SOZIALES SCHAUFENSTER

Beiträge mit Tag ‘Gedenken’

Stellungnahme zu Hans Herrmann

„Musterbild des Mitläufers“

Ist der BVP-NSDAP-Politiker Hans Herrmann ein geeigneter Namenspatron für eine Schule? Zwei Historiker, die im Auftrag der Stadt eine Stellungnahme abgegeben haben, beantworten diese Frage nicht. Das sei ein „politisches, kein geschichtswissenschaftliches Unterfangen“.

BVP, NSDAP, CSU und immer auch Katholik: Bürgermeister Hans Herrmann (re., mit Domkapellmeister Theobald Schrems). Foto: privat

BVP, NSDAP, CSU, Weimarer Republik, Drittes Reich, BRD: Hans Herrmann war ein Bürgermeister für jedes System (re., mit Domkapellmeister Theobald Schrems). Foto: privat

Aus welchem Grund werden Schulen nach historischen Persönlichkeiten benannt? Weil sie es verdienen, dass an sie erinnert wird. Weil sie Schülerinnen und Schülern als Vorbild dienen sollen. So könnten zwei gängige Antworten darauf lauten.

Ist der der frühere Regensburger Oberbürgermeister Hans Herrmann vor diesem Hintergrund ein geeigneter Namenspatron für die Grund- und Mittelschule im Stadtnorden von Regensburg? Seit 1959 trägt sie Herrmanns Namen. Und die Frage, ob sie umbenannt werden soll, beantwortet die Stellungnahme, die die Stadt Regensburg dazu am Freitag veröffentlicht hat, nicht.

„Zu Hans Herrmann gibt es keine gründliche wissenschaftliche Analyse“

Stadtheimatpfleger Dr. Werner Chrobak und Prof. Dr. Bernhard Löffler vom Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg haben sich im Auftrag der Stadt Regensburg auf 16 Seiten mit dem BVP-NSDAP-CSU-Politiker beschäftigt. Auslöser war eine Stellungnahme des bayerischen Kultusministeriums vom August 2013, das zu einer Umbenennung der Schule geraten hatte.

Hans Herrmann hatte von der Weimarer Republik bis zur BRD eine ungebrochene Verwaltungskarriere hingelegt. Als Bürgermeister war er zunächst für die BVP, anschließend die NSDAP und wurde 1952 schließlich CSU-Oberbürgermeister von Regensburg. Er ist Ehrenbürger, neben der Schule trägt auch noch ein Park seinen Namen.

Es ist bezeichnend für die Regensburger Vergangenheitspolitik, wenn Chrobak und Löffler nun feststellen: Eine „gründliche wissenschaftliche Analyse von Person, Karriere und Lebenswerk Hans Herrmanns“ sei „nach heutigem methodischem Standard ein Forschungsdesiderat“. Anders ausgedrückt: Es gibt keine solche Analyse. Dies „wäre wohl Thema einer eigenen Dissertation“, so Chrobak und Löffler. Ihre Stellungnahme wollen beide nur als „Diskussionsbeitrag“ verstanden wissen wollen. Mehr ist es auch nicht.

„Weder ungewöhnlich böse, noch ungewöhnlich gut“

Denn auch wenn Chrobak und Löffler betonen, dass es nicht Aufgabe des Historikers sei moralische Bewertungen abzugeben, so sind auch sie nicht vor solchen gefeit. Und stellenweise ist es auffällig, dass Herrmann in ihrer Stellungnahme in ein durchaus positiveres Licht gerückt wird, als in Arbeiten des Regensburger Historikers Helmut Halter („Regensburg unterm Hakenkreuz“) oder Regensburg-Digital-Autor Robert Werner. Doch das nur am Rande.

Löfflers und Chrobaks abschließendes Fazit:

„Hans Herrmann repräsentiert einen sozial- und politikgeschichtlich durchaus gängigen biographischen Phänotypus des 20. Jahrhunderts: einen Verwaltungsprofi und Juristen im Beamtendienst, der über alle politischen Systembrüche hinweg agierte und sich entsprechend anpasste; einen eifrigen, peniblen, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Aufsteiger durch Ausbildung, der weniger durch Außergewöhnlichkeiten, sondern weit mehr durch Normalität gekennzeichnet ist; insgesamt einen Charakter von eher unspektakulärer Mittelmäßigkeit.“

Hans Herrmann sei „weder ungewöhnlich böse, noch ungewöhnlich gut“ gewesen, das „Musterbild des vielfach verbreiteten Mitläufers, allerdings eines in aktiver und im kommunalen Rahmen hoher Funktionsstellung befindlichen“.

