zu stecken.
    Im Gegensatz zu den lästigen E-Rollern ist das E-Bike prädestiniert, um damit eine neue Mobilitätswelt zu schaffen. Insbesondere bei Betrachtung der Gesamt-Umweltbilanz bei der Herstellung eines Fahrrads gegenüber einer Auto-Karre.

    PS: Wenn das E-Bike allerdings nur Wochenend-Accessoire eines feisten SUV-Fahrers ist, bleibt die Umweltbilanz natürlich bescheiden.

    Sorry, alles offtopic.

    Zum Thema: Oh mei, wer dem Manuel O. glaubt, dass ihm „eine bessere, umweltfreundlichere Welt“ auch nur einen Cent wert wäre….

  • Sir Psycho

    |

    Kommentar gelöscht. Bleiben Sie sachlich.

  • joey

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    „ein e-bike … werbewirksam abgeholt“. Außer Werbung ist ja nicht viel rausgekommen. Gottseidank, denn das „E“ hätten wir im Januar nicht ausreichend für Heizung, Verkehr und sonst noch alles.
    Aber „E“ und „Grün“ ist einfach zu schön. Denken und Rechnen ist nicht nötig, es zählt Glaube und Hoffnung, Wunder. Gute Zeiten für Heilsbringer und Scharlatane.

    Was ist eigentlich aus dem Kinderkreuzzug geworden? Sitzen die jetzt draußen auf Fahrrädern oder lieber in gut beheizten SUVs?

  • Lorena

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    Ich frage mich, wozu wurde der Unternehmensregister (die Wirtschaftslage des Unternehmens ist öffentlich zugänglich) eingeführt, bevor man irgrnfeelche Verträge unterschreibt, lohnt es sich da reinzuschauen. Erzählen kann man viel.

  • Armin Schöffmann

    |

    > Giesinger, Du hast mutmaßlich nicht den Hauch einer Ahnung.
    Ein etwas zurückhaltender Ton wäre angebracht, denn der Einwand ist gerechtfertigt: Das Umweltfreundliche am E-Bike ist vorallem das „Bike“ und nicht das „E“.

  • Lothgaßler

    |

    Die Bikes der Firma PG sind/waren teils echte Geschosse blacktrail (59.000 Euro, 54 km/h https://www.youtube.com/watch?v=V9yg7Is_8-w; andere Quelle: 50.000 Euro, bis zu 100 km/h https://www.youtube.com/watch?v=2ZI25b6tJyk) und blacktrail 2 sogar 100.000 Euro (https://www.elektrobike-online.com/stadt-e-bikes/e-bike-pg-blacktrail-2-das-e-bike-der-superlative/). Es scheint so, als hätte die Geschäftsführung sehr teuer entwickeln lassen und die Kosten nicht mehr reinbekommen. Bei dem Preis war die Käuferschar sehr sehr klein und der Tesla war eindeutig die bessere Alternative.

  • Dugout

    |

    „……..Ostner, der sich auch privat gerne mit der Herkunft von Lebensmitteln beschäftigt, ist für seinen Job 2018 mehr als hunderttausend Flugmeilen um die Welt gereist, um innovative Produkte, Haushaltsutensilien und Koch-Trends zu erforschen………“

    Aus der MZ Januar 2019 !

    Lebt sich nicht schlecht mit dem Geld der geprellten Geschäftspartner. Wäre mal interessant wie sich Kreutzer so seine Geschäftsführer aussucht.
    https://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/regensburger-kocht-bei-sonnenklar-tv-21179-art1739192.html

  • Mr. B.

    |

    Liebe Forumsteilnehmer, ich glaube nicht, dass es bei diesem Thema um Umweltschutz geht! Dafür oder dagegen ist egal!

    Es geht um Betrug und Insolvenzverschleppung usw. und da ist nicht der „Grüne“ oder dessen Gegner zuständig, sondern der Staatsanwalt und das Gericht!

  • Lorena

    |

    @dugout: lt. Handelsregister ist bei Kreutzer Gourmet GmbH inzwischen nur ein Geschäftsführer; nämlich Manuel Oster. Zum 30.06.2016 nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag: 368.841, 22 €.
    Keine weiteren Bilanzen wurden veröffentlicht.

  • Giesinger

    |

    Kommentar gelöscht. Bitte beim Thema bleiben.

  • Dugout

    |

    @Lorena:
    Ostner UND Kreutzer haben 2016 über das Crowdfounding Portal Conda rund 325.000 Euro an Investorengeld zusammengesammelt. Das passt ja dann ins Bild.
    Es gibt einen Artikel eines allerdings nicht unumstrittenen Finanznachrichtenblogs mit noch ganz anderen Details des Schaffens dieser Type. Selbst wenn nur die Hälfte korrekt wiedergegeben ist könnte man den „Macher mit dem feinen Gaumen“ wohl eher einen astreinen Hochstabler nennen.

    Auf der Homepage “ Kreutzers.eu“ steht Kreutzer selbst immer noch mit Bild als:
    „Dieser Mann steht nicht nur mit seinem Namen für kreutzers.eu, er bringt auch seine gesamte Leidenschaft und einen reichen Erfahrungsschatz von über 34 Jahren mit ein……….“

    Da kann man sich schon seine Gedanken machen über solche Geschäftsverbindungen
    https://www.conda.eu/crowdinvesting/news/milestone-von-ueber-100-00000-e-erreicht-kreutzers-sagt-danke/

  • Beppo

    |

    Kreutzer.eu also der Fleisch Onlineshop hat mit dem Restaurant nichts zu tun.

  • Lorena

    |

    @ Dugout: ja, mit dem Portal Conda habe ich auch gelesen. Tja, Perpetuum Mobile der Selbstdarstellung; kommt sehr oft vor. Daher gilt „Zeig mir deine Bilanzen und ich sage dir, wer du bist.“

  • nuller

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    immerhin hat er nur Geldige abgezogen, macht ihn eigentlich schon wieder sympatisch :D

  • Dugout

    |

    @ nuller:
    ned wirklich nuller, ned wirklich.
    Erstens ist Betrug an „Geldigen“ eben auch Betrug, zweitens gehts da auch um Lohnzahlungen.
    Zum Robin Hood langts leider auch nicht beim “ Impresario“. Denn der nahm es zwar ebenfalls den „Geldigen“, gabs aber dann weiter an die Armen.
    Übrigens können sie gerade aktuell genau hier eine weitere Episode aus dem Lebenswerk des “ leidenschaftlichen (Schulden) Machers“ nachlesen

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