SOZIALES SCHAUFENSTER

Wochen gegen Rassismus virtuell

Zwischen #IchbinkeinVirus und #RassismuskommtunsnichtindieTüte

Eigentlich sollten vom 10. bis 31. März in zahlreichen Städten Veranstaltungen zum Thema Diskriminierung stattfinden. Doch wie vieles andere mussten im Zuge der Corona-Pandemie auch die Internationalen Wochen gegen Rassismus abgesagt werden. Diese finden stets um den 21. März, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, statt. Auch für Regensburg waren ein umfangreiches Programm und zentrale Kundgebung geplant. Nun soll das Thema zumindest virtuell hochgehalten werden.

Die Gruppe Dialamandia auf der zentralen Kundgebung zum Tag gegen Rassismus im Jahr 2019. Foto: Archiv/Bothner

„Alltagsrassismus ist leider die traurige Realität in den bayerischen Städten und Gemeinden, genauso wie anderswo.“ Eigentlich wollte Mitra Sharifi, Vorsitzende von AGABY, der Arbeitsgemeinschaft Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte in Bayern, am 21. März in München auf der Kundgebung zum Internationalen Tag gegen Rassismus sprechen. Stattdessen meldet sie sich von ihrem Büro aus per Video.

Sharifi fordert die Gesellschaft darin auf, „klar und deutlich Position zu beziehen, für Demokratie und Menschenrechte. Gegen Diskriminierung und Rassismus“. Denn noch immer gehöre Ausgrenzung auf Grund von falschen stereotypischen Zuschreibungen zur Lebensrealität vieler Mitmenschen. „Wir brauchen die Entschlossenheit und die Wachsamkeit der gesamten Gesellschaft. Der Politik, der Polizei, der Medien, aber auch der Zivilgesellschaft“, mahnt Sharifi und betont: „Es reicht nicht, wenn diejenigen sich wehren, die von Rassismus und Rechtsextremismus betroffen sind.“ Wer wegschaue oder gar Rassisten wähle, der mache sich am Ende mitschuldig.

Übergriffe gegen vermeintliche Asiaten

Ihre Worte sind mahnend und durchaus in Teilen anklagend. Doch wie präsent Rassismus in Deutschland, aber eben auch in vielen anderen Ländern ist, zeigt die momentane Krise auf. Seit Wochen berichten Menschen, denen eine chinesische oder auch ganz allgemein eine asiatische Herkunft unterstellt wird, von rassistischen und auch von tätlichen Übergriffen. So schreibt die Süddeutsche Zeitung am 11. März:

„Der ebenfalls 45 Jahre alte Mann besprühte die Frau überfallartig mit einem Desinfektionsmittel und schrie dazu mehrmals das Wort ‚Corona‘, berichtet die Polizei.“

Der Täter beleidigte die Frau nicht nur rassistisch, er drohte ihr laut dem Medienbericht auch damit, ihr den Kopf abzuschneiden.

#IchbinkeinVirus

Während dies zum Glück wohl nicht der Regelfall ist, teilen unter #IchbinkeinVirus bei Twitter hingegen täglich Menschen ihre ganz persönlichen Erfahrungen. In Essen etwa wurde eine junge Frau von ihrem Hausarzt nicht behandelt, da sie angeblich ein Sicherheitsrisiko darstelle. Die Frau, die laut eigener Aussage seit vergangenem Herbst nicht mehr in China gewesen ist, wurde daraufhin in die Notaufnahme der Uniklinik geschickt. Als Reaktion darauf veröffentlichte die dortige Oberärztin Dr. Carola Holzner über Twitter: „Nicht alle Chinesen haben Coronavirus!“ Sie seien nicht das Virus.

„Warum genau muss für diese Meldung eine phänotypisch asiatisch aussehende Frau genommen werden,“ fragt jemand bei Twitter.

Rassistische Beleidigungen im Zusammenhang mit COVID-19 sind schlagartig zur Lebensrealität für Millionen von Menschen geworden – ohne dass sie etwas dafür können. „Sie halten asiatisch aussehende Menschen in den meisten Fällen für Chinesinnen, da in ihrer Wahrnehmung alle Asiatinnen gleich aussehen“, kritisiert Amnesty International auf seiner Homepage. Damit werde schlichtweg die „kulturelle und ethnische Vielfalt eines ganzen Kontinents ignoriert und Milliarden Menschen in eine Schublade gesteckt“. Doch da der Corona-Virus wohl zum ersten Mal in einer chinesischen Metropole auf den Menschen übergesprungen ist, schürt dies entsprechende Ressentiments.

Rassismus – ein generelles Problem

Rassismus ist dabei keine reine Begleiterscheinung des neuartigen Coronavirus. Diese Krise zeige nur leider sehr deutlich, wie stark rassistisches Denken verbreitet ist, erklärt Phuong Tran auf Bento, einem Online-Magazin des Spiegel. Der Kampf gegen Rassismus, wie ihn auch Sharifi in ihrer Videobotschaft anlässlich des 21. März fordert, bleibt somit weiterhin eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der auch die Politik gerecht werden müsse, wie verschiedene Organisationen seit Jahren anprangern. Dazu gehöre laut AGABY auch das Wahlrecht für nicht EU-Bürger und generell mehr Menschen mit Migrationshintergrund in der Kommunalpolitik.