„Benennung ist eine politische Frage“

Bei der Frage, ob er als Namensgeber nun weiter tragbar sei oder nicht, spielen die beiden Historiker den Ball zurück ins Feld der Politik.

„Was die Frage nach der heutigen Erinnerung an Herrmann und, noch konkreter, nach der Benennung von Schulen nach ihm angeht, so ist deren Beantwortung ein politisches, kein geschichtswissenschaftliches Unterfangen.“

Es gehe dabei nämlich „nicht oder nicht nur um historische Realitäten, sondern vor allem um die heutige, tagesaktuelle erinnerungs- oder geschichtspolitische Einordnung Hans Herrmanns, seines ‘Lebenswerkes’ und insbesondere seiner Rolle im Dritten Reich“.

Lediglich ödp und Grüne haben in der Vergangenheit erklärt, dass sie Hans Herrmann als Vorbild für ungeeignet halten, wenngleich sie die Entscheidung der Schule überlassen wollen. Die CSU, zu deren Gründungsmitgliedern Herrmann zählt, hatte eine Diskussion dazu jahrzehntelang unterdrückt. Noch 2011 hatte der damalige Oberbürgermeister Hans Schaidinger Herrmann gegen jedwede Anwürfe per Basta-Statement verteidigt.

Der Oberbürgermeister hält sich bedeckt

Oberbürgermeister Joachim Wolbergs dagegen zieht es vor, seine Haltung dazu vorerst für sich zu behalten. „Ich möchte der Diskussion, die jetzt sicher in Gang kommen wird, nicht vorgreifen“, lautet seine Erklärung zu der nun vorliegenden Stellungnahme. Auch wie sich die Stadt zur Ehrenbürgerschaft Herrmanns und dem nach ihm benannten Park verhalten will, lässt der OB offen. „Es ist jetzt erst einmal wichtig zu wissen, was die Schülerinnen und Schüler, die Eltern und die Lehrerschaft der Hans-Herrmann-Schule möchten.“ Am 10. Oktober will er sich mit Vertretern der Schule treffen.

Mehr zu Hans Herrmann

Stellungnahme von Chrobak und Löffler

Ein Bürgermeister für jedes System (Eine Recherche von Robert Werner)

Vom Arisierer zum Planierer (Zu den vermeintlichen Nachkriegsverdiensten Herrmanns, von Stefan Aigner)

Erinnerungspolitik in Bamberg und Regensburg

Zwei Städte – zwei Wege

Regensburg und Bamberg: Beide Städte schmücken sich mit dem Titel „Weltkulturerbe“, in beiden gibt es eine über tausendjährige Geschichte jüdischer Gemeinden, die von den Nazis vernichtet wurden. Damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Während Bamberg sein jüdisches Erbe sichtbar macht und jüdisches Leben im Stadtbild wieder präsent ist, verharrt Regensburg in seiner Erinnerungskultur bei den Römern.

Stadtrat gedachte der Machtübernahme

Bemerkenswert und doch geschichtsvergessen

Zur 80. Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten hat Oberbürgermeister Hans Schaidinger im Stadtrat eine bemerkenswerte Gedenkrede gehalten. Bemerkenswert insofern, weil er sich erstmals konkret mit frühen Opfern des NS-Regimes beschäftigte: mit Kommunisten und Sozialdemokraten.In anderen Teilen seiner Rede zeigte sich der Oberbürgermeister schlecht informiert, zum Teil verlor er den Überblick und nicht zuletzt zeigte er sich – wie es schön diplomatisch heißt – geschichtsvergessen.

Gutachter fordern Umdenken bei städtischer Geschichtspolitik

„In fast grotesker Weise am Kern der Sache vorbei“

Das Gutachten zum Colosseum ist da. Und die Empfehlungen sind mehr als deutlich. Die Experten mahnen bei der Stadt an, sich endlich mit ihrer neueren Geschichte zu beschäftigen. Ein Ort dafür könne das Museum für bayerische Geschichte sein. Die Bodenplatte vor der ehemaligen KZ-Außenstelle in Stadtamhof sei „verschleiernd“ und gehe „in fast grotesker Weise am Kern der Sache vorbei“.

NS-Rüstungszentrum Regensburg

Regensburg und Gusen – Zwangsarbeit für den Rüstungsgiganten Messerschmitt

Das „offizielle“ Regensburg tut sich schwer im Umgang mit seiner Vergangenheit als Zentrum des Rüstungskonzerns Messerschmitt. Die Verbindungen der Stadt zum KZ-System Mauthausen-Gusen waren in der lange kein Thema. Das, obwohl zwischen 1943 und 1945 mehrere hundert der Regensburger Messerschmitt-Facharbeiter zur Flugzeugproduktion nach Gusen versetzt wurden, um dort Zwangsarbeiter anzuleiten und zu überwachen.

