SOZIALES SCHAUFENSTER

Betrugsprozess am Landgericht

„Falscher Polizist“ auf Beutezug

Ein „Abholer“ einer überregionalen Trickbetrügerbande muss sich seit Dienstag vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Der geständige Angeklagte soll sich als Polizist ausgegeben und im Herbst und Winter 2020 fünf Seniorinnen in Regensburg und Bad Abbach um insgesamt 47.000 Euro gebracht haben.

Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Christian Reiser. Foto: om

Erst vor zwei Tagen warnte das Polizeipräsidium Oberpfalz wieder vor der Betrugsmasche „falsche Polizeibeamte“. Diesmal würden Betrüger im Raum Amberg verstärkt versuchen, vor allem ältere Personen um Geld oder Wertgegenstände zu bringen, indem sie sich als Polizisten ausgeben.

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Ein Fall dieses Trickbetrugs wird seit Dienstag vor der 8. Strafkammer des Landgerichts Regensburg verhandelt. Der Prozess gibt auch Einblick in die Vorgehensweisen solcher Banden. Und wie sie es immer wieder schaffen, sich Vertrauen zu erschleichen und Menschen dazu verleiten ihnen wertvolle Gegenstände und viel Bargeld auszuhändigen. Von Ende September bis Ende November 2020 erging es vier Regensburgerinnen und einer Bad Abbacherin so. Sie übergaben dem nun angeklagten Kevin S. – so geht es aus der Anklageschrift hervor – ingesamt 47.000 Euro.

Vorgespieltes Bedrohungsszenario verleitete zu Geldübergabe

Die Taten spielten sich stets nach einem ähnlichen Muster ab. Zunächst soll ein (bisher unbekannter) Mittäter die älteren Damen angerufen und ein Bedrohungsszenario geschildert haben. So habe er sich als Polizeibeamter ausgegeben und von angeblich kürzlich erfolgten Einbrüchen in der Nachbarschaft berichtet. Man habe Täter erwischen können und eine Adressliste gefunden, auf der auch die Anschrift der Angerufenen vermerkt gewesen sei. Es drohe eine konkrete Gefahr durch die noch flüchtigen Täter.

Zu ihrem eigenen Schutz sollten die Seniorinnen Bargeld beziehungsweise kostbare Wertgegenstände, die Ziel eines Einbruchs werden könnten, einem Zivilbeamten übergeben, der in Kürze bei ihnen eintreffen werde. Die Polizei werde den Besitz dann sicher aufbewahren, bis die Gefahrenlage nicht mehr bestünde.

34.000 Euro beim ersten Beutezug

Der 29-jährige Angeklagte soll bei den fünf Taten als „Abholer“ fungiert haben. Der größte Fang gelang gleich beim ersten Mal am 29. September. Eine Regensburgerin holte eigens 34.000 Euro aus dem Bankschließfach, um sie später Kevin S. in einem Briefkuvert zu übergeben. Bei weiteren Abholungen nahm er Schmuckstücke und Münzen im Wert von 1.000 beziehungsweise 2.000 Euro sowie weiteres Bargeld mit – einmal 4.000 Euro, ein anderes Mal 8.000 Euro.

Nach der letzten Tat am 25. November 2020 konnte ihn die Polizei in die Falle locken, weil der Sohn der 77-jährigen Geschädigten die Herausgabe der Schmuckschatulle den (richtigen) Beamten meldete, die eine weitere Abholung bei derselben Frau fingieren und den mutmaßlichen Täter festnehmen konnten.

Einer, der es nicht passieren kann, passiert es doch

Warum sie überhaupt auf den Betrug hereingefallen sei? Sie habe sich zwar gedacht, das könne alles nicht sein und sie hielt sich immer für eine, der so etwas nicht passieren könne, so die Rentnerin im Zeugenstand. Doch die Schilderungen des Fake-Polizisten seien überzeugend gewesen und als sie im Anschluss versucht habe die 110 anzurufen, sei erneut der Anrufer am Draht gewesen.