„Gute Absichtserklärungen und Anteilsbekundungen seitens der Politik haben bisher nichts verändert und werden auch in Zukunft keine ausreichende Wirkung haben“, heißt es in einer entsprechenden Erklärung des Internationalen Kultur- und Solidaritätsvereins Regensburg (IKS) zum Internationalen Tag gegen Rassismus. Es sei an der Zeit, „dass wir unsere Stimme erheben und laut ‚Es reicht!‘ rufen.“ Statt leeren Worten fordert der IKS ein klares Handeln. So müssten alle rassistischen und menschenverachtenden Parteien und Gruppierungen verboten, ein vernünftiges Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet und das Racial Profiling der Polizei, sowie die unterschiedliche und diskriminierende Behandlung durch die Behörden beendet werden.

#RassismuskommtunsnichtindieTüte

Ganz generell nimmt Jan Nowak von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern in den vergangenen Jahren durchaus positive gesellschaftliche Entwicklungen wahr. „Ja es gibt seit längerem eine Mobilmachung der rechtsextremen Milieus und auch Rassismus ist weiterhin ein großes gesellschaftliches Problem. Doch gleichzeitig war unsere Gesellschaft wohl auch noch nie so liberal eingestellt wie heute.“

Nowak hielt am 10. März den letztlich einzigen Vortrag der Regensburger Wochen gegen Rassismus. Das restliche Programm musste kurz darauf abgesagt werden. Damit wolle er keinesfalls die Situation verharmlosen, gibt Nowak während des Vortrages im Thon-Dittmar-Palais zu verstehen. „Ich denke es zeigt sich vielmehr, dass der stetige Kampf gegen den Rassismus und das Eintreten für eine plurale, demokratische Gesellschaft am Ende eben wirklich etwas bewirken kann.“

„Dem zunehmenden Rassismus sagen wir den kampf an.“ Quelle: Facebook

„Das diesjährige Motte „Rassismus kommt uns nicht in die Tüte“ muss weit über den 21. März hinaus wirksam werden“, beendet Sharifi ihre Botschaft. Ein Motto das die veranstaltenden Organisationen – darunter befinden sich in Regensburg neben AGABY und dem IKS auch der Integrationsbeirat und Campus Asyl – deshalb in den kommenden Wochen zumindest über die Sozialen Medien wachhalten wollen. So ruft AGABY dazu auf, unter #RassismuskommtmirnichtindieTüte eigene Bilder zu posten.

Der 21. März: Auch ein Tag der Erinnerung

Der Internationale Tag gegen Rassismus selbst geht auf das Massaker von Sharpevill zurück, das sich zum 60. Mal jährte. Am Morgen des 21. März 1960 zogen rund 7.000 Menschen in dem südafrikanischen Ort vor eine Polizeistation, um gegen die diskriminierenden Pass Laws (dt. Passgesetze) zu protestieren. Diese dienten während der Apartheid – der staatlich organisierten Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung Südafrikas – dazu, Schwarze zu überwachen und zu unterdrücken.

Godfrey Rubens´ „Murder at Sharpeville“ Quelle: CCBY-SA3.0

Während in Sharpeville vereinzelt Demonstrierende Steine gegen die Polizei warfen, zog diese damals weitere Kräfte hinzu. Kampfflugzeuge der Luftwaffe überflogen in geringer Höhe das Gebiet. Als sich die Stimmung weiter zuspitzte gab schließlich um 13.15 Uhr ein Offizier den Schießbefehl. 51 Männer, acht Frauen und zehn Kinder wurden größtenteils von hinten erschossen und mindestens 180 Menschen verletzt.

Als Folge des Massakers von Sharpeville kam es in den Tagen danach im gesamten Land zu Unruhen und Streiks, sodass die Regierung am 30. März den Ausnahmezustand verkündete und 18.000 Menschen verhaften ließ. Am 1. April 1960 wurde die UN-Resolution 134 verabschiedet und damit ein Ende der Apartheid gefordert. 1966 erklärten die Vereinten Nationen den 21. März zum Internationalen Tag gegen Rassismus. Doch erst 1994, 34 Jahre später, wurde Nelson Mandela in den ersten freien Wahlen zum Präsidenten gewählt.

 

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Kommentare (2)

  • Kim

    |

    Sie schneiden ein wichtiges Kapitel an, aber wird mit der Schreibe dem geholfen?
    Wann beginnt der Alltagsrassismus mit der Schreibe?
    #IchbinkeinVirus
    #RassismuskommtunsnichtindieTüte
    Oder im weit verbreiteten denglisch ?
    Ich will auch keinen Backshop oder backshop.
    Bitte für alles und jeden immer das richtige Wort.
    Danke.

  • Piedro

    |

    @Kim
    Genau, wording ist wichtig, das muss man ordentlich triggern. Backshops sind voll rassistisch. Oder ist deutsch gar keine Rasse? Weia, voll der mindfuck…

    Ob virutelle Aktionen mehr sind als Aktionismus in schwierigen Zeiten?

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