Und sie bewegt sich doch

Colosseum: Stadt holt Experten ins Boot

Man muss nur ein paar Jahre hartnäckig bleiben – und schon tut sich was. In der Debatte um ein angemessenes Gedenken für die Opfer des KZ-Außenlagers Colosseum in Stadtamhof hat sich die Stadt nun dazu durchgerungen, auf den Rat von Experten zu setzen. Das gab Kulturreferent Klemens Unger am Mittwoch in der Sitzung des Kulturausschusses bekannt.

Bestandsaufnahme

Messerschmitt und Regensburg

Als beispielhaft für wirtschaftlichen „Fortschritt, politisch demokratische Stabilität und kulturelle Identität“ gelten die Messerschmitt-Werke laut der Regensburger Bewerbung für das Museum Bayerische Geschichte (2011). Eine kleine Bestandsaufnahme zu dem Rüstungsindustriellen Willy Messerschmitt und Regensburg.

Ansichten eines ödp-Stadtrats

Konkurrenz des Gedenkens

Als “Häppchen” zwischen der Nicht-Diskussion um den Nicht-Skandal der Falsch-Abrechnung ging es im letzten Stadtratsplenum auch um die Regensburger Gedenkkultur. Angestoßen von ÖDP-Stadtrat Eberhard Dünninger stritten sich der honorable Professor a. D., OB Hans Schaidinger, der dritte Bürgermeister Joachim Wolbergs und Richard Spieß um Gedenktafeln, die Rolle des SPD-Bürgermeisters und der Privatperson Wolbergs und ganz am Rande auch um die Aktivitäten Verfassungsschutzes.

„Wir wollen dieses niemals vergessen!“

Babi Jar – eine leere Floskel in der Regensburger Gedenkpolitik

Die Ermordung von 33.000 Juden in der Schlucht von Babi Jar zählt zu den größten Massakern des Zweiten Weltkriegs. Dass Oberbürgermeister Hans Schaidinger bei mehreren Gedenkreden angesprochen hat, dass ein Regensburger daran maßgeblich teilgenommen hat und deshalb 1971 ein „Juden-Mordprozeß“ am hiesigen Landgericht stattfand, erscheint verdienstvoll. Ist es das auch?

Holocaust-Gedenktag

„Erinnern ist Grundlage des Friedens“

Es war ein Einlenken. Anlässlich der Gedenkfeier zum Internationalen Holocaust-Gedenktag hat Oberbürgermeister Hans Schaidinger am Sonntag erstmals vor dem ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof gesprochen. Die Wahl des Orts ist auch ein Zugeständnis an die zahlreichen Kritiker städtischer Gedenkpolitik.

Mehr oder weniger Opfer

„Volkstrauertag heute muss also auch bedeuten, den Blick über Deutschland hinaus zu weiten und aller Opfer ohne Ausnahme oder irgendeiner Klassifizierung zu gedenken“, erklärte OB Hans Schaidinger beim Volkstrauertag 2010. Ein Jahr später hat sich diese Doktrin geändert. Die 50er Jahre sind in Regensburg wieder das Maß aller Dinge.

Colosseum-Debatte am 10. November

UPDATE: Die Sitzung findet nicht, wie zunächst von uns geschrieben, im Alten, sondern im Neuen Rathaus statt.

Bei einer öffentlichen Sondersitzung kommende Woche (Donnerstag, 10. November, 16 Uhr, Neues Rathaus) wird sich der Regensburger Kulturausschuss erneut mit dem ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof beschäftigen. Ein Ende von Verschleppung und Peinlichkeiten?

Von Kommunisten, Senf-Fabrikanten und Schwammerlforschern

Heuer zum 40. Mal: Das “offizielle” Regensburg fehlt beim Gedenkweg für die Opfer des Faschismus. Für die CSU fehlt es an der rechten Ideologie: Es könnten Kommunisten teil nehmen, so die Befürchtung. Das ist nur ein Detail aus dem reichen Fundus an Regensburger Gedenk-Peinlich- und Ungeheuerlichkeiten. Dass diese nicht totgeschwiegen, sondern angesprochen werden, zeichnet den ideologisch bedenklichen Gedenkweg am Samstag aus.

Magie der Medien in Flossenbürg

Das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg. In Regensburg befand sich eines der zahlreichen Außenlager des KZs. Foto: Archiv Mehr als 62 Jahre dauerte es, bis in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in einer ersten Ausstellung an das Leid der über 100.000 Häftlinge und der 30.000 Toten erinnert wurde. 2007 holte das „vergessene KZ“ als letzte Gedenkstätte nach, was bundes- […]

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