Die Polizei geht hierbei davon aus, dass die Geschädigte den vorherigen Anruf noch nicht aufgelegt hatte und fälschlicherweise dachte, bei der Notrufzentrale gelandet zu sein. Tatsächlich sollen die Anrufe sehr professionell eine Situation in einer entsprechenden Zentrale imitiert haben.

Angeklagter: Kenne Bande nicht persönlich

Kevin S. räumt über eine Verteidigererklärung die Taten ein und beantwortet auch Nachfragen der Verfahrensbeteiligten. Sein Geständnis erweitert er um Hintergründe zu seinen persönlichen Motiven und Schilderungen, wie die jeweiligen Beutezüge abgelaufen sein sollen.

S. habe sich eine zeitlang in einem Teufelskreis aus Arbeits- und Wohnungslosigkeit sowie Drogensucht befunden. Diverse Arbeitsstellen habe er immer wieder aufgrund seiner Unzuverlässigkeit verloren. Über eine Facebook-Anzeige sei eine Anfrage gekommen, ob er Geld hinzuverdienen möchte. Eine Kontaktperson namens „James“ meldete sich. Es folgte eine Art Bewerbungsgespräch. Es seien ihm viele Fragen, etwa zu seiner Lebenssituation gestellt worden.

Dass es bei den zu erledigenden Jobs nicht „mit rechten Dingen“ zugehe, sei ihm schon bewusst gewesen, so S. „Ich wusste schon, was auf mich zukommt, so ist es nicht.“ Allerdings habe ihm James – mit dem er ausschließlich per Chat und Telefon Kontakt hatte – mitgeteilt, dass es um Wettbetrügereien gehe. Er solle eben entsprechendes Geld oder Wertsachen abholen und später weiteren Kontaktpersonen übergeben. Nach der ersten Tat sei es ihm komisch vorgekommen, dass er das Bargeld bei einer älteren Dame habe abholen sollen. Was habe die mit Wettbetrug zu tun?

Kontaktmann „James“ mit Hells Angels-Kutte auf Facebook

Erst beim zweiten Job sei ihm auf Nachfrage die Masche mit den falschen Polizisten eröffnet worden. Es sei ihm mitgeteilt worden, dass die Geschädigten sehr vermögend seien, der Schaden für sie also unbedeutend sei. Einmal habe er das erbeutete Geld auf einem Supermarktparkplatz einer Frau übergeben.

Er habe gewusst, dass sein Handeln nicht richtig sei, aber der Versuch sich von der Bande zu lösen, sei durch Druck unterbunden worden. Er stecke mit drin, ein eventuelles Ausscheiden gehe jetzt nicht mehr so einfach. Verstärkt wurde der Druck möglicherweise durch das Facebook-Profil von „James“, auf dem sich der vermeintliche Haupttäter martialisch in Hells Angels Kutte präsentiert.

Das illegale Geld, das ihm teilweise über MoneyGram überwiesen wurde, habe S. hauptsächlich in seinen Drogenkonsum gesteckt. Für den ersten Job habe er „zur Anfütterung“ 4.000 Euro bekommen. Für die weiteren Abholungen jedoch deutlich weniger. Hier lag der „Verdienst” bei 200 bis 800 Euro.

Hoffen auf Unterbringung in Entzugsklinik

Auch weil der Angeklagte früh signalisiert sich geständig zu zeigen, regt sein Anwalt Christian Reiser erfolgreich ein Rechtsgespräch an. Eine Verständigung könnte seitens der 8. Strafkammer unter Vorsitz von Oliver Wagner eine Freiheitsstrafe von bis zu viereinhalb Jahren beinhalten. Ein ebenfalls laufendes Verfahren wegen Besitzes von knapp 90 Gramm Marihuana – die S. nach eigener Auskunft zum Eigenkonsum und nicht zum Handeltreiben bei sich hatte – wurde auf Antrag von Staatsanwalt Philipp Stöcker eingestellt. Bei einer eventuellen späteren Verurteilung fiele das ohnehin kaum ins Gewicht, so Richter Wagner.

Die erhoffte Ziel von S. und Reiser ist eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt am Ende des Prozesses. Überhaupt sei der geständige und reuige Angeklagte schon bei der Inhaftierung eigentlich froh gewesen, dass er sich dadurch von der Bande habe lösen können. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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Kommentare (11)

  • Günther Herzig

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    Es steht fest, dass die Trickbetrüger besonders den Kontakt suchen zu Personen, die einen sehr alten Festnetzanschluss haben. Meine Frau hat im Landkreis Cham in dem kleinen Ort Zell noch eine 3-stellige Nummer, die über siebzig Jahre alt ist. Diese Nummer benutze ich auch beruflich und stelle dabei fest, dass täglich Anrufe erfolgen, die irgendwelchen Betrüger-Banden zuzurechnen sind. Leider hat noch keiner versucht den Enkeltrick bei mir anzuwenden.

  • Madame

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    Na klasse . Wieder eine variante des trickbetrugs. Enkelbetrüger, polizistenbetrüger und was kommt pönoch. Besonders ältere leute müssten von betrügereien aller art vehement gewarnt werden. Man kann aber nicht
    die bevölkerung im grossen still vor trickbetrücker schützen. Nur aufklärung vor besonders neuen raffinierten varianten der verbrechern ist vielleicht sinnvoll

  • gretchen

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    Genau die gleiche Masche wurde gestern in Aktenzeichen XY ungelöst, ZDF, gezeigt.
    Auch eine Art “Opfer” sind dabei die Geldabholer.

  • Mr. T.

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    Was mich daran hindert, mir zu denken “wie kann man nur auf sowas reinfallen”, ist der Gedanke daran, wie ich wohl in ein paar Jahrzehnten übers Ohr gehauen werde.
    Traurig zu sehen, wie gut sich die eigentlichen Täter trotzdem abschotten können, um nicht geschnappt zu werden. Normalerweise können doch die Geld- und Kommunkationsströme nicht so spurlos sein.
    Man kann nur versuchen, das Bewusstsein in der Bevölkerung und im Besonderen bei Senioren auf allen Kanälen so zu schärfen, dass sie nicht darauf hereinfallen. Am Besten überall erwähnen, auf BR Heimat, Snapchat, in der Kirche oder wie auch immer man die potentiellen Opfer erreichen kann.

  • R.G.

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    @gretchen
    Wieso Opfer!
    Diese Menschen wissen, dass sie etwas Kriminelles tun.
    Ihnen ist klar, das sie gegen das Gesetz handeln.
    Häufig ist die Ausbeutung von Menschen eines anderen Volkes für sie grundsätzlich in Ordnung, Ziel und Sieg.
    Keinen Bonus für Selbstmitleid von Mittätern des Enkeltrick- und Polizeitrickbetrugs!

  • R.G.

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    @Mr.T.
    Wiederholt hörte man von Senioren, die sehr wohl voll begriffen, dass der Sachverhalt nicht so sei wie vorgespiegelt, denen klar war, sie seien mit Verbrechern im Gespräch, aber aus Angst um ihr Leben, oder wie eine Frau meinte, durch das suggestive Gespräch, sich nicht zu weigern wagten.
    Die Vorspiegelung einer falschen Telefonnummer, hier das Mitschicken die der Polizei, um glauben zu machen das Gespräch käme von dort, müsste das Strafmaß deutlichst erhöhen.
    Solange die Geschichte, es sei alles Geld verbraucht, man wisse nichts von der Bande dahinter, sei ab jetzt ganz brav und lieb, wenn man nur das Gefängnis erspart bekomme, bei den Gerichten freudig aufgenommen wird, wird sie erzählt.

  • Mr. B.

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    …….Unterbringung in einer Entziehungsanstalt?

    Geht’s noch!!!

    Ich hoffe auf Strafhaft!!!
    Wir müssen in erster Linie unsere alten Mitmenschen schützen!

  • Hthik

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    @Mr. B. 14. Mai 2021 um 12:51

    “Wir müssen in erster Linie unsere alten Mitmenschen schützen!”

    Das predige ich der CSU seit Jahrzehnten. Wenn euch das Wichtigste angeblich der Schutz der “normalen” Bevölkerung ist, warum gebt ihr dann den Stoff nicht frei?

    Dann gibt es keine Beschaffungskriminalität mehr. Dann passiert es nicht mehr, dass die alte Frau, der die Handtasche entrissen wird, so unglücklich stürzt, dass sie stirbt oder schwere gesundheitliche Schäden davonträgt. Es stirbt möglicherweise der Süchtige, wenn er nicht die Kraft aufbringt von sich aus Hilfe zu holen. Warum beschützt ihr “harten Kerle” hier das Leben des Süchtigen auf Kosten der alten Frau?

  • Mr. B.

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    Alte Leute haben eben in der Gesellschaft hierzulande meistens keine Lobby mehr!
    Zudem haben die allermeisten ja schon immer die früheren Volksparteien gewählt und sie machen es meistens ja bis an ihr Lebensende.
    Fakt ist, dass wir in Bezug auf den Betrug von alten Leuten, gravierende und abschreckendere Gesetzesänderungen brauchen!
    Auch hier sollte man sich Gedanken machen, wenn 100te von Millionen Euro pro Jahr (Pressemeldungen) z. B. durch solche Betrugsmaschen in die Türkei gehen?

  • Coffin Corner

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    Der Staat hat und nutzt alle technischen Möglichkeiten, die “kleinen Sünden” des Normalbürgers bis zum Wegwerfen einer Zigarettenkippe zu verfolgen und zu ahnden.
    Die Unterbindung der Möglichkeit mit gefälschten Telefonnummern Leute auszunehmen ist entweder zu aufwendig oder wird ganz bewusst nicht wahrgenommen.

  • Piedro

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    @Coffin Corner
    “Die Unterbindung der Möglichkeit mit gefälschten Telefonnummern Leute auszunehmen ist entweder zu aufwendig oder wird ganz bewusst nicht wahrgenommen.”
    Die “gefälschte Nummer” ist der eigenen vorgeschaltet. Das ist legal, wenn die Nummer einverständlich gehostet wird. Ich hatte mal einen Anruf von einer Anwaltskanzlei aus Berlin, weil ich einen dicken Mercedes gewonnen hatte, bei einem Gewinnspiel in der Türkei, und der Zoll auf die Zahlung der Freigabe wartet. Das Geld musste binnen zwei Tagen eingehen, sonst war der Wagen futsch. Die Polizei nahm das zwar auf, der vereinbarte Rückruf, der den Ermittlern die Chance geben sollte sich da einzuklinken, findet niemals statt. Entweder man zahlt oder man ist raus.

    Das hier ist eine andere Qualität. Hier geht jemand zu den Opfern hin, und das geringste Problem ist die Qualität einer Telefonnummer. Aber auch hier wird sehr bewusst ermittelt, es ist schon lange bekannt, dass viele dieser “Callcenter” in Rumänien gehostet sind. Die Server können trotzdem außerhalb Europas liegen, was die Ermittlungen nicht leichter macht. Trotzdem hat es hier auch schon Erfolge gegeben, auch in Zusammenarbeit mit rumänischen Behörden. Aber das ist leider ein ganz eigenes Thema.

    Hier hat man jetzt einen ziemlich kleinen Fisch gefangen, über das man kaum in die Strukturen dieser Organisationen einzudringen, die im Wesentlichen sowieso längst bekannt sind. Wer meint, dass wegen dieser lokalen Opfer nicht gescheit ermittelt wird blendet aus, dass Ermittlungen auf internationaler Ebene laufen, in denen dieses Bauernopfer nur ein Mosaikstein ist. Da sollte man nicht unbedingt auf weggeworfene Kippen verweisen, um Untätigkeit zu unterstellen.

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drin